10.10.2018

MACHTFRAGEN II  So. Geht. Es. Nicht

Vor 25 Jahren wurde die erste Ministerpräsidentin gewählt, seit 13 Jahren ist Angela Merkel Bundeskanzlerin. Was hat sich verändert? Gibt es eine weibliche Form des Regierens? Antworten von einem Mann und sechs Frauen, die es wissen müssen. Von Marc Hujer
An einem jener Tage mit mehr als 30 Grad im Schatten betritt Anton Hofreiter die Cafeteria des Bundestags in Berlin, eilt auf dem Weg zur Terrasse am Tresen vorbei, bestellt einen frisch gepressten Orangensaft und einen Erdbeerbecher mit Sahne, trinkt den Saft, löffelt den Becher aus und sagt, als der Kellner wieder vor ihm steht und wissen will, ob er noch etwas bringen darf: »Ich glaub, ich hätt gern einen Kamillentee.«
Hofreiter wartet, bis der Kellner verschwunden ist. Er hat das Gefühl, dass er seine Bestellung erläutern muss. »Ich hab für viele Leute 'ne ungewöhnliche Leidenschaft«, sagt er. »Ich trinke gern Kamillentee. Kamillentee schmeckt mir wirklich.«
Es gibt ein klares Bild davon, was klischeehaft männlich ist. Füße hochlegen gehört dazu. Im dicken Dienstwagen vorfahren. Zigarre rauchen. Bodyguards haben. Kamillentee gehört nicht dazu.
Anton Hofreiter passt nicht ins Muster. Er ist nett, freundlich, manchmal beinahe niedlich, ein Mann, der über südamerikanische Inkaliliengewächse promoviert hat und sich für die aussterbende Art schwimmender Hausschweine begeistern kann.
Männer wie er wurden früher belächelt, sie galten als nicht hart genug für die Politik, als ungeeignet für das gnadenlose Geschäft des Regierens. Aber Hofreiter ist heute nicht nur ein prominentes Gesicht in Berliner Politikerkreisen, er hat es zum Fraktionschef der Grünen im Bundestag geschafft, ein Amt mit Ansehen und Einfluss.
Männliches Regieren, im klassischen Sinn, lebt von Statussymbolen, von Machtdemonstrationen, es ist protzig, laut, selbstgefällig, paternalistisch.
Seit 13 Jahren regiert Angela Merkel die Bundesrepublik Deutschland, als erste Frau nach sieben Männern in Folge. Merkel verkörpert in vielerlei Hinsicht das Gegenteil ihres Vorgängers Gerhard Schröder, des Prototyps männlichen Regierens.
Merkel ist nicht laut, sondern leise, sie ist sachlich, nüchtern, bescheiden, unprätentiös, dennoch bestimmt, und wenn sie etwas durchsetzt, dann auf genau diese Art.
Was Angela Merkel macht, ist das weibliches Regieren?


