24.04.2000

Die Stimmen der Herren

Fast hätte Regierungssprecher Heye unliebsame Konkurrenz bekommen.
Eigentlich könnte der Regierungssprecher sich entspannt in seinem Thonet-Stuhl zurücklehnen. Wochenlang haben die Zeitungen über einen neuen Imageberater des Kanzlers spekuliert und dabei immer wieder den gleichen Namen genannt: Schmidt-Deguelle. Jetzt endlich hat Uwe-Karsten Heye, 59, die Attacke abgewehrt, er ist der Sieger, er bleibt die einzige Stimme seines Herrn.
Aber wie ein Sieger sieht er nicht aus, sondern noch angespannt, misstrauisch und auf der Hut. Schmidt-Deguelle? "Das ist wie mit dem Ungeheuer von Loch Ness", sagt Heye gequält. "Es existiert nicht, kommt aber immer wieder hoch."
Klaus-Peter Schmidt-Deguelle, 49, war in Hessen Regierungssprecher des Ministerpräsidenten Hans Eichel und ist nach dessen unfreiwilligem Wechsel an die Spitze des Bundesfinanzministeriums für ein Honorar von 200 000 Mark Eichels PR-Berater in Berlin geworden. Er war nach allgemeiner Einschätzung so erfolgreich, dass gleich danach Bundesarbeitsminister Walter Riester den ehemaligen Fernsehredakteur zur Imagepflege verpflichtete, für 54 000 Mark. Als nächster hatte Schröder selbst ein Auge auf den Wundertäter geworfen.
Schmidt-Deguelle, so hieß es seither, solle neuer Imageberater des Kanzlers werden. Gerade jetzt sei das nötig, wo die CDU unter Angela Merkel Tritt zu fassen beginne. Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, insinuierte die "Süddeutsche Zeitung", gehe mit dem PR-Profi schon ausgesprochen freundlich um. "Wenn nicht alle Hinweise trügen, könnte sich der innere Kreis des Kanzlers bald um einen Mann erweitern." Ob der als fest angestellter Mitarbeiter oder weiterhin auf Honorarbasis, ob im Kanzleramt oder im Presseamt tätig werden sollte, war nie klar.
Aber jetzt ist es klar, so klar, dass Heyes Stellvertreter Béla Anda am vergangenen Montag vor der Bundespressekonferenz alle "Spekulationen über das Bundespresseamt und angebliche Neubesetzungen" als "Unfug" abtun konnte. "Eine Beauftragung durch den Bundeskanzler oder durch das Bundespresseamt ist nicht geplant." Wenige Stunden zuvor hatte Schröder dies persönlich im SPD-Präsidium klargestellt. Alle Spekulationen, er sei mit der PR-Arbeit seines Sprechers unzufrieden, seien "falsch".
Für Heye ist die Sache damit zwar fürs Erste erledigt. Aber dass die Klarstellung so lange auf sich warten ließ und die sich häufenden Berichte über die angeblich wachsende Kritik an seiner PR-Arbeit nicht gleich postwendend von Schröder selbst dementiert worden sind, muss ihn gekränkt haben.
Tatsächlich hatte der Kanzler an dem Medienprofi Schmidt-Deguelle Gefallen gefunden. Denn der hatte es geschafft, aus dem bekannt drögen, biederen Eichel einen seriösen Sparkommissar und mutigen Steuerreformer zu modellieren. So einer imponiert Schröder.
Kein Wunder also, dass er auch im kleinsten Kreis darüber räsonierte, ob und wie man die Fähigkeiten dieses Mannes für die Regierung insgesamt nutzen könne. Zumal Eichel ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, dass der Beratervertrag mit Riester im Juli auslaufen und der Mann spätestens dann für neue Aufgaben zur Verfügung stehen würde.
In den Medien wurde das Entzücken des Kanzlers über den neuen PR-Verkäufer als gezielter Seitenhieb gegen die Arbeit seines Regierungssprechers interpretiert. Der steht ohnehin unter dem Generalverdacht, zu viel "Regierung" und zu wenig "Sprecher" zu sein. Wie sein großes Vorbild Klaus Bölling einst den Kanzler Helmut Schmidt, so kann auch Heye den Kanzler Schröder jederzeit und sogar ohne Rücksprache authentisch interpretieren. Er weiß genau, wie der Niedersachse tickt. Er ist ständig in seiner Nähe und versteht sich in erster Linie als dessen politischer Berater.
Aber dafür hat er zu wenig Zeit für die in Berlin akkreditierten Journalisten, deren Zahl gewaltig angeschwollen ist. Heye, so klagen sie, sei viel zu selten greifbar. Jüngere Kollegen fühlen sich von dem bald 60-Jährigen nicht richtig ernst genommen und arrogant behandelt.
Auch im Bundespresseamt (BPA) gibt es Kritik. Die 650-Mitarbeiter-Behörde, traditionell auch ein Abstellbahnhof für auslaufende Karrieren, ist demotiviert und fühlt sich vernachlässigt. Heye kümmere sich zu wenig um die Verwaltung und sei zu selten präsent, lautet der Vorwurf. Wenn sich morgens die Abteilungsleiter zur Lagebesprechung einfinden, fehle der Chef häufig, weil er an der Abteilungsleiter-Lage im Kanzleramt teilnehme. "Wir sind", klagt ein BPA-Beamter, "ein Haus ohne Führung."
Nebulös blieb selbst für seine Mitarbeiter bisher der Plan des Regierungssprechers, ein einheitliches Gesamtkonzept für die PR-Arbeit der Regierung zu entwerfen. Er habe, klagte Heye kürzlich, "einen Flickenteppich vorgefunden", jedes Ressort habe sich "irgendwie ästhetischwerblich dargestellt", aber es fehle eben "ein Label, das jedem klarmacht: Hier kommuniziert die Bundesregierung".
Welche Inhalte aber hinter dem Label stecken und welche Botschaften überkommen sollen, ist immer noch unklar. Eine eigens dafür eingesetzte Arbeitsgruppe kam bei einer zweitägigen Klausurtagung in Potsdam über Allgemeinplätze nicht hinaus. Man redete zwar über verschiedene Projekte, die derzeit in der "Pipeline" stecken - vom Atomausstieg bis zur Sommer-Smog-Verordnung, von der Justiz- zur Bundeswehrreform -, aber Prioritäten wurden nicht gesetzt.
Der Münchner Kommunikationsberater Michael Geffken war eigens eingeflogen worden, um die illustre Runde unter dem Vorsitz der Staatssekretäre Steinmeier und Heye anzuleiten. Der im Kanzleramt für "Grundsatzfragen" zuständige Abteilungsleiter Wolfgang Nowak hingegen war nicht gebeten worden, dafür aber PR-Berater Schmidt-Deguelle, der "die Dichte der Ergebnisse wohl als unzureichend" empfand, wie die "Süddeutsche" hinterher süffisant kolportierte.
Vermutlich haben dem PR-Künstler diese und andere Beiträge, in denen er als Kommunikationsgenie gefeiert wurde, am Ende doch mehr geschadet als genutzt. Dass der Eichel-Vertraute erzählte, er sei in der Lage, auf Grund seiner Verbindungen ins öffentlich-rechtliche Fernsehgeschäft noch eine Stunde vor "Heute" oder "Tagesschau" seine Minister mit entsprechenden Botschaften in die Sendungen zu platzieren, fand Uwe-Karsten Heye jedenfalls höchst unprofessionell. "Selbst wenn es stimmte, wäre es doch verrückt, darüber zu reden." HARTMUT PALMER
Von Hartmut Palmer

DER SPIEGEL 17/2000
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