19.05.2018

Schneller, höher, stärker

Egal ob Manager, Designerin oder Firmengründer – alle stellen sich dieselbe Frage: Wie hole ich das Beste aus mir heraus? Sieben Höchstleister beschreiben, wie sie ihren beruflichen und privaten Alltag optimieren. Von Christian Baulig, Bianca Lang und Andreas Möller

Michael Trautmann/ Der New Worker

Als er sich beruflich veränderte, hinterfragte der Werber auch seinen Arbeits-und Lebensstil -und stieß einen radikalen Optimierungsprozess an.
"Jeder hat die Chance auf einen Neustart. Die Kunst ist es, sich konsequent an ein Thema zu binden und sich darin zum Experten zu machen. Mein Thema heißt New Work: die Veränderung der Arbeitswelt durch die Digitalisierung und die Frage "Wie wollen Menschen in Zukunft arbeiten?". Die Antwort interessierte mich auch persönlich. 14 Jahre nach Gründung meiner Werbeagentur Thjnk habe ich im vorigen Herbst den Vorstand verlassen und bin auf den Posten des Chairman gewechselt. Gemeinsam mit einem jungen Berater, der sich mit neuen Wegen der Zusammenarbeit und Kommunikation beschäftigt, beschloss ich, ein Buch über New Work zu schreiben. Viel Inspiration lieferte uns der Podcast ,On the way to New Work', den wir im Mai 2017 starteten. Im Wochenrhythmus wechseln unsere Gäste -vom Start-up-Gründer bis zu Springer-Chef Mathias Döpfner.
Als ich begann, mich mit New Work zu beschäftigen, kam ich mir manchmal vor wie ein Alkoholiker, der ein Buch übers Trockenwerden schreibt. Ich merkte, wie viele schlechte Angewohnheiten ich selbst beim Arbeiten habe. Die Angewohnheit, alles immer aufzuschieben zum Beispiel, pausenlos aufs Handy zu gucken, Wichtiges von Unwichtigem nicht zu trennen, sich nicht abzugrenzen.
Inzwischen habe ich vieles gelernt und einiges in meinem Leben umgestellt. Ein Idealtag sieht jetzt so aus: Ich stehe um fünf Uhr auf, meditiere zehn Minuten, mache eine Viertelstunde Kraftübungen. Dann arbeite ich eineinhalb Stunden ganz für mich an einer Sache, ohne Mails, ohne Handy. Um sieben wecke ich meine Frau mit einem Tee. Dann habe ich das Gefühl, der Tag gehört mir. Zweimal die Woche mache ich ein Work-out mit einem Personal Trainer. Ich versuche außerdem, jeden Tag zehn Kilometer zu gehen, und ernähre mich gesünder: wenig Weizen, keine Cola light mehr. Im Büro steht seit Kurzem ein Day Bed. Zweimal am Tag eine Viertelstunde hinlegen bewirkt Wunder.
Ich besuchte außerdem ein achttägiges Persönlichkeitsseminar, in dem meine Defizite auf den Punkt gebracht wurden: Achtsamkeit, Verbindlichkeit, Streitkultur und echte Freude. Ist ja eigentlich auch klar, dass nicht 100 Likes zählen, sondern: Was erfüllt mich wirklich? Seit Jahren schiebe ich den Wunsch vor mir her, Klavier spielen zu lernen. Wenn ich mein Geposte auf Facebook weggelassen und stattdessen Klavierunterricht genommen hätte, wäre ich wahrscheinlich schon ganz gut.
Es geht mir heute um mehr Wahrhaftigkeit. Nicht mehr darum, auf jeder Hochzeit mitzutanzen. Ich war so ein Typ, der auf 'ne Party gekommen ist und den besten Abend hatte, wenn er mit 20 Leuten jeweils zehn Minuten geredet hat. Jetzt finde ich es spannender, wenn ich ein gutes Gespräch führe oder einen alten Bekannten wiedertreffe."
Michael Trautmann, 53, ist Gründer und Vorstand der Werbeagentur Thjnk und Gesellschafter der Sportmarketingagentur Upsolut Sports. Der frühere Springer &Jacoby-und Audi-Manager ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Hamburg.

