10.10.2018

Frauenbilder

Der SPIEGEL hat zwölf der renommiertesten deutschen Fotografinnen gebeten, Frauen zu porträtieren, die sie beeindrucken. Und die Porträtierten geben ihre Antwort auf die Frage: »Wie modern ist dieses Land?«

12 FOTOGRAFINNEN – 12 PORTRÄTS

Anne Morgenstern, geboren in Leipzig, studierte Fotografie in München und Zürich, wo sie heute lebt und arbeitet. – Über die von ihr porträtierte Schauspielerin Sandra Hüller, 40, sagt die Fotografin: »Sandra Hüller schafft es, ihre Figuren auf eine sinnliche, kraftvolle und unaufgeregte Art von Klischees zu befreien. Das berührt mich sehr. Es ist elementar, dass das Körperliche und das Intuitive und das Weibliche mehr Raum in der öffentlichen Wahrnehmung einnehmen. So werden Rollen endlich neu erzählt.«

Herlinde Koelbl, 78, ist Künstlerin, Fotografin und Autorin, die ihre Unabhängigkeit schätzt und einen ganz speziellen Blick auf Menschen und Milieus hat. – An Bundeskanzlerin Angela Merkel, 64, schätzt sie, »dass sie sich in all den Jahren ihr analytisches Denken in Krisensituationen bewahrt hat, uneitel den Versuchungen der Macht widerstand, souverän männlicher Machtprahlerei gegenübersteht und Deutschland im Ausland durch ihre Politik großes Ansehen bereitet hat«.

Amira Fritz, 39, lebt nach vielen Jahren in Paris und London mit Freund und Sohn und Hund wieder in Berlin. – Sie hat sich entschieden, die Politikerin Sahra Wagenknecht, 49, zu porträtieren, »weil Klugheit, Kompetenz und Macht, Eleganz, Femininität und Schönheit sich nicht ausschließen. Leider wird das in Deutschland (im Gegenteil zu Frankreich) viel zu oft angenommen und deshalb von vielen Frauen unterdrückt – was für eine Verschwendung«.

Ellen von Unwerth, 64, war zunächst als Model erfolgreich, bevor sie Mitte der Achtzigerjahre hinter die Kamera wechselte. Sie hat für alle großen Modemagazine gearbeitet und gilt als Entdeckerin des Models Claudia Schiffer. Unwerth lebt in Paris. – Warum sie Liv Lisa Fries, 27, ausgewählt hat: »Diese Schauspielerin verkörpert für mich die moderne Frau, offen, unverblümt, frech und charmant. Durch die Serie ›Babylon Berlin‹ ist sie mir ans Herz gewachsen, und als ich sie zu meinem großen Vergnügen für den SPIEGEL fotografieren konnte, hatten wir eine enge Verbindung, als würden wir uns schon ewig kennen.«

Katharina Bosse, 50, ist Professorin am Fachbereich Gestaltung der FH Bielefeld, in der Stadt, in der sie mit ihren beiden Kindern lebt. Ihre Arbeiten sind unter anderem in der Sammlung des MoMA in New York und in der Maison Européenne de la Photographie in Paris vertreten. – Die Polizistin Janine Burmeister, 27, ist für sie eine bemerkenswerte Frau, »weil sie sich für Recht und Gesetz des demokratischen Staates einsetzt. Auf der Straße und bei Veranstaltungen wird von ihr Präsenz gefordert, große innere Stärke, Objektivität, Kommunikationsfähigkeit und Verlässlichkeit«.

