03.04.2000

„Lass dich nicht auffressen“

Der frühere CDU-Arbeitsminister Norbert Blüm über seine Jahrzehnte mit Helmut Kohl, die Zukunft der Partei mit Angela Merkel und die Verletzungen der Politiker durch die Politik
SPIEGEL: Am Montag dieser Woche ist Helmut Kohls 70. Geburtstag. Wie werden Sie ihm gratulieren? Fahren Sie hin?
Blüm: Nein. Ich bin nicht eingeladen. Ich mache das schriftlich.
SPIEGEL: Eher ausführlich oder knapp?
Blüm: Jedenfalls schreibe ich den Brief nicht mit Hilfe des SPIEGEL. Es gibt eine Form von Zerrüttung, die ist nicht schmerzfrei. Ich bin doch ein halbes Leben mit ihm durch die Gegend gewandert. Das ist, wie wenn zwei durch die Wüste marschieren. Da sind Sie an der Oase auch froh, wenn sie mit ihm noch ein Wasser trinken können. Er hat den Abgang nicht verdient.
SPIEGEL: Er hat aber viel dazu getan. Merkt er das selber?
Blüm: Weiß ich nicht. Ich glaube, diese Frage lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten.
SPIEGEL: Er hat das Nichtmerken zur Kunstform entwickelt.
Blüm: Es ist auch eine Form von Überlebenstraining.
SPIEGEL: In den gängigen Kohl-Biografien taucht der Name Blüm sehr selten auf, und wenn, dann immer nur in funktionalen Zusammenhängen.
Blüm: Ich bin offenbar ein unauffälliger Mensch.
SPIEGEL: Der sich bereitwillig zum NRW-Landesvorsitzenden machen ließ, weil das gegen Kurt Biedenkopf ging. Der sich gern als eine Schachfigur Kohls gebrauchen ließ. Haben Sie nicht Angst, dass in der Nachwelt vor allem dieses Bild vom ergebenen Knappen hängen bleibt?
Blüm: Wer so lange Politik macht, ist von Imagefragen frei.
SPIEGEL: Glauben wir nicht.
Blüm: Ich war Herz-Jesu-Sozialist und Kapitalistenknecht. Entweder - oder: Beides zusammen kann nicht stimmen. Aber vielleicht habe ich darauf wirklich zu wenig geachtet. Wenn du das Image vom Knappen hast, wird keiner erwarten, dass der etwas Selbständiges sagt.
SPIEGEL: Hat Kohl die scheinbar persönlichen Beziehungen nicht stets instrumentalisiert?
Blüm: Das halte ich bisweilen und mit Einschränkungen für erlaubt, wenn es einem guten Ziel dient.
SPIEGEL: In den letzten Tagen schien es, als suche Kohl nach Versöhnung. Hat Sie ein solches Signal erreicht?
Blüm: Nein. Oder lassen wir es offen: Es würde Helmut Kohl gut tun, es würde mir gut tun, es würde der CDU gut tun. Aber dazu gehört auch Einsicht in die Fehler. Versöhnung heißt nicht: Schwamm drüber!
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Kohl in seinem Innersten diese Einsicht schon hat?
Blüm: Weiß ich nicht. Ich hoffe es. Dass er den finanziellen Schaden ausgleicht, notiere ich beim Positiven. Aber es geht auch um den immateriellen Schaden, die Frage: Sind wir an das Gesetz gebunden oder nicht, und zwar nicht nur Fritz Maier, sondern auch Norbert Blüm und Helmut Kohl? Und zwar gerade die. Wie wollen Sie denn sonst dem Schwarzarbeiter sagen, er soll sich ans Gesetz halten?
SPIEGEL: Obwohl Sie sich häufig an Kohl gerieben haben, standen Sie immer hinter ihm. Gab das innere Konflikte?
Blüm: Man kann umso härter Sachkonflikte austragen, je stärker man sich gegenseitig vertraut. Wenn in jedem Konflikt die Machtfrage gestellt wird, kann nicht sachbezogen entschieden werden. Man kann auf Jürgen Habermas rekurrieren, auf seine Utopie vom herrschaftsfreien Diskurs. Die ist jedoch eine Überforderung des Menschen. Aber als Utopie, als Regulativ, nicht mit jeder Sachkontroverse personale Entscheidungen zu verbinden, wirkt dieser Grundsatz befreiend.
