19.05.2018

Ist das in Ordnung?

Ein Plädoyer dafür, mehr Geld fürs Essen auszugeben
Der sicherste Weg, um eine politische Karriere in Deutschland zu beenden, ist das Geständnis, gerne Geld für gutes Essen auszugeben. Man kommt damit durch, nie ins Theater zu gehen, oder mit der Aussage, nur ein Buch im Leben gelesen zu haben - aber wer angibt, gerne teure Restaurants zu besuchen oder selbst viel Mühe auf das Kochen zu verwenden, hat seine Karriere hinter sich. Besucher des Bundeskanzleramts berichten von freudlosen Mahlzeiten unter der Hausmänner beleidigenden Etikette "Hausmannskost", die ganz den Geist der "schwarzen Null" reflektieren -bloß kein überflüssiges Geld ausgeben.
Wahlkämpfe sind wahre Festivals des schlechten Essens. Es scheint zu einem urdeutschen Prüfungsritual ähnlich einer Mutprobe zu gehören, Kandidaten über Monate nur mit Würstchen und Brötchen zu verpflegen, um zu sehen, ob sie durchhalten oder irgendwann vom Stuhl kippen. Eine Pause über Mittag, etwa um Produkte der lokalen Landwirtschaft zu kosten - wer das vorschlägt, könnte auch gleich nach Gratisbelieferung mit synthetischen Drogen verlangen, so konträr wäre es zu allen Sitten und Gebräuchen. Ein Politiker aus Thüringen gestand mir einmal, dass er privat nie Würstchen grillt, denn seine Termine im Wahlkreis ließen ihm nur die Wahl zwischen Bier und Bratwürsten, und weil er nicht so viel Bier vertrage, müsse es eben die Wurst sein. Sonst könne er den Termin ganz vergessen. Nun sind gute Würstchen nicht zu verachten, gehören zu den traditionellen Spezialitäten, die, wenn sie vernünftig und fair hergestellt werden, durchaus die Reise lohnen. Aber sie haben auch etwas Ideologisches bekommen, als dürfe, wer nicht als elitär oder versponnen gelten will, nicht auch gern noch andere Dinge essen.
Dabei ist gutes und gesundes Essen keine Frage der Finanzen, sondern allein der Kultur. In einigen der ärmsten Länder der Erde wird unvergleichlich gesünder und besser gekocht als in der reichen Bundesrepublik. Leider grassiert diese verklemmte und verfehlte Sparideologie nicht nur im politischen Bereich, sondern in den privaten Budgets privater Unternehmen und in öffentlichen Haushalten. Wer die Kantinen des Landes kennt, weiß sehr viel über das deutsche Unterbewusste: Alles bleibt im Ungefähren, dunkle Soßen vereinheitlichen, was besser getrennt genossen würde, und aus vielen Kompositionen spricht der Gedanke, dass Geld woanders offenbar besser aufgehoben ist als zum Kauf von dem, was die Basis des Lebens ist. Dabei – es hat sich vielleicht noch nicht herumgesprochen – nehmen wir Geld am Ende des Lebens nicht mit ins Jenseits. Ein Ort, den wir übrigens umso schneller kennenlernen, je mehr wir am Essen sparen.
Nils Minkmar gibt Antworten auf Fragen des Lebens. Schreiben Sie uns an spon.stil@spiegel.de
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 21/2018
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