Patricia Urquiola/ Die Grenzgängerin

Warum sich die Designerin und Architektin jeden Tag aufs Neue quälen muss, um innerlich zu wachsen.
"Ich bin eigentlich nie zufrieden. Jeden Morgen überdenke ich die Idee vom Vortag, schmeiße sie um, versuche sie mit anderen Augen zu betrachten. Morgens mache ich keine Kompromisse, da habe ich am meisten Energie. Mich ständig zu verbessern ist mein Motor, deshalb verlasse ich jeden Tag meine Komfortzone. Das ist meine Art zu arbeiten, immer mit den eigenen Zielen im Krieg. Ich sterbe jeden Tag ein paar Mal, wenn ich meine Pläne vom Vortag umwerfe. Aber ich lebe gut außerhalb meines Wohlfühlbereichs, diese unfertigen Zustände entsprechen mir mehr, als ein Ziel zu erreichen, denn dann ist das Projekt ja fertig.
Was mir am meisten gefällt an meiner Arbeit, ist der ständige Perspektivwechsel, mich neuen Ideen zu öffnen, jeden Tag die Möglichkeit zu haben, es besser zu machen. Ich denke positiv, also klappt das auch. Meine Mutter hat immer gesagt, ich hätte zu viel Energie. Aber ich liebe einfach den Diskurs und neue Lösungen. Mich hält nichts im Status quo. Egal, was ich tue, ich versuche, das Optimum aus der Situation rauszuholen. Wenn ich auf Reisen bin, schaue ich so viel von Land und Leuten an wie möglich, um meinen Horizont zu erweitern. Ich bin heute noch so neugierig wie mit 20. Das ist wichtig für meine Arbeit. Inspiration ist das Zusammenspiel deiner emotionalen Intelligenz mit allen Ebenen deiner kulturellen Erfahrungen.
Ich bin glücklich, wenn ich arbeite, auch wenn ich dabei immer unglücklich sein muss. Das ist im Privaten anders: Ich hatte das Glück, eine Familie zu gründen, was ich mir als junger Mensch nicht vorstellen konnte. Meine Arbeit teile ich mir mit meinem Mann, wir wohnen über dem Studio, meine kleine Tochter macht bei mir ihre Hausaufgaben, alles hängt zusammen. Privat bin ich viel ruhiger als im Job, sonst würde ich wohl verrückt werden.
Als ich vor über 30 Jahren nach Italien kam, habe ich begriffen, dass es richtig ist, ungewohnte Wege zu gehen, um zu wachsen. Dass ich es brauche, an die Grenzen zu gehen. Ich teile gern Ideen, gebe Wissen weiter, lerne von und wachse mit anderen, deshalb gefällt mir der moderne Sharing-Gedanke so gut.
Mich bewegen Ideen, ich selbst bewege mich aber nicht viel. Bei mir passiert das meiste im Kopf, nicht im restlichen Körper. Ich bin ein kontemplativer Mensch. Das Alter hat mich nicht groß verändert, ich fühle mich lebendig, meine Neugier wächst, meine Offenheit auch - eine wichtige Voraussetzung für Weiterentwicklung. Ich habe nun mal eine Profession gewählt, die mich zwingt, ständig besser zu werden. Schließlich schaffe ich ja Produkte, die auch in Zukunft noch da sind."
Patricia Urquiola, 56, ist eine der wichtigsten Designerinnen und Architektinnen der Gegenwart. Die Spanierin hat Hotels entworfen, Läden, Restaurants sowie Möbel, Porzellan und Armaturen. 2015 ernannte die Interieurmarke Cassina sie zur Art-Direktorin. Urquiola lebt mit Mann und zwei Töchtern in Mailand.

