24.04.2000

Der halbherzige Reformator

Mit großem Aufwand feiert der Vatikan die Jahrtausendwende als Heiliges Jahr. Mehr als 20 Millionen Pilger erwarten die Organisatoren in Rom. Der Papst nutzt das symbolträchtige Datum, um historischen Ballast abzuwerfen. Doch seine Nomenklatura verhindert das radikale Geständnis kirchlicher Mitschuld am Zustand der Welt - aus Angst um die eigene Macht.
Das Oberhaupt der katholischen Kirche hatte eine glorreiche Vision: Die Jahrtausendwende, so träumte Johannes Paul II., sei der Termin schlechthin, seiner dahindümpelnden Kirche im Allgemeinen und deren römischer Zentrale im Besonderen endlich mal wieder weltweite Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Also erklärte er das Jahr 2000 zum Heiligen Jahr und lud in seine Ewige Stadt ein, wer immer den Drang zu frommer Einkehr verspürt - Arbeiter und Bankiers, Journalisten, Professoren, Soldaten und Senioren, Behinderte, junge Leute und Familien, Sänger, Schauspieler, Sportler und Asylanten. Für sie alle veranstaltet der Vatikan eigene Jubeltage - mit Messen, Prozessionen und Kongressen, und natürlich mit einer Papst-Audienz als Sahnehäubchen. Sinn des heiligen Spektakels: die gläubigen Schäflein einzustimmen auf das dritte nachchristliche Jahrtausend.
Als Nächstes sind am 1. Mai die Arbeiter dran, zum Mega-Event werden eine Million werktätiger Pilger erwartet. Parallel versammeln sich 300 Banker und Finanzexperten, um sich unter päpstlicher Schirmherrschaft über "Ethik und Finanzen" und vor allem über einen Schuldenerlass für die ärmsten Länder der Erde Gedanken zu machen. Für den guten Zweck sollen Pop-Größen wie Carlos Santana, Lou Reed und Bruce Springsteen bei einem Freiluftkonzert rocken.
Doch der wahre Höhepunkt des Heiligen Jahres ist schon vorbei. Ihn zelebrierte der Papst am 23. März fernab von Rom - in der jüdischen Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem zu Jerusalem.
Mit zittrig-leiser Stimme, geschüttelt von der Parkinson-Krankheit, legte Johannes Paul II. dort ein Geständnis ab wie kein Pontifex maximus vor ihm: "Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, dass die katholische Kirche tiefste Trauer empfindet über den Hass, die Verfolgungen und alle antisemitischen Akte, die jemals irgendwo gegen Juden von Christen verübt wurden."
Das Mea culpa in der Holocaust-Gedenkstätte besiegelt das endgültige Ende der Feindschaft der katholischen Kirche gegenüber jenem Volk, aus dem ihr eigener Gründer stammt. Hinter die Papst-Worte kann keiner seiner Nachfolger mehr zurück. Der Besuch Johannes Pauls in Jad Waschem, verkündete der israelische Ministerpräsident Ehud Barak bewegt, sei "ein Augenblick, der 2000 Jahre Geschichte in sich birgt".
Zwei Wochen zuvor hatte der Papst im Petersdom bereits ein Schuldbekenntnis abgelegt. In sieben Bitten um Vergebung räumte er ein, dass "Söhne und Töchter" der Kirche bis heute immer wieder gegen Toleranz und Wahrheit, gegen den Frieden, die Rechte der Völker und die Achtung anderer Religionen, gegen die Würde der Frau und die Grundrechte des Menschen gesündigt haben.
Dass der fast 80-jährige Greis es ehrlich meint, daran zweifeln auch Papst-Kritiker nicht. Der Drang, vor aller Welt zu bekennen, dass die Christen viel Unheil unter den Menschen angerichtet haben, treibt den polnischen Papst um, seit er 1978 den Thron Petri bestiegen hat. Schon damals hat er das Jahr der Jahrtausendwende als Datum für die "Reinigung des Gedächtnisses" ausgerufen. 1994 forderte er: Die Kirche "kann nicht die Schwelle des neuen Jahrtausends überschreiten, ohne ihre Kinder dazu anzuhalten, sich durch Reue von Verbrechen, Treulosigkeiten, Inkonsequenzen und Verspätungen zu reinigen".
