06.03.2000

GEIGER„Wir werden oft verführt“

Der lettische Violinist Gidon Kremer über Tangomania und Vivaldi-Boom, echte und falsche Gefühle im Konzert und über die Förderung des Nachwuchses
Kremer, 53, wurde im lettischen Riga geboren und gewann 1970 in Moskau den renommierten Tschaikowski-Wettbewerb. Seitdem gastiert er in der ganzen Welt. Kremer lebt in Paris und in der Schweiz. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Kremer, Sie werden seit Jahrzehnten auf der ganzen Welt als herausragender Geiger der klassischen und modernen Literatur gefeiert. Dann verfielen Sie plötzlich dem Tango-Fieber.
Kremer: Moment. Ich bin nicht dem Tango verfallen, ich habe seit fünf Jahren eine Liebesgeschichte mit Astor Piazzolla, der nun mal Tangos geschrieben hat.
SPIEGEL: Für Ihr neuestes Platten- und Konzertprojekt "Eight Seasons" haben Sie nun Vivaldis überaus populäre und dutzendfach eingespielten "Vier Jahreszeiten" mit vier Kompositionen Piazzollas verknüpft. Tango meets Barock, war das die Idee eines Marketing-Managers?
Kremer: Ich bitte Sie, damit hat es überhaupt nichts zu tun. Ich hatte schon vor 15 Jahren die Idee, Vivaldis "Jahreszeiten" mit Stücken von zeitgenössischen Komponisten zu konfrontieren. Nicht, weil Vivaldi nicht für sich selber stehen kann, sondern weil ich ihn in einen modernen Kontext stellen will. Ich spiele nun mal gern Musik von toten und lebenden Musikern.
SPIEGEL: Aber die lebenden haben Ihnen nichts geliefert?
Kremer: Ich hab's versucht und so bedeutende Künstler wie Alfred Schnittke, Arvo Pärt und Luigi Nono angesprochen, in der Hoffnung, dass sie sich für das Thema "Jahreszeiten" interessieren. Und dann fand ich plötzlich heraus, dass Piazzolla vier Stücke geschrieben hatte, die sich auf die "Jahreszeiten" beziehen. Und die spielen wir, das Orchester Kremerata Baltica und ich, nun abwechselnd mit Vivaldi.
SPIEGEL: Können die Stücke des Argentiniers Vivaldis größtem Hit tatsächlich noch einen zusätzlichen Kick verpassen?
Kremer: Es mag lächerlich klingen, aber es ist ein neues Werk entstanden - zum Teil dank der Instrumentierung des Komponisten Leonid Desjatnikow aus St. Petersburg. Im Konzert zündet Piazzolla meistens zuerst. Da brandet spontan Beifall auf. Und der Funke überträgt sich auf die Stücke von Vivaldi und ermöglicht dem Publikum einen frischen Zugang zu seiner Musik.
SPIEGEL: Wollen Sie mit dem Projekt klassische Musik populärer machen?
Kremer: Nein, überhaupt nicht. Ich kann verstehen, dass sich die "Eight Seasons" anhören wie ein Paradebeispiel für das modische Crossover, diesen Mix aus verschiedenen Stilen und Gattungen, aber damit hat es absolut nichts zu tun. Crossover halte ich in der Tendenz für gefährlich. Da soll etwas Billiges aufgewertet werden, und etwas Kostbares soll verbilligt werden. Aber Vivaldi und Piazzolla benötigen keine Aufwertung. Die Qualität geht bei Crossover zu Gunsten der Quantität verloren. Es wird den Leuten sehr bequem gemacht. Klassik und Pop, serviert wie auf einem Plastiktablett.
SPIEGEL: Gehören solche Veranstaltungen wie die Großauftritte der drei Tenöre denn auch zur musikalischen Wegwerfware?
Kremer: Sicher. Sehen Sie, als ich vor über fünf Jahren Piazzolla für mich entdeckte und die Platten ganz gut gingen, bemühten sich andere Kollegen von mir plötzlich auch um ihn. Aber nicht wegen Piazzollas Genie, sondern des Umsatzes wegen. Es gibt unheimlich viele Aufnahmen auf dem Markt, aber wenige, die den Sinn seiner Musik wiedergeben.