Jelka von Langen, 40, geboren und aufgewachsen an der deutschen Nordseeküste, lebt seit 16 Jahren mit ihrem Freund und ihrem Sohn in Berlin. – Warum sie von der Künstlerin Marie Steinmann, 43, fasziniert ist: »Ich halte sie für einen Freigeist mit Courage und Humor. Marie Steinmann hat eine berührende Videoinstallation mit Kindern in Kibera, einem Slum in Nairobi, gedreht und arbeitet an neuer Videokunst.«

Eva Baales, 36, lebt mit ihrer Familie in Köln und arbeitet für Magazine wie »Achtung«, »L'Officiel«, »Zoo« und das »Zeit Magazin«. – Über die Autorin Charlotte Roche, 40, sagt sie: »Das ist die Frau, die sich bis zum Schluss nie irrt, die stratosphärenhohe Mauern erklimmt, bei Sonnenuntergang zu Schwänen spricht und vorwärts, zum Licht, strebt – ein einziges Sonett an die Freiheit.«

Ute Mahler, 68, lebt in Oranienburg. In der DDR war sie freiberuflich als Fotografin tätig, unter anderem für die »Sibylle«. 1990 war sie Gründungsmitglied der Agentur Ostkreuz. Neben ihrer Arbeit für große Magazine verwirklicht Ute Mahler freie künstlerische Projekte. – Warum hat sie ihre Verwandte Erika Wylezich, 75, vor die Kamera geholt? »Die Arbeit von Menschen, die aus Liebe und Verantwortung heraus Angehörige pflegen, wird in unserer Gesellschaft weder ideell noch finanziell entsprechend gewürdigt. Erika hat ihre Mutter zu sich geholt und elf Jahre lang gepflegt, als diese Hilfe brauchte. Damals war sie 64, ein Alter, in dem andere nach einem Leben voller Arbeit noch Träume verwirklichen.«

Monika Höfler, gebürtige Münchnerin, lernte durch ihre zahlreichen Reportagen viel über das Leid und das Glück der unterschiedlichsten Menschen. Sie lebt für diese Begegnungen, jede bleibt für sie einzigartig. – Über die Sängerin Ace Tee, 25, sagt die Fotografin: »Schön, dass es Frauen wie Ace Tee gibt, die mit ihrem Soul, Style und Spirit so großartig unser Land bereichern. Die einfach funky und easy bleiben in unserer so komplexen Welt.«

Sigrid Reinichs lebt in München. Die Fotografin erstellt überwiegend Porträts und Reportagen. – Warum Katharina Ebel, 39, ihr Modell ist: »Katharina Ebel arbeitet als Nothilfe-Koordinatorin bei den SOS-Kinderdörfern. Ich habe großen Respekt vor Katharinas Einsatz, ihrem Mut, sich in Kriegs- und Krisengebiete zu begeben, um Menschen in Not zu unterstützen, zum Beispiel im Irak. Es ist ihr ein besonderes Anliegen, Brückenbauer zwischen den Welten zu sein.«

Frederike Helwig, 50, lebt seit Anfang der Neunzigerjahre in London. Sie begann als Porträtfotografin für Zeitschriften wie »i-D« und »The Face« und arbeitet an Buchprojekten im Bereich der sozialen Dokumentarfotografie. – Über die Zeitzeugin Anita Lasker-Wallfisch, 93, sagt die Fotografin: »Sie wurde mit 18 Jahren deportiert und hat den Holocaust nur überlebt, weil sie unter der Leitung von Alma Rosé im Mädchenorchester von Auschwitz spielte. Anita Lasker-Wallfisch ist eine der letzten deutschen Zeugen des Geschehens, bei dem viele unserer Groß- oder Urgroßeltern die Täter waren. In der momentanen politischen Lage in Deutschland ist es wichtig, Menschen wie ihr ganz genau zuzuhören.«

Paula Winkler, 38, lebt mit ihrer Pudeldame Susi in Berlin-Kreuzberg und fotografiert am liebsten die unterschiedlichsten Menschen. – Sie wollte die Politikerin Malu Dreyer, 57, porträtieren, weil »sie für ihre Werte brennt. Man merkt ihr an, dass sie ihren Job liebt. Das hat eine enorme Anziehungskraft«.

Bildredaktion: Nora Ströbel

DER SPIEGEL 54/2018
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