Und: "Wie kann man die vielen Formen von Gewalt verschweigen, die auch im Namen des Glaubens verübt wurden? Die Religionskriege, die Tribunale der Inquisition und andere Formen von Verletzung der Menschenrechte?"
Wie sehr den Pontifex die Schuld seiner Kirche beschäftigt, demonstrierte er immer wieder auf seinen zahllosen Reisen. Insgesamt 94-mal, so hat der italienische Journalist Luigi Accattoli gezählt, leistete der oberste Katholik in den vergangenen Jahren Abbitte - mal den Indianern in Lateinamerika, mal den Opfern der Sklaverei in Schwarzafrika, mal den anderen christlichen Kirchen.
Doch erst an der Schwelle des neuen Jahrtausends wagte er die große Geste. Geschickt wählte er einen Rahmen, der sein Bekenntnis in historische Dimensionen stellt - das Heilige Jahr.
Heilige Jahre, in denen die Gläubigen mehr als sonst zu Buße und frommen Werken aufgerufen sind, gibt es in der katholischen Kirche seit exakt 700 Jahren. Das erste rief Papst Bonifaz VIII. anno 1300 aus, neun Jahre nach dem Fall von Akkon, der letzten Kreuzfahrerfestung in Palästina. Bis dahin galt die Wallfahrt ins Heilige Land als Höhepunkt eines Christenlebens. Nachdem die von den Muslimen beherrschten Stätten Jesu kaum noch zu erreichen waren, offerierte der Papst Rom mit den angeblichen Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus als alternatives Pilgerziel.
Und schlug gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Er kam dem Drang der Gläubigen nach Sühne der eigenen Sünden durch Wallfahrten entgegen - und brachte das Papsttum als Mittelpunkt der Welt in Erinnerung (siehe Seite 125).
Dabei ist der Apostel Petrus, als dessen Nachfolger sich der Bischof von Rom sieht, vermutlich niemals in der Ewigen Stadt gewesen. Im Neuen Testament findet sich über das Schicksal des Simon Petrus nach dem Apostelkonzil zu Jerusalem um 49 kein Wort. Die Behauptung, dass Petrus (griechisch: der Fels) in Rom war und starb, kam erst um 170 auf und hat sich dann durchgesetzt. Auf dieser Legende beruht bis heute der katholische Zentralismus - gemäß dem angeblichen Jesus-Wort: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen."
Von Anfang an zogen die Heiligen Jahre die Christen in Scharen an. Schon im zweiten, anno 1350, kamen fast zwei Millionen Pilger in die Stadt, die damals nur 30 000 Einwohner zählte. Für 2000 erwartet der Vatikan eine zehnfach größere Zahl - mehr als 20 Millionen (siehe Seite 132).
Ganz nebenher entwickelten sich die Jubeltermine, die seit 1450 - bis auf etliche Ausfälle - regelmäßig alle 25 Jahre begangen werden, zu einer lukrativen Einnahmequelle für den Heiligen Stuhl, der bei den Pilgern kräftig abkassierte. Alexander VI. öffnete 1500 erstmals eine "Heilige Pforte" im Petersdom, die seither nur während der Heiligen Jahre zugänglich ist, und stellte gleich daneben große Truhen für milde Opfergaben auf.
Am Ablauf der römischen Wallfahrt hat sich in den letzten 700 Jahren wenig geändert: Im Mittelpunkt der Pilgerfahrt steht wie schon 1300 der "reichliche Genuss des Ablassgeschenkes". Dieses Geschenk können die gläubigen Rom-Besucher gewinnen, indem sie nach vorheriger Ohrenbeichte eine der vier Patriarchalbasiliken der Stadt - Sankt Peter, Sankt Paul vor den Mauern, Sankt Johannes im Lateran, Santa Maria Maggiore - besuchen und dort die Messe oder eine andere fromme Andacht absolvieren (siehe Seite 120).
