24.04.2000

MOBILFUNKRitt auf der Rasierklinge

Mit einer neuen Technik soll das Handy zum multimedialen Allround-Gerät werden. Doch der Umstieg in die neue Ära ist äußerst riskant und zwingt die Telefonfirmen zu Investitionen in Milliardenhöhe. Nur ein Gewinner steht schon fest: Finanzminister Hans Eichel.
In diesem Sommer müssen viele Mobilfunkmanager auf ihren gewohnten Urlaub verzichten. Ende Juli, Anfang August nämlich sollen sie in einer ehemaligen US-Kaserne in Mainz zum Showdown antreten und über eine äußert riskante Investition entscheiden.
Es geht um die Zukunft der Branche - und um die Zukunft der beteiligten Unternehmen. In einer voraussichtlich zweitägigen Auktion versteigert die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post im Auftrag der Bundesregierung die Lizenzen für den Einstieg in die nächste Mobilfunkgeneration.
Noch stehen die Termine nicht fest, doch einige der Spielregeln hat Behördenchef Klaus-Dieter Scheurle schon genau festgelegt. Maximal zwei Personen kann jeder Bieter nach Mainz entsenden. Sie müssen ihre Handys abgeben und werden in einen Raum eingeschlossen. Nur unter Aufsicht dürfen sie per Fax und Telefon mit ihrer Firmenzentrale kommunizieren.
Dann beginnt das Feilschen um eine der begehrten Lizenzen, Mindestsumme 200 Millionen Mark. Alle 30 bis 40 Minuten werden neue Gebote eingesammelt, im Internet wird jeder Interessierte verfolgen können, wie die Preise steigen. Am Ende könnte jeder, der zum Zuge kommt, um rund 10 Milliarden Mark ärmer - und Finanzminister Hans Eichel um rund 50 bis 60 Milliarden Mark reicher sein.
Denn die Frequenzen für die neue Handy-Technik, bekannt unter dem Kürzel UMTS, sind äußerst knapp und nicht beliebig vermehrbar. In jedem Land können höchstens fünf bis sechs Netzbetreiber eine Lizenz erhalten, obwohl die Zahl der Interessenten fast überall doppelt so hoch ist. Wer die Lizenz bekommt, meint Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid, erhält den "Zugang zu einem der letzten Oligopole der kommenden Jahre".
Anders als 1989 und 1993, als die damaligen Postminister Christian Schwarz-Schilling (CDU) und Wolfgang Bötsch (CSU) die Lizenzen für die D- und E-Netze gegen eine Verwaltungsgebühr von fünf Millionen Mark vergaben, soll diesmal auch die Staatskasse vom Handy-Boom profitieren.
Ursprünglich hatten die Beamten im Finanzministerium mit Einnahmen von rund einer Milliarde Mark pro Lizenz gerechnet, inzwischen hat sich die Lage dramatisch verändert. Bis zu 50 Milliarden Mark, so glauben sie, könnte der Verkauf der deutschen Lizenzen für die mobile Multimediawelt einbringen. Andere Schätzungen liegen noch höher, denn was die Telefonkonzerne für den Einstieg ins Zukunftsgeschäft zu zahlen bereit sind, zeigt sich zur Zeit in Großbritannien.
Dort traten Anfang März 13 Firmen an, um eine von insgesamt fünf UMTS-Lizenzen zu ersteigern. Das Mindestgebot schwankte, je nach Ausstattung der Lizenz, zwischen 300 und 400 Millionen Mark. Alles in allem sollten etwa 1,5 Milliarden Mark zusammenkommen.
Doch innerhalb weniger Tage katapultierten die Firmen ihre Gebote in astronomische Höhen. Allmählich hat sich zwar das Feld gelichtet, nur noch sechs Interessenten sind im Rennen - darunter auch One2One, der britische Ableger der Deutschen Telekom.
Mit gut 19 Milliarden Mark hatte der Handy-Konzern Vodafone Mitte vergangener Woche das höchste Gebot für eine der Lizenzen abgegeben. Noch vor Ablauf der zeitlich unbefristeten Auktion kann die Regierung in London bereits einen Erlös von fast 72 Milliarden Mark als sicher verbuchen - das entspricht etwa dem Jahresetat des britischen Verteidigungsministeriums.
Noch ist nicht klar, wie viele Firmen sich an der Auktion in Mainz beteiligen werden, die Anmeldefrist endet erst am 28. April. Doch es gilt als sicher, dass nicht nur die bisherigen Netzbetreiber Telekom (D1), Mannesmann (D2), E-Plus und Viag Interkom antreten werden. Neben der Stuttgarter Telefonfirma Debitel will auch Mobilcom-Chef Schmid, der bislang nicht über ein eigenes Handy-Netz verfügt, unbedingt in die Oberliga der Branche aufsteigen.
Schmid hat sich dazu vor kurzem mit France Télécom verbündet. Der Ex-Partner von Telekom-Chef Ron Sommer gibt dem Aufsteiger aus Büdelsdorf starke finanzielle Rückendeckung. Seither prahlt der Newcomer: "Für uns gibt es kein Preislimit."
Interesse signalisiert haben auch einige ausländische Konzerne, die bislang in Deutschland nur schwach vertreten sind. So erwarten Branchenkenner, dass zumindest Juan Villalonga, der Chef der spanischen Telefónica, und auch US-Raubein Bernie Ebbers, Chef von MCI Worldcom, in Mainz mitbieten. Beide stehen unter Druck, nachdem sie bei der Auktion in London vorzeitig aufgegeben haben. Im Gespräch sind außerdem die japanische NTT, die mit ihrem Ableger Docomo stark ins mobile Internet-Geschäft drängt, sowie der US-Marktführer AT&T und sein Konkurrent SBC, der bei der Elmshorner Firma Talkline das Sagen hat.
