16.06.2018

Die Augenzeugin„Man ist ganz normal“

In Lübeck gibt es seit vorigem Jahr die Kulturtafel. Arme können als Kulturgäste kostenlos Konzerte besuchen, ins Theater oder in die Oper gehen. Susanne Kamin, 53, Hartz-IV-Empfängerin, hat sich anfangs geschämt – jetzt nutzt sie das Angebot regelmäßig.
•  "Vor sieben Jahren bin ich schwer erkrankt und konnte nicht mehr arbeiten. Ich lebe nun von Hartz IV. Theater- oder Konzertbesuche kann ich mir nicht leisten. Dabei bin ich sehr kulturinteressiert und ging, als ich noch als Arzthelferin gearbeitet habe, gern und regelmäßig in Museen, Theater oder zu Konzerten.
Im vorigen August habe ich dann von der Kulturtafel gehört. Anfangs habe ich mich nicht getraut. Ich dachte, da musst du dich als Hartz-IV-Empfängerin outen, und die Leute gucken dich komisch an. Das fällt mir schwer, deshalb lasse ich mich auch für diesen Beitrag lieber nur von hinten fotografieren.
Doch schließlich war die Lust, wieder mal ins Theater zu gehen, größer als Angst und Scham. Kristine Goddemeyer von der Kulturtafel hat mir dann alles erklärt. Jeder, der in Lübeck wohnt und ein geringes Einkommen hat, kann Kulturgast werden. Nicht benötigte oder zurückgegebene Karten werden von den Einrichtungen oder Privatpersonen gespendet und dann von der Kulturtafel vergeben. Der Kulturgast holt sie dann einfach an der Kasse ab. Sie sind auf seinen Namen hinterlegt, niemand muss sich als Hilfsbedürftiger ausweisen. Man ist ein ganz normaler Besucher.
Zwei Wochen später bekam ich dann den Anruf von der Kulturtafel: Karten für ein Stück in einem Lübecker Privattheater. Es war ein vergnüglicher Abend, und zum ersten Mal hatte ich nach Jahren das Gefühl, wieder am öffentlichen Leben teilnehmen zu können.
Seitdem bin ich regelmäßig Kulturgast, einmal im Monat habe ich Karten. Vorletzten Freitag war ich bei einem Klarinettenkonzert, davor im Theater bei einem Stück von Elfriede Jelinek, nicht gerade einfache Kost. Aber so bewegt man sich aus seiner eigenen Welt heraus und beschäftigt sich mit anderen Dingen. Es schafft eine gewisse Leichtigkeit im Kopf."
Von Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 25/2018
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