Doch Johannes Paul II. begreift das Millennium-Spektakel vor allem als einmalige Gelegenheit, Ballast abzuwerfen: Die Kirche als Weltgewissen, als Versöhnerin der Konfessionen und Religionen, das ist seine Vision. Dafür muss sie sich reinigen von den Sünden einer vielfach finsteren Vergangenheit. Angesammelt hat sich in den letzten 1000 Jahren mehr als genug: Millionen Unschuldiger wurden im Namen Christi um ihr Leben gebracht.
Zu Beginn des vergangenen Jahrtausends riefen die obersten Söhne der Kirche, die Päpste, dazu auf, Palästina mit allen Mitteln von muslimischer Herrschaft zu befreien. Den Kreuzfahrern winkte als Lohn der vollkommene Ablass ihrer Sündenstrafen - und vor allem fette Beute.
Auf insgesamt acht Kreuzzügen wüteten die christlichen Heerscharen zwischen 1096 und 1291 nicht nur in Palästina. Sie verwüsteten nebenbei das christliche Konstantinopel (1204) und schlachteten auf dem Weg ins Heilige Land schon in deutschen Landen Juden ab, die ihnen in die Quere kamen - alles zur größeren Ehre Gottes. Ein christlicher Chronist aus Trier berichtete 1096 mit Entsetzen, wie verzweifelte jüdische Väter ihre Kinder töteten und jüdische Frauen Kleider mit Steinen füllten und in die Mosel sprangen.
Besonders grausam gingen die Kreuzfahrer bei der Eroberung Jerusalems 1099 vor. Über deren Blutrausch heißt es in einem Augenzeugenbericht:
Bald flohen alle Verteidiger von den Mauern der Stadt, und die Unsrigen folgten ihnen und trieben sie vor sich her, sie tötend und niedersäbelnd, bis zum Tempel Salomos, wo es ein solches Blutbad gab, dass die Unsrigen bis zu den Knöcheln im Blut wateten. Bald durcheilten die Kreuzfahrer die ganze Stadt und rafften Gold, Silber, Pferde und Maulesel an sich; sie plünderten die Häuser, die mit Reichtümern überfüllt waren. Dann, glücklich und vor Freude weinend, gingen die Unsrigen hin, um das Grab unseres Erlösers zu verehren.
Insgesamt kamen nach groben Schätzungen bei allen Kreuzzügen über fünf Millionen Muslime, Juden und Angehörige der byzantinischen Ostkirche sowie christliche Eroberer um. Der Hass der Muslime gegen die Christen, der später die "heiligen Kriege" des Islams gegen den Westen auslöste, hat in damaligen Gemetzeln seine Wurzeln.
Die Kreuzzüge waren kein Ausrutscher der Kirche und des christlichen Abendlandes - sie hatten Methode. Hand in Hand mit Bischöfen, Kaisern, Königen und Fürsten verfolgten Päpste über mehr als fünf Jahrhunderte alle, die es wagten, Gott anders zu verehren, als die Hüter der allein selig machenden Kirchenlehre es vorschrieben. Vom 13. Jahrhundert bis über die Aufklärung hinaus zog die Inquisition eine grausige Blutspur. Zwischen einer und zehn Millionen Menschen kamen nach Schätzungen durch die geistlichen Tribunale zu Tode, bei denen der Ankläger auch Richter war und die Angeklagten keinen Verteidiger hatten.
Die Inquisition, so der evangelische Kirchengeschichtler Walter Nigg, "ist die stärkste Verfinsterung der Wahrheit, welche innerhalb des Christentums stattgefunden hat". Der katholische Historiker Hans Kühner urteilt noch schärfer: "Die Inquisition ist Gotteslästerung." Am übelsten gingen die Gotteslästerer in Spanien zu Werke - und im Zeitalter des Hexenwahns in Deutschland.