Bruno Sälzer/ Der Aktive

Der Manager steckt Rückschläge weg und erfindet sich immer wieder neu und. Sein Faible für Mode und Sport treibt ihn an -und hält ihn jung.
"Ich war mehr als 15 Jahre lang CEO und immer derart in Hektik, dass ich oft gar nicht zum Nachdenken gekommen bin. Vielleicht hilft es sogar, nicht zu grübeln, sondern einfach weiterzumachen. Solange ich das Gefühl habe, dass das, was ich tue, ankommt, und ich nicht überflüssig bin, dass ich Spaß an der Sache habe, solange bin ich dabei. Und Spaß habe ich, wenn ich weiterkomme mit einer Aufgabe, wenn ich etwas lerne. Neue Felder, das Digitale, Social Media, das treibt mich um. Das war auch ein Grund, warum ich zur Streetwearmarke Bench gewechselt bin: Die Mitarbeiter dort sind im Schnitt 27 Jahre alt. Ich habe viel Energie für Dinge, die mich interessieren. Und ich suche mir Aufgaben, die zu meinem Lebensgefühl passen. So erfinde ich mich immer wieder neu.
Das steuere ich nicht aktiv, es entwickelt sich langsam. So wie meine Aufgabe als Chairman bei Amer Sports -das ist genau mein Ding. Meine privaten Interessen spiegeln die beruflichen. Ich habe mich immer weiter spezialisiert auf das Thema Sport und Mode. Allerdings wurde es jetzt doch etwas viel, auch weil ich noch in den Aufsichtsrat des Modehauses Ludwig Beck gehe. Deshalb habe ich meine Position bei Bench aufgegeben. Die folgende Insolvenz war nicht absehbar. Ich bin aber überzeugt, dass die Marke weiterhin eine gute Zukunft hat.
Ich freue mich immer auf etwas Neues. Stillstehen kann und will ich nicht. Körperlich wie mental. Ich laufe zweimal die Woche und gehe dreimal zum Krafttraining. Es hat in der Mode Vorteile, wenn man nicht so müde durch die Gegend schlurft. Wach bleiben ist wichtig. Ich optimiere den Tag, die Nacht und den Job so gut ich kann. Entscheidend ist es, am Zeitgeist zu bleiben, um erfolgreich zu sein. Wobei Erfolg herrlich ist, aber auch nicht alles.
Ich liebe die Mode -sie hat mir geholfen, jung zu bleiben. Bei Hugo Boss war ich einer der Ersten, der ohne Krawatte ins Büro kam. Darüber wurde schon geredet. Ich war immer eher der Miami-Vice-Typ in T-Shirt und Sakko. Mit den Jahren bin ich diesem Stil treu geblieben. Und mir selbst. Mode und Lifestyle haben mich seit jeher fasziniert, obwohl ich Betriebswirt bin. Ich hatte anfangs null Know-how bei dem Thema, aber stets ein gutes Gefühl. Ich merkte, dass ich mit Kreativen prima kann, und spürte, das ist mein Business. In der Automobilbranche wäre ich falsch gewesen. Obwohl es Rückschläge gab, blieb ich in der Mode. Miseren muss man nun mal aushalten. Ich hatte nie den Wunsch hinzuschmeißen, sondern will die Dinge, die ich anfasse, richtig machen."
Bruno Sälzer, 60, leitete von 1995 bis 2008 Hugo Boss, zuletzt als Vorstandsvorsitzender, bevor er Escada neu ausrichtete. Seine 2014 übernommene Funktion als CEO von Bench gab er in diesem März auf, Anfang Mai meldete das Unternehmen Insolvenz an. Sälzer konzentriert sich auf seine Board-und Aufsichtsratsmandate, vor allem bei Amer Sports (Salomon, Wilson, Atomic). Er ist verheiratet und hat vier Söhne.

