08.09.2018

OstpolitikFortgesetzte Vermenschlichung

Der Einmarsch der Sowjetarmee in der Tschechoslowakei war naturgemäß ein herber Rückschlag für die bundesdeutsche Entspannungspolitik – Moskau stand wieder als der Hort des Bösen da, die kalten Krieger frohlockten. Doch Außenminister Willy Brandt mochte den von ihm propagierten Wandel durch Annäherung keineswegs aufgeben.
Franz Josef Strauß zögerte nicht lange, um die Entspannungspolitiker unisono als »Herz- und Gehirnverpflanzer« zu beschimpfen, die nicht lernen wollten, dass man die Sowjetführung nicht nach westlichen Maßstäben beurteilen könne. Für den bayerischen Bundesfinanzminister war klar, dass der Kreml die neugewonnene »strategisch wichtige Position Böhmens« über kurz oder lang als »Ausfallpforte nach Westen für die militärische Endlösung der Europafrage im russischen Sinne« nutzen würde, mit anderen Worten: Der Überfall der Roten Armee stand bevor. Der CSU-Vorsitzende nutzte den Einmarsch in Prag, um einmal mehr gegen den Atomwaffensperrvertrag zu wettern, jenem »Super-Jalta«, der die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen verhindern sollte. Angesichts der Bedrohung aus Moskau könne die Bundesrepublik keinesfalls – wie von Brandt geplant – auf Atomwaffen verzichten.
»Wie sie kuschen«, verhöhnte die »Bild am Sonntag« die Verfechter des Wandels durch Annäherung. So wie Springers Blätter wieder mit Genuss in den Kalten Krieg zogen und der »Sowjetbestie« in Karikaturen bluttriefende Klauen verpasste, so drang durch die »Ritzen des Unterbewusstseins« die »Zirkusmusik der alten Kameraden«, wie SPIEGEL-Chef Rudolf Augstein dichtete.
Kaum weniger aggressiv als die Antikommunisten attackierten auch die russischen Kommunisten die Bonner Ostpolitik. Die Bundesrepublik solle endlich aufhören, »Diversanten und Konterrevolutionäre innerhalb des Ostblocks« zu unterstützen, so Sowjetbotschafter Semjon Zarapkin, und stattdessen umgehend die DDR samt Oder-Neiße-Grenze anerkennen. Radio Moskau warf Kanzler Kiesinger eine »verbrecherische hitlerische Expansionspolitik« vor, Westdeutschland habe die ČSSR als »Korridor für die Bundeswehr« benutzen wollen, schimpfte die »Prawda«.
Auch wenn Westdeutschland im Falle der tschechoslowakischen Reformbewegung eine konsequente Nichteinmischung betrieben hatte, war es natürlich zu verlockend für die Moskauer KP-Führung, Deutschland-West Schuld an der militärischen Eskalation zuzuschieben. Es war gerade mal 30 Jahre her, dass Hitler die Tschechoslowakei zur bedingungslosen Abtretung aller sudetendeutschen Gebiete gezwungen hatte, wie der SPIEGEL in seiner Titelgeschichte erinnerte. Zwar hatte die Bundesregierung anerkannt, dass das Münchner Abkommen über die Annektierung nicht mehr gültig war, aber auch 1968 hielt eine zwar kleine, aber lautstarke westdeutsche Minderheit – allen voran die Vertriebenenverbände – an der Rechtsgültigkeit des Abkommens fest. Noch immer gab es keine offizielle Anerkennung der polnischen Westgrenze, noch immer keine Anerkennung der DDR – Westdeutschland blieb für den Kreml der ideale Schurke.
Attackiert von Konservativen und Kommunisten gleichermaßen behielt Außenamtschef Brandt den eingeschlagenen Kurs dennoch bei: »Das Ziel, unser Verhältnis zu Osteuropa zu normalisieren«, sei nicht dadurch falsch geworden, dass die Sowjetunion in der Tschechoslowakei einmarschiert war, erklärte Willy Brandt im SPIEGEL-Gespräch.
Aber könne man denn, wandte Redakteur Hans-Roderich Schneider ein, nach der offenen Gewaltanwendung weiter auf der Basis des gegenseitigen Gewaltverzichts verhandeln? Nun, das sei in der Tat ein Punkt, »bei dem man in Gefahr gerät, bei den eigenen Landsleuten sich zu disqualifizieren, weil man als jemand erschiene, der nicht die harte Wirklichkeit dieser Welt kennt«, gestand der SPD-Vorsitzende ein. Dennoch: Was wäre denn aus uns Deutschen geworden, »wenn man nur gesagt hätte: Mit den Deutschen kann man nicht reden«, weil sie »so viel Unglück über die Welt gebracht haben«.
Nun komme es nicht darauf an, möglichst starke Worte zu gebrauchen, wird Brandt ganz realpolitisch, sondern »das, was man will, einzubetten in Interessen, die möglichst viele andere auch haben«. Noch immer gehe es darum, »das was ist, im Interesse und im Einvernehmen der Beteiligten zu verbessern, zu vermenschlichen und damit nach vorn zu bewegen«.

DER SPIEGEL 37/2018
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