Manuela Schwesig, 44, SPD

Frau Schwesig, was haben Sie mit Frau Merkel gemein?
Schwesig: Dass mir Statussymbole nicht so wichtig sind.
»Es wäre schön, wenn Sie ins Schweriner Schloss kommen könnten.« So steht es in der Mail, mit der der Pressesprecher Ort und Zeit des Gesprächs festgelegt hat. »Schloss« klingt ein wenig prätentiös im ersten Moment, aber jeder, der sich in der mecklenburg-vorpommerischen Politik auskennt, weiß, dass im Schloss der Landtag zu Hause ist, und Manuela Schwesig, seit Juli 2017 Ministerpräsidentin, ist dort selbst nur Gast. Sie darf ein kleines Besucherzimmer nutzen, nichts Prätentiöses.
Sie sitzt vor einem Glas Sprudelwasser. Sie ist sich nicht sicher, ob sie alles, was sie gleich sagt, später auch in der Zeitung lesen will. Aber zunächst einmal hat sie selbst Fragen.
»Welche Regierungschefin besuchen Sie noch?«
»Nur Sie. Sie sind die einzige Ministerpräsidentin, die ich besuche.«
Schwesig hat das erwartet. Es gibt ja nur zwei.
25 Jahre ist es nun her, dass Heide Simonis in Schleswig-Holstein zur ersten Ministerpräsidentin der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde. Seitdem hat es nur fünf weitere deutsche Ministerpräsidentinnen gegeben, die beiden, die aktuell regieren, inbegriffen: Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern und Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz. Der Rest: 14 Männer.
Schwesig ist sich nicht sicher, ob sie das alles so sagen kann, wie sie es möchte, weil man ja immer etwas verallgemeinern muss, wenn man über Männer und Frauen spricht. Und dann muss man als Frau besonders aufpassen, vor allem als mächtige Frau.
»Macht und Einfluss wird immer noch Männern zugeordnet«, sagt Schwesig. »Es wünschen sich zwar viele, dass mehr Frauen in Spitzenpositionen gelangen, aber es würde viele Menschen befremden, wenn man als Frau mit Macht so offen umginge wie Männer. Ich liebe es zum Beispiel, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren.«
Es gibt einen alten Männerspruch, den sie nicht leiden kann, der für die alte Ordnung steht: »Jetzt stellt euch mal nicht so an.« Er drückt die Selbstverständlichkeit aus, mit der Männer regiert haben und manchmal noch immer regieren. Als müsste das, was sie sagen, nicht hinterfragt werden.
Sie zum Beispiel habe in Mecklenburg-Vorpommern die »Unart« der Nachtsitzungen abgeschafft, ein unnötiges Drama, das von Männern gern gepflegt werde, nicht nur in ihrem Bundesland. »Man trifft sich abends, spät genug, damit man der erstaunten Bevölkerung nachts um drei Uhr sagen kann: ›Wir haben uns geeinigt.‹ Wir fangen mit den Sitzungen jetzt vormittags an, dann ist schon am späten Nachmittag alles vorbei. Kein Drama mehr, sondern ganz konkrete Ergebnisse, alles ganz unaufgeregt.« Als Frau, sagt Manuela Schwesig dann noch, »bringt man eine neue Lebenswirklichkeit in die Politik: Die Erfahrung als Mutter zum Beispiel, wie schwer es immer noch ist, Familie und Beruf miteinander zu verbinden. Aber auch die Erfahrung, in der Politik einer Minderheit anzugehören«. Es mache Frauen umsichtiger, toleranter, rücksichtsvoller.

