06.03.2000

NATURSTOFFEEdle Tücher aus dem Unkraut

Ein Öko-Stoffhändler aus dem Wendland will Brennnessel-Pflanzen für die heimische Textilproduktion anbauen. Schon bald sollen aus den juckenden Blättern modische Business-Hemden gefertigt werden.
Wenn Heinrich Kranz, 39, Muster des neuen Naturprodukts präsentiert, staunen seine Zuschauer: "Das brennt ja gar nicht auf der Haut." Fasziniert lassen sie das zarte Gewebe mit dem seidigen Glanz durch die Finger gleiten.
Das cremeweiße Tuch stammt nicht aus edlen Fasern wie Seide oder Flachs, sondern aus der Stängelrinde von Urtica dioica: der Großen Brennnessel. Dass die Mutter aller Unkräuter überall sprießt, vor allem da, wo man nicht mit ihr rechnet, weiß jedes Kind aus leidvoller Erfahrung. Doch jetzt will Kranz, Naturstoffhändler aus dem niedersächsischen Atomlandkreis Lüchow-Dannenberg, die allgegenwärtige Quaddelpflanze als Rohstoff für hochwertige Naturgewebe nutzen.
Möglichst bald will der rührige Kleinunternehmer seine "Stoffkontor Kranz AG" an die Börse bringen. Mit dem feinen, gleichzeitig aber strapazierfähigen und langlebigen Brennnesselstoff (Markenname: "Nettle") sollen Aktionäre angelockt werden, die auf Öko und Rendite gleichermaßen setzen.
Geht es nach dem Brennnessel-Fan aus dem Wendland, werden sich die ersten umweltbewussten Manager schon 2001 in hautschmeichelnden Business-Hemden aus Nettle zeitgemäß wohl fühlen - von Unkraut-Look keine Spur. Und wenn der Nesselanbau richtig in Schwung kommt, könnten sich bald auch Wellness-Freunde pestizidfrei unter Brennnessel-Bettzeug räkeln.
Der Preis soll sich deutlich unter dem vergleichbarer Naturstoffe aus Flachs oder Hanf und nur knapp über dem von Baumwoll-Produkten aus kontrolliert biologischem Anbau einpendeln. Die Lokalpresse des verträumten Landkreises an der früheren deutsch-deutschen Grenze pries das Brennnessel-Tuch bereits als "Weltneuheit aus dem Wendland".
Doch in Wahrheit ist die Idee, Textilien aus dem Allerweltsgewächs mit den ameisensauren Juck-Blättern zu weben, alles andere als neu. Jahrhundertelang diente die Quaddelpflanze als wertvoller Rohstoff zur Gewebeproduktion. An der Veredelung der wilden Nessel zu speziellen Fasernesseln tüftelten Generationen von Züchtern.
Schon der russische Mönch Nestorius (1056 bis 1113 nach Christus) schwärmte von prächtigen Gewändern, reißfesten Schiffs-Tauen und Segeln aus der heimischen "Gespinstfaser". Hier zu Lande versuchten sich Händler seit dem 15. Jahrhundert immer wieder im Aufbau einer Nesselgarn-Industrie. 1723 eröffnete in Leipzig die erste Manufaktur für Nesselzwirn - mit nur mäßigem Erfolg.
Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts lebte das Interesse an der heimischen Gespinstpflanze auf Grund einer Baumwollknappheit wieder auf. Wissenschaftler gründeten die "Nesselcommission", starteten in Rummelsburg nahe Berlin erste Anbauversuche und veröffentlichten umfangreiche Untersuchungen zur "Nesselkultur". Um 1900 galt in Heimarbeit gefertigtes Brennnessel-Tuch als das Leinen der armen Leute.
Als mit dem Ersten Weltkrieg die Baumwoll-Lieferungen aus dem Ausland ausblieben, gab es einen weiteren Versuch, die gemeine Brennnessel als heimischen Textilgrundstoff zu etablieren. Wegen des Faser-Mangels gründete sich 1917 in Berlin eine "Nessel-Anbau-Gesellschaft", brachte selbst rund 300 Hektar Nesseln aufs Feld und forderte die Bürger in öffentlichen Aufrufen zum freiwilligen Einsatz: "Sammelt Brennnesseln!"
28 Reichsmark für je "100 kg getrocknete Nesselstängel" bot die Gesellschaft den Sammlern, abzuliefern bei eigens eingesetzten Vertrauensmännern oder der "gemeinnützigen Kriegsgesellschaft". Die Aktion verlief im Sande, unter anderem weil es keine Textilfabriken für die industrielle Weiterverarbeitung gab.
Später lösten die Autarkie-Träume der Nazis neue Züchtungs-Aktivitäten aus. Rund 30 Sorten, einige mit attraktiven Fasergehalten von bis zu 14 Prozent, überdauerten Krieg und westdeutsches Wirtschaftswunder am Institut für Angewandte Botanik der Uni Hamburg. Doch jahrzehntelang interessierte sich niemand wirklich für die Brennnessel-Sorten aus brauner Vorzeit. Billige Baumwolle und Chemiefasern überschwemmten den Nachkriegsmarkt. Und die Landwirte waren mit der Nahrungsmittelproduktion ausgelastet.
Die Nesselpflanze als Faserlieferant geriet in Vergessenheit. Brennnessel wird heute vorwiegend als Rheumatee oder harntreibendes Mittel verwendet. Auch als Spinat-Ersatz oder Basis für schmackhafte Suppen kommen die Blätter der Juckpflanze gelegentlich auf den Tisch - neuerdings sogar von Spitzenköchen empfohlen.