SPIEGEL: Und Sie vermitteln den?
Kremer: Ich kann mich nicht beurteilen und weiß nicht, ob es ein Vorwurf oder ein Kompliment ist, wenn Kritiker behaupten, ich spielte Piazzolla wie Mozart.
SPIEGEL: Was mögen Sie denn so am Mozart des Tangos?
Kremer: Ich schätze an ihm die Ehrlichkeit und die Unverwechselbarkeit. Immer wenn ich in Buenos Aires war, ging ich in ein Tango-Lokal, und immer gab es Stücke, die ich sofort als Piazzolla-Kompositionen erkannte. Das war ganz einfach. Und außerdem hat er etwas von Schubert.
SPIEGEL: Ein feuriger Lateinamerikaner, verwandt mit dem Wiener Romantiker?
Kremer: Es mag gewagt klingen, sicher, aber Piazzollas Traurigkeit ist der Schuberts sehr ähnlich. Selten hat ein Komponist Traurigkeit so exakt aufs Notenpapier gebracht wie Piazzolla. Das ist keine gemachte, ausgeklügelte Musik, es ist ehrliche, tief empfundene Musik.
SPIEGEL: Ist Ehrlichkeit eine praktikable Kategorie für Musik?
Kremer: Und wie. Mauricio Kagel hat mal treffend gesagt: "Es gibt Musik, die Komponisten für Komponisten komponieren." Ich dagegen begreife Musik als eine Sprache der Gefühle. Der Komponist verkennt seine Aufgabe, diese Emotionen einzufangen, wenn er mit mathematischen Formeln und einem Gerüst aus Können und Wollen die Abwesenheit seiner Gefühle versteckt.
SPIEGEL: Sind denn Gefühle das Höchste in der Musik?
Kremer: Natürlich. Es gibt auch billige Gefühle, die können zwar auch ehrlich sein, sind aber oberflächlich. Sagen wir es am Beispiel Piazzolla: Es gibt wenige Musiker, die ihn lieben, aber viele, verführt durch die Tango-Welle, die mit ihm flirten. Ein Flirt kann auch ganz amüsant sein, das will ich gar nicht abstreiten, aber man kann das nicht mit einer brennenden Leidenschaft vergleichen. Manches wird als "Tango Pasión" verkauft, es steckt aber keine Passion dahinter. Es ist nur Tango-Kalkül.
SPIEGEL: Kann das ein Konzertbesucher merken?
Kremer: Ich denke schon. Das ist wie beim Kino. Man spürt doch, ob ein Film kalkuliert ist und auf bestimmte Nervenzentren des Zuschauers drückt oder ob ein Werk nicht so glatt ist und eine echte Aussage hat.
SPIEGEL: Viele Zuschauer mögen doch gerade die billigen Gefühle, den Kitsch. Das ist doch eine legitime Flucht ins Seichte, oder?
Kremer: Masse ist kein Maßstab für Kunst. Wir werden sehr oft dazu verführt, billig zu handeln, zu fühlen und zu denken. Das ist halt sehr bequem. Das gibt es im gesellschaftlichen Leben und nennt sich dann vielleicht Small Talk, und das gibt es in der Musik auch - unehrliche Aufführungen.
SPIEGEL: Und die richten tatsächlich Schaden an?
Kremer: Man merkt das erst, wenn ein richtiger Künstler kommt, dass man sich mit weniger zufrieden gegeben hat, als möglich gewesen wäre, sei es aus Bequemlichkeit oder aus Verführung.
SPIEGEL: Wie offenbart sich der wahre Künstler dem Laien?
Kremer: Ich nenne mal zwei, den belgischen Chansonnier Jacques Brel und die Sopranistin Maria Callas. Bei beiden hat man gespürt, dass sie sich auf der Bühne verbrannten, dass sie voller Hingabe waren. Und diese Einstellung versuche ich auch in meine jungen Musiker von der Kremerata Baltica zu verpflanzen, mit denen ich im Mai wieder auf Deutschland-Tour gehe.
SPIEGEL: Wieso haben Sie dieses Kammerorchester gegründet?
