24.04.2000

PROMINENTEDas gerupfte Superweib

Die Bestseller-Autorin Hera Lind lebt die Kitsch-Klamotte, über die sie sonst schreibt. Neues Herzblatt, schmollender Ex, hin- und hergerissene Kinder: Die Vermarktung als Zuckergussgeschichte ist allerdings ziemlich misslungen.
Über dem oberbayerischen Urlaubsort Waging am See zieht ein von Föhnwinden begleiteter lauer Morgen herauf, der reichlich Sonne verheißt. Für den zehn Kilometer langen Rundkurs, der sich vom "Eichenhof" aus in Richtung des noch schneebedeckten malerischen Zwiesel um die ockerfarbene Wallfahrtskirche schlängelt, benötigt die durchtrainierte obsessive Läuferin Hera Lind exakt eine Stunde.
Während sie vor der Hotel-Lobby danach ihren allenfalls leicht erhitzten gertenschlanken Körper mit einigen Dehnübungen entkrampft, präsentiert sich die 42-jährige Bestseller-Autorin makellos, wie es ihr Image verlangt. Auch mental fühlt sie sich bestens - Grund genug, ihr "wunderbares Glück" zu preisen.
Und das umso mehr, als sich in dieses schöne Bild vor dem Panorama des nahen Salzkammergutes wenig später ein sanft ergrauter, etwas ausgepumpt wirkender, ondulierter Herr schiebt, der ihr auf der Joggingtour tapfer hinterher hechelte. Der gibt sich nun kumpelhaft ("Ich bin der Engelbert") als der neue "Schatzi" zu erkennen.
"Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über", wusste schon der alte Martin Luther - eine Spruchweisheit, die sich die erfolgreichste deutsche Verfasserin seichter Frauenromane gern zu Eigen macht. Ergo plaudert sie munter drauflos, aber unvermittelt gerät sie ins Stocken.
Denn über die Liebe zu Engelbert Lainer, einen 44-jährigen Hotelier aus Österreich, zu palavern, verbietet eigentlich ein Kontrakt, den ihr Künstleragent mit der "Bunten" abschloss. Bis zum 28. April liegen alle Rechte bei der Münchner Illustrierten aus dem Hause Burda.
Ob es eine gute Idee war, dass sich die weithin bekannte schreibende Kultfigur, deren Ergüsse eine Auflage von nahezu 10 Millionen Exemplaren erreichten, einem einzigen Blatt auslieferte? Der Lind-Betreuer und Chef der Berliner LoboMedia Artist Management, Peter Wolf, dem sich so extravagante Kunden wie Harald Juhnke anvertrauten, scheint sich da nicht mehr ganz sicher zu sein.
An diesem Montag wird nämlich klar, wie sehr der rasch verabschiedete Exklusiv-Vertrag die notleidende Konkurrenz zu nerven beginnt. Hatte schon "Bild" nach zwei aufeinander folgenden Aufmachern in der Woche davor beträchtliche Mühe, weitere nennenswerte Fakten zu erheben, überspielten "Bild am Sonntag" und "Welt am Sonntag" ihren offenkundigen Mangel an brauchbaren Nachrichten mit scharfen Attacken.
Für die im Springer-Konzern publizierten Wochenendblätter ist die selbstgefällige Hera Lind (die Ende März vom Frankfurter S. Fischer Verlag zu Econ Ullstein List überlief) alles andere als ein Gegenstand der Verehrung. Beide Zeitungen raubten der sorgsam gepäppelten Traumstory vom "Urknall der Liebe" - wie die zum Kitsch neigende Autorin der "Bunten" verriet - zielstrebig die Unschuld.
"Ich könnte heulen vor Glück", gestand das nach dem Titel eines ihrer Bücher vielzitierte "Superweib" und pries ihren Neuen als "hammerharten" Charmeur, der häufig "mit Bill Clinton" verwechselt werde. Doch anstatt solchen Tiraden zu folgen, veröffentlichte die "WamS" einen gepfefferten Beitrag der Hamburger Schriftstellerin Brigitte Blobel, die die Kollegin als begnadete Egomanin anprangerte.