Javier Goyeneche/ Der Visionär

Weil er die Umweltzerstörung nicht mehr ertrug, begann der Unternehmer, mit Stoffen aus recycelten Materialien die Welt zu verbessern.
"Ich hatte eine Modefirma mit 200 Leuten und 70 Läden. 2009 habe ich sie verkauft, weil ich mich mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen wollte. In meiner Familie diskutieren wir viel darüber, wie Spanien sich selbst ruiniert. Wir leben vom Tourismus, aber zerstören die Küsten. Meine Mutter ist eine große Aktivistin, aber auch mich beschäftigt die rücksichtslose Ausbeutung unserer Erde. Recycling scheint mir die beste Lösung gegen Umweltzerstörung zu sein. Wenn man wiederverwertetes Material mit gutem Design paart, kann man tolle Produkte herstellen. Und dann ist es nicht mehr nötig, tiefer und tiefer nach Öl zu bohren.
Als ich angefangen habe, hatte ich keine Ahnung, wie das funktioniert. Es gab keine coolen Materialien, nichts Modisches, wir mussten alles selbst entwickeln. Heute haben wir über 180 Stoffe und verkaufen komplette Kollektionen aus wiederverwerteten Kunststoffen, alter Baumwolle, Wolle, sogar aus Kaffeesatz. Unsere Flipflops sind aus recycelten Reifen. Vor zwei Jahren haben wir unser Ozeanprojekt ins Leben gerufen, nachdem ich mit Fischern aufs Meer gefahren bin und erschüttert war darüber, wie viel Plastikmüll am Ende eines Tages in ihren Netzen hängt. Inzwischen haben wir allein in Spanien mehr als 700 Fischer überzeugt, den Abfall einzusammeln und abzuliefern. Der Meeresmüll wird dann zu Garn verarbeitet.
Wenn du einmal begriffen hast, dass Nachhaltigkeit der richtige Weg ist, beeinflusst das alles. Ich fahre schon seit Jahren einen elektrischen BMW. Wir nutzen zu Hause erneuerbare Energie und recyceln so viel wie möglich. Der Punkt ist doch: Es geht nicht darum, was du machst, sondern wie du es machst. Das haben auch meine Kinder verstanden; Umweltbewusstsein hat viel mit Erziehung zu tun. Je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, desto klarer wird, dass wir so nicht weitermachen können. Deshalb schreiben wir auf unsere T-Shirts ,There is no planet B'. Fakt ist: Wir verbrauchen im Augenblick fünfmal so viele Rohstoffe wie nachwachsen.
Am glücklichsten bin ich, wenn ich an meinen Projekten arbeiten kann, etwa mit den Fischern. Aber das Geschäft darf ich nie vergessen: Du musst eine effiziente Lieferkette haben, stets auch die Margen im Blick behalten, produzieren, Kredite beantragen Ich bin Spezialist für gar nichts, deshalb schare ich Leute um mich, die all diese Sachen besser beherrschen als ich. Sie sagen, ich sei nie zufrieden. Aber ich habe die Vision, wohin ich die Firma führen möchte und wie ich es schaffe, damit die Welt ein bisschen besser zu machen.
Ständig neue Produkte entwickeln, ständig Überzeugungsarbeit leisten, das kostet viel Energie. Ich habe großen Respekt vor Menschen wie Elon Musk, aber auch den vielen unbekannten Aktivisten. Auch ich kämpfe für unsere Umwelt -und das radikaler als früher. Die Dinge müssen sich schneller ändern. Wir müssen uns bewusst werden, dass wir die Erde sonst zerstören. Ich hätte schon zehn Jahre früher mit dieserArbeit beginnen sollen."
Javier Goyeneche, 47, gründete nach dem Studium die Accessoiremarke "Fun &Basics", die er zehn Jahre später verkaufte. 2009 rief er das Label Ecoalf ins Leben, das als erstes weltweit Mode aus komplett recycelten Materialien wie Plastikmüll anbot. Goyeneche lebt mit Frau und zwei Kindern in Madrid.


