24.04.2000

TOURISMUSSchloss statt Schweine

Die größte Ferienanlage Nordeuropas und der erste Robinson-Club Deutschlands eröffnen nächste Woche in Mecklenburg. Gibt es genug Gäste für das 400-Millionen-Mark-Projekt?
Im Leben eines Dorfbürgermeisters kann es Ereignisse geben, die machen alle bisher großen Sorgen klein: die Frage nach der Zukunft des Kindergartens zum Beispiel und nach den Kosten fürs Feuerwehrauto.
Das alles ist plötzlich unbedeutend, wenn so genannte Projektentwickler aus Berlin kommen und 400 Millionen Mark im Gemeindegrund verbuddeln. So wie in Göhren-Lebbin, einem 532-Seelen-Fleck in der mecklenburgischen Seenplatte: Lange Jahre bestimmte die LPG Tierproduktion Lebbin hier das Leben, während das Dorfschloss der Blüchers zeitweise als Eier-Erfassungsstelle und Konsum vergammelte. Dann rückten die Bagger an, und jetzt ist sie fertig, die größte Ferienanlage Nordeuropas, der erste Robinson-Club in Deutschland, die teuerste Wette gegen Regen, Wind und Wolken. 1700 Gäste pro Tag können, sollen, ja müssen hier vom nächsten Freitag an Urlaub machen - damit das viele Geld nicht versandet.
Dass es überhaupt so weit kam, hat Bürgermeister Peter Becher, 48, kräftig befördert. Fast sein ganzes Dorf war seit der Wende arbeitslos. "Wir haben nur eine Chance", hat er früh erkannt: "Tourismus."
Schloss statt Schweine lautete fortan seine Vision, und an ihr hielt er auch fest, als die ersten Planer aus Berlin schon wieder abgesprungen waren. Den Kindergarten und einige Häuser ließ Becher abreißen und an anderer Stelle (mit Hilfe seiner Bauberatungsfirma) neu aufbauen. Das Feuerwehrauto hat er noch beim Investor organisiert, aber den Rest - Straßen, Strom, Kanäle - hat die Gemeinde finanziert.
Die Investition des Bauerndorfs soll sich besser auszahlen als Schweinetrog und Rinderfutter: 200 000 Übernachtungen sollen schon in dieser Saison in der Gesamtanlage "Land Fleesensee" verkauft werden, vor allem an Urlauber aus den je zwei Stunden entfernten Städten Berlin und Hamburg.
Drei Betreiber wollen sich die Gäste teilen: Sport- und Spaßfreaks sollen im Robinson-Club ihr Heil finden, Familien in den 71 Häusern des gegenüberliegenden Dorfhotels entspannen - beide Anlagen betreibt die TUI, Deutschlands größtes Touristikunternehmen. Und die Hotelgruppe Radisson SAS hat sich das Schloss gesichert - es wurde zur Luxusabsteige für Golfer, samt Beauty-Programm ("Die Schönheit der Königin") für die Gemahlin.
Ein gewagtes Projekt, nicht zuletzt für den Robinson-Club: Dessen Gäste sind Sonne gewöhnt - das Surf-Camp in Ägypten oder die Katamaran-Woche in Griechenland sind Schlager im Programm. Sich regen bringt Segen gehört zur Philosophie der Clubs. Aber bringt Regen Segen? Im oft nass-trüben Mecklenburg müssen sich die "Robins", so nennen sich die Animateure, mächtig ins Zeug legen, um die Stammkundschaft bei Laune zu halten. Jetzt wird noch intensiv geübt, bevor am 6. Mai ein anderer Gute-Laune-Experte die Anlage offiziell eröffnet: Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Vielleicht geht er dann mit "Robin" Jeroen, 34, auf eine Geländetour mit "F & B Show". "Das ist eine Wanderung mit Food und Beverage", sagt der Holländer; ganz viel Spaß mache so ein Picknick. Und wenn's draußen friert, empfiehlt er Wellfit-Bar, Schlammbad und Internet-Café zur Entspannung. Oder die Shows: Die finden im Robinson-Club an jedem Abend statt, mit täglich wechselndem Programm.
Die Stars der Bühne kennen die Gäste schon aus der Küche oder dem Sportclub: Ein Robin muss überall ran. Für die große Mozart-Show etwa schlüpft Entertainment-Chef Günni in die Amadeus-Rolle. Und am Abend der Michael-Jackson-Performance wird dessen Double samt Leibwächtern (Jeroen? Günni?) schon vor dem Auftritt das Restaurant erstürmen.
