27.03.2000

CDUPolitik im Mainstream

Mit Angela Merkel kommen die Frauen: Die Ökonomin Hildegard Müller führt die Junge Union und drängt ins Präsidium der Altmännerpartei.
Als Hildegard Müller 1986 in die CDU eintrat, bestand der Vorstand des Ortsverbands Lohausen/Stockum aus 15 grauhaarigen Herren im Rentenalter. Heute sitzen im 14-köpfigen Gremium sieben Frauen, das Durchschnittsalter ist beträchtlich gesunken. Vergangene Woche haben die 122 Mitglieder aus dem Düsseldorfer Norden Frau Müller als Vorsitzende wiedergewählt, ohne Gegenstimme.
Nun will Hildegard Müller auch die große CDU aufmischen. Beim Bundesparteitag im April in Essen kandidiert die 32-Jährige für das Präsidium. Und ihre Chancen sind gut, trotz gewaltiger Konkurrenz.
Als sicher gilt die Wahl Wolfgang Schäubles, des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, der früheren Bundespräsidenten-Kandidatin Dagmar Schipanski und des saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller. Um die restlichen drei Plätze, die vom Parteitag zu vergeben sind, rangeln sich voraussichtlich sieben Kandidaten.
Diplom-Kauffrau Müller hat dabei den stärksten Landesverband hinter sich. Sie wurde vom Landesvorstand der CDU Nordrhein-Westfalens nominiert, sie kann somit auf rund ein Drittel der Delegiertenstimmen rechnen.
Gleichzeitig ist die studierte Betriebswirtin Kandidatin der CDU-Nachwuchs-Organisation Junge Union, die sie seit November 1998 anführt. Die brünette Bankerin profitiert vom derzeit übermächtigen Wunsch nach Erneuerung und ihrer Nähe zur designierten Vorsitzenden Angela Merkel.
Sogar als Generalsekretärin war die Nachwuchskraft zeitweise gehandelt worden, ins Spiel gebracht vom niedersächsischen Landesvorsitzenden Christian Wulff. Zu früh. Denn zuerst muss die Partei eine weibliche Vorsitzende verkraften; eine weitere Frau im Amt des Generalsekretärs hätte die Aufbruchbereitschaft der Konservativen dann doch überfordert. Hildegard Müller ist nicht traurig darüber. Für sie wäre schon ein Präsidiumsplatz sensationell: Vor ihr schaffte kein JU-Chef den Sprung.
Die Frontfrau des Unions-Nachwuchses steht, wie ihre Vorgänger schon, vor dem Problem, den traditionsverliebten Ex-Kanzlerwahlverein zu kritisieren, ohne ihre Aufstiegschancen zu gefährden. Personell überaltert, strukturell verkrustet und programmatisch stecken geblieben sei die CDU, bilanziert sie in einem Positionspapier für den Parteitag und mahnt vorsichtig an, die CDU müsse die "Taktfrequenz der Erneuerung" erhöhen.
Mut zur letzten Konsequenz fehlt allerdings auch in der Jungen Union oft. So mahnen die Parteiyoungster zwar eine Begrenzung der Amtszeit für Vorsitzende und Stellvertreter auf acht Jahre an. Wer eine Mehrheit von 75 Prozent der Stimmen erringt, dürfte aber auch länger bleiben.
Müllers Aufstieg in der JU ähnelt dem Durchmarsch von Angela Merkel an die Parteispitze. Dass die Düsseldorferin nach der Bundestagswahlniederlage als erste Frau an die Spitze des Jugendverbandes gewählt wurde und sich dort durchsetzen konnte, hält Parteifreund Wulff für ein "Faszinosum". Die CDU-Jugend gilt als konservativer als die Altvorderen. Der Wettbewerb dort ist eher härter, weil die Altersgrenze von 35 Jahren die Aufstiegschancen einschränkt.
Während Müllers Vorgänger Klaus Escher sich als einer der schärfsten innerparteilichen Kritiker der Sozial- und Rentenpolitik der Regierung Kohl profiliert und damit bei den Traditionskompanien unbeliebt gemacht hatte, verzichtete Müller auf lärmende Absetzbewegungen von der Bundes-CDU.