Kremer: Weil ganz junge Musiker wacher, anspruchsvoller und unverdorbener sind als ältere. Vor drei Jahren habe ich sie ausgewählt in den drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, da waren die meisten noch auf dem Konservatorium. Ich bin der Initiator und in jedem Konzert der Solist und manchmal auch der Konzertmeister. Ich kenne kein anderes Orchester, das so spontan und musizierfreudig ist wie die Kremerata Baltica.
SPIEGEL: Und was bringen Sie dem Nachwuchs bei?
Kremer: Sie wissen, wenn sie mit mir spielen, müssen sie auf Überraschungen gefasst sein, und wenn sie mir dann mit Überraschungen antworten, dann freut es mich umso mehr.
SPIEGEL: Und Sie geben die Richtung vor?
Kremer: Nein. Ich versuche, Persönlichkeiten zu fördern. Alles, was keine Merkmale einer Persönlichkeit hat, empfinde ich als falsch. Ich habe Angst vor allem, was vorgeschrieben ist. Ich habe, wie Albert Einstein, Angst vor Schulen, das hängt sicher damit zusammen, dass ich so lange in der UdSSR unter einem totalitären Regime gelebt habe. Alles, was ich erreicht habe, kommt nicht dank einer Schule, sondern trotz einer Schule. Und deshalb bin ich wohl so persönlichkeitssüchtig.
SPIEGEL: Sie haben in Moskau bei der Geigenlegende David Oistrach studiert. War er ein Schul-Meister?
Kremer: Er ließ uns die Freiheit, eigene Wege zu gehen. Heute wird zu oft alles auf ein Erfolgskonzept zugeschnitten. Es ist alles so glatt geworden. Ein russischer Dichter hat mal gesagt: Habe Angst vor dem, der weiß, wie es sich gehört. Mir geht es nicht um die Quantität. Ich habe zwar viele Piazzolla-Platten verkauft, aber wenn ich daran denke, wie viele Platten eine Vanessa-Mae abgesetzt hat ...
SPIEGEL: ... ist die jugendliche Model-Geigerin, die auch schon mal im nassen T-Shirt posierte, für Sie überhaupt eine Kollegin?
Kremer: Sie ist eine begabte Geigerin, die ihr Talent verschwendet, weil sie es sich und den anderen zu einfach macht. Es ist nicht zu bestreiten, dass sie, genauso wie Nigel Kennedy ...
SPIEGEL: ... der Ex-Punk der Violine ...
Kremer: ... zu den begabten Leuten gehört. Aber wie sie mit diesem Talent umgehen, tut mir weh. Und wenn die Platten Millionen Menschen kaufen, tut es sogar noch mehr weh. Begabung ist etwas Bewundernswertes. Leider neigen begabte Künstler oft dazu, weniger zu arbeiten, als sie könnten. Wenn man seine Begabung allzu schnell verkauft, dann wird sie immer schwächer, weil das Nachtanken fehlt. Und die Plattenindustrie ist eben sehr gefräßig.
SPIEGEL: Sie verlangen allerhand von der Jugend.
Kremer: Es gibt phantastische junge Geiger. Aber man muss sich bei jedem Künstler fragen, was ist das Neue, das Anregende, das Erfrischende? Und viele liefern keine neue Interpretation eines Werkes, sondern eine gut nachgeahmte alte. Ist es nicht seltsam, dass die hoch begabte Geigerin Hilary Hahn in einem Radio-Interview ihre Arbeitsmethode so beschrieb: "Ich höre mir Aufnahmen von Kollegen an und übernehme das Beste davon."
SPIEGEL: Sind Sie da nicht reichlich streng?
Kremer: Nein. Jede Nachschöpfung muss wie die Schöpfung selbst eine Handschrift haben. Ich muss meinen Lehrer Oistrach zitieren. Der sagte immer über den fabelhaften mexikanischen Kollegen Henryk Szeryng: "Weißt du, Gidon, immer wenn ich im Rundfunk einen fabelhaften Geiger höre, den ich nicht erkenne, dann stellt sich nachher heraus, dass es Szeryng war." INTERVIEW: JOACHIM KRONSBEIN
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 10/2000
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