03.04.2000

AUTORENDas zweite Leben der Veronika

Dem Brasilianer Paulo Coelho gelang mit „Der Alchimist“ ein Weltbestseller. In seinem neuen Roman „Veronika beschließt zu sterben“ erzählt der Meister der Sinnsucher-Fabeln eine realistische Geschichte - von der Lebenslust im Angesicht des Todes. Von Rainer Traub
Mit einem Roman in der Hand zeigt sich Bill Clinton nicht alle Tage - und deshalb erregte das Foto Aufsehen: Welches Buch fesselt den mächtigsten Mann der Welt derart, dass er sogar im Gehen liest?
Es trägt den Titel "Der Alchimist" und ist mit elf Millionen verkauften Exemplaren der vielleicht verblüffendste Roman-Welterfolg der letzten Jahre. Sein Autor Paulo Coelho, ein "Zauberer, der Bücher aus den Geschäften verschwinden lässt" ("The New York Times"), wurde mit seinen Werken in 44 Sprachen übersetzt und in mehr als hundert Ländern veröffentlicht.
Für den Pariser "Figaro" ist er ein "Midas der internationalen Verlagswelt": Was der 52-jährige Brasilianer literarisch anfasst, scheint sich, ähnlich wie beim legendären König der Mythologie, in Gold zu verwandeln.
Aber auch aus einem anderen Grund verkörpert der schlanke, mittelgroße Mann mit den kurzen grauen Haaren und den freundlichen braunen Augen ein literarisch neuartiges Globalisierungsphänomen. Denn im Unterschied zu den meisten Bestsellerautoren schreibt er nicht in den Weltsprachen Englisch oder Spanisch; seine Muttersprache Portugiesisch ist international weit weniger geläufig. Er fasziniert seine Leser auch nicht mit den üblichen Rezepten des Entertainment: Statt Action und Thriller-Spannung bietet er meist fabelartige Geschichten in einfacher Sprache.
Die Coelho-Leserschaft ist bunt gemischt. Zu seinen Fans zählen Staatsmänner - darunter Schimon Peres, Jacques Chirac und Boris Jelzin -, aber auch Manager. Zum dritten Mal war der Brasilianer darum im Februar zum Davoser Treffen der internationalen Elite aus Wirtschaft und Politik eingeladen: eine Ehre, die zuvor keinem Schriftsteller widerfuhr.
Coelho ist viel unterwegs, aber für seine Leser stets per Internet erreichbar: Unter "www.paulocoelho.com.br" findet sich seine mehrsprachige Web-Seite. Auf seiner virtuellen Adresse gehen pro Tag rund 300 E-Mails ein. Neben allgemeinen Informationen über sein Werk gibt dort ein ausführliches Interview Einblick in Denken und Leben des Brasilianers, ein autobiografischer Bilderbogen zeigt Fotos aus verschiedenen Lebensabschnitten. Dazu informiert ein Termin- und Länderplan über Coelhos derzeitige Lesereisen mit seinem neuesten, in mehreren Übersetzungen gleichzeitig veröffentlichten Roman "Veronika beschließt zu sterben"*.
Gerade erschienen, stand das Buch auch in Deutschland bereits auf der Bestsellerliste. Diesmal schlägt Coelho nicht, wie in "Der Alchimist" und anderen Geschichten, den Ton alter Legenden und Volksmärchen an. Das Leitthema seines Werks, die individuelle Suche nach dem persönlichen Glück, wird ganz gegenwartsnah variiert: Aus Überdruss an der Langweile ihres Lebens sucht die Titelheldin, eine 24-jährige
Bibliothekarin, in Sloweniens Hauptstadt Ljubljana den Freitod.
Dabei ist sie gesund, attraktiv, klar im Kopf und keineswegs chronisch depressiv. Sie hat ihr Leben zeitweise sogar "in vollen Zügen genossen" und hält sich "für einen vollkommen normalen Menschen". Trotzdem will sie ihre Existenz beenden, denn "wenn die Jugend erst einmal vorbei war, würde es nur noch abwärts gehen, sie würde altern, krank werden, Freunde verlieren. Letztlich würde Weiterleben nichts bringen, vermutlich nur mehr Leiden". Außerdem quält sie die Ohnmacht angesichts der Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der Welt, von denen die Zeitungen voll sind. Was sie darum vollziehen will, ist ein Schlussstrich, "endlich Freiheit, Vergessen für immer".
