16.06.2018

KorruptionDickes Ding

 Eine Prinzessin, ein Ex-Ministerpräsident, ein Vorstandsboss, der für den Erfolg alles riskiert: Der Bilfinger-Konzern schreibt einen Krimi, wie ihn die deutsche Wirtschaft noch nicht gesehen hat.
Dies ist, soweit sich das sagen lässt, eine wahre Geschichte, obwohl man sie auch so hätte erfinden können: mit einer Fahnderin, die eine Prinzessin ist und einen Namen trägt, den man sich für einen Krimi nicht blumiger hätte ausdenken können. Marie-Alix von Meiningen. Und mit einem großen, unheimlichen Konzern, den man sich größer, unheimlicher kaum ausmalen würde. Ein Thriller mit mehr als tausend Seiten. Nur dass er jetzt wirklich vor einem deutschen Arbeitsgericht spielt. Nächste Woche. In Mannheim.
Im Januar 2017 fliegt Marie-Alexandra von Sachsen-Meiningen an den Persischen Golf. Sie ist eine Frau, die zu viel weiß, getrieben von einer gefährlichen Neugier, noch mehr wissen zu wollen. Über ihre Firma. Den Dreck, der aus schmutzigen Geschäften in allen Ecken der Welt herumliegen könnte. Das ist ihr Job. "Head of Investigations" steht auf ihrer Karte; Meiningen leitet die internen Ermittlungen, wenn beim Bilfinger-Konzern in Mannheim etwas nach Korruption aussieht. Sie macht das, um den Konzern zu schützen. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: dass dies ihre letzte Dienstreise für Bilfinger sein wird.
Die Firma kämpft damals ums Überleben, der Mann, der ihr eine Zukunft einhauchen soll, heißt Tom Blades, und das neue Leben, das er verspricht, riecht nach Öl und Gas. Der Brite ist ein Petro-Manager durch und durch. Nach vier Bilfinger-Chefs in nur zwei Jahren, darunter Hessens Ex-Ministerpräsident Roland Koch, gilt er als Mann der letzten Hoffnung.
Seine Vision: Bilfinger – früher ein Baukonzern mit fast 70 000 Mitarbeitern, der das Olympiastadion in München schuf, Brücken, Tunnel, Staudämme – soll als technischer Dienstleister für die Industrie wiederauferstehen. Das neue Bilfinger soll große Werke am Laufen halten. Überwachen. Reparieren. Und das auch auf den Ölfeldern des Nahen Ostens. In einer Weltgegend, in der sich fast alles um Schmiermittel dreht. Nicht nur die im Boden.
Blades braucht dort einen Erfolg. Und dieses dicke Ding steht kurz bevor. In Oman.
Nach Oman will im Januar 2017 aber auch Marie-Alix von Meiningen. Es ist eine Reise ins Herz der Finsternis. Der Chef der Landestochter, der einen Großauftrag nach dem anderen hergezaubert hatte, ist angeblich spurlos verschwunden. Schon seit Monaten. War er in Schmiergeldgeschäfte verwickelt? Waren all die Erfolge in Oman nur gekauft?
Sie kommt nicht bis Oman. In Abu Dhabi, der ersten Station ihrer Reise, wird ihr schlecht, sie liegt im Bett, drei Tage, Wahnvorstellungen, Fieberschübe, sie spuckt Blut, kriegt kaum noch Luft, fällt immer wieder in Ohnmacht, wie sie Freunden hinterher erzählt.
Sie schafft es irgendwie zurück nach Europa. Aber sie kommt nicht mehr dazu, der Sache in Oman nachzugehen. Am 9. März 2017 wird sie fristlos gefeuert. Auch, weil sie Privatermittler eingeschaltet hat, in Oman und anderswo, angeblich ohne den Dienstweg einzuhalten, mit all dem Kleingedruckten. Zu diesem Schluss war ein vom Konzern beauftragter Anwalt gekommen. Auch beim Abzeichnen von Rechnungen habe sie nicht sauber gearbeitet.
Nur sechs Tage nach ihrem Rausschmiss verkündet Blades endlich sein dickes Ding: Der Deal mit der Ölgesellschaft von Oman ist durch, der Wartungsvertrag für das nördliche Ölfeld wird um drei Jahre verlängert. Ein 200-Millionen-Euro-Geschäft. Blades hat es geschafft: "Der Auftrag bestätigt unsere neue Strategie: Der Nahe Osten ist für uns ein Wachstumsmarkt mit Potenzial." Und wie eine Erlösung muss ihm vorkommen, was die "Süddeutsche Zeitung" schreibt: "Der Auftrag ist auch ein Zeichen des Aufbruchs. Viele Beobachter hatten bezweifelt, dass es Blades gelingen wird, das Ruder herumzureißen."

Amerika macht sauber. Deutsche Konzerne versprechen blitzblanke Geschäfte. Die Welt aber bleibt schmutzig.

Korruption in großem Stil, gibt es die überhaupt noch? In deutschen Konzernen, nach dem Siemens-Skandal? Als bei Siemens 2006 das Schmiergeldsystem auf- und der Münchner Konzern fast auseinanderflog, schien ein Duell für alle Zeit entschieden. Exportweltmeister Deutschland gegen Weltpolizist USA; der Polizist hatte gewonnen. Auf der einen Seite Deutschland, das in fast jedes Land lieferte, auch in jedes korrupte. Auf der anderen Seite die USA, die sich für zuständig erklärten, jeden Schmiergeld-Deal auf Erden zu verfolgen, wenn er etwas mit den Vereinigten Staaten zu tun hatte. Und sei es nur, dass in Dollar abgerechnet wurde.
