28.02.2000

IDOLEBomben statt Blumen

Geheimdienst-Posse um einen toten Popstar: Der Ex-Beatle und Friedensbarde John Lennon soll mit Geldspenden die IRA und Trotzkisten unterstützt haben.
Die Beatles haben sich schon lange in Schall und Rausch aufgelöst; übrig geblieben sind - nach der Ermordung von John Lennon 1980 - drei gealterte Multimillionäre und viele Legenden.
Am vorletzten Wochenende kam eine neue Geschichte dazu, eine ziemlich hässliche diesmal. Wenn sie stimmt, hat die Popwelt jetzt einen Heiligen weniger. "Lennon unterstützte die IRA", titelte vorvergangenen Sonntag der britische "Observer". Postum muss sich der Musiker den Vorwurf gefallen lassen, er habe unter anderem die IRA und britische Trotzkisten mit angeblich 45 000 britischen Pfund unterstützt. Heute entspreche diese Summe 400 000 Pfund, rechnete die "Sunday Times" vor, fast 1,3 Millionen Mark. Dass die IRA - sie hatte sich Anfang der siebziger Jahre gespalten in einen politischen Arm (Sinn Fein) und die bis heute aktive Untergrundarmee - dafür keine Blumen gekauft haben dürfte, liegt auf der Hand.
Friedensbarde Lennon, Schöpfer der Hippie-Hymne "Give Peace a Chance", als Großsponsor einer später mörderischen Vereinigung - wie viele Spendengeschichten klingt diese These so absurd, dass sie schon wieder stimmen könnte. Denn Lennons politische Überzeugungen waren stets mehr von Gefühlen als von Sachkenntnis geprägt ("Mir ist es egal, ob die Regierung
faschistisch oder kommunistisch ist"), seine Neigung zu symbolischen Aktionen ("Bed-In") war berüchtigt. Hinzu kam ein politisches Klima, das überall in der westlichen Welt die Staatsmächte in die Paranoia trieb.
Kein Wunder: In Deutschland spendete Anfang der siebziger Jahre der gelernte Bankkaufmann Tom Koenigs, später Grünen-Promi und heute Uno-Verwaltungsbeauftragter im Kosovo, sein Erbe ("Irgendwas zwischen 500 000 und fünf Millionen Mark") dem Vietcong sowie chilenischen Widerstandsgruppen; die Vietnamesen, so die Legende, bedankten sich immerhin mit einer Lampe. In England agitierte die Schauspielerin Vanessa Redgrave für die trotzkistische Workers'' Revolutionary Party und sympathisierte mit der PLO. Und in der feinen New Yorker Park Avenue gab der Stardirigent Leonard Bernstein eine Party zu Ehren der militanten Schwarzen-Organisation Black Panthers. "Ach, wie verzweifelt sie nach weißen Haushilfen für die Party gesucht haben", ätzte der Journalist Tom Wolfe.
Mag dieses zur Schau gestellte Engagement für die gut gemeinte Sache heute seltsam genug erscheinen, die Reaktionen des politischen Gegners waren es noch viel mehr. So wurde Lennon schon bald nach seiner Übersiedlung nach New York 1971 von der US-Bundespolizei FBI überwacht; FBI-Chef J. Edgar Hoover persönlich schrieb ans Weiße Haus, ein "früheres Mitglied der Gesangsgruppe Beatles" fördere ultralinke Gegner der Republikaner.
Vor allem Lennons Unterstützung radikaler Vietnamkriegsgegner erzürnte Hoover, aber auch, wie das FBI streng vermerkte, dass "das Subjekt" ein "starker Rauschgiftkonsument" sei. Hoovers Agenten folgten dem Popstar und seiner Frau Yoko Ono in irische Bars und zu Konzerten, schrieben neue Songtexte mit und recherchierten sogar, dass ein Lennon-Gefährte Diskussionen mit dem Ausruf "Right on" zu unterbrechen pflegte. Der Gefährte war ein Papagei.
Zu den Zielen des übereifrigen Staatsschützers Hoover zählte die Wiederwahl von US-Präsident Richard Nixon 1972 (erfolgreich) sowie Lennons Ausweisung aus den USA (gescheitert). Und noch eine Niederlage mussten die geheimniskrämerischen Bundespolizisten am Ende einstecken: Ihre Aktionen blieben nicht geheim. Nach 14 Jahren Rechtsstreit erkämpfte 1997 der kalifornische Geschichtsprofessor Jon Wiener die Herausgabe von Lennons FBI-Akte; Wiener machte jetzt ein Buch über diesen Fall von "Rock''n''Roll Watergate", Titel: "Gimme Some Truth"*.
Zehn Dokumente aus Lennons Akte hält das FBI allerdings nach wie vor unter Verschluss - weil sie Informationen einer "ausländischen Regierung" enthalten, deren Nachfolgerin bis heute Geheimhaltung wünsche. Gemeint ist die britische Regierung des früheren Freizeit-Rocksängers Tony Blair, denn auch der englische Geheimdienst MI5 hatte offenbar Lennon hinterhergeschnüffelt.
Der MI5-Aussteiger David Shayler will in einer Akte von Lennons IRA-Unterstützung gelesen haben - weitere Zeugen, die seine Version stützen, gibt es bislang nicht. Und auch das Bezirksgericht in Los Angeles, vor dem Buchautor Wiener auf Freigabe der letzten Lennon-Aktenstücke klagt, wartet noch auf Shaylers schriftliche Zeugenaussage. Doch nicht nur deshalb ist mit einer endgültigen Entscheidung in dieser Sache erst in einigen Jahren zu rechnen - auch das FBI hat gute Anwälte.
Bis dahin bleiben Widersprüche. Während Lennons Witwe Yoko Ono beteuert, ihr John habe "der IRA kein Geld gegeben", hält man bei der Sinn-Fein-Partei eine Spende des Ex-Beatles immerhin für "nicht unmöglich".
Deutlicher hat sich bislang nur John Lennon selbst geäußert: "Wenn ich die Wahl habe zwischen der IRA und der britischen Armee", erklärte der Musiker nach dem Massaker am nordirischen Blutsonntag 1972, "bin ich für die IRA." MARTIN WOLF, AXEL FROHN
* Jon Wiener: "Gimme Some Truth. The John Lennon FBI Files". University of California Press, Berkeley; 360 Seiten; 17,95 Dollar.
Von Martin Wolf und Axel Frohn

DER SPIEGEL 9/2000
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