08.09.2018

JapanDie letzten Dinge

Wer wissen will, wie der demografische Wandel auch Deutschland verändern kann, muss nach Japan schauen. In seinem neuen Buch beschreibt SPIEGEL-Korrespondent Wieland Wagner, 59, den »Abstieg in Würde«.
Wenn ich aus meiner Wohnung in Tokio gehe, begegne ich auf der Straße überall hochbetagten Menschen. In Taxis und Bussen sitzen Greise hinter dem Lenkrad. Pakete werden bis spätabends von alten Menschen ausgeliefert, und auch mein Friseur ist sehr alt. Aber er beklagt sich nicht, dass er im Rentenalter noch arbeiten muss. Japaner werden dazu erzogen, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Und kaum eine andere Industrienation altert und schrumpft so schnell wie Japan. Im Fernsehen wird bereits darüber diskutiert, die Definition von »alt« von 65 auf 70 oder gar 75 Lebensjahre anzuheben. Private Gespräche drehen sich immer häufiger um »Shukatsu«, frei übersetzt: die »Vorbereitung auf die letzten Dinge«. Das Geschäft mit dem Tod ist eine der letzten Wachstumsbranchen in Japan. Die Suche nach einer Grabstätte wird selbst von relativ jungen Menschen so eifrig betrieben wie von früheren Generationen der Hauskauf. Im beengten Tokio besonders im Trend: Massen-Ruhestätten, die von außen wie Parkhäuser aussehen. Dort können Hinterbliebene die Urnen jederzeit per Knopfdruck von Maschinen auf einen Altar hieven lassen, um davor zu beten. Anfangs staunte ich darüber, mittlerweile finde ich die Entwicklung bedrückend. In meinem Lieblingsrestaurant sind die Nudelportionen um ein Drittel geschrumpft, weil der Appetit von Senioren nachlässt. In meiner Nachbarschaft stehen Häuser leer, weil die Bewohner gestorben sind. In der Ladenzeile schließt ein Geschäft nach dem anderen. Erst verschied der alte Uhrmacher. Nun bange ich um den Bäcker, der wohl um die 100 Jahre alt ist. Seine Haare sind so weiß wie sein Mehl. Aber er darf nicht aufhören, er wird noch gebraucht. Auch von mir.
Wieland Wagner: »Japan – Abstieg in Würde. Wie ein alterndes Land um seine Zukunft ringt«. DVA; 256 Seiten; 20 Euro.

DER SPIEGEL 37/2018
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