Marina Hörmanseder/ Die Selbstvermarkterin

Die Designerin versteht es, ihre Marke zu kommerzialisieren, um mit dem Erlös avantgardistische Kollektionen zu realisieren.
"Die schlimmste Zeit ist kurz vor der Berliner Fashion Show. Da denke ich jedes Mal: Ich werde zerlegt, alles ist vorbei. Ich gehe so lange schwanger mit meinen Ideen, quäle mein Team bis nachts um drei, habe Albträume. Am Ende sehe ich nur noch Fehler. Das Gemeine am Handwerk ist: Gerade die Imperfektion macht es spannend. Etwas Handgefertigtes mit Macken finde ich viel eindrucksvoller als etwas Makelloses aus dem 3-D-Drucker.
Es hätte wohl mit meiner Karriere nicht geklappt, wenn ich leicht zufriedenzustellen wäre. Ich brauche den inneren Druck. Das Glück begünstigt den, der gut vorbereitet ist. Beruflich bin ich total diszipliniert. Privat ist das anders. Es gibt Marina Hoermanseder, und es gibt Marina Hörmanseder. Bei der mit ,oe' ist alles durchgeplant, und die mit ,ö'lebt auch mal in den Tag dahin und hat gelernt abzuschalten.
Was ich auf meinen Shows zeige, ist künstlerisch. Ich will aber nicht nur als Künstlerin wahrgenommen werden, sondern auch als Unternehmerin. Für die Österreichische Post und Austrian Airlines habe ich neue Uniformen designt. Da bin ich Dienstleisterin, da verdiene ich Geld. Dann kann ich wieder Kunst machen. Es braucht die Balance.
Als man mich fragte, ob ich als Jurorin bei ,Austria's Next Top Model' mitmachen würde, dachte ich erst:,Oje, das ist doch Unterhaltungsfernsehen, Reality TV.' Dann hab ich's ausprobiert, und es war super. Es ist ein schönes Gefühl, bei der Arbeit nur von mir selbst abhängig zu sein. Die einzige Person, die funktionieren muss, bin ich. Das Motto der letzten Staffel lautete ,Be a brand'. Bei mir denken die Leute immer an die Lederschnalle. Meinem Model-Team habe ich gesagt: ,Leute, ihr müsst eure Schnalle finden.' Jeder braucht ein Alleinstellungsmerkmal. Außerdem habe ich den Kandidatinnen klargemacht, wie wichtig Social Media ist. Ich profitiere sehr von Instagram. Dass Influencer mit Millionen Followern mich unterstützen, liegt wohl auch daran, dass wir im selben Boot sitzen: Wir sind alle junge Mädels, die versuchen, etwas zu bewegen.
Ich bin ein großer Verfechter der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Man fällt heute ja auf, wenn man anständig grüßt und sich bedankt. Ist mir etwas wichtig, schreibe ich einen Brief. Und ich versuche, jedem Mitarbeiter einmal am Tag auf die Schulter zu klopfen. Während meines Praktikums bei Alexander McQueen habe ich so etwas nicht erlebt. Dafür habe ich gelernt, was es heißt zu arbeiten. Fünf Monate, 18 Stunden täglich. Ich bin manchmal mit blutigen Fingern nach Hause gekommen, aber Aufgeben wäre keine Option gewesen. Man muss schneller und besser sein als die anderen, um zu genügen.
McQueen ist an seinem Erfolg zerbrochen. Er hat den Wahnsinn gelebt. Ich bin einerseits Künstler und andererseits Spießer, der abends über Excel-Tabellen hockt. Unternehmerischer Intellekt ist heute extrem wichtig: Wenn ich Geld verdienen will, muss ich mich international aufstellen, mein Lizenzgeschäft erweitern. Und mich selbst als Persönlichkeit ausbauen."
Marina Hörmanseder, 32, französisch-österreichische Modedesignerin, gründete 2013 in Berlin ihr eigenes Label, entwarf neben Kleidern für Lady Gaga und Rihanna auch Uniformen für Austrian Airlines und die Österreichische Post und kooperiert mit Marken wie Nike, Swarovski oder Wolford. Ihr Markenzeichen sind Ledergürtel, Schnallen und Korsetts.

