17.04.2000

BIG BROTHERDer wo President werden soll

Deutschland hat einen neuen Trash-Helden: Zlatko „The Brain“ aus dem Big-Brother-Haus.
Damit eine Menschenmenge in dem Gefühl baden kann, sie wohne einem echten Ereignis bei, müssen ihr drei Dinge geboten werden: ein veritabler Stau bei der Anreise, mobile Würstchenbuden vor Ort sowie eine stets zu kleine Anzahl von Dixi-Toiletten.
Neuerdings kommt als vierter Ereignis-Indikator hinzu, dass die Mobilfunknetze unter der schieren Menge der Handys zusammenbrechen.
So gesehen war es ein gelungener Abend am vergangenen Sonntag vor dem Big-Brother-Haus in Köln-Hürth. Rund 5000 Menschen, kaum einer älter als 25, waren gekommen, um einen schwäbisch-mazedonischen Industriemechaniker zu feiern, der es binnen fünf Wochen vom einfachen dummen August zum Deppen mit Kultstatus gebracht hat: Zlatko, genannt "The Brain".
Wie derzeit kein anderer steht Zlatko für die Verfeldbuschung der Welt, für den - mehr oder weniger ironischen - Spaß am schlichten Gemüt. Zlatko kämpft mit Grammatik und Aussprache ("Isch grüße alle, die wo mich kenne"), schneidet sich die Brusthaare mit der Papierschere (drei Stichwunden) und kennt sogar das Video von Shakespeares "Romeo und Julia" ("Deppengeschwätz"). Kurz: ein Trash-Held in Jogginghosen, ein sprechender Maschendrahtzaun.
Zlatko, 24, war - bis letzten Sonntag - Teilnehmer der RTL-2-Show "Big Brother", bei der zehn Kandidaten in einem Containerhaus eingeschlossen und von 28 Fernsehkameras beobachtet werden. Alle zwei Wochen muss einer das Haus verlassen - die Bewohner schlagen je zwei Mitspieler vor, das Fernsehpublikum darf zwischen den beiden abstimmen.
Nun ist Zlatko rausgewählt und genießt den Ruhm: Stefan Raab, Harald Schmidt, Werbeverträge - die Spaß-Vermarktung läuft. "Zladdi"-T-Shirts gibt's im Internet ebenso wie ein Beispiel seiner Sangeskunst: Mit mehr Selbstbewusstsein als Stimmkraft hatte Zlatko im Haus den Schlager "Mendocino" intoniert - sein privates Gebrumme ("Mendesino") wurde vom Hessischen Rundfunk mit einem tröstenden Saxophon unterlegt und ins Netz gestellt. Kurz danach hat Zlatko auch offiziell eine CD aufgenommen.
Im Grunde genommen ist "Big Brother" erzlangweilig, die spaßigsten Aktionen finden außerhalb des Hauses statt, vorzugsweise im Internet. Auf mindestens hundert Fanseiten werden ironische Fotostorys montiert, Zitate gesammelt, gelästert und - eigentlich exklusive - Kamerazugänge geknackt.
Auch die Zlatko-Abschiedsparty am vergangenen Sonntag war ein Beispiel dafür, dass die Big-Brother-Fans witziger sind als die Sendung selbst: Wer vor Ort war, konnte zwar nichts sehen, weil der Wohncontainer dreifach durch hohe Zäune gesichert ist. Aber dafür konnte die Menge sich über die mitgebrachten Transparente amüsieren ("Zladdi, der wo President werden soll") oder per Sprechchor die Bewohner verunsichern.
Außerdem - und das allein war schon den Anreisestau wert - brauchten die Live-Zuschauer nicht den RTL-2-Moderator Percy Hoven ertragen, der so erbarmungswürdig vor der Kamera agiert, dass er nicht einmal zum Trash-Helden taugt. Womöglich gibt es Moderatoren, die schlechter sind als Percy Hoven. Aber von denen ist noch keiner im Fernsehen aufgetreten.
Von den jetzt noch sieben Bewohnern des Big-Brother-Hauses hat niemand mehr das Zeug zum Star. Neben Zlatkos bestem Freund Jürgen bleiben noch
* John und Andrea, die so langweilig sind, dass sie wahrscheinlich erst bei ihrem Rauswurf auffallen;
* Waldorf-Schülerin Jona, lebender Beweis für die Vorzüge der staatlichen Regelschule;
* Manuela, deren Mimik gelegentlich ins Moorhuhnhafte spielt und die - so forderten es die Zlatko-Fans - möglichst bald rausgeschmissen werden soll;
* sowie das Pärchen Alex und Kerstin, das es mit Gefummel unter der Bettdecke immerhin auf Seite eins der "Bild" schaffte.
An Alex und Kerstin lässt sich prima erkennen, was RTL 2 von seinen Kandidaten wirklich hält. Deren Intimitäten werden zwar gern gezeigt, aber für RTL-2-Verhältnisse geradezu zurückhaltend kommentiert: "Bettgeflüster" oder "Kuscheln" nennt der Große Bruder das Geschehen.
Wer aber auf der offiziellen Big-Brother-Internetseite das Suchwort "Kerstin" eingibt, stößt auf eine Seite, deren Titel wohl nicht für die Öffentlichkeit gedacht war. Dort heißt die Kuschelei ganz prosaisch: "Kerstin-Alex-Poppen". ANSBERT KNEIP
Von Ansbert Kneip

DER SPIEGEL 16/2000
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