03.04.2000

JAPANSchimmernde Schätze

Ein Flüchtling aus Hitler-Deutschland stieg zum König der Perlenhändler von Tokio auf.
An weiß gedeckten Tischen im 28. Stock eines Hochhauses in Tokio sitzen über hundert Japaner in tiefem Schweigen. Zu hören ist nur das feine Klirren unzähliger Perlenschnüre. Feierlich beäugen und betasten die Männer die aufgereihten Kostbarkeiten, dann legen sie diese sorgsam in die Holzkästen zurück und reichen sie ihren Tischnachbarn weiter.
In der Mitte des Raums sitzt würdevoll ein alter Herr mit weißem Haar, weißem Bart und einer in Jade gefassten Perle am Revers des braunen Anzugs. Der 88-Jährige ist ein deutscher Geschäftsmann, dem die Japaner besonders hohen Respekt entgegenbringen: Rudolf Voll, seit 1937 in Tokio, ist als einziger Nicht-Asiat an der exklusiven Perlenbörse zur Auktion zugelassen.
Diese ungewöhnliche Ehre "verdanke ich Adolf Hitler", erzählt der Preziosenhändler. Wegen "Führerbeleidigung" musste Voll 1936 aus Deutschland fliehen.
Dem Sohn eines Schneidermeisters, der begründete Aussicht auf eine blendende Zukunft als Karosserie-Designer bei der Auto Union in Spandau hatte, wurde die Berliner Schnauze zum Verhängnis. Weil er den Hitlergruß verhöhnt hatte, schwärzte sein damals bester Freund ihn bei den Nazis an. Um einer drohenden Einweisung ins KZ zu entgehen, floh Voll 1936 zunächst nach Johannesburg und dann nach Schanghai.
Aus China vertrieb ihn jedoch die Angst vor aufziehenden Kriegswirren. Im August 1937 schiffte er sich mit über 2500 weiteren Deutschen in Schanghai auf dem Evakuierungsschiff "Gneisenau" nach Manila ein. Wegen eines Taifuns musste der Dampfer aber zum japanischen Hafen Kobe abdrehen. Voll beschloss, in Japan zu bleiben.
Eher zufällig stieg er ins Geschäft mit den schimmernden Schätzen ein. Als Dank dafür, dass er Freunde zum Einkauf bei Tokios größtem Perlenhändler führte, machte ihn der Japaner 1939 gleich zum Partner.
So begann für Voll die "aufregendste Zeit" seines Lebens. Tokio wimmelte damals von deutschen Rückwanderern aus den USA, die vor der Heimkehr ihr Geld sicherheitshalber in Perlen anlegen wollten. Im Krieg nahm das Geschäft einen unerwarteten Aufschwung. Da es für Geld kaum noch Wertvolles zu kaufen gab, horteten Japans Konzernchefs aus Angst vor einer Niederlage einen Teil ihrer Gewinne in Form von Perlen.
Gegen Kriegsende war Voll sogar vorübergehend der einzige Perlenhändler in Tokio. Japanische Konkurrenten hatten ihre Unternehmen geschlossen, weil das Tragen von Perlen in der Öffentlichkeit seit 1940 als dekadent verboten war. 1942 kaufte Voll die gesamte Zuchtperlen-Produktion des Mitsubishi-Konzerns auf. Zum Dank für den Coup warf er die schönste Perlenschnur in den Krater des Fujiyama.
Doch im Achsenland Japan, das mit Deutschland und Italien verbündet war, konnte sich der Flüchtling vor dem Zugriff der Nazis nicht sicher fühlen. Noch heute besitzt Voll eine Vorladung, die ihn 1942 erreichte: "Sie werden ersucht", heißt es dort in steifem Amtsdeutsch, "zu Herrn Obersten Meisinger in die Deutsche Botschaft zu kommen."
Eine solche Vorladung fürchteten Deutsche in Japan damals fast wie ein Todesurteil. Der ehemalige Kommandeur der Sicherheitspolizei in der polnischen Hauptstadt, Josef Meisinger, hatte sich einen Ruf als "Schlächter von Warschau" gemacht, bevor er zur Überwachung deutscher Staatsbürger nach Japan abkommandiert worden war. Als Voll ihm in der Botschaft gegenübersaß, schaute er "erst mal unter den Stuhl, um zu sehen, ob da wohl eine Falltür wäre".
Der SS-Standartenführer befahl dem Perlenhändler, umgehend ins Reich zurückzukehren. Doch Voll zögerte die Passage hinaus, bis keine Blockadebrecher mehr nach Deutschland auslaufen konnten. Der verärgerte Nazi-Scherge verfolgte sein Opfer noch über die deutsche Kapitulation hinaus: Auf Bitte von Meisinger verhafteten die Japaner Voll am 17. Mai 1945 und steckten ihn bis zur japanischen Niederlage im August in mehrere Gefangenenlager.
Nach dem Krieg konnte Voll seine Stellung im Perlengeschäft allmählich wieder ausbauen. Japans legendärer Perlenkönig Kokichi Mikimoto, der die Massenproduktion von Zuchtperlen erfunden hatte, empfing den Deutschen bei sich zu Hause. "Diese Ehre gewährte er keinem anderen Händler", sagt Voll.
Mit dem Foto von der Privataudienz wirbt der Perlenhändler noch heute für seine Firma Pacific Pearls, deren Hauptsitz er nach Hongkong verlegte - auf Wunsch seiner inzwischen verstorbenen deutschen Frau. Seitdem pendelt er ständig zwischen Tokio und Hongkong.
Auf den Perlenauktionen bewundern etliche japanische Branchenkollegen Voll auch als Relikt aus besseren Zeiten. Denn Japans Perlenzucht steckt durch Importe aus Billigländern wie China in der Krise. Im Perlenland Japan werden die Schmuckstücke immer häufiger nur noch weiterverarbeitet, gefärbt oder gebleicht.
Der deutsche Perlenkönig Voll will allerdings noch lange in Tokio mitmischen. Er ist überzeugt davon, dass seine Kunden "nicht nur der Perlen wegen kommen - die kommen auch meinetwegen".
WIELAND WAGNER
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 14/2000
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