Ursula von der Leyen, 60, CDU

Frau von der Leyen, was haben Sie mit Angela Merkel gemein?
Von der Leyen: Gelassenheit.
Sie war gerade noch im Gespräch mit einer Mitarbeiterin, weshalb ihr Sprecher einen kurzen Spaziergang in den langen Fluren des Verteidigungsministeriums empfohlen hatte, da stürmt Ursula von der Leyen schon mit unzerstörbarer Gutlaunigkeit aus ihrem Büro, lässt sich vor der Ahnengalerie der Verteidigungsminister in ein kurzes Gespräch über die Frage verwickeln, wie lange sie noch braucht, um ihre Vorgänger zu überleben, um schließlich in ihr Büro zu bitten.
Sie passiert ihr Vorzimmer, zeigt auf die Kommode in ihrem Büro, beige lackiert, freundlich. Früher, bevor sie Verteidigungsministerin wurde, stand dort ein dunkelbrauner Schrank. Eiche massiv. Sie geht weiter zu einer Sofaecke, ebenfalls hell, weiß-goldfarben gestreiftes Polster. Früher sei da mal eine dunkle Ledergarnitur gewesen, sagt sie. Altmännercharme. Nur die Bilder sind noch die alten. Sie kann ja nicht alles ändern, jedenfalls nicht so schnell.
Sie ist seit fast fünf Jahren im Amt, es gab Männer vor ihr, die noch länger im Amt waren als sie. Aber sie hat schon jetzt alle geschlagen. Sie hat ein »Alleinstellungsmerkmal«, wie sie es nennt: die erste Verteidigungsministerin der Bundesrepublik Deutschland zu sein. »Frauen in Toppositionen sind so rar, die brauchen nicht noch 'ne dicke Uhr, um aufzufallen.«
Es gibt trotzdem noch Leute, die sich nicht dazu durchringen können, sie »Frau Ministerin« zu nennen. Sie schaffen es nicht, aus Ignoranz, aus Trotz. Sie nennen sie stattdessen »Frau Minister«, es klingt dann, als wäre sie eine Kreuzung aus Frau und Mann.
Ursula von der Leyen verweist auf die Hirnforschung, auf die »Abkürzungen«, die das menschliche Hirn über Jahrmillionen erlernt hat. Die Frau: warm und weich. Der Mann: kalt und hart. Die alten Klischees. Es sind Grenzen, die für Frauen so schwer zu überwinden sind, wenn sie nicht als laut, als hysterisch gelten oder »schwarze Witwe« genannt werden wollen oder »Eisprinzessin«. 100 Jahre Frauenwahlrecht reichen da nicht.
»Fast alle Frauen in Führungspositionen haben gelernt, sich in männlich dominierten Kreisen durchzusetzen«, sagt von der Leyen. Dazu gehöre auch das Gespür für die eigene Wirkung, für die tradierten Klischees und nicht zuletzt auch für die eigene Stimme. »Männer können ihren Bass nutzen, wenn es lauter wird und sie sich durchsetzen müssen«, sagt von der Leyen. »Frauen, die klug sind, versuchen die Stimme zurückzunehmen, damit alle zuhören.« Es ist eine Reaktion gegen die Intuition.
Sie selbst sei mit fünf Brüdern aufgewachsen, sie habe sich zu wehren gelernt, sie habe gezankt und – wenn es sein musste – geschrien, aber was im Umgang mit Geschwistern noch funktioniere, funktioniere nicht mehr so einfach in Führungsetagen. »Geht die Stimme von Frauen hoch, wird es unangenehm.«
Für sie war es ein langer Weg ins Verteidigungsministerium. Als sie noch eine »kleine Assistenzärztin« war, habe sie »brüllende Chefärzte« erlebt, die dachten: »Was will die Kleene eigentlich.« Auch als junge Familienministerin sei sie von Männern angebrüllt worden. Aber man lernt nicht nur selbst, Ämter verändern auch die Sicht anderer auf eine Person. Sie marschiert ein paar Schritte durch ihr Büro, setzt sich und sagt: »In der Amtshierarchie bin ich automatisch das Alphatier, das heißt, ich brauche mich stimmlich nicht durchzusetzen. Wenn ich basta sagen muss, wird meine Stimme eher leise und scharf in der Formulierung. So. Geht. Es. Nicht. Dieser Satz reicht.«