Andrea Illy/ Der Wissensdurstige

Konsequent setzt der Unternehmer das Prinzip des lebenslangen Lernens in seinem Alltag um.
"Ich wurde in eine Familie geboren, in der der Drang zur Selbstoptimierung sehr ausgeprägt ist. Das beginnt mit meinem Großvater, der davon träumte, der Welt den besten Kaffee anbieten zu können. Er verließ dazu das Elternhaus früh. Durch lebenslanges Lernen versuchte er, immer besser zu werden. Mein Vater übernahm diese Haltung, und ich wiederum habe sie dann von meinem Vater übernommen. Alles, was ich mache, muss ich verstehen, deshalb ist für mich Philosophie so wichtig, die Lehrmeisterin des Lebens. Darüber hinaus lese ich viel: Zeitungen, Magazine, Bücher. Zuletzt ,Das Glasperlenspiel' von Hermann Hesse und ,Die Entdeckung des Chaos. Eine Reise durch die Chaos-Theorie' der Wissenschaftler John Briggs, F. David Peat und Carl Carius. Ich belege regelmäßig Kurse an Hochschulen: An der Singularity University im Silicon Valley habe ich mich über neueste Entwicklungen in den Bereichen künstliche Intelligenz, virtuelle Realität und Robotik informiert. Und vorige Woche war ich wieder mal für ein paar Tage in Harvard.
Eine weitere Strategie: Ich versuche so viele inspirierende Menschen wie möglich zu treffen. Mein Job als Chairman und Markenbotschafter von Illy hilft mir dabei. Erst gestern war so ein toller Tag. Erst diskutierte ich im Vatikan mit Monsignore Marcelo Sànchez Sorondo, dem Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften im Vatikan, der gleichzeitig ein Diplom in Philosophie besitzt. Am Abend traf ich Paolo Baratta, den Biennale-Chef, um über Schönheit und Italien zu philosophieren.
Ein Schlüsselmoment war, als ich Ian Goldin kennengelernt habe, den Direktor der Oxford Martin School. Ich war 47 geworden und spürte das starke Bedürfnis, mich zu verbessern. Ich suchte nach einem Weg, der mir einen neuen Blick auf die Welt ermöglicht; doch ich konnte mich nicht entscheiden, welcher Weg der beste und nützlichste für meine Arbeit sein würde. Goldin -er war Nelson Mandelas Berater und Direktor für Entwicklungspolitik bei der Weltbank -riet mir, die Komplexitätstheorie zu studieren. Weil das Fach so nirgends angeboten wird, organisierte Goldin einen Tutor, der mich sechs Monate lang begleitete. Komplexitätstheorie ist eine eigenständige Wissenschaft, die nicht nur Mathematik mit Physik, Biologie und Informatik kombiniert, sondern zu der auch Ökonomie, Soziologie, Meteorologie, das Finanz-und das Verkehrswesen sowie Marketing gehören. Dieser bereichsübergreifende Ansatz ist ungewohnt. Es fällt uns Menschen schwer, eine große Anzahl von Variablen zu überblicken und sie zueinander in Beziehung zu setzen. Unser Gehirn ist so strukturiert, dass wir linear denken und in der Regel nicht mehr als fünf Variablen gleichzeitig berücksichtigen können. Um bessere Problemlösungsfähigkeiten zu entwickeln, brauchen wir daher kollektive Intelligenz. Die Komplexitätstheorie hat mein Denken verändert. Bei jeder Entscheidung, die man trifft, muss man versuchen, alle Folgen zu berücksichtigen."
Andrea Illy, 54, ist Chairman des Familienunternehmens illycaffè und Vorsitzender der Luxusvereinigung Altagamma. Illy ist verheiratet, hat drei Töchter und lebt in Triest.