SPIEGEL: Wann wurden Ihre Zweifel an Kohl übermächtig?
Blüm: Eine schmerzhafte Grenze war in der Spendengeschichte erreicht, wobei ich sie zunächst mit den alten Verhaltensmustern angegangen bin: Wenn einer in Bedrängnis ist, erst mal die Reihen schließen. Aber das hatte bald einen Punkt erreicht, wo diese Maxime nicht mehr funktionieren konnte.
SPIEGEL: Welcher Punkt war das?
Blüm: Als ich erfahren habe, dass schwarze Kassen als jüdisches Vermächtnis getarnt worden waren. Das lässt eine zynische Energie vermuten, die all meine Vorstellungskraft übertroffen hat. Das ist eine Tabuverletzung angesichts unserer Geschichte. Und die, die das benutzt haben, wussten, dass es ein Tabu ist. Das ist keine Frage der Parteienfinanzierung mehr, sondern eine Frage der politischen Sitten.
SPIEGEL: Das waren doch die Hessen.
Blüm: Aber von diesem Punkt an konnte man über Spenden der CDU jeden Verdacht äußern, auch den abstrusesten. Und solange die Spender nicht genannt werden, ist man gegen jeden Verdacht wehrlos.
SPIEGEL: Es war eben eine Frage des Ehrenworts.
Blüm: Das muss man sich mal vorstellen an der Werkbank bei Opel: Da kommt der "Schwarze" - so werden CDUler im Betrieb genannt - und wird morgens gehänselt, seine Partei hätte das Geld von der Mafia, oder ...? Da steht er hilflos herum. Insofern ist das Verschweigen der Spendernamen auch eine Rücksichtslosigkeit gegenüber Leuten, die jahrelang, ohne etwas zu wollen, Plakate geklebt, Flugblätter verteilt haben. Die haben auch eine Ehre, wenn wir schon den schönen Begriff benutzen, die mit Sicherheit nicht über dem Recht steht.
SPIEGEL: Haben Sie Kohl das so gesagt?
Blüm: Wir hatten leider in letzter Zeit keinen Kontakt.
SPIEGEL: Ist das eine Erfahrung in der Politik, dass befreundete Politiker aufhören zu reden, wenn es ernst wird?
Blüm: Das ist ein Missverständnis von Freundschaft. Denn wenn Freundschaft nur zur wechselseitigen Bestätigung dient, ist das Kumpanei. Ich habe geradezu traurig, nicht ohne Mitleid, diese Bremer Veranstaltung im Fernsehen miterlebt, in der Parteifreunde den alten Helmut Kohl - das meine ich mit Respekt - einem Beifall aussetzen konnten, den er verwechseln musste mit Zustimmung der Partei zur Spendenfrage.
SPIEGEL: Wieso hat Sie das traurig gemacht?
Blüm: Das macht man mit einem Freund nicht. Das ist eine Form von Realitätsverweigerung. Wie kann man einen, der sich um die CDU verdient gemacht hat, so in eine Falle laufen lassen.
SPIEGEL: Die hat er selber aufgebaut.
Blüm: Wir haben doch von Freunden gesprochen. Freunde müssen einem helfen.
SPIEGEL: Gibt es solche Freundschaften in der Politik überhaupt?
Blüm: Das gibt es schon, ja. Es muss auch so etwas wie Treue geben.
SPIEGEL: In welchem Stadium befindet sich Ihre Freundschaft gerade? Ist sie beendet oder nur in einem Tief?
Blüm: Freundschaften lassen sich nicht so auf dem Tisch ausbreiten. Das, was war, ist ja nicht ausradiert, und ich sage nicht, das ist falsch gewesen. Ich habe großen Respekt vor seiner Lebensleistung. Freundschaften wechselt man nicht so leicht wie Hemden.
SPIEGEL: Welche Auswirkungen wird der Spendenskandal auf die Wähler haben?
Blüm: Ein neuer Abschnitt beginnt, klar. Die CDU hat eine Krise, die ihr die Chance bietet, Gewohnheiten als solche zu durchschauen.
SPIEGEL: Welche denn?
Blüm: Dass Parteien über Jahre hauptsächlich durch die Vorstände geführt wurden. Angela Merkel ist bereits das Ergebnis einer anderen Entscheidungsfindung.
SPIEGEL: Sie ist das Volk.
