17.04.2000

TIERETod der Ausreißer

Aufruhr um Eisbären: Mussten die vier Freigänger im Nürnberger Tiergarten wirklich erschossen werden? Tierschützer und Zooleute erstatten Strafanzeigen gegeneinander.
Einen "echten Glücksfall" erlebte Pathologe Jörn Ehrlein zu Beginn dieses Monats. Sonst bekommt der Nürnberger Amtstierarzt vor allem Schweine und Rinder unters Messer. Diesmal durfte er vier Eisbären ans gelblich glänzende Fell gehen: Im Auftrag des Nürnberger Zoos sezierte der Veterinär die Tierleichen, um sie auf mögliche Krankheiten zu untersuchen.
Längst sind die ausgeweideten Bären mitsamt Pelz in der Tierkörperbeseitigungsanstalt zerschreddert und zu Futtermehl und Fett verarbeitet. Doch die vorausgegangene Bären-Tragödie, mit gleich vier Opfern bisher einmalig in Europas Tiergärten, ist damit keineswegs zu Ende.
Heftige Vorwürfe gehen auf die Zooleitung nieder. Sie hatte militante Tierbefreier für den Tod der Bären verantwortlich gemacht. Tierschützer haben nun den Spieß umgedreht: Sie werfen der Zooleitung grobe Fahrlässigkeit und sogar vorsätzliche Tötung vor. Im bayerischen Landtag empörte sich ein CSU-Abgeordneter über "schwere Mängel im Zoomanagement"; professionelle Tierretter beklagten "absolut stümperhaftes" Vorgehen beim Versuch, die entwichenen Tiere wieder einzufangen.
Die Eisbär-Seniorinnen Silke und Nadine, beide 36, das Weibchen Efgenia, 9, und der Mann Yukon, 10, waren am Abend des 29. März, kurz vor Schließung des Zoos, ins Freie spaziert. Unbekannte hatten, so die Zooleitung, die beiden Schlösser der Stallungen geknackt. Nur dreieinhalb Stunden lang hatten die vier die Freiheit geschmeckt, da lagen sie schon tot im Matsch des Zoogeländes - mit Narkosepfeilen gespickt und von Kugeln gelöchert.
Assistiert von 13 Tierpflegern, machten Zoo-Kurator Helmut Mägdefrau und Tierarzt Bernhard Neurohr Jagd auf die Ausreißer. Weil sie die Betäubungskanülen nicht wirksam platzieren konnten, griffen sie zum Gewehr. Die Weibchen starben draußen; der verletzte Yukon, ein 500-Kilo-Koloss, schleppte sich noch in den Stall zurück, wo er den Fangschuss bekam.
Die vier Pelzriesen waren in Nürnberg nur zu Gast - der Karlsruher Zoo hatte sie ausquartiert, um ein neues Gehege mit aufwendiger Wasserlandschaft fertig zu stellen. "Halb Karlsruhe hat geweint", klagt nun Bürgermeisterin und Zoodezernentin Heinke Salisch. Doch bei den Tiergärtnern selbst löste der Tod ihrer Zöglinge auch Zuspruch aus: Er könne die Nürnberger Gastgeber "nur beglückwünschen", meinte Karlsruhes stellvertretender Zoodirektor Clemens Becker - zu der Entschlusskraft, mit der sie die Raubtiere umlegten.
Im bayerischen Landtag hingegen empörte sich der CSU-Abgeordnete Manfred Hölzl über "unerträgliche bauliche Zustände" im Nürnberger Zoo und die Vorverurteilung von Tierschützern. In einer schriftlichen Anfrage fordert Hölzl Aufklärung über die "primitiven Sicherungen", über Kontrollgänge und Erfahrungen im Umgang mit Waffen.
Zwar fiel keiner der deutschen Zoodirektoren den Nürnberger Kollegen in den Rücken, die ohnehin wegen ihrer umstrittenen Delfin-Haltung im Gerede sind. Doch bei ihnen, so erklärten sowohl Henning Wiesner vom Tierpark Hellabrunn wie Heiner Klös vom Berliner Zoo, seien die mächtigen Raubtiere hinter Stahltüren weit besser gesichert. Wiesner: "Bei uns müssten zig Sicherheitszylinder aufgebohrt werden. Einen Anschlag müsste jemand generalstabsmäßig planen."
Weil Winterspeck und Fell zu dick waren, so erklären die Nürnberger Bären-Jäger das Scheitern ihrer Narkoseversuche, seien die acht Zentimeter langen Kanülen abgeprallt oder im Fell stecken geblieben.