Die spanische Inquisition wurde in den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts eingesetzt. Ihr fielen vor allem hunderttausende zum Christentum übergetretene Juden ("conversos") und Mauren ("moriscos") zum Opfer, die bezichtigt wurden, sie hingen heimlich weiter ihrem Glauben an. Der erste spanische Großinquisitor, der Dominikaner-Mönch Tomás de Torquemada, ließ in einem Jahr 12 000 angebliche Häretiker verbrennen.
Da war es nur konsequent, dass die Konquistadoren dieselben Methoden auch bei den Heiden in der Neuen Welt anwandten, sofern die sich weigerten, ihren Göttern abzuschwören und sich zum Gott ihrer Eroberer zu bekennen. In der "Konquistadorenproklamation", die den Indianern verlesen wurde, machten die Besatzer unmissverständlich klar, was den künftigen Untertanen blühte:
Ihr werdet nunmehr aufgefordert, die heilige Kirche als Herrin und Gebieterin der ganzen Welt anzuerkennen und dem spanischen Könige als eurem neuen Herrn zu huldigen. Andernfalls werden wir mit Gottes Hilfe gewaltsam gegen euch vorgehen und euch unter das Joch der Kirche und des Königs zwingen, wie es sich rebellischen Vasallen gegenüber gehört. Wir werden euch euer Eigentum nehmen und euch, eure Frauen und Kinder zu Sklaven machen.
Das Ergebnis war ein Völkermord an 20 Millionen Indianern. Die Konquistadoren, ermutigt von den sie begleitenden Klerikern, verübten eine endlose Kette von grausamen Verbrechen. "Die Indios", beschreibt Joachim Kahl in seinem Essay "Das Elend des Christentums" die Gräueltaten, "wurden gepfählt, gehängt oder langsam bei lebendigem Leibe geröstet."
Dagegen nimmt sich die erst im Jahr 1542 eingerichtete römische Zentralstelle der Inquisition, die direkt dem Vatikan unterstand, geradezu harmlos aus. Sie beförderte in 366 Jahren "nur" rund 1000 Dissidenten zu Tode. Der prominenteste war der Philosoph Giordano Bruno. Der ehemalige Dominikaner-Mönch wurde nach achtjähriger Kerkerhaft 1600 wegen seiner Ketzereien gegen den christlichen Glauben von einem dreifaltigen Gott auf dem Campo dei Fiori in Rom verbrannt.
Bruno blieb unbeugsam bis zuletzt. "Der Elende war so hartnäckig", schrieb die Zeitung "Avisi di Roma", "dass er gewillt war, dafür zu sterben. Er sagte sogar, dass er gern und als Märtyrer sterben werde und dass seine Seele in den Flammen zum Paradies aufsteigen werde." Von seinen Richtern, acht Kardinälen, verabschiedete er sich mit den Worten: "Mit größerer Furcht verkündet ihr vielleicht das Urteil, als ich es entgegennehme."
Seinen Gipfel erklomm der perverse Ungeist der Inquisition in der 500 Jahre andauernden Hexenverfolgung, die sich vor allem aus zwei Quellen speiste: aus dem magischen Weltbild des Mittelalters, das bevölkert war von Zauberern und bösen Geistern, und aus der im Christentum tief verwurzelten Angst vor der Frau als Verführerin.
Die erste Hexe wurde 1275 in Toulouse verbrannt, insgesamt kamen in Europa mehr als eine Million Frauen um, darunter 1431 das Landmädchen Jeanne d''Arc, das als Jungfrau von Orléans in die Geschichte eingegangen ist. Die Protestanten standen den Katholiken nicht nach, in evangelischen Landen wurden sogar mehr Frauen zu Tode gebracht als in altkirchlichen Regionen. Die letzte "Hexe" bestieg 1782 im Schweizer Kanton Glarus den Scheiterhaufen.