Blüm: Wobei man auch das Volk vor Chaos be- wahren muss. Aber klar ist, dass Angela Merkel nicht die Erfindung von irgendwelchen Vorstandstreffen ist.
SPIEGEL: Wofür steht die designierte CDU-Vorsitzende?
Blüm: Was mir bei der Merkel gefällt, ist eine Sprache, die nicht so politisch abgelutscht ist wie meine. Sie bringt in diese perfekte Politwelt gelegentlich ein Stück von natürlicher Unbeholfenheit ein.
SPIEGEL: Ist das ganz unabsichtlich?
Blüm: Jedenfalls ist sie wohltuend wenig routiniert. Ich habe dagegen eine 50-jährige Sozialisation im deutschen Politbetrieb. Da verinnerlicht sich manches und wird zur Routine, ohne dass man es merkt.
SPIEGEL: Werfen Sie sich manchmal vor, dass Sie den Trott zu lange mitgemacht haben?
Blüm: (zögert lange) Die Frage kann ich nicht mit einem Ja oder Nein beantworten, denn ich glaube, es gibt keine Politik ohne persönliche Loyalitäten. Aber Loyalität ist etwas anderes als Kumpanei. Loyalität heißt nicht blinde Gefolgschaft.
SPIEGEL: Haben Sie mal gedacht: Jetzt möchte ich eigentlich aufhören, mal was anderes machen?
Blüm: Ja, zwischendurch. Das wäre ja sonst unnormal.
SPIEGEL: Was hat Sie abgehalten?
Blüm: Eine Mischung aus Bequemlichkeit, Pflichtbewusstsein und - das ist wahrscheinlich der stärkste Grund - der Selbsteinschätzung, gebraucht zu werden. Ausscheiden wäre Feigheit und Flucht gewesen. Ich hatte immer ein Projekt. Ich hatte irgendwo immer Streit.
SPIEGEL: Macht war Ihnen egal?
Blüm: Meine Macht bestand darin, mich mit irgendwelchen Leuten zu kloppen. Manchmal habe ich nicht gut geschlafen, weil ich nicht wusste, wie es ausgeht, ob ich überhaupt Recht hatte. Die meisten Entscheidungen fallen nicht zwischen Gut und Schlecht, sondern sind Güterabwägungen. Und manche Entscheidungen haben etwas Masochistisches, weil man von vornherein weiß, dass man geprügelt wird, egal wie die Entscheidung ausfällt. Wenn ich eine Empfehlung an die Jungen habe, dann die: Lass dich nicht auffressen! Das hältst du nicht aus. Da wirst du zur Routineruine. Ich kenne viele Routineruinen.
SPIEGEL: Was war denn auf dem Parteitag 1989 in Bremen, als Heiner Geißler, Lothar Späth und andere gegen Kohl putschen wollten?
Blüm: Da war ich auch in einem schweren Konflikt, bei dem mir diese Maxime Personalloyalität vor Sachloyalität leider deshalb nicht geholfen hat, weil ich mich nach allen Seiten verpflichtet fühlte.
SPIEGEL: War es richtig, sich damals hinter Kohl zu stellen?
Blüm: Dazu stehe ich, auch wenn ich die Art und Weise, wie Kohl Geißler rausgeschmissen hat, robust und rücksichtslos fand.
SPIEGEL: Hat sich nach Bremen das Verhältnis von Kohl zur CDU geändert?
Blüm: Weiß ich nicht. Aber es würde mich nicht überraschen, dass er danach stärker als vorher den Rückzug auf sich selbst begonnen hat. Wahrscheinlich ist das eine Berufskrankheit. Du wirst in so einem Job schnell Autist. Einer der größten Autisten war Willy Brandt.
SPIEGEL: Das ist ein Widerspruch. Politiker sind doch stets unter Menschen?
Blüm: Du musst dich manchmal in dein Innenleben zurückziehen, damit du nicht kaputtgehst. Du musst dich vor dem Ertrinken in Gefühlen schützen.
SPIEGEL: Wie hat sich der Emotionalist Blüm gewappnet?
Blüm: Ich glaube, unter anderem dadurch, dass ich nie nur Politik gemacht habe. Man muss auch ein paar andere Sachen schön finden. Ich habe Märchen und anderes geschrieben. Ich habe viel gelesen - nicht nur Akten, sondern Schöneres.