Sie alle setzen darauf, dass die neue Technik die Dynamik der Boombranche Mobilfunk noch auf Jahre hinaus sichert und dem Handy völlig neue Anwendungsgebiete erschließt (siehe Grafik Seite 78).
Wenn im Jahre 2002 die ersten UMTS-Geräte in den Laden kommen, werden selbst die jetzt so hochgelobten WAP-Handys völlig veraltet wirken. Denn WAP ist nur eine bescheidene Weiterentwicklung der gängigen Digitaltechnik.
UMTS dagegen ist eine völlig neue Mobilfunk-Generation. Mit ihr soll aus dem schlichten Fernsprechgerät ein vollwertiges Multimedia-Terminal werden. Per Handy können die Kunden dann problemlos im Internet surfen, Bankgeschäfte erledigen, Film-Vorschauen ansehen, Kinokarten buchen oder E-Mails und elektronische Postkarten verschicken.
Bis zu 200-mal höhere Übertragungsraten als die bisherige Handy-Technik verspricht UMTS, selbst der Heimcomputer mit ISDN-Anschluss ist deutlich langsamer. Experten rechnen damit, dass UMTS sogar den Festnetzanschluss überflüssig machen könnte und das Handy eines Tages zum Standardtelefon werden wird.
Entsprechend optimistisch sind die Prognosen: Bereits im Jahre 2005, heißt es, werde allein der europäische Mobilfunkmarkt so viel Umsatz bringen wie heute der gesamte Weltmarkt. Und die Erfolge finnischer und japanischer Netzbetreiber mit mobilen Internet-Angeboten scheinen den Optimisten Recht zu geben.
Doch das Risiko ist gewaltig. Denn für multinational agierende Konzerne, die wie die Deutsche Telekom in mehreren Ländern antreten, können sich die Lizenzkosten leicht auf 30 oder 40 Milliarden Mark addieren. Und damit ist es nicht getan.
Zusätzlich muss jede Firma noch einmal bis zu 8 Milliarden Mark in den Aufbau des eigentlichen Netzes stecken - ein Geschäft, das Telekommunikationsausrüstern wie Ericsson, Nokia, Siemens oder NEC auf Jahre hinaus stattliche Aufträge sichert. Die bestehende Infrastruktur kann nämlich nur zu einem geringen Teil weiter genutzt werden, weil UMTS mit einer anderen Übertragungstechnik arbeitet.
Seit die Preise in England bekannt sind, fragen sich immer mehr Manager, ob sie so gigantische Investitionen jemals wieder durch neue Dienste wie Internet oder Filme erwirtschaften können. Zwar wächst die Gemeinde der Handy-Nutzer ständig, doch immer weniger sind bereit, viel Geld für die Beitragsrechnung aufzuwenden. "Das wird", meint D2-Manager Ernst Durwen, "ein Ritt auf der Rasierklinge."
Die Branche steckt in einem Dilemma. Einerseits bietet eine Technik, die zum Jahreswechsel als WAP-Nachfolger unter dem Stichwort GPRS eingeführt wird, schon viele Möglichkeiten der kommenden UMTS-Generation. Dabei sind die Kosten für den Netzausbau überschaubar, und eine neue Lizenz wird auch nicht benötigt.
Andererseits, ahnt Viag-Interkom-Chef Maximilian Ardelt, "werden wir alle am Tag der Versteigerung unseren ökonomischen Sachverstand an der Türe des Versteigerungsraumes abgeben und fleißig mitbieten". Denn noch größer als die Sorge um die Wirtschaftlichkeit ist die Angst, keine Lizenz zu erhalten.
Der Grund ist klar. "Wer das Ding nicht hat, kriegt Probleme", ahnt Mobilcom-Chef Schmid. Analysten würden eine Firma ohne Fahrschein in die Zukunft an der Börse gnadenlos abstrafen. Besonders T-Mobil-Vorstand Kai-Uwe Ricke kann sich die Blamage, ohne Lizenz nach Hause zu kommen, nicht leisten. Dann könnte Telekom-Chef Ron Sommer den für den Herbst geplanten Börsengang seiner Handy-Tochter gleich abblasen. Auch Marktführer Vodafone/Mannesmann wird alles daran setzen, seine Spitzenposition zu verteidigen, nachdem er bereits in Spanien und - fast - auch in Großbritannien am Ziel ist.
Noch hoffen die Manager, dass einige Firmen ihre Kriegskasse bereits in England verpulvert haben und deshalb in Mainz weniger hoch pokern. Andere setzen darauf, dass sich die Konkurrenten im Vorfeld arrangieren könnten. So könnten kleinere Firmen den Großen der Branche anbieten, frühzeitig aus der Preisschlacht auszusteigen. Als Gegenleistung könnten sie eine Beteiligung von ein paar Prozent an der neuen Gesellschaft erhalten.
Doch das alles sind bislang nur Spekulationen, die in der aufgeschreckten Boombranche kursieren. Sicher ist für alle vorerst nur eins. "UMTS", so Debitel-Chef Joachim Dreyer, "ist keine Lizenz, sondern eine Verpflichtung zum Gelddrucken."
FRANK DOHMEN, KLAUS-PETER KERBUSK
Von Frank Dohmen und Klaus-Peter Kerbusk

DER SPIEGEL 17/2000
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