Doch Papst Gregor IX. (1227 bis 1241) gab lange vor der Reformation als Erster den Befehl, Hexen zu verfolgen. Und Innozenz VIII. legitimierte 1484 mit einer päpstlichen Bulle den Hexenglauben in der Kirche.
Die wohl schwerste Schuld hat die katholische Kirche indes gegenüber den Juden auf sich geladen. Ohne den schon unter den Urchristen verbreiteten, gegen die "Christusmörder" gerichteten Antijudaismus wäre der Holocaust der Nazis vermutlich nicht möglich gewesen.
"Hep!", hatten die Mörder im Namen Christi schon vor 1000 Jahren gebrüllt, als sie in die Gassen der Juden eindrangen. "Hierosolyma est perdita", lautet die Auflösung diese Kürzels - Jerusalem ist zerstört worden. Dass die heilige Stadt an den Islam gefallen war, habe als "Entschuldigung für die Ermordung der Juden" herhalten müssen, urteilt der jüdische Publizist Pinchas Lapide.
"Hep!" - das blieb der Schlachtruf für die Judenpogrome bis in die Hitler-Zeit. Wie viele Juden im Lauf der Kirchengeschichte mit Billigung der Kirche oder gar auf ihren ausdrücklichen Befehl umgebracht wurden, darüber gibt es keine verlässlichen Zahlen. Die Päpste des Mittelalters und der angehenden Neuzeit, von Ausnahmen abgesehen, haben die Juden als "von Gott verfluchte Sklaven" (Innozenz III., 1198 bis 1216) gedemütigt.
Doch die Pogrome hinderten die Oberhirten nicht, sich von Juden finanzieren zu lassen. "Der Hass auf die Juden", so der jüdische Historiker Simon Dubnow, sei "immer Hand in Hand mit der Liebe zum jüdischen Geld gegangen". Juden bezahlten Feldzüge der Nachfolger Petri, Pius IX. lieh sich bei den Rothschilds insgesamt 65 Millionen Francs und konnte so 1850 triumphierend aus dem Exil nach Rom zurückkehren.
Zuvor hatte er, einem "kurzlebigen Liberalismus" (Lapide) folgend, das Judenghetto am Tiber aufgelöst. Als er wiederkam, musste es erneut eingerichtet werden, das letzte im - fast - zivilisierten Europa. Bis eben Hitler auftauchte.
Nach Hitlers Machtergreifung jubelten der deutsche Episkopat und fast die gesamte Geistlichkeit nachhaltig. Dem Münchner Erzbischof Michael Faulhaber kam "es aufrichtig aus der Seele: Gott erhalte unserem Volk unseren Reichskanzler". Faulhabers Osnabrücker Kollege Hermann Wilhelm Berning beendete Reden mit einem dreifachen "Sieg Heil!"
Was Faulhaber als "weltgeschichtliche Großtat" bejubelte, war der Anfang vom Ende. Die Judenverfolgung in Deutschland nahm ihren Lauf, und weil den Trägern der staatlichen Gewalt - so Paulus im Römerbrief - Gehorsam geleistet werden muss, schwieg die Kirche, von ein paar Mutigen abgesehen.
Zwar hatte schon Mitte März 1937 Pius XI. die Enzyklika "Mit brennender Sorge" herausgegeben. Vielen Katholiken galt die Schrift als Generalabrechnung des Papstes mit dem Nationalsozialismus. Aber nicht ein einziges Mal tauchte darin das Wort Jude auf.
Ein gutes Jahr später, im Juni 1938, gerade hatte Hitler in Rom seinem Freund Mussolini die Aufwartung gemacht, bat Pius den amerikanischen Jesuiten John LaFarge, eine neue Enzyklika über das aktuellste Thema der Zeit zu entwerfen - Rassismus und Antisemitismus. Pius hielt Antisemitismus für "unannehmbar".