Siemens musste allein in Amerika 800 Millionen Dollar Strafe zahlen. Danach waren die US-Sheriffs der Schrecken deutscher Vorstandsetagen. Die Konzerne stockten ihre Compliance-Abteilungen auf, die auf saubere Geschäfte achten sollen, fuhren die Prozente für Vertriebsleute im Ausland herunter. Von solchen Maklerprovisionen – das war mal der Klassiker – ging früher das Schmiergeld für saudische Scheichs oder russische Apparatschiks ab, damit sie im Gegenzug die Aufträge vergaben.
Seitdem erzählen deutsche Manager: Nichts läuft mehr so wie früher. Nun aber zeigt der Blick in das Innere des Bilfinger-Konzerns, dass es bei Weitem nicht so sauber läuft wie behauptet. Im Arbeitsgerichtsprozess zwischen Bilfinger und der geschassten Ermittlerin Marie-Alix von Meiningen geht es um Dutzende Untersuchungsberichte, die ein SPIEGEL-Team auswerten konnte. Und damit um Dutzende bisher unbekannte Korruptionsverdachtsfälle.
Die goldenen Deals in Oman gehören dazu, Geschäfte in Indien, Vietnam, Thailand, Bangladesch, Abu Dhabi, in Russland, Polen, Österreich, Brasilien; Fälle, die zum Teil bis 2015 reichen. Gleichzeitig entzaubern interne Ermittlungsberichte so erbarmungslos wie nie die Amtszeit von Roland Koch, der Bilfinger drei Jahre lang geleitet hat, von 2011 bis 2014.
Koch, ein Spitzenmann in der Politik, ein Lehrling in der Wirtschaft, hat demnach Bilfinger nicht nur mit der falschen Strategie in rote Zahlen gejagt. In seiner Zeit soll es den Vorstand kaum mal interessiert haben, ob etwas streng nach Korruption roch.
Dabei ist Bilfinger nicht irgendein deutscher Konzern. Bilfinger steht unter Aufsicht, seit die Firma hatte zugeben müssen, dass sie Politiker in Nigeria bestochen hat. Das US-Justizministerium hat ihr einen Aufpasser ins Haus geschickt, einen sogenannten Monitor. Seit 2014 arbeitet Bilfinger unter seinen Augen, auf Bewährung. Die Firma muss jeden Korruptionsverdacht melden und selbst aufklären. Sie muss berichten, was dabei herausgekommen ist. Wenn die Firma weiter trickst, droht ihr ein Strafverfahren in Amerika, darf sie in den USA vielleicht keine Geschäfte mehr machen, steht sie international am Pranger. Das könnte ihr Ende sein.
Aber wenn sie nicht trickst? Ist sie dann nicht genauso am Ende?
Die Weltkarte, wie sie die Korruptionsexperten von Transparency International zeichnen, besteht auch heute noch zu zwei Dritteln aus alarmroten Ländern, in denen Bestechung gängig ist. Auf einer Skala – null Punkte für hochkorrupt, 100 für absolut sauber – liegen in Afrika nur fünf, in Asien und dem Pazifik nur neun Staaten über 50. Auch die wichtigen Exportländer China, Indien, Brasilien, Russland: alle darunter. Der einzige Weg, um sicher sauber zu bleiben, wäre daher, auf Geschäfte in solchen Ländern zu verzichten. Erst recht für Bilfinger, die Firma unter der Lupe.
Der Arbeitsprozess in Mannheim führt mitten hinein in die Zwickmühle der deutschen Industrie: ohne Schmiergeld weniger Geschäft, mit Schmiergeld ein enormes Geschäftsrisiko – wenn man erwischt wird. Die Dokumente sprechen dafür, dass Bilfinger, allen Bekenntnissen zum Trotz, auch weiter auf Hochrisikogeschäfte gesetzt hat, um zu überleben. Und in Panik geriet, als die eigene Chefermittlerin zu tief bohrte. Auch wenn der Konzern das alles hart dementiert.

Roland Koch wird König. Roland Koch geht shoppen. Roland Koch muss zum Arzt.

Am 30. September 2014 hat Mark Livschitz einen wichtigen Termin. Denkt er zumindest. Ob der Mann, den er sprechen will, das auch denkt – schwer zu sagen.
Livschitz, Anwalt aus Zürich, fünf Sprachen, zehn Jahre internationale Großkanzlei, ist der Monitor. Der Aufpasser des US-Justizministeriums, der seit 2014 durch jede Tür bei Bilfinger gehen darf. In jeder Tochterfirma, jederzeit, an jedem Ort der Erde. Am Ende wird er der US-Justiz sagen, wie er Bilfinger beurteilt: ob der Konzern sich endlich an die Regeln hält. Oder nur ein Feuerwerk abbrennt, für ihn, den Monitor. Wie in Disneyworld: buntes Feuerwerk, Besucher gucken in die Luft, gehen zufrieden zum Ausgang. 2016 war der Besucher Livschitz nicht zufrieden; er ging nicht zum Ausgang. Er sorgte dafür, dass die Bewährung um zwei Jahre verlängert wurde. So etwas hatte es in Deutschland noch nie gegeben. Nicht bei Siemens, nicht bei Daimler, die vor Bilfinger einen US-Monitor hatten.