Katrin Göring Eckardt, 52, Die Grünen

Frau Göring-Eckardt, was haben Sie mit Frau Merkel gemein?
Göring-Eckardt: Dass wir uns kurz, knapp, schnell, verbindlich verabreden können. Dass es nicht darauf ankommt, wer mehr Redezeit hat, sondern dass wir am Schluss sagen: Der Deal steht.
Katrin Göring-Eckardt empfängt in ihrem Büro in der dritten Etage im Jakob-Kaiser-Haus, Blick über den Tiergarten. Ihr Büro als Fraktionsvorsitzende der Grünen ist deutlich kleiner als das, was sie als Bundestagsvizepräsidentin im Reichstag hatte, wahrscheinlich nicht einmal halb so groß.
»Schöner Blick über den Tiergarten, Frau Göring-Eckardt.«
»Ja, auf die Currywurstbude.«
»Da wissen Sie wenigstens, wer mit wem essen geht.«
»Ja, aber ich weiß auch, wer dahinter pinkeln geht.«
Bei den Grünen war es von Beginn an Programm, mit den alten Statussymbolen zu brechen, sie nicht ganz abzuschaffen, sondern neu zu definieren. Statt Anzug und Kostüm trugen sie Jeans und Turnschuhe, statt der Aktentasche wurde das Strickzeug zum Machtsymbol. Sie waren stolz auf ein kleines Büro, einen kleinen Dienstwagen, besser noch kam man mit dem Fahrrad.
Als Bundestagsvizepräsidentin hatte Göring-Eckardt einen eigenen Dienstwagen, einen 1er BMW, und stellte fest, dass Limousine nicht gleich Limousine ist. Sie fuhr beim Bundespräsidenten vor und wurde nicht durch die Pforte gewinkt. »Der war denen nicht dick genug«, sagt Göring-Eckardt. Was für sie natürlich keine Niederlage ist, sondern eine Heldengeschichte. »Der CO²-Verbrauch ist mir wichtiger als die Größe des Wagens. Dann bin ich halt gelaufen.«
Wenn man Göring-Eckardt fragt, was sie mit anderen Politikerinnen gemein hat, sagt sie: »Frauen verbindet, dass sie über Männer lachen können, und ohne Männer kann es dann sehr lustig werden. Frauen haben einen feinsinnigeren Humor.«
Und sie sagt auch: »Wir müssen nicht täglich immer die Größten sein.«
Männer, so sieht sie das, hätten eine Art »Punktekonto«, und dieses Punktekonto müsse am Abend möglichst voll sein, sonst hielten sie das nicht aus. »Die Mehrzahl der Führungsmänner schaut abends auf dieses Punktekonto und fragt sich: Hab ich heute im Wesentlichen gewonnen oder im Wesentlichen verloren? Die Mehrzahl der Führungsfrauen dagegen sagt sich: Selbst wenn ich heute zu zwei Dritteln verloren habe, aber weiß, was ich am Ende erreichen will, dann reicht mir das.«
»Sind Frauen leidensfähiger als Männer?«
»Das wäre mir zu biblisch.«


Sahra Wagenknecht, 49, Die Linke

Frau Wagenknecht, was haben Sie mit Frau Merkel gemein?
Wagenknecht: O Gott. Da muss ich aber länger nachdenken. Ich hoffe, ich irre mich nicht, aber ich glaube, Frau Merkel wird nach Amtsende nicht als bezahlte Lobbyistin für ein Unternehmen tätig werden. Und das kann ich in jedem Fall auch von mir sagen.
Sahra Wagenknecht ist in Eile, sie jongliert mit Terminen und will wissen, wie lange das Gespräch voraussichtlich dauern wird. »Ich würde als Frau gern sagen, dass Frauen in der Regel weicher, menschlicher, sozialer regieren«, sagt Wagenknecht, »aber ich glaube nicht, dass sich das belegen lässt. Denken Sie zum Beispiel an Maggie Thatcher, die brutal neoliberale Gesetze durchgesetzt hat. Auf der anderen Seite gibt es auch Männer wie Willy Brandt. Der hat das Land sozialer gemacht.«
Gerade in Deutschland, findet sie, sei die Gefahr groß, den Kontrast zwischen Gerhard Schröder und Angela Merkel zu verallgemeinern und einfach zu glauben, das eine sei typisch männlicher, das andere typisch weiblicher Regierungsstil. »Schröder ist ein Macho par excellence, es gibt keine Entsprechung als Frau. Ich kenne jedenfalls keine Regierungschefin, die mit Zigarre rumläuft. Aber ist seine Art deshalb schon typisch männlicher Regierungsstil? Umgekehrt ist Merkels Regierungsstil, der eigentlich aus Lavieren und Aussitzen besteht, auch nicht typisch weiblich, sondern eben Merkel.«
Und doch, sagt sie, gebe es Unterschiede. »Einer Frau, die basta sagt, wird mehr Unmut entgegenschlagen, als einem Mann, der basta sagt.«
Auch Streit zwischen Frauen in der Politik werde anders wahrgenommen als Feindschaften zwischen Männern. »Bei Frauen«, sagt Wagenknecht, »hat das sofort die Bewertung Zickenkrieg, bei Männern wird das oft gar nicht zum Thema gemacht.« Auch wenn man einmal aus der Rolle fällt, wie Frank-Walter Steinmeier. Der wurde als Außenminister vom rechten Pöbel so lange beschimpft, bis er, für ihn äußerst selten, aus der Haut fuhr. »Er hat kurzzeitig seine Contenance verloren«, sagt Wagenknecht, »was in Ordnung war. Bei einem Mann ist das dann die Demonstration von Emotionalität, bei einer Frau wird das schnell als hysterisch abgewertet.«
»War's das?«, fragt Wagenknecht, sie lächelt dankbar, »das ging schnell.«


