03.04.2000

FILMGeheimnisvolle Zeremonie

Meditation und Weltentdeckung: Die neue Bilderreise des iranischen Magiers Abbas Kiarostami heißt „Der Wind wird uns tragen“.
Da ist das erste Bild, und schon weiß, wer ein wenig mit ihr vertraut ist, er befindet sich in der Welt von Abbas Kiarostami. Eine kahle, bräunliche Hügellandschaft ist zu sehen, eine Schotterstraße, die einen Hang schneidet, ein einsames Auto, das sich hügelauf windet, und ein paar Kurven später ein schütterer Baum.
Es ist eine Seelenlandschaft. Sie sah in Kiarostamis letztem Film "Der Geschmack der Kirsche", der am Stadtrand von Teheran spielte, kaum anders aus als nun in "Der Wind wird uns tragen", dessen Schauplatz, vielleicht 700 Kilometer westlich der Hauptstadt, ein karges Bergland ist, das von Kurden bewohnt wird.
Schon in Kiarostamis Film "Wo ist das Haus meines Freundes?", der 1989 den internationalen Ruhm des damals 49-jährigen Regisseurs begründete, gab es als Bild-Zeichen den Hang, den Zickzackweg aufwärts, den einsamen, kahlen Baum auf der Anhöhe, und der stand am Ende wundersam wie über Nacht in Blüte, Hoffnung jenseits aller Vernunft.
Kiarostami in seiner Filmarbeit ist so geduldig, geheimnisvoll und verschwiegen, dass er Bäume zum Blühen bringt. Am Ende von "Der Geschmack der Kirsche" hat die staubige Einöde sich über Nacht in sattes Grün verwandelt, und in "Der Wind wird uns tragen" überrascht das dürre Land zuletzt mit einem sprudelnden Flüsschen, mit wogenden Kornfeldern und frischem Obst. In diesen Abschiedsmomenten gönnt Kiarostami seinem Publikum auch ein Stückchen Musik, das die Schwere und Stofflichkeit der Welt aufhebt.
In dem Auto, dem die Kamera in "Der Wind wird uns tragen" lange über die Hügel folgt, sind drei Männer aus der Hauptstadt unterwegs in ein abgelegenes Dorf, dessen flache Lehmhäuser sich in einer Mulde am Hang so eng zusammendrängen, als wollte es sich verstecken. In der Armseligkeit dieses Dorfs ist eine Schönheit, die sich dem Blick des Fremden (des Kinozuschauers) nur langsam enthüllt: Der türkisblaue Anstrich von Fensterrahmen und Türen leuchtet auf Ockergrund, jedes Frauenkleid strahlt wie zu einem Fest.
Die Männer aus der Stadt seien Schatzsucher, so erklärt ihr Anführer, der sich "Ingenieur" nennen lässt, einem kleinen Jungen im Dorf, und ihre Mission müsse geheim bleiben. Vermutlich (das bleibt unausgesprochen) handelt es sich um ein Fernsehteam, das ein archaisches, blutiges Trauerritual beim Begräbnis einer wie eine Heilige verehrten alten Frau filmen möchte - vermutlich insgeheim, weil die Trauernden das wohl nicht billigen würden: Kiarostami hält seine Geschichten stets in der Schwebe, auch in der Schwebe zwischen Fatalismus und Ironie.
Die mysteriöse, angeblich todkranke Frau aber, die der Ingenieur nie zu sehen bekommt, denkt nicht ans Sterben, und der Landarzt, der mit ihm auf seinem Motorrad über die Hügel knattert, sagt: "Sie ist gar nicht krank, sie ist nur alt." Die Kollegen des Ingenieurs sind längst frustriert nach Hause gefahren, er aber, der Fremde in Jeans und Holzfällerhemd, bleibt.
Er philosophiert mit einem Brunnengräber, der am Rand des Friedhofs so tief in seinem Loch hockt, dass er nie zu sehen ist; er diskutiert mit einen Schuljungen über Himmel und Hölle; er spricht mit einer jungen Frau im Kuhstall über die rebellische, im heutigen Iran verbotene Dichterin Forugh Farrochsad (1935 bis 1967), von der auch der Filmtitel stammt; und er erfährt eines Morgens mit Verblüffung, dass seine Zimmervermieterin über Nacht ein Kind auf die Welt gebracht hat, ihr zehntes. Kiarostami erzählt von einem, der auszog, um den Tod bei der Arbeit zu filmen, und statt dessen neue Farben, eine unbekannte Lebenswelt entdeckt.
Wie immer hat Kiarostami seine Darsteller, allesamt Laien, im Umkreis des Drehorts zusammengesucht (nur der "Ingenieur", Behsad Durani, stammt aus Teheran und ist von Beruf Beleuchter). Doch seine beiden jüngsten Filme sind künstlicher als die früheren, deren Sinnfälligkeit der reinen Einfachheit des Erzählens entsprang; nun setzt er gelegentlich Bildsymbole ein - einen kullernden Apfel, einen Skarabäus oder eine Schildkröte -, die auf der Höhe seiner asketischen Kunst sehr auffallen. Dennoch und gerade weil im Iran seine Filme noch immer auf Widerstand stoßen: Alle paar Jahre, wie bisher, möchte man sich von Kiarostami in seine Welt entführen lassen. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 14/2000
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