10.04.2000

AUTORENDie Feigheit des Geliebten

In ihrem Roman „Frau Sartoris“ zeichnet die Journalistin Elke Schmitter das faszinierende Porträt einer Ehebrecherin aus der deutschen Provinz.
Das wäre etwas für die TV-Spanner von heute: wenn die Kamerateams der US-Fernsehsendung "Cheaters" (Betrüger) der guten Emma Bovary aufgelauert hätten, als die Ehefrau mitten in Rouen aus der Kutsche stieg - nachdem sie stundenlang bei "heruntergelassenen Gardinen" zusammen mit ihrem Liebhaber durch die Stadt gefahren war.
Gustave Flaubert wurde nach Veröffentlichung seiner "Madame Bovary" 1857 wegen Verstoßes "gegen die öffentliche Moral, die guten Sitten und die Religion" angeklagt. Damals war das noch ein Fall für den Staatsanwalt: eine Ehebrecherin als Romanheldin, geschildert ohne Anzeichen moralischer Entrüstung.
Der Prozess allerdings - am Ende stand ein Freispruch - war eine "riesige Reklame für mich", wie Flaubert dem Kollegen Guy de Maupassant schrieb, er verdanke ihm "zwei Drittel" seines Erfolgs. Die Heldin Emma Bovary, die ehebrecherische Gattin eines Landarztes, wurde weltberühmt.
Ungezählt sind seither die Seitensprünge in der Literatur, und das Fernsehen gefällt sich mittlerweile darin, reale Fremdgänger in flagranti zu ertappen und beim Verlassen eines Motels oder auf einem Parkplatz zur Rede zu stellen: Vor laufender Kamera, in Anwesenheit des Betrogenen - Auszüge aus dieser widerwärtig-bigotten Show waren gerade zur Hauptsendezeit im deutschen Privatfernsehen zu bestaunen.
Kann sich gegen solches Reality-TV überhaupt noch ein Roman behaupten, ein Roman zumal, der wie Flaubert die Tat einer Ehebrecherin aus der Provinz schildert? Und der sich, unter dem Titel "Frau Sartoris", sehr deutlich als spätes Echo auf das französische Meisterwerk zu erkennen gibt*?
Elke Schmitter, 39, als Mitarbeiterin von "Tageszeitung" (dort einige Zeit in der Chefredaktion tätig) und "Zeit" bekannt geworden, ist schriftstellerisch bisher wenig in Erscheinung getreten: mit einem frühen Gedichtband und pseudonymen Ausflügen
ins Krimi-Genre. In ihrem ersten Roman unter eigenem Namen ist sie so kühn, eine Heldin zu porträtieren, die in ganz altmodischer Weise, wie eine Verirrte aus dem 19. Jahrhundert, die Liebe sucht: keine Affären, nicht Familie um jeden Preis, keine bequeme Partnerschaft, sondern die Liebe.
Das heißt, die junge Margarethe sucht eigentlich gar nicht - aber als sie Philip beim Tanz trifft, glaubt sie sofort, mit ihm alles gefunden zu haben. Sie treffen sich im Wald, und später streiten sie sich, wer wen zuerst geküsst hat. Er schreibt ihr verliebte Briefe und legt ein Lenau-Gedicht bei. Die Verse freilich beeindrucken Margarethe nicht besonders:
Sie erschienen mir fade, grau und gering im Vergleich zu dem, was ich tatsächlich erlebte und empfand, wenn ich unter Bäumen ging und seine Hand hielt. Ich hatte immer gedacht, Dichtung sei nicht viel wert, weil sie hoffnungslos übertreibe; jetzt war mein Vorbehalt umgekehrt, ich dachte: Wenn das alles ist, was die Dichter zu sagen haben, dann ist das viel zu wenig, lau im Vergleich zur Wirklichkeit.
Liebe macht blind: Was der Angestelltentochter nicht klar ist (sie hat auf seinen Nachnamen zunächst nicht geachtet): Philip gilt als die beste Partie im Provinznest. Als der reiche Erbe ihr überraschend einen Abschiedsbrief schickt, um später eine Frau aus seinen Kreisen zu heiraten, macht sie das wortwörtlich sprachlos: Vorübergehend verliert die schöne Margarethe ihre Stimme und verschwindet, in Depression versunken, für Monate im Sanatorium.
Danach beeilt sie sich, dem Abtrünnigen zuvorzukommen, und betreibt entschlossen ihre Heirat mit dem kriegsversehrten Ernst, der ihr ohne viel Hoffnung den Hof macht und sein Glück kaum fassen kann: "Er nahm es wie ein Geschenk, das ohne jedes Maß war."