Barbara Hendricks, 66, SPD

Frau Hendricks, was haben Sie mit Frau Merkel gemein?
Hendricks: Ich sach mal so was wie Unaufgeregtheit.
Barbara Hendricks empfängt in ihrem Büro, einem schmucklosen Raum im Jakob-Kaiser-Haus. Es sieht noch ein wenig unbewohnt aus. Bis März war sie Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit und hatte ein schönes Büro im Ministerium. Jetzt ist sie eine von 709 Abgeordneten im Bundestag.
Hendricks sagt: »Ich will eigentlich gar nicht so lange über das Thema reden.« Man soll gar nicht erst denken, sie hätte eine allgemeingültige Erklärung parat. »Ich denke, dass man das Phänomen am besten durch die Abgrenzung vom männlichen Regieren beschreiben kann«, sagt Hendricks. »Ob das, was übrig bleibt, spezifisch weibliches Regieren ist, ist die Frage.«
Hendricks ist in einer Männerwelt groß geworden, in der man noch ungeniert den Macho geben konnte, im ersten Kabinett Gerhard Schröders stieg sie zur Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium auf, das damals Oskar Lafontaine leitete, zumindest anfangs. Sie war eine Empfehlung der SPD-Finanzpolitikerin Ingrid Matthäus-Maier, eine Kandidatin von außen.
Es fällt ihr schwer zu sagen, was man typisch weiblich nennen könnte. Vielleicht, dass bei Frauen Sachfragen im Vordergrund stünden, sagt sie. »Männer machen Sachfragen zu Machtfragen.« In der Ressortabstimmung zwischen den Ministerien habe sie erlebt, dass männergeführte Ministerien sehr darauf achteten, stets ihre relative Wichtigkeit im Ranking der Ministerien zu behaupten, egal um was es im Einzelfall gegangen sei. »Unabhängig von der konkreten Sachfrage achten sie darauf, dass Ministerium A wichtiger als Ministerium B bleibt. Da wird nach oben hin eskaliert. Frauen machen das nicht.«
Barbara Hendricks kennt noch die alten Männerbünde, damals vor Jahrzehnten, als auch ihre Genossen Ämter unter sich aufteilten, etwa im Verwaltungsrat einer Sparkasse, und zweimal im Jahr zusammen essen gingen und danach gemeinsam in den Puff. Männer hätten Seilschaften geschaffen, die Frauen so nie hätten bilden können. »Wenn Männer so etwas machen, entstehen Bünde jenseits von sachlichen Fragen. Das können nur sie. Es gibt nichts Entsprechendes, was Frauen zusammen machen.«