Mit den heuchlerischen "Zuckergussgeschichten" dieser "Ikone aller überforderten Mütter Deutschlands" müsse nun endlich Schluss sein - ein Urteil, das zumindest unausgesprochen auch die "BamS" fällte. Das Massenblatt für den besinnlichen Sonntag nahm sich sensibel des von Hera Lind verlassenen Lebensgefährten an. Das ist der Kölner Internist Ulrich Heidenreich, 49 - und vor allem der gemeinsamen vier Kinder.
Denn, nicht wahr, den traurigen Preis für die Selbstverwirklichungsgier ihrer Eltern zahlen noch immer deren Sprösslinge - in diesem Fall die zwischen elf und zwei Jahre alten Felix, Florian, Franziska und Friderike. Und die fix lernende Bestseller-Autorin wäre kaum jene brillante Vermarkterin ihrer Talente, wenn sie den damit einhergehenden Imageverlust unterschätzen würde.
Der seit Jahr und Tag über sie ausgegossene Spott einer Öffentlichkeit, der ihr Verständnis von Literatur mehr als ein Ärgernis war, musste die kämpferische Hera Lind nicht schrecken - doch nun wittert sie Gefahren. Als der Kölner "Express" und die in Berlin erscheinende "BZ" berichten, sie habe um ihrer Amouren willen die Kinder verlassen, schreiten die sofort alarmierten Anwälte ein.
Und so brettert sie, als sie am Sonntagmittag die "BamS"-Schlagzeile am Kiosk einer Autobahn-Raststätte sieht, in einem Stück mit ihrem Kleinbus in den Chiemgau. Das am Morgen darauf vorgeführte Wohlgefühl ist nur Fassade, und in der Idylle des Ferienhotels "Eichenhof" erlebt man eine bis zum Bersten wutentbrannte Frau. "Das Superweib", sagt sie selbstironisch beim Frühstück, sei "charakterlich entlarvt und brutal geschlachtet" worden.
Andererseits glaubt die jederzeit pralle Zuversicht zur Schau stellende Hera Lind, dass zu guter Letzt alle Welt nur dann glücklich zu werden vermag, wenn sie ihr Glück findet. Ist sie im Kölner Stadtwald nicht, um die Sache zu regeln und "begleitet von Engelbert, mit dem Uli zusammengetroffen"? Ein angeblich gelungenes und alle Teile ermutigendes Meeting, bei dem in Sonderheit die beiden Männer einander "respektierten".
Zweifel sind angebracht. Zumindest über das Osterfest bietet sich das triste Bild einer tatsächlich wie auf dem Reißbrett zerschnittenen Familie. Während die von einem Aupair-Boy betreuten Franzi und Fritzi bei der Mama und dem Engelbert im oberbayerischen Hotel wohnen, versorgt der düpierte Doktor Heidenreich am Rhein die Jungs.
Dem Boulevardblatt "Gala" teilte der vormals von seiner Lebensgefährtin als "Ulili" umschmuste Arzt lediglich mit, "im Sinne der Kinder" schweigen zu wollen. In der Umgebung des gehörnten Ex hält sich freilich hartnäckig das Gerücht, die beiden Söhne blieben beim Vater.
Für einen Profi wie den Management-Berater Peter Wolf eine missliche Lage, die alsbald bereinigt werden muss. Dass sich seine Klientin via Presse mit dem Vorwurf auseinander zu setzen hat, sie sei eine "Rabenmutter", erscheint ihm ziemlich verhängnisvoll.
Denn die Ode vom Schicksal einer Frau, die sich seit mehr als einem Jahrzehnt im Lande zu den berühmtesten und von ungezählten Geschlechtsgenossinen glühend beneideten zählt, ist natürlich ein Medienereignis. Das war sorgfältig vorbereitet worden - aber wie das Leben so spielt, purzelte einiges durcheinander.
Die im Grunde schon lange kaputte Beziehung im Hause Lind-Heidenreich (und der den Eingeweihten seit Spätjahr ''99 bekannte Aufstieg eines gewissen Engelbert Lainer, ehedem Hoteldirektor des Traumschiffs "MS Deutschland") sollte nach Plan erst im Mai vermeldet werden. Da bringt die vormalige Opernsängerin Hera L. ihre erste CD mit selber getexteten Schlagern heraus - einer der eigens dem neuen Angebeteten gewidmeten Songs trägt den schönen Titel "Ozean der Gefühle".