Was ihr die Verzweiflungstat ein wenig versüßt: Die zukünftige Schwiegermama, eine Kriegerwitwe, ist ihr auf Anhieb sympathisch. Es folgen unaufgeregte Ehejahre in westdeutscher Nachkriegsidylle: TV-Abende im trauten Heim mit Fernsehballett, Kulenkampff (nicht "Kuhlenkampf", wie es im Buch heißt), Rudi Carrell (nicht "Carell") und Peter Frankenfeld. Ganz nebenbei bietet der Roman - eigentlich eine längere Erzählung - ein Sittenbild der jungen Republik: "Politik war tabu, die Vergangenheit auch, die Zukunft bestand aus Zweizimmerwohnungen in der Stadt."
So könnte es ewig weitergehen: "Die Holzschale aus Spanien, in der die Salznüsse waren; ein kleiner Krug aus Zinn, in dem Zahnstocher staken; die Untersetzer aus Kork." Frau Sartoris ist eine treue Gattin und nicht besonders begeisterte Mutter einer Tochter. Affären interessieren sie nicht. Als ein Kumpel ihres Mannes sie einmal bei einem Spaziergang küssen will, lässt sie sich kurz darauf ein und muss dann lachen: zu absurd die Vorstellung, mit dem anderen heimlich rumzuknutschen. Das ist nicht das, wonach sie sich sehnt.
Doch dann kommt das Fest im Kurhaus, der neue Kulturamtsleiter tritt auf. Wieder ein Tanz, wieder ein Treffen im Wald: Ausgerechnet der für routinierte Seitensprünge bekannte Familienvater erobert ihr Herz. Sie küsst ihn, und sie weiß sofort: "Ich wollte jetzt keine Erklärungen, ich wollte Bedenkenlosigkeit."
Heimliche Treffen in immer neuen Hotels. Sie begeistert ihn, erstaunt über sich selbst: "Ich fand Gefallen daran zu schreien, ich war begierig darauf, ihn auszuziehen." Auch darin ist sie ganz die jüngere Schwester der Bovary, für die Flaubert die wunderbare Formulierung gefunden hat: "Wo hatte sie nur diese Verderbtheit her, die geradezu unkörperlich war, so tief und unerkennbar lag sie in ihr verborgen?"
Dank Ich-Perspektive und Rollenprosa muss die Erzählerin Schmitter stilistisch nicht auftrumpfen (und vermeidet so den unmittelbaren Vergleich mit dem großen Vorbild). Dennoch geht sie mit sprachlicher Akkuratesse vor - auch Journalisten können, einem deutschen Vorurteil zum Trotz, gute Prosa schreiben.
Mit großer dramaturgischer Sicherheit treibt die Autorin ihr heimliches Liebespaar in immer tiefere Verstrickung, wobei ihre Heldin die treibende Kraft bleibt: Einmal verführt sie den um Heimlichkeit Bemühten in einer alten Kutsche, die in
einer Scheune steht, während Fremde sich
nähern - ein hübsches Spiel mit der berühmten Flaubert-Szene.
Wie einst Emma ergeht es dann auch Margarethe: Der bis ins Detail geplante gemeinsame Aufbruch aus der Ehe scheitert an der Feigheit des Geliebten. Freilich lenkt die Verlassene ihre Enttäuschung dieses Mal nicht gegen sich selbst - bei Elke Schmitter endet die Tragödie der Liebe in einem Knalleffekt: mit einem schon auf der ersten Seite angedeuteten und den Leser doch überraschenden Tötungsdelikt, das wie im Krimi erst am Schluss seine Erklärung und Auflösung findet.
Offenbar sind es derzeit in der deutschen Literatur vor allem die kompakten Prosastücke, die am ehesten gelingen - während alles Bemühen, von Land und Leuten in umfangreichen Romanen zu erzählen, nicht recht fruchten will, ob nun bei Maxim Biller oder Reinhard Jirgl, bei Ernst-Wilhelm Händler oder Michael Kleeberg.
Die Geschichte der Frau Sartoris jedenfalls hat ihre Form gefunden - und ihre Eigenständigkeit. Denn die Heldin in ihrer stillen Größe ist eine aus der Familie der Unangreifbaren: Lieber lässt sie sich zerstören, als von ihrem Weg abzuweichen. Sie ist nicht stur, nicht einmal unangepasst, sie will einfach nur das Lebendige, das heißt: Liebe.
Als Margarethe nach ihrem gescheiterten Ausbruch früh am Morgen heimkehrt, hat ihr Mann den Abschiedsbrief schon gelesen. Sie versucht gar nicht erst, die Angelegenheit als Irrtum hinzustellen. "Wir haben uns einfach verpasst", sagt sie. "Das ändert nichts."
Es kommt nicht zur Trennung, nicht einmal zur Aussprache mit dem Geliebten. Auf gespenstische Weise geht alles weiter. Die großen Gefühle der Frau Sartoris finden kein Echo, sie laufen ins Leere. Nur die Literatur ist immer noch ihr Ort - auch im 21. Jahrhundert. VOLKER HAGE
* Elke Schmitter: "Frau Sartoris". Berlin Verlag, Berlin; 160 Seiten; 36 Mark. * Mit Isabelle Huppert und Christophe Malavoy (1991).
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 15/2000
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