SPIEGEL: An welche Verletzungen erinnern Sie sich?
Blüm: Bei der Gesundheitsreform hat die Pharma-Industrie eine Kampagne gestartet, die werde ich bis ans Lebensende nicht vergessen. In den Anzeigen stand: Keine neuen Medikamente gegen Krebs und Aids aus Deutschland. Da hört der Spaß auf. Das muss man lesen mit den Augen einer Mutter, deren Kind krebskrank ist. Oder der Freie Verband der Zahnärzte, der hat das Gesetz ein Euthanasie-Gesetz genannt. Die können sagen: Der Blüm ist ein Idiot, meinetwegen. Aber Euthanasie - das war in Deutschland schließlich kein theoretisches Unternehmen.
SPIEGEL: Bei wem hätten Sie sich entschuldigen müssen?
Blüm: Bei Alfred Dregger vielleicht. Ich habe ihn damals in der Mitbestimmungs-Diskussion Dreggula genannt.
SPIEGEL: Das geht in Ordnung.
Blüm: Nein, das hat er nicht verdient. Der ist ein anständiger Rechter.
SPIEGEL: Das hätte mal Ihr streng kommunistischer Onkel Adolf hören sollen.
Blüm: Der war sogar Mitglied der kommunistischen Betriebsgruppe, gegen die wir CDU-Leute erbittert kämpften. Als ich Arbeitsminister war, bin ich zu Onkel Adolf, Robert-Schumann-Straße 11, Rüsselsheim, gefahren und habe gesagt: Fahr mal mit im Regierungswagen. Nach hundert Metern habe ich gesagt: So, jetzt erzähle ich der Betriebsgruppe, dass du im Auto einer kapitalistischen Regierung gefahren bist. Da rief er: "Bleib stehen! Ich will aussteigen!"
SPIEGEL: Wie haben Sie sich sonst mit dem Klassenfeind in der Familie verstanden?
Blüm: Onkel Adolf war bei Opel und ist im Krieg jeden Morgen mit zwei Henkelmännern zur Arbeit gegangen. Der eine war für ihn und der andere für die Russenmädchen, die Fremdarbeiter. Die Übergabe hat der Abteilungsleiter gesehen und ihn verraten. Dafür ist der Onkel Adolf ins KZ gekommen. Nach dem Krieg kam er zurück, als wäre er auf Betriebsausflug gewesen. Der Abteilungsleiter ist entlassen worden, war aber acht Wochen später Produktionsleiter bei VW. Adolf, mein kommunistischer Onkel, war ein guter Kerl.
SPIEGEL: Deswegen singen Sie noch jedes Jahr am Grab von Onkel Adolf?
Blüm: Ja, zum Schrecken meiner Cousine Helga, immer an Heiligabend am Grab von Onkel Adolf stimmen mein Bruder und ich mit geballter Faust die Internationale an. Da freut er sich.
SPIEGEL: Haben Sie es nie bereut, dass Sie keinen ordentlichen Beruf wie Onkel Adolf ergriffen haben?
Blüm: Ich habe doch einen: Werkzeugmacher. Aber in der Politik habe ich gestalten, etwas machen können. Gucken Sie sich mal das Schicksal von Leuten an, die 45 Jahre Schrauben am Fließband drehen. Sie und ich: Wir gehören doch zu den Privilegierten der Arbeiterklasse.
SPIEGEL: Was ist der Preis?
Blüm: Du bist eigentlich immer im Dienst. Dieser 5000-Schrauben-Dreher hat Feierabend. Ich hatte eigentlich nie Feierabend - nicht nur, weil das Telefon immer klingelt, sondern weil du immer etwas im Kopf hast, weil du immer warten musst: Welche Bombe explodiert wann? Der Preis für die Familie war eigentlich noch höher. Bei der Gesundheitsreform sind die Kinder von den Lehrern angemacht worden, was ihr Vater für ein Verbrecher ist, oder meine Frau beim Brötchenkaufen.
SPIEGEL: Und was haben Sie gesagt?
Blüm: Fürchtet euch nicht!
SPIEGEL: Herr Blüm, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Unten: am 3. September 1998; oben: mit den Redakteuren Jürgen Leinemann und Hajo Schumacher in Blüms Bonner Wohnung.
Von Jürgen Leinemann und Hajo Schumacher

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