LaFarge und zwei Ordenskollegen legten ein Skript vor, das für die damaligen Verhältnisse im Vatikan fast revolutionär war. Die Jesuiten sprachen von einer "ungerechten, erbarmungslosen Kampagne gegen die Juden".
"Mit Entrüstung und Schmerz" sehe die Kirche "eine Behandlung der Juden aufgrund von Anordnungen, die dem Naturrecht" widersprächen. Man häufe "Unrecht auf Unrecht, Lieblosigkeit auf Lieblosigkeit und beseitigt die Juden oder unterdrückt sie völlig".
Pius XI. starb am 10. Februar 1939. An diesem Tag soll das LaFarge-Papier auf seinem Schreibtisch gelegen haben, erinnerte sich ein Kardinal. Danach aber sei der umfangreiche Entwurf, so der Jesuitenpater Martin Maier, "auffallend schnell verschwunden" - und tauchte erst 1972 wieder auf.
Eine solche Enzyklika, merkt der Holocaust-Forscher Saul Friedländer an, wäre "die erste feierliche Verurteilung der antisemitischen Einstellungen, Lehren und Verfolgungen in Deutschland, im faschistischen Italien und in der gesamten christlichen Welt durch die höchste katholische Autorität gewesen".
Doch dem Nachfolger Pius XII. (1939 bis 1959) passte ein derartiges Apostolisches Schreiben nicht ins Konzept. Pius XII., mit bürgerlichem Namen Eugenio Pacelli, liebte die Deutschen. Er hatte den Vatikan in den dreißiger Jahren als Nuntius in München und Berlin vertreten und mit Hitler ein für die Katholiken günstiges Konkordat ausgehandelt.
Gegen den "gottlosen Bolschewismus" ging der neue Papst entschieden vor, gegenüber den Nazis aber verhielt er sich vorsichtig und diplomatisch - eine für die Amtskirche typische Haltung: Sie sympathisierte seit eh und je mit rechtslastigen Ordnungsvorstellungen, während sie die kommunistische Heilslehre als Bedrohung der eigenen Ideologie begriff.
Offiziell wurde die Politik der leisen Töne mit dem Gebot der Zurückhaltung begründet, um größere Übel zu verhüten. So verwies Pius XII. auf das Schicksal holländischer Juden, die im Sommer 1942 angeblich nur deshalb nach Auschwitz deportiert wurden, weil die Bischöfe öffentlich protestiert hatten.
Die Zeitungen berichteten damals in großer Aufmachung, und der Heilige Vater, erinnerte sich seine deutsche Haushälterin Pascalina Lehnert, sei "kreidebleich" geworden und habe in der Küche "zwei große, eng beschriebene Bögen" verbrannt - offenbar das Manuskript eines Papst-Protestes "gegen die grauenhafte Judenverfolgung", der eigentlich im "Osservatore Romano" hätte erscheinen sollen.
Pius XII. sagte, laut Pascalina Lehnert: "Aber wenn der Brief der holländischen Bischöfe 40 000 Menschenleben kostete, so würde mein Protest vielleicht 200 000 Menschenleben fordern." Es sei also "besser, in der Öffentlichkeit zu schweigen".
Der Papst schwieg auch, als aus Rom die Juden nach Auschwitz "abgefahren" wurden, wie SS-Chef Heinrich Himmler zufrieden notierte. Am 16. Oktober 1943 hatten seine Schergen 1000 Menschen bei einer Razzia zusammengetrieben, darunter viele Kinder.
Pacelli war einer der Ersten, die von der Gewaltaktion wussten. Doch der Papst habe sich zu "keiner demonstrativen Äußerung gegen den Abtransport der Juden ... hinreißen lassen", kabelte Botschafter Ernst von Weizsäcker, der Vater des späteren Bundespräsidenten, nach Berlin.