Tina Müller/ Die Anti-Aging-Strategin

Wie man sich körperlich und geistig fit hält, hat die Topmanagerin selbst recherchiert -als sie ein Buch übers Jungbleiben schrieb.
"Ich muss immer auf den Punkt konzentriert sein, und das zehn bis zwölf Stunden täglich. Um dieses Pensum zu schaffen, hat körperliche und geistige Fitness für mich höchste Priorität. Gott sei Dank weiß ich ziemlich genau, was mir guttut. Es begann vor 15 Jahren mit meinem ersten Aufenthalt im Gesundheitsresort Lanserhof. Da habe ich sozusagen das erste Mal über den Vitamin-C-Tellerrand hinausgeguckt und wirklich viel gelernt. Jahre später schrieb ich mit einer befreundeten Dermatologin und Anti-Aging-Expertin ein Buch übers Jungbleiben. Schließlich sollte man ab dem 40. Lebensjahr dafür sorgen, dass die Maschine gut gepflegt wird. Wie erziele ich einerseits schnelle Effekte, um meinen Körper zu optimieren? Und was zahlt sich mittel-und langfristig aus? Es geht um das magische Quadrat aus Ernährung, Bewegung, mentaler Stärke und Ästhetik.
Ich persönlich verzichte seit fünf Jahren weitestgehend auf Zucker und Kohlenhydrate, das fällt mir inzwischen leicht. Entscheidend ist aber, was man seinem Körper zuführt, um leistungsstärker und widerstandsfähiger zu sein. Tendenziell essen wir viel zu salzig und zu süß, die Bitterstoffe fehlen. Zum Ausgleich schlucke ich daher jeden Morgen einen Löffel Leinöl. Außerdem auf meiner Liste: Vitamin A für Augen und Haut, Vitamin B12 für die Nerven, Folsäure für den Zellstoffwechsel, Selen fürs Immunsystem, Magnesium als natürliches Anti-Stressmittel, Hyaluronsäure in Kapselform für die Haut, zweimal die Woche Vitamin D3 in hoher Konzentration für die allgemeine Fitness. Alle Mittelchen, die ich morgens und abends einnehme, bewahre ich im Brotkorb in meiner Küche auf. Ganz wichtig: das Thema Darm. Ich züchte meinen Kefir selbst. Die Milchsäurebakterien schützen die Darmflora, regen die Verdauung an und stärken das Immunsystem. Jeden zweiten Tag trinke ich 400 Milliliter von dem Kefir. Abends nehme ich Melatonin. Es soll die geistige Vitalität erhalten. Und es gibt noch zwei Stoffe, an die ich total glaube: Kurkuma und Ingwer, weil sie stark antioxidativ und entzündungshemmend wirken.
Mit dem Thema Bewegung tue ich mich deutlich schwerer. Es ist der ewige Kampf zwischen Faulenzen auf dem Sofa -oder zum Sport. Wenn ich die Termine nicht fest eintrage, klappt das nicht. Einmal die Woche spiele ich abends mit einem Trainer Tennis. An den Wochenenden steht zweimal Sport auf dem Programm. Pilates oder joggen. Oder eine Runde Golf.
Auch den Punkt Ästhetik sollte man nicht unterschätzen: Wenn man sich selbst so herrichtet, dass man sich gefällt im Spiegel, aktiviert das die Glückshormone und das Selbstbewusstsein steigt. Man wird anders wahrgenommen. Jeder muss da seine individuelle Kombi finden, ganz nach dem Motto ,Do it for you'. Ich lasse mir alle sechs bis acht Monate etwas Hyaluron als Ergänzung zum äußerlichen Pflegeprogramm spritzen. Es ist wichtig, eine Ärztin zu haben, die einen über einen längeren Zeitraum kennt und ein Empfinden für natürliche Schönheit hat. Man sollte um Himmels willen nicht versuchen, sein Gesicht zu verändern."
Tina Müller, 49, ist Vorsitzende der Geschäftsführung der Parfümeriekette Douglas. Bekannt wurde sie als Marketing-Geschäftsführerin der Opel Group durch die Werbekampagne "Umparken im Kopf". Sie lebt in Düsseldorf und Hamburg.
Von Christian Baulig, Bianca Lang und Andreas Möller

DER SPIEGEL 21/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/2018
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Schneller, höher, stärker

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug