24.04.2000

Irre authentisch

In einem sensibel-nachdenklichen Kommentar fragte letzte Woche "Bild", das nationale Organ ambitionierter Zukunftsforschung: "Stehen wir vor einer Gefühlswende in Herz, Hirn und Hose?" Die Trendforscherin Dee Dee Gordon hatte das Ende von "Narzissmus und Coolness" prophezeit, an deren Stelle nun, im Anschluss an Rousseau, "Sinnlichkeit und Authentizität" treten sollen. In kulturrevolutionärer Begeisterung ruft "Bild" die Deutschen zur Umkehr auf: "Seien wir ehrlich zu uns und anderen. Folgen wir unserem Instinkt und unserer Seele". Schluss also mit der ganzen Maskerade - unterm Pflaster liegt der Strand, unterm Makeup das wahre Leben, man muss es nur rauslassen. Birgit Schrowange, 42, Ex-ZDF-Ansagerin, RTL-Moderatorin ("Extra"), notorische Schreckschraube des deutschen Boulevardfernsehens und strahlende Spätschwangere - "Jetzt geht es erst mal für drei Wochen in die Osterferien" -, hat als Erste reagiert: "Es gibt Menschen, die sind so hässlich, dass sie froh sein können, sich selber nie auf der Straße zu begegnen", teilte sie ihren Zuschauern vor einem Magazin-Beitrag über behinderte Menschen mit. Unter den abgefilmten Kreaturen sei gar ein Exemplar, das zu den "beeindruckendsten Beispielen menschlicher Naturkatastrophen" gehöre, jenen "hoffnungslos hässlichen Menschen", die gar nicht authentisch genug gezeigt werden können, um die Einschaltquote im Namen von Instinkt und Seele zu steigern. Trotz ihrer pflichtgemäßen Entschuldigung ("Dummes Missverständnis") bleibt das Verdienst der ungeschminkten Formulierung, das Schule machen wird. So viel Sinnlichkeit muss sein. "Die Wahrheit ist immer konkret" (Lenin). Die Gefühlswende kommt.
Beten wir nur, dass Birgit Schrowange sich in diesem Leben nie, nie selber begegnen muss, total sinnlich und irre authentisch, konkret krass. Schon gar nicht auf der Straße. Es wäre eine Naturkatastrophe für Herz, Hirn und Hose.
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DER SPIEGEL 17/2000
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