Doch nun, schwärmt Stoffhändler Kranz, könnte das "phantastische Naturprodukt" helfen, aus Lüchow-Dannenberg mit seiner einzigartigen Mischung aus traditioneller Landwirtschaft und zugezogener Öko-Szene einen "Textilstandort" zu machen. Der ambitionierte Kleinunternehmer ("Ich will nicht mein Leben lang ein Krämer bleiben") entspricht so gar nicht dem Klischee vom verträumten Müsli-Mann, der mit Birkenstock-Sandalen, Rauschebart und realitätsfernen Visionen das Rad der Geschichte zurückdrehen will. Als Kunden hat Kranz, der seine Grundausbildung in der Textilabteilung eines großen Kaufhauses absolvierte, die wachsende Zahl von Zeitgenossen ausgemacht, die auf Schick und Chemiefreiheit gleichermaßen Wert legen.
Unterstützung erhält er von dem Hamburger Biologen Jens Dreyer, der in seiner Doktorarbeit kürzlich die Marktchancen der Fasernesseln untersucht hat. Sein Fazit: Auf Grund eines andauernden Trends zu Naturprodukten hält Dreyer mittelfristig einen Faserbedarf von rund 10 000 Tonnen jährlich für möglich.
Auch ökologisch wäre der Nesselanbau Dreyers Untersuchung zufolge sinnvoll: Für vormals intensiv genutzte landwirtschaftliche Flächen kämen Brennnessel-Kulturen, die nur einmal in 10 oder 15 Jahren neu gepflanzt werden müssen, einer Art Heilkur gleich. Überdüngte Böden würden gereinigt, weil die Nessel ihnen Nitrat und Phosphat entzieht. Und auf chemische Pflanzenschutzmittel kann verzichtet werden - der Schrecken der Schrebergärtner schützt sich selbst.
Ab Juni tritt Dreyer in die Stoffkontor Kranz AG ein. Mit seinem wissenschaftlichen Sachverstand an der Seite könnten sich die Aussichten der wendländischen Brennnessel deutlich verbessern. So darf der Biologe zwei ertragreiche Züchtungen aus dem "Hamburger Nesselsortiment" exklusiv nutzen. Auch hat Dreyer, der seit 1993 an Urtica dioica forscht, die Vermehrung der Zuchtpflanzen aus Stecklingen perfektioniert (eine Aussaat ist für den Massenanbau derzeit noch nicht ertragreich genug). Mit der Unterstützung seines Instituts sollen schon in diesem Jahr mehrere hunderttausend Mutterpflanzen keimen.
Größtes Hindernis war lange Zeit die Aufbereitung des getrockneten Nesselstrohs zu spinnfähigen Bastfasern. Rabiate mechanische Methoden führten meist zur Schädigung des Materials. Der "Aufschluss" mit Dampf oder moderneren Techniken wie Mikrowelle oder Ultraschall erwies sich als zu teuer. Neuerdings, versichert Dreyer, stehen für den ersten Schritt, die mechanische Trennung von Faserrinde und sonstigen Stängelbestandteilen, Maschinen zur Verfügung, die sich bei anderen Naturfasern wie Flachs oder Faserhanf bereits bewährt haben.
Vor allem aber soll künftig die traditionelle Feinreinigung der Rohfasern in kochender Natronlauge entfallen. Statt dieser chemischen Keule wollen Kranz und Dreyer das Gespinst im ökologischen Schonwaschgang mit Hilfe von Enzymen und Bakterien von seinen Reststoffen befreien. Die Details des Verfahrens, bemerkt Kranz einsilbig, seien "Betriebsgeheimnis".
Nicht nur technische Hürden waren zu nehmen, auch bürokratische. Dass es in diesem Jahr tatsächlich losgehen kann, entschied letztlich die EU-Bürokratie. Im Mai 1999 stimmte Brüssel dem Nesselanbau auf stillgelegten Ackerflächen zu. Landwirte können seither weiterhin die Stilllegungsprämien der Kommission kassieren - und sich gleichzeitig mit dem Nesselanbau ein Zubrot verdienen.
Als Kranz Anfang Januar die wendländischen Bauern über die ortsansässige "Elbe-Jeetzel-Zeitung" aufforderte, Flächen für den Nesselanbau zur Verfügung zu stellen, war die Resonanz denn auch überwältigend. "Wir haben nicht genug Pflanzen, um alle Interessenten zu befriedigen", berichtet der Stoffhändler.
Die Landwirte erhalten 200 Mark pro Tonne Nesselstroh - bei einem Ertrag, der im ersten Jahr kaum einige wenige Tonnen pro Hektar übertrifft, dann aber Jahr für Jahr auf rund zehn Tonnen anwachsen soll. Im Mai werden die Stecklinge auf Kosten der Stoffkontor AG erstmals in großem Stil und mit halbautomatischen Maschinen in den wendländischen Boden gebracht.
Die anvisierte Anbaufläche - höchstens 100 Hektar im ersten Jahr - werde den Bedarf potenzieller Abnehmer kaum befriedigen, klagt Kranz. Seit er seine Stoffmuster auf Fachmessen präsentiere, sei die Produktion "auf Jahre im voraus vergeben". GERD ROSENKRANZ
Von Gerd Rosenkranz

DER SPIEGEL 10/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

NATURSTOFFE:
Edle Tücher aus dem Unkraut

  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All
  • Amateurvideo: Der Marsch der blauen Raupen
  • Stromausfall in Venezuela: Regierung spricht von "elektromagnetischem Angriff"