Natürlich sind solche Konzepte nur schwer mit den Bauern der ehemaligen LPG Tierproduktion zu bestreiten; die arbeiten vor allem auf dem Golfplatz oder in der Putzkolonne. Fun-erprobte Animateure hat sich der Clubchef deshalb von Tunesien bis Ägypten zusammengesucht. Mittelfristig aber - schließlich haben Bund, Land und EU fast 100 Millionen Mark spendiert - sollen hier zunehmend auch Mecklenburger für Gaudi sorgen.
Sylvie Müller, eine der Ersten, hat schon vor zwei Jahren auf der Baustelle ihre Dienste angeboten. "Braucht ihr eine Bogenschützin?", fragte sie damals die Urlaubsmanager. Künftig unterrichtet die ehemalige Landesvierte im DDR-Wettkampf für Bogenschießen die Urlauber in ihrer Kunst. Die Jung-Animateurin staunt über die Welt ihrer neuen Kollegen, modernen Wanderarbeitern, die fast jede Saison in einen anderen Club ziehen. "Morgens um sieben am Büfett, dann Bogenschießen und spät abends noch auf die Bühne, so hätten die es hier am liebsten", weiß Müller, 34, schon nach wenigen Tagen.
Die Robinson-Philosophie hat sie mit anderen Neulingen gerade erst im Kaminzimmer gelernt; dass sich alle, Gäste und Mitarbeiter, grundsätzlich duzen zum Beispiel. Auch dass gelacht werden dürfe, "aber nicht auslachen", steht da am Flip-Chart: "Jeder ist sein eigener Spiegel."
Nebenbei gibt es auch eine Lektion im großen Tourismusgeschäft: Die Masse macht's. Kaum wieder zu erkennen sei der Ort, sagt Sylvie, und da hat sie Recht.
Wie ein Gutshof der Region soll der Club am Dorfeingang wirken, mit Holzverkleidung, Fahne und Türmchen. Direkt gegenüber ist mit dem Dorfhotel ein ganzes Viertel entstanden; alles neu und doch alles auf alt getrimmt: 71 bunte Gästehäuser wurden teils mit Fachwerk dekoriert, teils als Fischerhütte verkleidet. Mühle und Leuchtturm sind, fast wie im Legoland, nur wenige Meter hoch und dienen als Kiosk und Kindergarten; im "Bootshus" gibt es eine Kneipe. "Für Urlaub in Deutschland", so die Werbung, "gilt bald ein neuer Maßstab."
Eine gewaltige Kunstlandschaft ist hier entstanden, eine Art Disneyland in McPom: Alles wirkt irgendwie ländlich vertraut, aber nichts ist echt, kein Misthaufen würzt die Luft, kein Hahn kräht in der Früh.
Eine Ferienanlage aus dem Boden gestampft wie Hotelburgen an der Costa del Sol, das ist neu in Deutschland, und das braucht Phantasie: "Das Dorf war in seiner Belanglosigkeit nicht zu überbieten", sagt Detlev Fricke, der als Geschäftsführer der Berliner Katz-Gruppe seit 1997 das Projekt entwickelte. Schon 1991 gab es erste Pläne für das Mega-Vorhaben. Aber bis zur Realisierung hat es Jahre gedauert, auch weil Banken und Anleger nach dem Milliarden-Konkurs von Dr. Jürgen Schneider vorsichtig wurden. Dann stand auch der erste Bauherr von Fleesensee, die OstBerliner Interhotel-Gruppe, kurz vor der Pleite.
Die ersten Bagger in Göhren-Lebbin rollten erst an, nachdem David Katz die Führung übernahm; der Mann hatte sein Geld zuvor an ganz anderen Baustellen verdient, im sozialen Wohnungsbau von Berlin-Kreuzberg - "Sozi-Bau" nennt das sein Geschäftsführer.
In weniger als drei Jahren hat Katz sein "Land Fleesensee" vollendet. Jetzt fehlen nur noch einige Anleger in seinem Immobilienfonds, der das Projekt neben dem Staat und einem Bankenkonsortium um die NordLB mit fast 200 Millionen Mark finanziert. 330 Investoren hat er bis jetzt gewonnen, 1000 sollen es werden.
Da hat der Bürgermeister vor Ort, was die Zustimmung betrifft, bessere Werte. Seit der Wende ist Peter Becher (CDU) im Amt. PDS und SPD haben in seinem Gemeinderat nicht einen einzigen Sitz; bei der letzten Direktwahl hat er 80 Prozent der Stimmen bekommen. FRANK HORNIG
Von Frank Hornig

DER SPIEGEL 17/2000
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