An diesem Tag im September 2014 sitzt Livschitz also vor Roland Koch. Der hat gerade als Bilfinger-Chef hingeschmissen, nach der zweiten Warnung, dass die Firma ihre Gewinnziele nicht schaffen würde. Livschitz will wissen, was der Vorstandsvorsitzende a. D. dafür getan hat, dass die Geschäfte bei Bilfinger sauber laufen. Das Treffen war vereinbart, die Dauer auch, Livschitz fragt, und plötzlich, die Zeit ist längst nicht um, sagt Koch, er müsse das leider abbrechen, er habe einen Arzttermin. Das wäre in etwa so, als würde man dem Papst bedeuten, er möchte sich mit dem Segen beeilen, man wolle sich nach der Audienz ja noch das Kolosseum ansehen.
Joachim Müller, damals der Bilfinger-Finanzvorstand, hat noch weniger Zeit. Dreimal macht Livschitz einen Termin, dreimal lässt Müller absagen – immer mit gutem Grund, wie Müller heute sagt. Beim dritten Mal ist Livschitz schon auf dem Weg, da ruft Müllers Sekretärin durch, ihr Chef fühle sich gerade unwohl und "beabsichtige", nach Hause zu gehen. In seinem ersten Monitor-Bericht notierte Livschitz im Februar 2015: "Ich lehnte es ab, einen vierten eventuellen Interview-Termin auszumachen, weil ich Herrn Müllers Benehmen als unkooperativ wertete."
Nicht nur Müllers: Der alten Riege um Koch bescheinigte Livschitz "reine Lippenbekenntnisse für die Galerie", "Schaufenster-Übungen, um den Monitor bei Laune zu halten". Die Firma habe "ein ernstes Problem mit ihrer Unternehmenskultur, offenbar verdorben durch das Erbe seiner früheren Spitzenmanager, die sich für Könige in ihren Schlössern hielten."
Die Arroganz hatte man Koch schon nachgesagt, bevor er Ministerpräsident war. Dann aber kam die Kaltschnäuzigkeit hinzu, als er seine erste Hessen-Wahl gewann, brutalstmöglich, mit der Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Dann die Chuzpe, auch mal nur die halbe Wahrheit zu sagen, um den CDU-Spendenskandal zu überleben. Und die Zähigkeit, einfach auf seinem Sessel zu bleiben, obwohl es nach der Wahl 2008 nicht mehr für eine Mehrheit reichte. Für seine Gegner aber auch nicht.
Elf Jahre ein Machiavelli im Amt, danach war Koch wie gemacht für den Chefposten einer Firma, die nicht im Ernst sauber werden wollte. Die höchstens so tat als ob, während es in Wahrheit um etwas anderes ging: Wachstum, um jeden Preis. Gleich zu Anfang kündigte Koch an, den Umsatz in fünf Jahren von acht auf elf, besser zwölf Milliarden Euro zu katapultieren. Wie sollte das gehen?
Bevor er ganz dringend zum Arzt musste, erklärte Koch dem Monitor, wie das schon immer bei Bilfinger gelaufen war: Man kaufte Firmen, die Gewinn machten, und ließ sie wuseln wie bisher.
Mehr Risiko geht kaum: Wie die Inder und alle anderen ihre Aufträge hereinholten – da mischte sich kein Deutscher ein. Hauptsache, am Ende stimmte das Geld. Und wo ein Teil des Geldes landete? Nicht mal die Buchhalter in Mannheim kannten alle Konten. Ende 2014 zählte Bilfinger 462 Töchter, keiner blickte mehr durch. Offenbar wollte auch keiner. Wer nicht sucht, der nicht findet. Vor allem nicht den Schmutz.
Von 30 Bilfinger-Töchtern, die Monitor Livschitz als stark korruptionsgefährdet einstufte, waren 22 erst nach dem Juli 2008 gekauft worden. Viele unter Koch, denn der sammelte für Bilfingers Größenwahn noch schneller Firmen ein als sein Vorgänger: 25 in drei Jahren.
Zum Beispiel schnappte er sich Tebodin, eine niederländische Ingenieurfirma mit Filialen weltweit. Jene Firma, bei der Marie-Alix von Meiningen später den verschollenen Landeschef von Oman suchen sollte. In Indien schmierten Tebodin-Manager Leute in den Behörden, in Vietnam auch (siehe Seite 62). Und in Abu Dhabi bestach Tebodin von 2010 bis 2013 Mitarbeiter des staatlichen Ölkonzerns, für Aufträge.
Als Politiker hatte Koch eines gelernt: in Beziehungen zu denken. Wer kennt wen, kann etwas bewegen, kommt durch die Hintertür, wenn vorn geschlossen ist? In der Politik hilfreich, in der Wirtschaft hoch riskant. Im Taunus etwa wohnt ein schillernder Unternehmer; Beziehungen sind sein Kapital. Der Mann rühmt sich, Koch schon in Fragen zu Saudi-Arabien beraten zu haben, als der noch Ministerpräsident war.
Anfang 2014 heuerte Bilfinger den Berater an. Offenbar ein mündlicher Vertrag, obwohl es bei Bilfinger die Vorschrift gibt: Verträge nur schriftlich. Im Juli flog er nach London. Mit dabei: ein Bilfinger-Manager. Sie trafen den Mitarbeiter eines Saudi-Konzerns, der ihnen verraten sollte, wie man bei seiner Firma Aufträge gewinnt.
Hinterher schickte der Bilfinger-Manager dem Saudi eine Mail: "Ich arbeite an einem machbaren Konzept, um Ihre wertvolle Hilfe ... zu bezahlen." Auch der Vorstand in Mannheim bekam Post: Der Saudi werde bald befördert und sei dann für die Wartungsaufträge zuständig, die Bilfinger wolle. Zwar wurde aus dem Deal nichts, und angeblich hatte man ja nur so getan, als wollte man dem Saudi Geld geben, hieß es später. Aber für Firmenanwälte, die den Fall untersuchten, steht fest, dass man wohl schon das Angebot als "Verletzung der Korruptionsgesetze" werten müsse; von dem Berater im Taunus, der das eingestielt hatte, solle man bloß die Finger lassen.
