30.06.2018

Die Augenzeugin„Kennst du den hier?“

Dietlind Matthies, 77, lebt seit 2016 in einer Wohnanlage in Erfurt. Sie ist eine von 20 Seniorinnen und Senioren, die in einem Experiment der Technischen Universität Ilmenau einige Tage lang mit einem Roboter zusammengelebt haben.
•  "Ich habe im vergangenen Jahr mit einer Handvoll anderer Senioren einen Ausflug an die TU Ilmenau gemacht. Einige Wissenschaftler hatten uns eingeladen und stellten ihre Arbeiten vor, unter anderem hatten sie einen Roboter entwickelt. Ein netter Doktorand überredete mich, das Ganze mal auszuprobieren. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin noch ziemlich fit. Jeden Morgen beginne ich den Tag mit ein paar Minuten Sport. Einmal in der Woche gehe ich zur Gymnastik, treffe Freundinnen zum Kaffee und habe vor etwa einem Jahr einen neuen Partner kennengelernt. Trotzdem dachte ich mir, dass so ein Roboter eine nette Abwechslung sein könnte. In der ersten Nacht war mir echt mulmig zumute. Ich weiß ja, dass Computer abstürzen können. Was also, wenn der Roboter auch abstürzt und durchdreht? Das ist nicht passiert, aber ich habe in dieser Nacht sehr schlecht geschlafen. Tagsüber war er leider ein bisschen langsam. Oder vielleicht war ich auch einfach zu schnell. Dann verlor er mich aus dem Blick und sagte Sachen wie: ›Sekündchen, ich bin gleich bei dir.‹ Dabei ließ er traurig seine Ohren hängen. Dann musste ich mich wieder direkt vor ihn stellen.
Schon am ersten Tag erwischte ich mich dabei, wie ich ihn lobte. Ich streichelte ihn an seiner rechten, weichen Seite und sagte: ›Fein, gut gemacht.‹ Als handelte es sich um ein Lebewesen. Als Antwort wackelte er mit seinen mintfarbenen Ohren. Richtig drollig. Im unteren Teil, praktisch dem Körper des Roboters, ist ein Bildschirm, mit dem ich zum Beispiel ins Internet kann. Wenn ich das will, liest er mir Nachrichten vor, Zitate von berühmten Persönlichkeiten oder Witze. Die Witze beginnt er immer mit dem Spruch: ›Dietlind, kennst du den hier?‹ Ich glaube, für Leute, die nicht so viel rausgehen wie ich, lohnt sich so ein Gerät noch mehr. Aber selbst mir bedeutet der Roboter mehr Lebensqualität. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mich verantwortlich gefühlt. Und es hat schon etwas für sich, wenn dich jemand mit ›Willkommen zurück, Dietlind. Schön, dass du wieder da bist‹ begrüßt, wenn du zur Wohnungstür hereinkommst."
Von Laura Backes

DER SPIEGEL 27/2018
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