30.06.2018

SommerDichterstrand

•  Wahrscheinlich überlegt sich Heiner Müller gerade, wie er verdammt noch mal in seine Badehose kommt, ohne das Rauchen zu unterbrechen. Er ist in Ahrenshoop am Strand, blickt mehr auf den Sand als aufs Meer hinaus, Bademantel über dem Arm, Haare im Wind, und denkt. Dichter am Strand wirken oft so, als hätte ihnen eine böse Sommermacht den Schreibtisch vor der Nase weggezogen, und jetzt stehen oder liegen sie hier etwas hilflos, ratlos, ungeschützt vor dem unheimlichen weiten Grau. Die "Zeitschrift für Ideengeschichte" hat in ihrer neuen Ausgabe Urlaubsbilder vom "Intelligenzbad Ahrenshoop" versammelt. Wo der Dichter und spätere Kulturminister der DDR Johannes R. Becher nach dem Zweiten Weltkrieg eine Künstlerkolonie zu gründen hoffte. Viele kamen. Hanns Eisler mit famosem Kugelbauch und grobem Strohtopf auf dem Kopf, Karl-Eduard von Schnitzler, der Mann, der später den "Schwarzen Kanal" moderierte, mit einem Hund namens Greif. In seinem Album hat Schnitzler ein "nicht vorzeigbares" Foto hinter einem Zensurzettelchen verborgen, auf das er schrieb: "Achtung! Nur für Damen! Herren werden gebissen!" Johannes R. Becher achtete darauf, dass in der örtlichen Bücherstube auch stets seine Werke vorrätig waren, und brachte seine Ehe durch eine Strandaffäre mit einer Bildhauerin in Gefahr. Als bei der ersten Sommerakademie Ernst Niekisch den versammelten Zuhörern ausgerechnet das Werk Ernst Jüngers empfehlen wollte, wurde Becher eisig: Man habe Jünger nicht zu Unrecht einen "mordgeilen Rilke" genannt. In aller Morgenfrühe trafen Seminarteilnehmer Becher nackt im Wald. Er "pflegte einen Kult um seinen Körper", hieß es. Nur Brecht habe man nie am Meer gesehen. Ein einziges Mal habe ihm jemand einen Klappstuhl auf die Dünen getragen, aber nach einer Minute habe er Klappstuhl und Dünen wieder verlassen. Zurück an seine Schreibmaschine. Der Mann wusste einfach: Dichter machen Urlaub am besten am Schreibtisch.
Von VW

DER SPIEGEL 27/2018
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