Gegen Koch und alle Vorstände von 2006 bis 2015 hat der heutige Aufsichtsrat Klagen angekündigt, weil sie zu wenig gegen Korruption getan hätten. 120 Millionen Euro sollen sie zahlen. Koch zeigte sich davon überrascht; aus rechtlichen Gründen dürfe er dazu nicht viel sagen, nur das eine: Die Vorwürfe seien haltlos, er habe das Compliance-System sogar "entscheidend vorangebracht". Wer den Bericht des Monitors liest, kann allerdings höchstens davon überrascht sein, dass Koch überrascht sein will.
Am Ende seiner Bilfinger-Zeit saßen nämlich in der Compliance-Abteilung gerade mal 9 Leute, die Geschäfte auf ihre Sauberkeit prüften; 50 hätten es sein müssen, rechnete der Monitor hoch. Der Compliance-Chef war auch nur selten dabei, wenn der Vorstand tagte. Na und, er habe doch die Compliance-Themen selbst ganz gut draufgehabt, behauptete Koch im Gespräch mit Livschitz. Aber von 93 Punkten, die in Kochs letztem Halbjahr auf der Tagesordnung standen, drehten sich nur 3 um solche Fragen, wie Livschitz nachzählte.
Und wenn noch etwas gefehlt hat, um den laschen Ton an der Spitze auf die Spitze zu treiben, so war es ein Vorstandsbeschluss im Sommer 2014. Die letzte Sitzung von Koch: Der Vorstand ordnete an, dass sich die Gehaltsboni bei Bilfinger künftig auch danach richten, wie sehr man sich die Compliance-Regeln zu Herzen genommen hat. Die Boni aller Mitarbeiter. Nur nicht die der Vorstände.

Der Alte kommt und geht. Ein Neuer kommt und geht. Eine Prinzessin kommt, das Alte bleibt.

Danach holte die Firma erst mal den "Alten" zurück. Herbert Bodner, Kochs Vorgänger, zwölf Jahre an der Spitze. Sagt heute auch, er habe nicht geschlampt, die Geschäftsmoral "intensiv vorangetrieben". Dem Monitor erzählte Bodner aber, als wisse das doch jeder, dass die Nigeria-Tochter, die beim Schmieren erwischt wurde, immer noch Schwarzgeld habe. Geld, um den Leuten in den Behörden Beine zu machen, "Erleichterungszahlungen". Das gehe ja gar nicht anders, nicht in Nigeria. Wahrscheinlich hatte Bodner sogar recht. Aber sein Plan, die Tochterfirma an irgendwen zu verscherbeln, der vermutlich in Nigeria so weitermachte, war nicht das, was Livschitz hören wollte. Falsche Antwort.
Der Nächste bitte: ein Norweger, Per Utnegaard; der sagte nun genau das, was Livschitz hören wollte. "Wir werden künftig jeden Verdacht auf einen Verstoß untersuchen", "für mich gibt es da null Spielraum". Utnegaard kündigte an, sich voll auf Europa zu konzentrieren; keine gefährlichen Geschäfte mehr in Asien, Afrika und im Nahen Osten.
Utnegaard hatte die Botschaft verstanden. Aber nicht den Konzern. Der Norweger kam nie an bei Bilfinger, seine Strategie, Geschäft zu machen, auch nicht. Am Ende sorgte Bilfinger noch für eine hübsche Pointe: Man hatte sich nämlich seine Reiseabrechnungen angeguckt, ganz akribisch, ob da alles sauber war. Utnegaard zahlte Geld zurück und verschwand still.
Dafür schlug Livschitz Krach. Kaum etwas ging voran. Der Monitor ließ Bilfinger zwei Jahre Aufsicht extra aufbrummen. Zeigte damit, dass er endgültig genug hatte von einer Firma, die offenbar nur die Tage zählte, bis sie ihn abschütteln konnte. Wieder brauchte Bilfinger ein großes Ausrufezeichen, dass man es doch ernst meinte. Und im April 2016 hatte eine Frau ihren ersten Arbeitstag, auf die das Jobprofil "großes Ausrufezeichen" zutraf. Marie-Alix von Meiningen.
Eine Schweizerin. Neun Jahre in der Pharmabranche, die ersten sechs in der Rechtsabteilung von Novartis, danach drei bei Hoffmann La Roche. Interne Ermittlungen. Eine Frau, mit der man sich besser nicht anlegt. Davon abgesehen, ist sie allerdings auch eine Prinzessin von Sachsen-Meiningen, eine Herzogin von Sachsen. Sie hat die in diesen Kreisen übliche Mindestzahl an kapriziösen Vornamen (Marie, Alexandra, Beatrice, Elisabeth) samt Koseform (Alix). Und wenn die Bilder im Netz stimmen, hat sie auch mit Ende 30 noch das Aussehen eines Fotomodells. Schwarze Haare, hochgesteckt, Belladonna-Augen.
Vielleicht denken manche Männer deshalb, sie tauge besser zur Schaufensterpuppe. Oder wenn schon Fahnderin, dann eine, die man sich als Puppe ins Schaufenster stellen kann. Damit es so aussieht, als würde Bilfinger endlich den Dreck aufkehren – während die Neue das in Wahrheit doch besser lassen sollte. 173 000 Euro sollte sie im Jahr verdienen. Fürs Ermitteln. Heute will der Konzern bis zu 1,8 Millionen Euro Schadensersatz von ihr. Weil sie angeblich zu schnell, zu viel, zu rücksichtslos drauflosermittelt hat.
