08.09.2018

Der Augenzeuge»Ich kenne jedes Feld«

Luftbildarchäologen fahnden aus dem Flugzeug nach archäologischen Stätten am Boden. Einer von ihnen ist Ronald Heynowski. Hier erklärt er, warum die Dürre in diesem Sommer ein Segen für seine Arbeit war.
•  »In meiner Arbeit tue ich vor allem eins: Ich beobachte. Meine Aufgabe ist es, unterirdische, sonst nicht sichtbare archäologische Strukturen zu entdecken – und zwar aus der Luft. Seit 17 Jahren fliege ich deswegen für das Landesamt für Archäologie über Sachsen und suche Stellen, die auf eine prähistorische oder mittelalterliche Nutzung hinweisen.
Wie kann ich unterirdische Strukturen aus der Luft erkennen? Am Pflanzenwuchs. Viele menschliche Aktivitäten hinterlassen Spuren im Boden. In prähistorischen Zeiten haben unsere Vorfahren beispielsweise Gruben ausgehoben – um Lebensmittel aufzubewahren oder um die Toten zu bestatten. Im Lauf der Zeit haben sich diese Gruben wieder mit Erde gefüllt. Erde, die oft feiner war und deswegen mehr Wasser aufnehmen konnte.
An Stellen, an denen früher eine Grube war, ist der Boden heute also etwas feuchter. Die darüber wachsenden Pflanzen können sich besser mit Nährstoffen versorgen, wachsen schneller, und ihre Vegetationsperiode verlängert sich. So kommt es bei benachbarten Pflanzen zu unterschiedlichen Wuchshöhen und Farben. Und die Grundrisse der vor Jahrtausenden ausgehobenen Gruben werden wieder sichtbar.
Dieser dürre Sommer war deshalb so besonders für die Luftbildarchäologie, weil die Trockenheit die unterschiedlichen Ausprägungen benachbarter Pflanzen verstärkt hat. Die Kontraste waren schärfer und unsere Beobachtungen deswegen detaillierter. Unsere spektakulärste Neuentdeckung in diesem Sommer war eine Reihe von Grabstätten, die aus der Bronzezeit stammen.
Die Beobachtungen mache ich aus einem Ultraleichtflugzeug. Gemeinsam mit einem Piloten fliege ich während der Sommermonate in einer Höhe zwischen 200 und 500 Metern über die Felder. Die Türen sind herausmontiert, damit ich besser fotografieren kann. Deswegen pfeift uns der Wind um die Ohren, und manchmal ist es bitterkalt. Ich habe noch nie so gefroren wie in diesem Flugzeug. Mein Job macht mir aber trotzdem großen Spaß. Und ich glaube, mittlerweile kenne ich jedes Feld in Sachsen. Auf Flüge nehme ich gar keine Karte mehr mit – ich weiß ständig, wo ich bin.«
Von Aufgezeichnet von Gregor Becker

DER SPIEGEL 37/2018
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Der Augenzeuge:
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