Nur was nutzt der beste Plot, wenn den Beteiligten die Emotionen durchgehen? Am zweiten Samstag im April, auf einer Privatparty, die der Entertainer Thomas Koschwitz im hessischen Frankfurt gab, tanzten Lind und Lainer in einer Art, die laut Peter Wolf "offenbar Fragen aufwarf".
Ausgerechnet eine freie Mitarbeiterin der "Bild"-Zeitung entdeckte, was die in Scharen anwesenden und mit Kameras bewehrten Profis übersahen - und die deutlich irritierte Verliebte gestand. Sie habe sich "im Bruchteil einer Sekunde", sagt sie später in Waging am See, entscheiden müssen: "Bekenne ich mich, oder verleugne ich meinen Partner."
Hera Lind outete sich "in Form einer Sturzgeburt", während ihrem gestressten Manager ein wenig die Zügel entglitten. Nach dem ersten "Bild"-Aufmacher gelang es der zupackenden "Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel, dem innerlich befreiten Pärchen einen hübschen Vertrag abzuluchsen.
Das Honorar bleibt geheim, aber die auf dem verlangten Niveau unbezweifelbar begabte Schriftstellerin lieferte prompt heiße Ware. Die Details einer angeblich vom lieben Gott in einer Danziger Kirche gesteuerten Begegnung mit dem atemberaubend männlichen Beau aus Salzburg könnten in diesem Schwulst allesamt ihren umjubelten Romanen entstammen.
Über deren Wert lässt sich streiten, und es wird gestritten. Für Auftritte im Fernsehen, nörgelte am vorvergangenen Sonntag die "BamS", verlange die geschäftstüchtige Autorin 25 000 Mark - die "geforderte Gage für den Doppelpack" (also wenn sie den eher eintönigen Lover mitbringe) betrage stolze 50 000.
Angesichts solcher Preise habe zum Beispiel der ZDF-Talkmaster Johannes B. Kerner abgewinkt. Die teure Dame, ehedem als Moderatorin der Flirt-Show "Herzblatt" selber auf der Mattscheibe, möge ihr Geld "weiter mit ihren Büchern verdienen", ließ er sich zitieren, obschon er seinerseits notfalls durchaus einige Tausender berappt hätte.
Wie auch immer: Den Zuschlag erhielt schließlich der sanfte Günther Jauch von "Stern TV", dessen auf den 26. April anberaumte Lind-Präsentation allerdings mit den Ansprüchen der "Bunten" kollidieren könnte. Seinen dann noch gefesselten Stargast unter Umständen "nur eingeschränkt fragen zu dürfen", vermag er sich derzeit kaum vorzustellen.
Was aus dem "Multi-Media-Unternehmen Hera Lind", so Patricia Riekel, überhaupt noch an den begehrten harten News zu erwarten ist, lässt sich schwer beurteilen. Nachdem die gebärfreudige Powerfrau am vergangenen Mittwoch sogar ihre Sterilisation beichtete, gilt das Trommelfeuer, mit dem sie die schlagzeilenträchtigen O-Töne gezielt unter das Volk ballerte, als weitgehend erloschen.
Nur die Profis von "Bild" sind da offenbar guter Hoffnung. Zähneknirschend, aber seltsam unaufgeregt überließen sie einige Tage lang einem anderen Organ den Vortritt und übten sich auffällig in Geduld.
"Lind-Lainer", glauben die Experten der immer noch Nr. 1 unter den Boulevardblättern, muss man sich schon deshalb warm halten, weil sie in ihrer Hybris das Undenkbare anstreben. Die starten jetzt den Versuch, alles mit allem zu versöhnen - etwa den von Hera betrogenen "Ulili" mit der noch nicht geschiedenen Ehefrau Engelberts, einer Schwedin namens Gill - und die insgesamt sechs Kinder aus den beiden Beziehungen sowieso. Eine never ending Kitsch-Klamotte.
Und die Basis dafür soll in Waging am See gelegt werden. Das zum Preise von sieben Millionen Mark angebotene Ferienhotel "Eichenhof" mit Beautyfarm und Golfplätzen gilt zur Zeit als das wahrscheinlichste aller ins Auge gefassten Wolkenkuckucksheime. HANS-JOACHIM NOACK
* Mit Veronica Ferres und Joachim Król.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 17/2000
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