Meiningen möchte mit dem SPIEGEL nicht reden. Aber wie aus Prozessakten hervorgeht, stand sie beim Start nach ihrer Zählung mit einer Kollegin vor 80 ungeklärten Fällen. Bilfinger spricht von 38. Kurz nachdem sie losgelegt hatte, verglich sie ihren Job mit der Notaufnahme in einem Krankenhaus: "Sie kann sich nur die dringendsten Sachen vornehmen", notierte Monitor Livschitz; schwere Unfälle und arterielle Blutungen zuerst.
Immerhin: Für den Fall, dass Livschitz auf Verdächtiges stieß, hatte Bilfinger auch vorher schon eine US-Kanzlei eingesetzt, außerdem Wirtschaftsprüfer von KPMG. Die schauten sich die Bücher an, die Computerfestplatten, führten Interviews mit Bilfinger-Leuten. Die Neue wollte mehr: richtige Fahnder, die in Staaten wie Nigeria, Libyen, Russland oder China ermitteln konnten. Nicht nur in den Bilfinger-Filialen, sondern auf der anderen Seite, dort, wo vermutlich Schmiergeld gelandet war. Ein Job, der gefährlich werden konnte. Nichts für Buchhaltertypen in feinen Anzügen.
Für solche Spezialaufgaben gibt es private Ermittler, oft Ex-Geheimdienstler, die ihr altes Netzwerk nutzen. Die bekannteste Firma: Control Risks, eine andere: Orbis in London. Damals noch ein Insidertipp, heute berühmt dafür, dass einer der Gründer, Christopher Steele, das Dossier über die angeblichen Russlandkontakte von Donald Trump geschrieben hat.
Bei Bilfinger hätten aber selbst so sensible Aufträge durch die Konzernbürokratie laufen müssen. Mit einer Ausschreibung. Wochenlang. Öffentlich. Danach hätte man sich diskrete Nachforschungen auch sparen können. Im Mai 2016 traf sich Marie-Alix von Meiningen deshalb mit Axel Salzmann, dem neuen Finanzvorstand. Der nächste Übergangschef. Salzmann soll sinngemäß gesagt haben: "Vergessen Sie es. Ich möchte Ergebnisse!" Schließlich mache der Monitor Druck, dass Bilfinger alles aufklärt. Auf Fragen des SPIEGEL sagt Salzmann dazu heute nichts.
Tatsächlich zeichnete er später Memos ab, die für die meisten Ermittlungsaufträge galten. Ob für alle und alles, darüber wird vor Gericht gestritten. Was auffällt: Gegen Salzmann, inzwischen auch ausgeschieden, geht der Konzern nicht vor. Nur gegen die Prinzessin.
Auch das weckt einen Verdacht, den Bilfinger empört von sich weist: dass es in Wahrheit um etwas anderes geht als um Geld und Vergaberichtlinien. Um Oman. Um ein Geschäft, das heute blitzblank erscheinen muss. Weil es für Bilfingers Zukunft steht und für den neuen Chef Tom Blades, der behauptet, auch in schmutzigen Ländern saubere Geschäfte machen zu können.
Blades, zäh, durchtrainiert, mit der Härte des Triathleten, jeden Morgen vor sieben Uhr im Büro, kennt den Nahen Osten. Er hat hier für den US-Konzern Schlumberger lange im Ölgeschäft gearbeitet, danach für die Öl- und Gassparte von Siemens. Bei Bilfinger erklärte er den Nahen Osten zum neuen Wachstumsmarkt, neben Europa und den USA.
War das Oman-Geschäft korrupt, war auch die neue Strategie kaputt.

Die Oman-Tochter macht blendende Geschäfte, ihr Chef eine Pilgerreise ins Gefängnis.

Oman. Sand, Steine, sengende Hitze. Eines dieser Sultanate, in denen nicht Wasser, sondern Öl die Wüste blühen lässt. Es regnet Petrodollars. Das Geld hat das Land verändert, Großflughafen, achtspurige Autobahnen, dazu jede Menge Rolls-Royce-, Porsche- und Bentley-Fahrer. Andererseits hat sich nichts geändert, seit hier noch Nomaden ihre Ziegen vor sich hertrieben. Der Sultan ist allmächtig, die Großfamilie das Netz, das alles zusammenhält. Und eine Geschäftsbeziehung ist auch eine Frage des Verwandtschaftsgrades. Erst die Familie, dann der Stamm, dann der Staat. Das Überlebensgesetz der Wüste.
Oman. 44 Punkte im Korruptionsindex. "In Oman gibt es keinen Deal ohne zuerst mal einen Neben-Deal", erklärt ein einheimischer Geschäftsmann die Regeln, so nachzulesen in einem Ermittlungsbericht von Orbis. Und ein anderer Manager: "Du musst dich mit Partnern zusammentun, die das Ohr der Herrscherfamilie haben." Aber die Compliance-Regeln? Wenn man den Leuten hier mit Compliance-Regeln kommt, "kann es einem passieren, dass sie ihre Augenbrauen hochziehen und sagen: Wofür soll das denn gut sein?".