Einige der Lastwagen passierten auf dem Weg zum Bahnhof Tiburtina den Petersplatz. Die zusammengepferchten Juden, berichtet der Pius-Biograf John Cornwell, hätten "den Papst um Hilfe" angerufen.
Nur 15 der aus Rom Verschleppten überlebten Auschwitz, auch die junge Settimia Spizzichino: "Es geschah alles direkt vor
seiner Nase, er nahm nicht das geringste Risiko auf sich. Er hat nicht ein einziges Kind gerettet, keines."
"Wenn die Bischöfe alle miteinander an einem bestimmten Tage von den Kanzeln" gegen die Judenvernichtung "Stellung genommen" hätten, sagte der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer, hätten sie "vieles verhüten können". Dass sie es nicht taten, "dafür gibt es keine Entschuldigung".
Der Pole im Vatikan, der den Holocaust als junger Mann daheim aus nächster Nähe miterlebte, hat sehr klar erkannt, welche Wirkungen die gnadenlose Verfolgung von Andersdenkenden und Andersgläubigen durch die Kirche hervorgebracht hat. "Es ist bezeichnend", erklärte er in einem Brief an die Kardinäle, "dass diese Zwangsmethoden von den totalitären Ideologen des 20. Jahrhunderts angewendet wurden."
Doch trotz seiner Einsicht in die permanente kirchliche Mitverantwortung am
Elend in der Welt bleibt Johannes Paul ein halbherziger Reformator: Auch in seinem Mea culpa von Rom und Jerusalem schiebt er die Schuld an den im Namen Gottes verübten Verbrechen einzelnen "Söhnen und
Töchtern" der Kirche zu. Dass die Kirche selbst als Institution durch ihre geistlichen Anführer und obersten Lehrer, den Papst und die Bischöfe, in die Untaten der Kirchengeschichte verstrickt ist, dass die Oberhirten die Christenkinder vielfach erst zu ihren Verbrechen angestiftet haben - dieses Bekenntnis bringt auch Johannes Paul II. nicht über die Lippen.
Die feinsinnige Unterscheidung zwischen Kirche und Christen ist schon deshalb heuchlerisch, weil Jahrhunderte lang Kirche und Gesellschaft im Abendland weitgehend identisch waren, wobei die Kirche den moralischen und oft genug auch den politischen Ton vorgab. Der Papst stand nach seinem Selbstverständnis über dem Kaiser. Im Mittelalter, räumt auch die Internationale Theologische Kommission beim Vatikan ein, die das Schuldbekenntnis des Papstes vorbereitet hat, waren "Kirche und weltliche Gesellschaft fast ununterscheidbar miteinander verflochten".
Wie die Rollenverteilung funktionierte, lässt sich an der Inquisition ablesen: Die Inquisitoren waren in der Regel Kleriker, sie verurteilten den Ketzer in Namen der Kirche, dann übergaben sie ihn zum Verbrennen an die staatlichen Behörden, um die eigenen Hände sauber zu halten. Doch das Katholiken-Oberhaupt steckt in einer Zwickmühle: Würde er seine Kirche direkt mit den Gräueln ihrer Geschichte identifizieren, flöge ihm seine Institution um die Ohren, er müsste mit einem Aufstand seiner Nomenklatura rechnen. Die große Mehrheit der Gläubigen dürfte mit einem solchen Eingeständnis kaum Probleme haben, im Gegenteil: Sie würde es vermutlich als Befreiungsschlag empfinden. Für den kirchlichen Machtapparat aber ist die Anerkennung einer sündigen Kirche ein Horror.
Die Funktionäre fürchten, dann bräche der absolute Führungsanspruch der Hierarchie zusammen - und damit ihre Macht, auch wenn die weitgehend nur noch auf dem Papier von Enzykliken, Katechismen und Exkommunikationsandrohungen existiert. Die Gewalt über ihre Mitglieder haben die Hüter von Kirchenrecht und Seelenheil längst eingebüßt. Angesichts der Grausamkeiten im Namen der Kirche und ihres Gottes lässt sich in der Tat der Anspruch dieser Kirche als Weltgewissen und als unfehlbare Hüterin einer ewigen, von Gott geoffenbarten Wahrheit kaum halten.
