24.04.2000

PRESSE„An der Borderline“

Innovativ und respektlos will das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ ("SZ") sein - und sorgt damit beim Mutterblatt zuweilen für Verstörung.
Es kommt selten vor, dass sich Journalisten über eine exklusive Geschichte der Konkurrenz freuen. Doch der Aufmacher des "SZ-Magazins" vom vorvergangenen Freitag sorgte in vielen Redaktionen für vorösterliche Hoch-Stimmung. Unter dem Titel "Ein Mann im Blutrausch" reportierte das Heft über eine mögliche Erbkrankheit von Ernst August von Hannover, der als Buhmann der Branche gilt. Als einer, der Fotografen niederprügelt und die Presse mit Klagen überzieht.
"So edel das Blut, so durchseucht scheint es mit dem Prügel-Gen", berichtete der Autor über eine seltene Stoffwechselstörung namens Porphyrie und ließ dem Leser nur einen Schluss: dass es sich nämlich bei Prinz August schlichtweg um einen Wahnsinnigen handelt.
"Das war ein tolles Osterei", freute sich der "Bunte"-Autor Paul Sahner noch Tage später. Denn wenn das Magazin einer renommierten Zeitung so eine Geschichte mache, so Sahner, "haben wir die wunderbare Chronistenpflicht, das weiterzudrehen". Und so legte "Bunte" gleich noch mal ein paar Seiten über den kranken "Haugust" nach. Titel der Ferndiagnose: "Die Welfenplage".
Beherzt griff auch "Bild"-Chef Udo Röbel zu, der sich ebenfalls wenig Schöneres vorstellen kann, als dem klagewütigen Prinzen eins auszuwischen. Mit Sinn für des Lesers Urängste bereicherte "Bild" die mediale Leibesvisitation um schaurige Aspekte: Könnte es sich bei Prinz Ernst August auch um einen "Werwolf" handeln, gar um einen "Vampir"?
"Wir wollten schon lange mal testen, ob der noch ganz richtig ist", bekennt ein leitender "Bild"-Redakteur, "haben uns aber nie so recht getraut."
Wie gut, dass es zumindest im Süden der Republik eine kleine Enklave journalistischen Heldenmutes gibt. Eine Redaktion, die sich beharrlich um die Aufhebung der Grenze zwischen Satire und Journalismus bemüht. Mal wird das Goethe-Institut als "Club des toten Dichters" geschmäht, mal der Bundesfinanzminister nach der Farbe seiner Kreditkarten gefragt. Berüchtigt sind jene Interviews, bei denen neben den Fragen und Antworten auch die Gedanken des Reporters mitgedruckt werden, die selten schmeichelhaft sind.
Innovativ und respektlos nimmt die Redaktion des "SZ-Magazins" vor allem jene Stars ins Visier, denen sich Blätter wie "Gala" nur in gebückter Haltung nähern. In der Freitagsbeilage der "Süddeutschen Zeitung" darf dann Thomas Gottschalk lesen, dass er aussieht wie "eine Mischung aus Louis XIV., Hazy Fantasy und einer Silvesterrakete".
"Der Perspektivwechsel schützt vor Engstirnigkeiten und Verbohrtheit", umreißt der Chefredakteur des Magazins, Ulf Poschardt, das Programm und erklärt selbst das tolldreiste Stück über den Welfen-Prinzen zum Prototypen eines neuen Genres - der faktisch unterfütterten Satire.
Beim Mutterblatt stößt so viel Hang zur Grenzüberschreitung zuweilen auf Argwohn - zumal es dabei immer mal wieder zur Katastrophe kommt, weil die Stärke des Magazins zugleich seine Schwäche ist. Zwar werden die durchweg jungen Mitarbeiter von den Kollegen für ihren Ideenreichtum bewundert, andererseits aber ist vielen gestandenen "SZ"-Redakteuren der mitunter schludrige Umgang mit den Fakten ein Gräuel. "Der Prinz leidet - und er leidet schwer - an einer Stoffwechselstörung": Solche Sätze, ohne Fragezeichen und im Indikativ, sollte niemand hinschreiben, der nicht geradewegs vor Gericht landen will.
Die vielfach ausgezeichnete Redaktion arbeitet, so scheint's, nicht nur losgelöst von handwerklichen Standards, sondern auch vom ökonomischen Druck - schließlich liegt das Magazin der Zeitung eh jeden Freitag bei und muss nicht groß um Käufer buhlen. "Die schreiben irgendwas, und das steht dann in der Zeitung", klagt der "SZ"-Reporter Hans Leyendecker über mangelnde Prüfung und Kontrolle. Tatsächlich erschienen schon Geschichten, vor denen der in Stoßzeiten naturgemäß überforderte Jurist des Blattes zuvor eindringlich gewarnt hatte. "Juristen warnen doch immer", sagt eine Redakteurin, "da müssen wir drüberstehen."