Sie nimmt Tabletten, doch bevor die ihre tödliche Wirkung getan haben, wird sie gefunden. Man pumpt ihr den Magen aus, und sie erwacht in einer psychiatrischen Klinik in Ljubljana. Im Koma sei ihr Herz unwiderruflich geschädigt worden, sagen die Ärzte, sie habe nur noch wenige Tage zu leben.
Erst jetzt, wo ihr periodisches Herzrasen zu beweisen scheint, dass alles zu spät ist, beginnt jeder verbleibende Augenblick der Heldin kostbar zu werden. Sie weiß nicht, dass sie die erste Versuchsperson für ein therapeutisches Experiment des Klinikchefs ist: Das Herzrasen bei der organisch gesunden Veronika hat er mit einem Medikament künstlich herbeigeführt, denn er glaubt, die einzig wirksame Medizin gegen Lebensmüdigkeit zu kennen: "Das Bewusstsein des Todes lässt uns das Leben intensiver leben" - eine paradoxe, aber schließlich erfolgsgekrönte Einsicht.
Wie alle Bücher Coelhos verarbeitet auch dieser Roman autobiografische Erfahrungen des Autors: In den sechziger Jahren war er in Rio mehrfach in einer psychiatrischen Klinik interniert. Seine Eltern hielten ihn für geistig verwirrt, weil er sich mit Künstlern und Hippies herumtrieb, keinerlei Neigung zu bürgerlicher Normalität zeigte und lieber Literat werden wollte als, nach des Vaters Willen, Advokat.
Der Verfasser tritt mit autobiografischen Erinnerungen sogar selbst im Roman auf: Ausgerechnet ihm, dem psychiatrieerfahrenen Paulo Coelho, habe die Tochter des Klinikchefs von Ljubljana Veronikas Geschichte erzählt; er selber gebe sie nur wieder. Um die Merkwürdigkeit komplett zu machen, heißt die angebliche Gewährsperson ebenso wie die Heldin der Geschichte - Veronika.
Warum diese überflüssige Verwirrung der Leser? Coelho räumt ein, auch seine Verlage (mit Ausnahme von Diogenes) hätten ihn gedrängt, den autobiografischen Hinweis zu streichen oder in einem Vorwort statt im Roman unterzubringen. Der Autor beharrte darauf - obwohl die Rahmenkonstruktion, literarisch gesehen, zweifellos eine Schwäche des Buchs ist.
Denn das, was er die "persönliche Legende" nennt, die unverwechselbare Erfahrung und Bestimmung jedes Einzelnen, ist ein wesentlicher Teil seiner Wirkung; mit literarischen Maßstäben allein ist sie nicht zu begreifen. Sein Welterfolg wurde möglich, weil er die traumatischen Erlebnisse und Rückschläge und die Glücksmomente seiner Biografie zu einer denkbar konzentrierten Botschaft verdichtet und gedichtet hat: "Folge deinen Träumen." Auf seinen Lesereisen um die Welt schreibt er diese Worte gern in einer der vier Sprachen, die er beherrscht - Portugiesisch, Englisch, Französisch, Spanisch -, in Signierexemplare seiner Bücher.
Auch seine Heldin Veronika verwirklicht am Ende die Losung ihres Erfinders: Sie entdeckt am Klinikklavier ihre pianistische
Leidenschaft wieder, die ihr die Mutter einst zu Gunsten eines vermeintlich soliden bürgerlichen Berufs ausgeredet hatte.
Coelho erzählt von elementaren Erfahrungen, und die Leser erkennen sich darin wieder: mit ihren Schwächen und Ängsten ebenso wie mit ihren Sehnsüchten und Träumen. Sein neues Buch, sagt er, handle vor allem "vom Recht, anders zu sein. Ich wollte zu meinen Lesern und zu mir selbst davon sprechen, wie wichtig es ist, ein paar Kämpfe durchzustehen - nicht als Opfer, sondern als Abenteurer".
Die Achterbahn seines eigenen Lebens schildert Coelho ohne fiktiven Filter in einem erstaunlich offenen Gesprächsbuch, das bald bei Diogenes erscheinen soll*.