Sie profilierte sich nicht gegen die Parteispitze, sondern mit ihr. In der Spendenaffäre unterstützte sie von Anfang an Merkels Aufklärungskurs. An Schäuble hielt sie noch fest, als der sich schon unrettbar im Parteispendendickicht verstrickt hatte. Sie fand es ungerecht, dass der Badener fiel, weil Helmut Kohl der Hauptschuldige an der Affäre sei.
Mit dem Altkanzler geriet sie schon vorher aneinander. Als Kohl einmal im Bundesvorstand die Kritik der Jungen Union an seiner Regierung für die Wahlniederlage mitverantwortlich machte, parierte Müller kühl, das sei doch wohl "ein bisschen undifferenziert". Sie kenne da noch ein paar andere Gründe.
Wie Fraktionschef Friedrich Merz gehört Müller zu einer neuen Generation von CDU-Politikern. Sie ist konservativ und wirkt trotzdem nicht altbacken. Sie hat eine Vorliebe für tantenhafte Halstücher und gediegenen Goldschmuck und fährt gleichwohl selbstverständlich Rollerblades. Wie Merz will sie die Partei nicht neu erfinden, sondern hauptsächlich moderner managen.
Als "überlegt und eher zurückhaltend" beschreibt Partei-Vize Wulff die Nachwuchskraft. "Sachlich, nüchtern, integrierend, bestimmt keine Volkstribunin" sei sie, sagt der bayerische JU-Vorsitzende Markus Söder und stellt schnell klar, dass es in der JU eben genauso sei wie in der Bundes-Union: "Die CSU ist der Navigator."
Solch bayerische Kraftmeierei lässt Müller einfach abtropfen. Natürlich sei die bayerische JU wichtig, schließlich stelle sie ja den zweitgrößten Landesverband. Nach NRW, dem sie selbst angehört.
Sorgsam hat die Bankangestellte darauf geachtet, sich nicht auf weiche Frauenthemen festlegen zu lassen. Als Vize-Vorsitzende der nordrhein-westfälischen Mittelstandsvereinigung steht sie dem Wirtschaftsflügel der Partei näher als den Arbeitnehmervertretern.
Wenn sie in der Rentenkommission der CDU sitzt, überkommt sie manchmal Verzweiflung über die Beharrungskräfte der versammelten Besitzstandswahrer. Sachsen-Premier Kurt Biedenkopf ist ihr mit seinen radikalen Umbauplänen für eine steuerfinanzierte Grundrente allemal lieber als der Herz-Jesu-Marxist Norbert Blüm.
Bis 2010 müsse das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre erhöht und das Rentenniveau auf 64 Prozent gesenkt werden, fordert Müller. Beim Parteitag in Essen will sie außerdem die Einführung einer Generationenbilanz nach amerikanischem Vorbild beantragen, die sicherstellt, dass künftig nicht mehr zulasten der Jungen gewirtschaftet wird. Das Jahr 2015 soll als Zielmarke für die Halbierung der Arbeitslosigkeit festgeschrieben werden.
Ansonsten liegt die Nachwuchspolitikerin im Mainstream. Die Legalisierung von Drogen lehnt sie ebenso wie Methadonprogramme strikt ab. Sie ist dafür, dass sich schwule Paare als Lebensgemeinschaft eintragen lassen können, will aber keine Gleichstellung mit der Ehe. Der Abtreibungskompromiss von 1995 war für die gläubige Katholikin "an der Grenze des Tragbaren".
Politische Vorbilder oder Leitfiguren hat Müller nach eigenem Bekunden nicht. Sie orientiert sich an christlichen Werten, die sie politisch in die nicht sehr originellen Schlagworte "Nachhaltigkeit, Mitmenschlichkeit, Generationengerechtigkeit und Eigenverantwortung" übersetzt.
Bei der Dresdner Bank arbeitet die gebürtige Westfälin im so genannten Qualitätsmanagement. Dort ist sie zuständig für die Suche nach Schwachstellen, die Verbesserung der internen Zusammenarbeit, die Qualifizierung von Mitarbeitern und die "Herstellung von Kundenzufriedenheit", wie es im bürokratischen Bankerdeutsch heißt. Optimale Ausgangsbedingungen für die Arbeit in der CDU, glaubt Müller. "Da lässt sich so manches nahtlos übertragen." TINA HILDEBRANDT
* Beim Deutschlandtag der Jungen Union im Oktober 1999 in Weimar.
Von Tina Hildebrandt

DER SPIEGEL 13/2000
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