Solch markige Sprüche kommen derzeit im Haupthaus nicht gut an. Dort sorgt sich die Redaktion des Mutterblattes um den guten Ruf der Zeitung, dem die Ernst-August-Geschichte in der Tat geschadet haben könnte. Zwar verweist "SZ"-Chefredakteur Hans Werner Kilz auf die absolute Unabhängigkeit des Magazins, aber in Wahrheit weiß wohl kaum ein Leser, dass die Redaktionen getrennt arbeiten. Selbst die "Bild"-Zeitung nannte als Quelle auf ihrer Titelseite stolz "die renommierte Süddeutsche Zeitung".
"Wäre es nicht besser gewesen, wenn diese Geschichte vorher vorgelegt worden wäre", fragte Co-Chefredakteur Gernot Sittner auf der Konferenz am vergangenen Dienstag. "Wäre es nicht", konterte Magazin-Chef Poschardt, schließlich müsse sich das Supplement vom Hauptblatt "scharf unterscheiden", weil es sonst langweilig wäre. Es arbeite eben "an der Borderline", also an der Grenze journalistischer Konventionen.
Dass es mit diesem Glaubensbekenntnis diesmal nicht getan sein wird, schwant indes auch Poschardt. Schon der Presserat empfehle eine zurückhaltende Berichterstattung über Krankheiten, wurde er auf der Konferenz von einem leitenden Redakteur belehrt. Und die Unterstellung einer Geisteskrankheit per Ferndiagnose sei vermutlich der schlimmstmögliche Verstoß gegen diese Grundregel.
Bis zum Mittwoch hatte den Süddeutschen Verlag denn auch eine vom Presseanwalt Matthias Prinz verfasste Unterlassungserklärung (Streitwert: 50 000 Mark) erreicht, die die Redaktion wohl gern unterschreiben würde, wenn der Fall damit erledigt wäre. Doch weitere Schritte behält sich Prinz vor. "Das kann noch richtig Geld kosten", sagt ein "SZ"-Mann, "und ich hoffe nur, dass das dann nicht zum Anlass genommen wird, das Magazin zuzusperren."
Schließlich ist die bunte Beilage, die im Juni ihr Zehnjähriges begeht, ein chronischer Verlustbringer. Nach dem Aus für das Magazin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", mit dem die Münchner gemeinsam die Anzeigen vermarktet hatten, wird das Minus dieses Jahr auf rund zehn Millionen Mark anwachsen.
Zu allem Überfluss fühlt sich auch der einzige Kronzeuge der Ernst-August-Geschichte missverstanden: Der Berliner Mediziner Hans-Joachim Neumann hatte dem "SZ-Magazin" ein Interview zu der Krankheit Porphyrie gegeben, in dem es nur einmal um den Welfenprinzen ging. Auf das in dieser Frage von der "SZ" beschriebene Krankheitsbild anwortete der Mediziner ganz allgemein: "Ja, das kommt hin. Solche Symptome können auch zu einer Porphyrie gehören."
Zwar räumt Neumann ein, vor sieben Jahren mal ein Buch zum Thema Erbkrankheiten in deutschen Adelshäusern verfasst zu haben. Den Welfenprinzen aber in die Nähe des Wahnsinns zu rücken liege ihm fern. "Ich habe nicht einmal daran gedacht, dass der Ernst August so etwas hat", so Neumann zum SPIEGEL.
Zu spät. Nun muss der Mann nicht nur mit den Nachfragen der Boulevardpresse leben, sondern auch mit dem Zorn ihm unbekannter Anrufer. So meldete sich bereits am Sonntag nach der Veröffentlichung am Telefon ein Mann, der sich Ernst August nannte und seinen Namen so laut in den Hörer brüllte, bis die verstörte Ehefrau des Professors auflegte. "Dieses Telefonat", so erinnert sie sich, "war wirklich der Wahnsinn." KLAUS BRINKBÄUMER, OLIVER GEHRS
Von Klaus Brinkbäumer und Oliver Gehrs

DER SPIEGEL 17/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PRESSE:
„An der Borderline“

  • Putin, der Eismann: Geschenk für Xi Jinping
  • Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock
  • Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"