08.09.2018

BriefeNicht so schlecht wie sein Ruf

Nr. 36/2018  Sachsen – Wenn Rechte nach der Macht greifen
»Hass und Gewalt dürfen sich nicht breitmachen. Respekt und Dialogbereitschaft sind der einzige Weg, damit die Demokratie nicht in Gefahr kommt.«
Rainer Szymanski, Grünheide (Brandenburg)
Es stimmt: Sachsen hat ein Problem. Doch mit diesem Titelbild schüren Sie weitere Ressentiments, sowohl bei den Menschen, die hier leben, als auch bei jenen, die von außen auf das Land schauen.
Florian Mayer, Dresden
Abgesehen davon, dass mit Ihrem aktuellen Titelbild ein gesamtes Bundesland pauschal verurteilt wird, frage ich mich, was die Darstellung in Frakturschrift bewirken soll? Ausgerechnet die Schrift, die nach mehreren Jahrhunderten deutscher Kulturgeschichte 1941 per Erlass von den Nationalsozialisten verboten wurde, soll nun zum Erkennungszeichen für eine rechte Gesinnung gemacht werden? Diesen Zusammenhang verstehe ich nicht.
Ramona Jahnke, Wolmirstedt (Sachs.-Anh.)
Meine Familie und ich sind langjährige SPIEGEL-Leser und wohnen in Chemnitz. Es hat (nicht nur) mich erschüttert, dass so einseitig-braun über Sachsen berichtet wurde, nämlich als seien wir eine wilde Horde von Nazis, Rechten und irregeführten Bürgern, und alle »Auswärtigen« müssen sich jetzt fürchten, in dieses Land zu kommen. Frau Merkel hat zwei Kulturen aufeinanderprallen lassen und dann die Bevölkerung im Regen stehen lassen. Das ist die Ursache für diese Wut und nicht irgendwelche Befindlichkeiten der Bevölkerung im Osten.
Rita Walther, Chemnitz
Was zurzeit an einigen Orten abläuft, ist erschreckend. Man schämt sich manchmal, Deutscher zu sein. Ich bin nicht stolz, Deutscher zu sein, weil ich für meine Herkunft nichts kann. So wie Milliarden andere Menschen sich ihren Geburtsort auch nicht aussuchen konnten. Oder ihre Hautfarbe. Aber ich bin stolz darauf, deutscher Staatsbürger zu sein und in diesem Land leben zu dürfen. Einem Land, das viel Elend über die Menschheit gebracht, sich seiner Geschichte aber angenommen hat. Ein Grundgesetz und eine Verfassung geschaffen hat, um die uns die Welt beneidet und Respekt zollt. Doch wenn man jetzt bestimmte Menschen schreien und pöbeln hört, wird einem ganz anders. Wenn sie das Deutschland bekämen, nach dem sie schreien, würden sie wohl ganz schnell mundtot gemacht. Diese ach so guten Deutschen machen mir wirklich Angst. »Wehret den Anfängen« ist keine Floskel!
Günther Eickmeyer, Bielefeld
Sachsen ist nicht so schlecht wie sein Ruf. Als Erklärungsansatz: Die Gesellschaft war zu DDR-Zeiten eine geschlossene – ohne Kontakt zum Islam –, zudem haben sich die Ostdeutschen nach der Wende oftmals als Deutsche zweiter Klasse verstanden. Auf die »blühenden Landschaften« wird bis heute gewartet. Die sozialen Ängste sind im Osten doppelt so groß. Nach der Euphorie von 1989 und 1990 folgte die Ernüchterung. Nicht die deutsche Einheit an sich wird kritisiert, sondern die Art ihres Zustandekommens.
Dr. Jürgen Schöfer, Manila (Philippinen)
Mit dem berechtigten Entrüstungssturm aller Demokraten kann man Rechtsextreme bekämpfen. Allerdings kann man auch den Rückenwind des demokratischen Imperativs nutzen, um die Gegner der Flüchtlingspolitik in die rechte Ecke zu stellen. Das erspart das Zuhören und das Anpacken von Problemen. Es erspart, die Sorgen ernst zu nehmen, und vor allem, wirklich etwas zu ändern.
Rüdiger Lüttge, Altlandsberg (Brandenb.)
Während des Lesens wurde mir als »besorgter Bürgerin« auf der gegenüberliegenden Seite ganz anders. Dass die Polizei Migranten nach Hause schickt aufgrund der brenzligen und gefährlichen Lage auf der Straße, dass ausländische Studenten sich nicht trauen, zur Uni zu gehen, und dass Tänzern geraten wird, nicht allein durch die Stadt zu laufen, hört sich für mich sehr nach 1933 an, was ich beängstigend finde. Da kann man sich als Nichtdeutscher und als Andersdenkender nur glücklich schätzen, nicht in diesem Bundesland leben zu müssen, in der Hoffnung, dass dieser Rechtsextremismus nicht auf andere Bundesländer überschwappt.
Hatun Aktas, Müllheim (Bad.-Württ.)
Schweigeminuten wie die von Ministerpräsident Michael Kretschmer und Beileidsreisen wie die der Familienministerin Franziska Giffey sind einerseits ein wichtiges Zeichen der Anteilnahme. Andererseits bestätigen sie die verzerrte Wahrnehmung der Verängstigten. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Deutschen getötet zu werden, ist um ein Vielfaches höher als die, einem Migranten zum Opfer zu fallen. Das eine ist aber höchstens ein Thema für die Lokalpresse, das andere wühlt gleich die ganze Nation auf. Warum fürchten sich die Deutschen nicht auch vor den Deutschen? Warum ist es schlimmer, von einem Migranten ermordet zu werden als von einem Deutschen?
Rainer Hüls, Hamburg

DER SPIEGEL 37/2018
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