28.02.2000

NORWEGENAsche im Netz

Ein lebensmüder Norweger fahndete über das Internet nach Gleichgesinnten - und sprang dann gemeinsam mit einer jungen Österreicherin in den Tod.
Der junge Mann begann seinen Brief höflich und zurückhaltend: "Dies ist meine erste Post an diese Gruppe", schrieb der 25-jährige Daniel V. aus dem norwegischen Kongsberg in einem Internet-Forum; wenn seine Mitteilung deshalb womöglich "unpassend" sei, bitte er um Entschuldigung. Seine Nachricht, komplett auf Englisch verfasst, sei nämlich "nur für Leute bestimmt, die sich umbringen wollen. Wenn das nicht deine Absicht ist, kannst du hier aufhören zu lesen."
Wer sich davon nicht abschrecken ließ, erfuhr, dass der Norweger entschlossen war - "das ist keine plötzliche Entscheidung" - Selbstmord zu begehen. Mehr noch: "Auch wenn sich das für einige ein bisschen seltsam anhört, ich möchte es mit jemandem zusammen tun", schrieb er. "Alle ernst gemeinten Antworten" seien willkommen: "Schick mir eine Mail, und wir arrangieren das."
Das war am 9. Februar. Zehn Tage später war alles arrangiert; der Schreiber hatte eine Partnerin gefunden: Am vorvergangenen Wochenende sprangen Daniel V. und die 17-jährige Schülerin Eva D. aus dem österreichischen Steyr zusammen in den Tod. Sie stürzten sich vom 600 Meter hohen Felsen Prekestolen (Predigtstuhl) am Lysefjord, einer der beliebtesten Touristenattraktionen Norwegens. Deutsche Urlauber entdeckten die Leichen auf einem Felsvorsprung. "Selbstmord im Internet verabredet", meldeten die Agenturen.
Seitdem wissen schockierte Zeitungsleser, dass man im World Wide Web nicht nur nach gebrauchten Autos suchen kann, nach Aktienkursen oder schnellem Sex, sondern auch nach einem Gefährten für den Tod. "Subject: Suicide partner", hatte Daniel V. in maximaler Deutlichkeit über seinen Aufruf getippt; darüber blinkte vergangene Woche schon mal die Werbung eines Web-Portals: "Shop 'Til You Drop!", kauf bis du fällst - oder dich fallen lässt.
Wie oft in solchen Fällen blieb das Motiv des Paars rätselhaft. Selbstmord ist bei jungen Leuten nach Autounfällen die zweithäufigste Todesursache; in Deutschland töten sich pro Jahr rund 340 junge Menschen unter 20, Experten sprechen von einer hohen Dunkelziffer. Tod und Depression gelten als Leitmotive der Popkultur, die besonders Jugendliche faszinieren. So zog der Freitod des Rocksängers Kurt Cobain 1994 Selbstmorde junger Fans nach sich.
Im Fall von Daniel und Eva ließen sich bislang nur die letzten Tage rekonstruieren - nachdem die 19-jährige Norwegerin Vilje A., die sich auch auf die Netz-Anzeige hin gemeldet hatte und ursprünglich mit in den Tod springen wollte, zur Polizei gegangen war. Die junge Frau hat bereits mehrere Selbstmordversuche hinter sich, die sie im Internet dokumentierte.
Den Ermittlungen zufolge war der Sprung in den Abgrund per E-Mail-Dialog minutiös geplant: Die Österreicherin erzählte ihren Eltern, sie fahre zu ihrem Bruder nach Wien; tatsächlich setzte sie sich nach der Zeugnisvergabe am vorvergangenen Freitag in einen Zug nach Frankfurt und flog von dort nach Oslo, wo sie ihr neuer E-Mail-Freund - den sie noch nie zuvor gesehen hatte - bereits erwartete. "Ich zahle für dein Ticket", hatte er bereits in seinem Such-Aufruf versprochen. Gemeinsam flogen die beiden weiter nach Stavanger, dann ging es per Fähre über den Fjord nach Tau. Mit einem Taxi ließen sie sich zur Prekestol-Hütte am schneebedeckten Felsen chauffieren. "Es war nicht wie sonst, wenn zwei junge Menschen zusammen sind. Es war eine unheimliche Stimmung, aber keiner von denen schien Angst zu haben", erinnerte sich der Taxifahrer.
An ihre Eltern schickte Eva D. noch einen Abschiedsbrief. Die Ausrüstung der beiden Selbstmörder wurde später von einem Reiseleiter aus Hamburg entdeckt: ein Zelt, Schlafsack, Isomatten, Lebensmittel, Bierdosen, Handy, Kassettenrecorder. Die junge Frau schleppte auch ihre Schminktasche auf das Plateau; auf hochhackigen Schuhen und im langen Kleid kämpfte sie sich durch den Schnee. Am Ende ließ sie die Schuhe im Zelt stehen; vermutlich ging sie barfuß in den Tod. Die Fußspuren der beiden jedenfalls zeigten nur in eine Richtung - dem Abgrund entgegen.
Zynikern mag der norwegisch-österreichische Todessprung als Beleg für die völkerverbindende Wirkung des Internet dienen; tatsächlich verwundert eher, wie häufig Todeswillige über krude Web-Seiten weltweit Kontakt zu Gleichgesinnten aufnehmen. Selbstmordgruppen sind keine Seltenheit im Netz.
So hatte der Norweger seinen Aufruf geschaltet über die Freitod-Propaganda-Seiten von "alt.suicide.holiday", abgekürzt "a.s.h", Asche. Lebensmüde finden auf den mit Totenköpfen verzierten Seiten - nach der Warnung, es handele sich um eine "ernste Angelegenheit" - allerlei Rechtfertigungshilfen für den Selbstmord, dazu letale Tipps, "wie man sich effektiv erschießt" oder wie eine "Selbsttötung durch Kohlenmonoxid-Vergiftung" funktioniert.
"a.s.h" feiert sich selbst als "eine Kerze in der Dunkelheit"; wer des Englischen nicht mächtig ist, kann Teile der Website in deutscher Sprache lesen. Die Übersetzung ("Ich hafte für nichts") besorgte ein Helfer mit einem besonders einprägsamen Internet-Pseudonym: "Mr. Lebensekel". MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 9/2000
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