Katja Suding, 42, FDP

Frau Suding, was haben Sie mit Frau Merkel gemein?
Suding: Ein Freund von mir sagt, dass wir ganz viele Dinge gemeinsam haben, in der unaufgeregten Art, wie wir Dinge tun.
Katja Suding bietet Kaffee an, sie selbst bleibt beim Wasser. Sie hat die Bonner Republik nicht aktiv als Politikerin erlebt, aber sie stellt sich vor, dass dann ganz andere Getränke auf dem Tisch gestanden hätten. Man lebt in einer anderen Zeit.
Ihre Partei gilt aber in gewisser Weise noch immer ein wenig als eine Partei von gestern, als Männerpartei. Ein männlicher, fast übermächtiger Vorsitzender, viele männliche Parteimitglieder, viele männliche Wähler. Keine andere Partei außer der AfD gilt als so männerlastig wie die FDP, ausgerechnet diese Partei, die sich so jung und modern gibt.
»Gibt es weibliches Regieren, Frau Suding?«
»Ich glaube, dass es das gar nicht gibt.«
Es dauert ein bisschen, dann fallen Katja Suding doch ein paar Unterschiede ein. Zum Beispiel, dass Männer auch dann mit sich zufrieden seien, wenn sie für einen bestimmten Erfolg eigentlich gar nicht so sehr verantwortlich sind. »Sie können sich trotzdem gut fühlen.« Männer hätten auch ein größeres Problem, wenn schlecht über sie geschrieben oder geredet werde. »Merkel ist ziemlich egal, wenn man ihr etwas unterstellt, zum Beispiel, dass sie führungsschwach sei, wobei da ja auch durchaus was dran ist. Dann war die Frisur nicht gut. Dann waren die Klamotten nicht gut. Dann hingen die Mundwinkel herunter. Ich denke, ein Schröder wäre verrückt geworden und wäre dagegen angegangen.« Aber grundsätzlich, dabei bleibt Suding, verhielten sich Männer und Frauen gar nicht so unterschiedlich. Neulich hat sie mit einem männlichen Kollegen das Büro getauscht. Ein Telefonat genügte. Der Mann hatte das größere, hellere Büro, aber das war ihm völlig egal, er wollte lieber das andere haben, weil es verkehrstechnisch günstiger war.
Sie will nicht den Eindruck erwecken, dass Frauen schon die gleichen Startbedingungen wie Männer hätten. »Frauen müssen immer noch doppelt so gut sein, um das Gleiche zu erreichen wie Männer.« Aber sie will nicht jammern, nicht wieder ein weibliches Klischee bestätigen. Frauen hätten auch ihre Waffen, in politischen Talkshows zum Beispiel. »Es gibt ja Männer, die Beißhemmungen gegenüber Frauen haben. Das sind die Männer, die beim Tennis nie draufhauen, wenn sie gegen Frauen spielen.«


Anton Hofreiter sitzt vor seinem Kamillentee und denkt noch immer über das Klischee männlichen und weiblichen Regierens nach. In seinem aktiven politischen Leben hat er nur drei Kanzler erlebt. Kohl. Schröder. Merkel. »Zwei Männer und eine Frau: Das ist definitiv eine zu geringe Grundgesamtheit.«
Er redet jetzt nicht mehr als Politiker, sondern als Biologe. »Manchmal würde ich mir ja Zeitreisen wünschen«, sagt Hofreiter. »Man könnte damit so viele wissenschaftliche Fragen beantworten.« Es gebe zum Beispiel Hinweise, dass vor dem Beginn der Agrargesellschaft die körperlichen Unterschiede zwischen Frau und Mann gar nicht so groß gewesen seien. Die Tatsache, dass Männer einen kräftigeren Oberarm hätten als Frauen, sei erst jüngeren Datums.
Wie werden sich diese Unterschiede in Zukunft entwickeln? Vielleicht ist es irgendwann umgekehrt. Vielleicht gibt es auch irgendwann einen weiblichen Basta-Kanzler? »Evolution«, sagt Hofreiter, »ist das Ergebnis von Unterschiedlichkeit und differenziellem Fortschrittserfolg. Man weiß nie genau, wohin das einen führt.«
Seine Tasse ist leer. Er könnte noch viel mehr erzählen.
Herr Hofreiter, eine letzte Frage: Was haben Sie mit Frau Merkel gemein?
Hofreiter: Das naturwissenschaftliche Denken.
Von Marc Hujer

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