In dieser Welt ist Tebodin & Partner zu Hause, spezialisiert auf die Wartung von Öl- und Gasanlagen. Seit 2012 gehört Bilfinger die Hälfte der Oman-Firma, die wie von Zauberhand in den Himmel schoss, Umsätze, Mitarbeiterzahl. Weltweit hat Bilfingers Tebodin gut 3000 Leute in 37 Büros. Allein in Oman gut 900.
Etwa weil man so gut und günstig arbeitet, dass die staatliche Ölfirma PDO gar nicht anders kann, als Tebodin einen Auftrag nach dem anderen zuzuwerfen? Oder doch eher, weil der Firmenslogan "Always close", immer nah dran, für zwei Männer auf ganz eigene Weise zutraf: Basil Macki und Salim Al Kindy?
Kindy: der Chef von Tebodin in Oman. Ein Manager, über den ein Freund sagt: "Salim wusste, wie man die Dinge hinbekommt." Vor allem mit PDO, dem Staatskonzern. Für den hatte er früher nämlich selbst gearbeitet. Und dann die Mackis: Sie sind das, was man in Oman als "Ölaristokratie" bezeichnet, eine der angesehensten Familien, mit einem Patron, Salim Macki, der auch mal einen Posten bei dieser Staatsfirma PDO hatte. Einen Spitzenposten, der ihn praktisch zum Ölminister von Oman gemacht hatte.
Am 25. Oktober 2010 gründete die Familienfirma der Mackis mit Tebodin ein Gemeinschaftsunternehmen, halbe-halbe. Für die Mackis unterschrieb Sohn Basil, für Tebodin zeichnete Kindy ab. Und was soll man sagen: Nur zwei Tage später bekam dieses Joint Venture einen der fettesten Aufträge der PDO. Den exklusiven Wartungsvertrag für das nördliche Ölfeld.
Mit dem SPIEGEL reden Macki und Kindy nicht.
Es dauert ein paar Wochen, bis in Mannheim die neue Ermittlerin auf den Oman stößt. Im Oktober 2016 bucht Marie-Alix von Meiningen ihr Flugticket, nur einen Tag später kündigt aber auch der Monitor Livschitz an, er wolle sich mal das Geschäft in Oman vornehmen. Jetzt brennt es. Oman ist die Cashcow von Tebodin, und bei Bilfinger in Deutschland hat Tom Blades den Chefsessel übernommen.
Noch im Oktober meldet die Compliance-Abteilung in Mannheim der Prinzessin, dass es da leider ein Problem gebe. In Oman. Man hatte sich die Firma der Mackis genauer angeschaut – Jahre nachdem sich die zugekaufte Bilfinger-Tochter Tebodin mit den Mackis zusammengetan hatte. Nun kam heraus: Ein Gericht hatte Basil Macki, den Juniorchef, zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Wegen Bestechung von PDO, dem Staatskonzern, von dem auch der Großauftrag für das nördliche Ölfeld kam. Das Urteil war nicht neu, sondern aus dem Jahr 2014.
Bilfinger hatte davon angeblich jahrelang nichts mitbekommen. Oder hatte Bilfinger von Schmiergeld lieber nichts mitbekommen wollen? So nämlich läuft das heute schon mal, eine übliche Korruptionsmasche in der Zeit nach dem Siemens-Skandal: Man gründet ein Joint Venture, ein Gemeinschaftsunternehmen mit einem einheimischen Partner. Was der treibt, lässt sich von deutschen Behörden nicht so genau kontrollieren. Und die Bücher der deutschen Firma bleiben sauber.
Aufschlussreich dazu eine Mail, die Basil Macki 2012 verschickte. Er kam gerade zurück von seiner "Runde" bei PDO. Einer der Manager hatte ihn bekniet: Ihr Joint Venture sollte doch bitte die PDO-Leute nicht mehr so mit Geschenken überhäufen; einmal im Jahr sei genug. Die "Ansicht war, dass wir zu viel geben und das moralische Fragen aufwerfen könnte ... Ich sagte ihm, dass sein Vorgänger da noch anderer Meinung war".
Basil Macki bekannte sich vor Gericht schuldig, einen wichtigen PDO-Mann regelmäßig geschmiert zu haben. Was eigentlich nicht verwundern konnte. Nicht in Oman. Trotzdem war es für die Verhältnisse in Oman geradezu ein Wunder, dass Macki verurteilt wurde.
2011 hatte es Unruhen gegeben, der Arabische Frühling erschreckte auch den Sultan, er versprach, etwas gegen Korruption zu tun. Was folgte, war die sensationelle, unglaubliche Compliance-Show, ein großer Zirkus, so sehen das zumindest Wirtschaftsanalysten. Ab Ende 2013 ließ der Sultan an die 30 Manager anklagen – weil sie seit Jahren bei PDO Schmiergeld kassiert oder umgekehrt PDO-Leute geschmiert hatten. Macki gehörte dazu. Nach den Urteilen kamen Begnadigungen; heute, so sagen omanische Manager, werde immer noch geschmiert, nur nicht mehr so plump.
Für Bilfinger war die Meldung, dass der junge Macki wegen Bestechung verurteilt worden war, im Herbst 2016 aber eine Katastrophe: Würde die Schmierspur zum Großauftrag 2010 führen? Und was würde das für die Vertragsverlängerung mit PDO bedeuten, an der Blades gerade arbeitete? Alles unter den Augen des Monitors, der selbst nach Oman reisen wollte?
Dabei war Macki nur das zweitgrößte Problem. Noch schlimmer war Kindy. Der Chef von Tebodin Oman war verschwunden, schon seit Februar 2016. Im Konzern behaupteten sie, der Mann sei auf Haddsch gegangen, die Pilgerfahrt nach Mekka, die jeder gute Muslim einmal im Leben machen soll. Seitdem sei er weg; keine Ahnung, wo er geblieben sei.