Für den 1947 geborenen, auf dem Jesuitenkolleg erzogenen Sohn eines Ingenieurs war die von den Eltern veranlasste Zwangseinweisung in die Psychiatrie nur eines von mehreren Jugendtraumata.
Als er dank eines klugen Psychiaters wieder freikam, schloss er sich der linken, hedonistischen Subkultur der sechziger Jahre an. Mit der Wahllosigkeit eines Suchenden las er Marx und Lenin, experimentierte mit den verschiedensten Weltanschauungen von Hare Krishna bis zur Schwarzen Magie und begann libertäre Songtexte zu schreiben. Der Rockstar Raul Seixas, genannt "Brasiliens Jim Morrison", machte sie so populär, dass der abgerissene Hippie Paulo Coelho eines Tages 40 000 Dollar aus Tantiemen auf dem Konto fand - und fortan alle Geldsorgen los war.
Für die Schergen der damals herrschenden brasilianischen Militärdiktatur war der erfolgreiche Pop-Poet jedoch ein gefährliches subversives Element. Er wurde verhaftet, eine Woche lang mit einer Kapuze
über dem Kopf gefoltert. Rückblickend er-
innert er sich, die damals erlittene Todesangst sei weit schlimmer gewesen als die Psychiatrie: "Die schlimmste Erfahrung meines Lebens."
Mit Glück entkam er den Folterknechten und arbeitete eine Zeit lang bei der Musikfirma Polygram. Als er dort wegen Ineffektivität hinausgeworfen wurde, beschloss Coelho, mit seiner Frau Christina um die Welt zu reisen. Mit inzwischen 34 Jahren dank seiner Liedtexte finanziell unabhängig, suchte er noch immer den Sinn des Lebens.
So machte er sich auf den seit dem Mittelalter legendären, 700 Kilometer langen Pilgerpfad von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela. Über diese spirituelle Erfahrung schrieb er sein erstes Buch "Auf dem Jakobsweg"; bald folgte "Der Alchimist", dessen englische Übersetzung seinen Weltruhm begründete. Längst besitzt Coelho, wie er heiter sagt, "genug Geld für drei Reinkarnationen".
400 000 Dollar pro Jahr steckt er in eine Stiftung, die brasilianischen Straßenkindern eine menschenwürdige Zukunft ermöglicht. Denn anders als viele Generationsgefährten denkt Coelho auch als gemachter Mann nicht daran, die utopischen Ideen seiner Jugend heute zu verspotten. "Wir sind alle die Waisen unserer Träume", sagt er mit Nachdruck.
So sehr freilich das Publikum Coelho schätzt - beim Feuilleton hat er oft einen schweren Stand. Viele verkennen ihn als schlichtes Gemüt, als New-Age-Guru oder gar als routinierten Kitsch-Fabrikanten.
Auf kritische Einwände aber antwortet der Mann, der von sich sagt, er schreibe "für das Kind in uns allen", im Gespräch scharfsinnig und mit anschaulichen Vergleichen. Energisch wehrt er sich dagegen, dass manche Kritiker seinen schmucklosen Stil für oberflächlich halten. "Verfeinerung bedeutet für mich Verdichtung", sagt er. "Mein neuer Roman war ursprünglich dreimal so lang. Meine Arbeit gleicht der Kunst japanischer Architekten: Ich schaffe leere Räume, in denen die Phantasie sich entfaltet."
Einfachheit, sagt Coelho, sei nicht dasselbe wie Banalität. Er beruft sich auf die Natur: "Der Ozean erscheint als einzige Oberfläche und ist doch tief. Die Wüste erscheint als große Leere und ist doch schön. Oder nehmen wir den Schnee. Niemand käme auf die Idee, sich den Schnee farbig zu wünschen und sein schlichtes Weiß als Beweis für die Phantasielosigkeit der Schöpfung zu werten."
Vielleicht hatte der englische Mystiker William Blake Recht mit seinem Diktum: "Der Weg der Extreme führt in den Palast der Weisheit." Paulo Coelho, so viel steht fest, ist ein Mann der Extreme.
* Paulo Coelho: "Veronika beschließt zu sterben". Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann. Diogenes Verlag, Zürich; 224 Seiten; 34,90 Mark. * Juan Arias: "Paulo Coelho: Las confesiones del peregrino". Editorial Planeta, Barcelona; 248 Seiten.
Von Rainer Traub

DER SPIEGEL 14/2000
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