24.04.2000

GRÜNEWilder Hass

Seit ihrer Unterstützung für den Kosovo-Krieg wird Angelika Beer terrorisiert. Sogar Morddrohungen erhält die Ex-Pazifistin.
Gut platziert vor ihrer Haustür lag die Botschaft: eine Ratte, tot, zugestellt von Unbekannt in einem kleinen Nest in Schleswig-Holstein. In der Nacht danach klingelte im Haus das Telefon. Als Angelika Beer, die grüne Bundestagsabgeordnete, den Hörer abhob, hörte sie den einen Satz: "Als nächste du!"
Eigentlich ist sie hart im Nehmen: "Mit Drohungen kenne ich mich seit Jahren aus." Es gab Einbrüche in ihr Wahlkreisbüro in Neumünster, Computerfestplatten wurden gestohlen, es gab wüste Beschimpfungen.
Gegen all das konnte Angelika Beer, 42, sich schützen. Das Wahlkreisbüro wurde nach Kiel verlegt, eine neue Festplatte mühsam wieder mit Daten gefüllt, und wüste Beschimpfungen, findet sie, "muss eine Politikerin durchstehen". Die Schmähbriefe kamen in dieser Zeit vor allem aus der rechtsextremen Ecke. Und um ihr Leben musste die Bundestagsabgeordnete damals noch nicht fürchten.
Seit dem Kosovo-Krieg ist alles anders. Auf welchem Podium auch immer die Grüne sitzt, die autonome Szene ist schon da. "Kriegstreiberin, Imperialistenschwein, wir kriegen dich", skandieren sie. Trillerpfeifen gellen. Bisweilen erzwingen die Störer, eine bunte Truppe von 18- bis 50-Jährigen aus der antifaschistischen und antimilitaristischen Bewegung, den Abbruch der Diskussion.
Im Kieler Veranstaltungszentrum "Pumpe" scheiterten Anfang Februar alle Versuche, die militanten Antimilitaristen zu besänftigen. "Diese Hassstimmung hat mich irritiert", erinnert sich Beer, "aber ich dachte, auch das muss ich aushalten."
Noch immer wollte sie die Drohungen nicht wirklich ernst nehmen - bis zwei ihrer Wahlkampfveranstaltungen gesprengt wurden. Seither tritt sie mit Begleitung auf, einige Personenschützer schirmen sie jetzt auf öffentlichen Veranstaltungen ab. "Der Damm ist gebrochen, als die politische Auseinandersetzung mein Privatleben erreicht hat", stellt Beer bemüht lapidar fest.
Privatleben - das bedeutet Abgeschiedenheit zwischen Wald und Bahngleisen in einem Ort, dessen Namen sie aus Sicherheitsgründen nicht genannt haben will. Denn hier lag die tote Ratte, hier sprühten Unbekannte das Wort "Krieg" auf ihr Auto, hier steckten Morddrohungen in ihrem Briefkasten.
Angst? Kurzes Zögern. "Natürlich habe ich auch Angst", sagt Angelika Beer, "aber schlimmer ist, dass ich nicht mehr frei rumlaufen und einfach mit Leuten reden kann." Personenschützer können schließlich nicht alles verhindern, zumal auch sie nicht allgegenwärtig sind.
In Hannover wurde die Grünen-Politikerin auf dem Bahnsteig erkannt und angespuckt. "Ein Scheißgefühl", stellt Beer fest. Und immer wieder geht ihr die eine Fra-
ge durch den Kopf: Warum dieser Hass?
Noch 1993 hatte sie auf dem Sonderparteitag der Grünen zum Krieg in Ex-Jugoslawien in Bonn getönt: "Lasst uns sagen, wir schaffen die Bundeswehr ab, und bei der Uno machen wir nicht mit." Damals war Beer als Mitglied des Bundesvorstandes der Grünen noch im Einklang mit der Friedensbewegung.
Im vergangenen Jahr war alles anders: Kein Nein zum Luftkrieg ihrer Regierung gegen Jugoslawien und auch kein persönlicher Protest, stattdessen Stimmenthaltung im Deutschen Bundestag zum Krieg der Nato unter deutscher Beteiligung ohne Mandat der Vereinten Nationen.
Dazwischen liegt eine schwer nachzuvollziehende Entwicklung. "Für viele bin ich das Verräterschwein", weiß Angelika Beer. Es hilft ihr jetzt auch nicht besonders viel, dass sie die Brüche in ihrem politischen Leben mit Gegnern und Freunden öffentlich diskutiert hat. "Ein kleine radikale Minderheit will nicht mehr mit mir und den Grünen reden."
Am vorvergangenen Samstag nutzte das "Büro für antimilitaristische Maßnahmen" eine Anhörung der Grünen im Reichstag, ein Jahr nach dem Ausbruch des Kosovo-Krieges, für ihren theatralischen Protest. Wild geschminkt, mit aufgemalten Einschusslöchern auf der Stirn, hockten sie im Saal und skandierten: "Kriegstreiber, Kriegstreiber". Pathetisch verkündeten sie die "unüberwindliche Gegnerschaft" zwischen der antimilitaristischen Bewegung und den Grünen.
Was Gewalt ist, definieren diese Aktivisten nach Bedarf. Den Farbbeutel, der vergangenes Jahr in Bielefeld Außenminister Joschka Fischer am Ohr traf, finden sie okay. "Es gibt keine Grenze für unseren Protest!" Gar keine? "Doch", so die Auskunft einer Frau, die ihren Namen nicht nennt, "vielleicht das Leben".
Vielleicht. Das Bundeskriminalamt ermittelt, wer für die Morddrohungen gegen Angelika Beer verantwortlich ist, hüllt sich aber aus Sicherheitsgründen in Schweigen. Sind es am Ende gar nicht die Linken, die Beer Morddrohungen schicken? Sind es doch die Rechten?
Die grüne Abgeordnete hat sich mit der Neonazi-Szene in Schleswig-Holstein angelegt. In ihrem Wahlkreis Neumünster macht ein beliebter Szenetreff von sich reden, der "Club 88". Die 8 steht für H - den achten Buchstaben im Alphabet -, 88 ist der Neonazi-Code für "Heil Hitler". Für den 1. Mai ruft Beer zur Demonstration in Neumünster auf. Die rechtsextreme Szene hat Kritiker schon häufiger auf Todeslisten gesetzt. CHRISTOPH MESTMACHER
* Oben: auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels am 22. Januar 1997; unten: am 1. Februar im Kulturzentrum "Pumpe" in Kiel.
Von Christoph Mestmacher

DER SPIEGEL 17/2000
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