Eine schöne Geschichte, so lange der Monitor nicht auf die Idee gekommen war, nach Oman zu fahren. Marie-Alix von Meiningen beauftragte die Privatermittler von Orbis, der Sache mit Macki nachzugehen und Kindy zu finden, bevor der Monitor selbst etwas herausbekäme und der Firma vorwerfe, Dinge vor ihm zu verheimlichen. Ende Oktober informierte Meiningen den neuen Bilfinger-Chef Blades. Anfang November flog sie nach Oman, im Dezember noch einmal.
Dort die Überraschung: Geschäftsführer Kindy war gar nicht auf Pilgerreise. Fast jeder schien zu wissen: Er saß im Gefängnis oder in Arrest. Auch er wegen Bestechung. Und wieder bei PDO. Eingefahren im Februar 2016, vom Sultan begnadigt im November. Weggesperrt hatte man ihn nach der zweiten Instanz. Die erste lief schon 2014. Auch da hatte Kindy eine Haftstrafe kassiert. Trotzdem blieb er weiter im Amt, sogar als er 2016 monatelang nicht zur Arbeit kam, weil er seine Strafe absaß. Erst im Oktober 2016 kündigte Bilfinger dem korrupten Chef. An einem Punkt, als der Monitor nach Oman kommen wollte.
Das habe doch nichts miteinander zu tun gehabt, sagt Bilfinger heute. Die Version von Bilfinger: Die Zentrale in Mannheim habe leider erst im Oktober 2016 gehört, dass Kindy wegen Korruption vor Gericht stand; danach habe man ihn sofort rausgeworfen. Frage: Wie konnte das Bilfinger entgehen, in Oman, einem Schlüsselland für die Firma? Stellte sie sich blind und taub, um dem Monitor nichts sagen zu müssen? Auf keinen Fall. Oder um ihr nächstes Oman-Geschäft nicht zu riskieren? Unsinn. Nachfrage: Warum hat dann Bilfinger bis heute, fast zwei Jahre später, immer noch keine Ansprüche gegen Kindy angemeldet? Die prüfe man noch. Und was macht den Konzern so sicher, dass Kindy nicht auch für den Großauftrag 2010 geschmiert hat? Der Fall, in dem er verurteilt wurde, sei später gewesen, 2012 und 2013. Und bevor man weiterfragt: 2017, bei der Verlängerung des Auftrags, sei Kindy schon weg gewesen.
Der Landeschef in Haft – selbst das war aber noch nicht alles, was Meiningen auf ihrer Reise beunruhigte: Sie und ihre Orbis-Truppe bekamen Hinweise auf eine angebliche Schwarzgeldkasse bei Tebodin Oman. Der Verdacht: Bei Aufträgen der staatlichen PDO würden zu viele Stunden abgerechnet. Mit dem Extrageld würden PDO-Entscheider geschmiert, für noch mehr Aufträge an Tebodin. Da gehe es auch um einen großen Wartungsauftrag im südlichen Ölfeld, so ein Firmen-Insider.

Die Ermittlerin ermittelt. Die Firma auch. Gegen die Ermittlerin.

Meiningen kam aus Oman zurück, sie hatte getan, wofür sie eingestellt wurde: aufklären, Ermittlungsergebnisse liefern. Dachte sie vermutlich. Angeblich war das der neuen Spitze um Blades, die ständig beteuerte, Sauberkeit gehe nun über alles, höchst willkommen. In Wahrheit aber hatte es hinter dem Rücken der Prinzessin schon begonnen: Gegen sie wurde intern ermittelt.
Am 2. Dezember, das ergibt sich aus den Prozessakten, heuert Bilfinger den Wiesbadener Anwalt Alfred Dierlamm an. Er soll ein Gutachten liefern, Projekt "Brunnen". Dierlamm soll tief bohren, alles überprüfen, was Meiningen gemacht hat. Bilfinger zu Folge gibt es zwei Whistleblower, die gegen sie ausgesagt haben. Dierlamm lässt ihr Büro durchsuchen, ihren Computer, stöbert in der Personalakte. Meiningen bekommt von der Schnüffelei nichts mit.
Am 14. Dezember 2016 erfährt Vorstandschef Blades, was sie in Abu Dhabi und Oman gefunden hatte: Hinweise auf Korruption. Kurz danach wird sie dem Chefjustiziar Olaf Schneider unterstellt, der sie schon Wochen vorher als unfähige Mitarbeiterin schlechtgemacht haben soll. Schneider bestreitet das.
Anwalt Dierlamm stochert nun auch noch in ihren Reiseabrechnungen herum.
Dann bricht das neue Jahr an, Meiningen glaubt zu begreifen, was da gegen sie läuft. Kollegen erzählt sie, dass sie angeblich gewarnt wurde, aus dem Haus: Ob sie nicht wisse, dass sie im Zentrum einer Verschwörung stehe? Kern der neuen Geschäftsstrategie seien Gas und Öl; hier wolle Bilfinger investieren, dafür sollten andere Geschäftszweige verkauft werden. Wenn sie aber in Nigeria und anderswo Korruption aufdecke, könnten diese Zweige erst mal nicht verkauft werden. Und wenn sie in Oman fündig werde, schlachte sie sogar die Cashcow.
Bilfinger sagt dazu heute, solche Erwägungen habe es nicht gegeben, damit habe die Kündigung nichts zu tun. Es gebe keine Intrige. Keiner habe versucht, sie zu behindern, sie auszuschalten. Die Stelle sei neu besetzt, und alle Untersuchungen seien konsequent weiterverfolgt worden. Man habe den Monitor sowieso über alle Fälle informiert, auch über Oman.