Die Bemühungen des amtierenden Papstes, sich mit den übrigen christlichen Kirchen und darüber hinaus mit den beiden anderen monotheistischen Religionen - Judentum und Islam - zu verständigen, deuten darauf hin, dass zumindest er das begreift. Johannes Paul hat bereits mehrfach durchblicken lassen, dass er sogar bereit wäre, den Führungsanspruch des Papsttums zurückzuschrauben, wenn dadurch die Einheit der Christenheit vorankäme.
Johannes Paul war offenbar zunächst auch bereit, wie sich aus seinen Äußerungen in der Vorbereitung des "Großen Jubiläums" schließen lässt, in seinem Mea culpa den radikalen Schnitt zu machen. Doch als er den Kardinälen 1994 seine Pläne für das Jubeljahr 2000 vortrug, reagierte ein Teil von ihnen ablehnend. Die Bedenken finden sich in einer im Auftrag des obersten Glaubenshüters, des deutschen Kardinals Joseph Ratzinger, verfertigten vatikanischen Erklärung wieder. "In einem gewissen Sinn", heißt es da salbungsvoll, "ist diese Kirche auch Sünderin, insofern sie real die Sünden derer, die sie wie eine Mutter in der Taufe als ihre Kinder geboren hat, auf sich nimmt, ähnlich wie Christus, der selbst ohne Sünden war, die Sünden der Welt getragen hat."
Will heißen: Die Kirche büßt zwar großzügig für die Sünden ihrer Mitglieder, doch sie selbst ist so rein und unschuldig wie ihr Gründer Jesus. Die Kirche, argumentieren die Orthodoxen im Vatikan, könne schon deshalb nicht sündigen, weil sie ja nach eigener Definition der wahrhafte Leib Christi sei. Sollte ein Papst sich mal danebenbenehmen, dann handelt er nach dieser absurden Logik lediglich als "Sohn" jener Kirche, über die er ansonsten absolute Macht ausübt.
Vor nahezu 500 Jahren war die Kirche schon mal weiter. 1522 wies Papst Hadrian VI., ein Niederländer, seinen Legaten Francesco Chieregati an, vor dem Reichstag von Nürnberg freimütig zu bekennen:
Wir wissen wohl, dass auch bei diesem Heiligen Stuhl schon seit manchem Jahre viel Verabscheuungswürdiges vorgekommen: Missbräuche in geistlichen Sachen, Übertretungen der Gebote, ja, dass sich alles zum Ärgern verkehrt hat. So ist es nicht zu verwundern, dass die Krankheit sich vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten verpflanzt hat. Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom Wege des Rechtes abgewichen ... Deshalb sollst Du in unserem Namen versprechen, dass wir allen Fleiß anwenden wollen, damit zuerst der römische Hof, von welchem vielleicht all diese Übel ihren Anfang genommen, gebessert werde, dann wird, wie von hier die Krankheit ausgegangen ist, auch von hier die Gesundung beginnen.
In diesem Geist formulierte auch das Zweite Vatikanische Konzil 1964 einfach und klar: "Die Kirche ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und der Erneuerung."
Da sei Kardinal Ratzinger vor.
GEORG BÖNISCH, HEINZ EGLEDER, ULRICH SCHWARZ,PETER WENSIERSKI
* Bei der Eröffnung des Heiligen Jahres am 24. Dezember 1999 im Petersdom. * Franz Rudolf Bornewasser (Trier) und Ludwig Sebastian (Speyer). * Am 23. März in Jerusalem mit dem jüdischen Oberrabbiner Israel Lau (l.) und dem muslimischen Scheich Tatsir Tamimi.
Von Georg Bönisch, Heinz Egleder, Ulrich Schwarz und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 17/2000
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