Wie man in solchen Fällen das Leben der Tiere schonen kann, hat Gerhard Frisch von Hoeßlin vom privaten Tierrettungsdienst Bayern in Bayreuth schon vielfach demonstriert. Hoeßlin, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Tele-Injektionstechnik, hat sich auf schwer einfangbare Tiere spezialisiert und wurde schon nach China bestellt, um dort Pandabären zu betäuben, bevor sie auf Reisen gingen. Erfolgreich hat der Oberstleutnant a. D. auch für den Stuttgarter Zoo einen ausgerissenen Gorilla "immobilisiert", mit seinen Mitarbeitern wehrhafte Straußenvögel oder verwilderte Hunde betäubt.
Wichtig sei vor allem, "die Sache ruhig anzugehen", weil sonst ein Adrenalinausstoß der gestressten Tiere die Wirkung der Medikamente abschwächt. Der Rettungsdienst wäre mit zielsicheren Schützen und Betäubungsgerät, das mit 15 Zentimeter langen Kanülen jede Speckschicht durchdrungen hätte, gern angerückt. Polizei hätte das Gelände umstellen müssen. Doch die Nürnberger Ordnungshüter wurden erst gerufen, als das Drama fast zu Ende war.
Dass ein glimpflicher Ausgang möglich gewesen wäre, zeigt ein Bären-Ausflug vor 27 Jahren im Karlsruher Zoo. Damals gelang es dem Direktor und erfolgreichen Eisbärenzüchter Anton Kohm, trotz unzulänglicher Narkosemittel, drei der vier Ausreißer zu retten. Für den Fall einer Attacke hatte auch Kohm Scharfschützen der Polizei um seinen Zoo postiert.
Wegen "Tötung von vier Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund" hat indessen der "Bundesverband der Tierversuchsgegner - Menschen für Tierrechte" Strafanzeige erstattet: Die Nürnberger Zooleute hätten "unverhältnismäßig" gehandelt und damit gegen das Tierschutzgesetz verstoßen.
Wieder einmal habe sich gezeigt, so kommentiert Sprecher Stephan Weber, "dass das System Zoo nicht funktioniert: Wir sperren diese Tiere ein Leben lang ein, um sie zu begaffen." Schuldlos außer Kontrolle geraten, würden die Zootiere "ohne jegliche moralische Bedenken" erschossen.
Drastischer sind die Anschuldigungen, die, auf Grund von vielerlei "Ungereimtheiten und Widersprüchen", Peter Arras von der "Aktion Konsequenter Tierschutz" in seiner Strafanzeige vorbringt: "Das Spektakel fand gar nicht statt", glaubt der im Karlsruher Zoo von Kohm ausgebildete Tierpfleger und Fachberater für Tierhaltung.
Er ist überzeugt, dass die Tiere "planmäßig erschossen" wurden, weil man sie loswerden wollte. Denn seit 1991, dem Ausscheiden von Kohm, gab es keinen Eisbärennachwuchs mehr im Karlsruher Zoo. Niemand habe nun eine Gruppe aus zwei Bären im Methusalem-Alter und zwei Tieren, die ohne Nachwuchs blieben, im neuen Prachtgehege einquartieren wollen.
Arras kritisiert, dass die Bären nicht kriminalistisch untersucht, sondern gleich vom Zoo an den Pathologen weitergereicht wurden. Er glaubt nicht an die Existenz des Bären-Befreiers, nach dem eine zehnköpfige Sonderkommission der Nürnberger Kripo fahndet. "Der wäre doch das erste Opfer der Bären geworden", so Arras, da er die entriegelte Tür in Richtung der Tiere hätte öffnen müssen. "Bären sind sehr feinsinnige Tiere, die sofort bemerken, wenn sich jemand an ihrer Tür zu schaffen macht."
Gegen den aufmüpfigen Tierpfleger hat nun ihrerseits die Stadt Karlsruhe Strafantrag wegen "übler Nachrede" gestellt. Für Hinweise, die zur Ermittlung des Täters führen, sind 20 000 Mark zusammengekommen, den größten Anteil stiftete das Deutsche Tierhilfswerk. RENATE NIMTZ-KÖSTER
Von Renate Nimtz-Köster

DER SPIEGEL 16/2000
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TIERE:
Tod der Ausreißer

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