Am 20. Januar 2017 sitzt Meiningen vor Dierlamm. Der Anwalt hat sie endlich vorgeladen. Um sie zu grillen. In seinem Bericht wirft er ihr später so einiges vor. Zum Beispiel, dass sie Geschäftsgeheimnisse verraten haben soll. Vor allem aber habe sie Aufträge an Detektive vergeben, ohne sich an die Hausregeln zu halten und Rechnungen freigezeichnet, ohne einen Nachweis dafür zu verlangen, dass die Leistungen erbracht wurden. Außerdem hätten die Privatfahnder im Ausland Informationen beschafft, die hoch vertraulich seien. Da müsse doch Bestechung im Spiel gewesen sein, um Staatsdiener zum Plaudern zu bringen. Einen Beweis hat Dierlamm nicht; Detektivbüros wie Orbis bestreiten das. Und schließlich: Die Ermittler hätten in Oman und anderswo auch viel zu gründlich gearbeitet. Mehr als vorher genehmigt. Zum Beispiel Ex-Mitarbeiter von Tebodin und der staatlichen PDO ausgefragt. Auch dahinter wittert Dierlamm einen Pflichtverstoß der Prinzessin, die das alles habe laufen lassen.
Zwei Tage später fliegt Meiningen an den Persischen Golf, für weitere Ermittlungen. Sie landet in Abu Dhabi, später soll es nach Oman weitergehen. Meiningen führt in Abu Dhabi Gespräche, fragt nach Kindy, plant ihre Recherchen in Oman, auf der Suche nach der angeblichen schwarzen Kasse für das südliche Ölfeld. Dann wird ihr plötzlich schlecht, kommen die drei Tage mit Fieberschüben und Wahnvorstellungen.

Die Prinzessin will ihren Arbeitsplatz zurück. Bilfinger bis zu 1,8 Millionen Euro.

November 2017. Vor dem Arbeitsgericht Mannheim ergeht folgendes Urteil: Die Kündigung war unwirksam. Es ist die Erste Instanz in der Sache Marie-Alix von Meiningen gegen Bilfinger. Das Gericht meint, was auch immer sich Meiningen habe zuschulden kommen lassen, eine Abmahnung hätte auch gereicht.
Meiningen hatte zugegeben, so schnell, wie sie habe arbeiten müssen, habe sie nicht immer auf die Formalitäten geachtet. Aber natürlich habe sie nichts von den Honoraren der Detektivfirmen in die eigene Tasche gesteckt oder Freunden Aufträge zugeschanzt, so wie Bilfinger vermutete. Und Orbis und andere hätten ihr auch versichert, Informationen niemals mit schmutzigen Methoden zu besorgen.
Das Gericht sieht es ähnlich: Meiningen habe "nicht gesetzeswidrig gehandelt". Wenn selbst Dierlamm in seinem 158-Seiten-Bericht nur vom "Anfangsverdacht" einer Untreue spreche, dann sei klar, dass nicht viel gefunden worden sei. Und illegale Methoden der Privatermittler? Für das Gericht "bloße Mutmaßungen".
Eigentlich hätte Bilfinger nun aufhören, Meiningen eine Abfindung anbieten können, mit einer Schweigeklausel. So machen das Konzerne, wenn die Chancen im Prozess schlecht stehen und es noch dazu um heikle Interna geht. Warum treffen sich dann Marie-Alix von Meiningen und Bilfinger am Donnerstag in Mannheim vor dem Landesarbeitsgericht wieder?
Bilfinger will nicht nur die Kündigung durchziehen, sondern bis zu 1,8 Millionen Euro von ihr. Das Geld für die Detektive, die nach Ansicht des Konzerns viel zu teuer waren. Und auch die knapp 157 000 Euro, die Dierlamm kassiert hat, mit gesalzenen Stundensätzen, die der Konzern bei ihm aber ganz normal findet. Meiningen soll das Gutachten bezahlen, mit dem der Konzern sie unter Druck setzt.
Warum also? Schweigeklauseln gelten nicht, wenn Staatsanwälte ermitteln. Noch immer ist Meiningen eine Frau, die zu viel weiß. Geht es darum, sie unglaubwürdig zu machen? Das "neue Bilfinger" will, muss sauber dastehen. Es lässt sich loben, lobt sich selbst. Für ein "inzwischen erstklassiges Compliance-System". Dafür, dass man "seit 2016 keine systematischen Compliance-Verstöße" mehr habe und jedem Verstoß konsequent nachgehe. Schluss mit früher, heute funktioniere die interne Warnanlage, ja, auch im Nahen Osten. Und im Dezember, da gibt man sich zuversichtlich, wird der Monitor ein gutes Zeugnis ausstellen und gehen.
Was aber, wenn Meiningen diesen Eindruck stört, vielleicht sogar zerstört? Wenn ein deutscher Staatsanwalt sie vernimmt oder ein US-Ermittler? Dann müsste sie reden. Über mutmaßliche Schmiergeldgeschäfte und wie die neue Bilfinger-Führung damit umgegangen ist. Da würde eine Verurteilung wegen Untreue helfen, Meiningen wie eine Frau aussehen zu lassen, der man nichts glauben kann. Und ihre Geschichte wie eine, die man sich genau so auch ausgedacht hätte. Ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Obwohl sie, soweit man das behaupten kann, offenbar wahr ist.
Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.
Von Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 25/2018
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