24.04.2000

Der Fels, der nicht in Rom war

RUDOLF AUGSTEIN
Es fehlt an allen denkbaren Beweisen und Hinweisen, dass der Apostel Petrus je in Rom gewesen ist, ganz zu schweigen davon, dass er Bischof von Rom war. Auch die Legende, er sei im Zirkus Nero gekreuzigt worden wie sein Heiland, allerdings aus lauter Demut mit dem Kopf nach unten hängend, ist nichts anderes als ein frommes Märchen. Und wie auch hätte er nach Rom gelangen sollen, wenn nicht auf Geheiß der römischen Oberherren?
Dennoch galt und gilt der Petersdom in Rom als geistlicher Mittelpunkt der Katholiken in aller Welt, ja aller Christen. Kaum einer der Gläubigen nimmt Anstoß daran, dass dieser Prachtbau auf Fälschungen, Täuschungen und träumerischen Sehnsüchten errichtet worden ist.
Mit Paulus, der bedeutendsten Gestalt des Ur-Christentums, stand es anders. Er war römischer Bürger. Der ihn verhörende römische Statthalter von Judäa, Festus, sagte: "Zum Kaiser willst du gehen. Zum Kaiser wirst du kommen." Paulus gelangte als Gefangener mit einem Schiff über Kreta und Malta nach Rom. In der Haft durfte er Briefe empfangen und Sendschreiben schicken. Wie lange, das bleibt umstritten, denn er wurde hingerichtet; möglicherweise im Jahr 64, dem Jahr, in dem Kaiser Nero Brände in einigen Bezirken Roms den Christen anlastete. In jenem Jahr setzte eine grausame Christenverfolgung ein.
Sein Tod in Rom kann für wahr gehalten werden. Merkwürdig ist, dass der Völkerapostel Paulus in seinen Briefen aus Rom den Kontrahenten Petrus gar nie erwähnte. Demnach hat es damals keinen römischen Bischof gegeben.
Kann sich also die katholische Amtskirche mit ihrer ungebrochenen Nachfolge des römischen Papsttums überhaupt auf den heiligen Petrus als den ersten Bischof von Rom stützen? Die Antwort lautet schlicht: Nein.
Betrachtet man den Lebenslauf des Petrus, eigentlich den eines Fischers namens Simon, so lag dessen Hauptwirkungsstätte in Kapernaum am See Genezareth. Simon wurde "Petros", im Griechischen "Fels", auf Aramäisch "Kepa", genannt. Paulus, in seinen griechisch verfassten Schriften, nennt ihn daher "Kephas".
Simon Petrus folgte Jesus als einer der ersten Jünger nach und trat später gelegentlich als Sprecher der Apostel auf. Der "Heidenapostel" Paulus hingegen hat den leibhaftigen Jesus niemals zu Gesicht bekommen. Seinen Missionsauftrag aber will Paulus nicht durch die anderen Apostel, sondern nur vom Gottessohn selbst empfangen haben.
Paulus spricht von sich selbst als einem "Eiferer" bei der Verfolgung der ersten Christen. Erst bei seiner Erleuchtung vor Damaskus, so schildert es der hochgebildete Mann aus einer streng orthodoxen jüdischen Familie, erlebte er eine christliche Bekehrung.
Da Petrus und Paulus um das Jahr 65 ins Dunkel der Zukunft entschwinden, lag es nahe, sie in der Legende als gleich gesonnenes Paar zu verbinden. Der 29. Juni wurde zum Peter-und-Paul-Tag ausgerufen, und selbst die orthodoxen Christen im fernen St. Petersburg benannten eine Festung nach ihnen.
So unterschiedlich die beiden Apostel gewesen sein mögen, nach der Überlieferung teilten beide die Überzeugung, die Wiederkehr des Herrn würde in naher Zukunft erfolgen; und beide hatten unter Fesselung der Hände und Füße die Gefangenschaft verbracht.
Doch eigentlich war Stephanus, der die orthodoxen Juden mit seiner freieren Haltung zum Gesetz gegen sich aufbrachte, der erste christliche Märtyrer: Er wurde von ihnen gesteinigt. Dies war eine von der römischen Besatzung tolerierte Todesart, der auch der strengste Jünger, Jakobus, Bruder des Herrn und Leiter der Jerusalemer Gemeinde, im Jahr 62 erlag.
Zu jener Zeit lebte Petrus noch - von seiner Berufung zum Bischof von Rom und Vorläufer aller Päpste scheint er aber nicht im Entferntesten etwas geahnt zu haben.
Die Rivalitäten unter den Jesus-Jüngern sind nicht exakt beweisbar, scheinen aber plausibel, wie Bibelstellen, ganz besonders der Galaterbrief des Paulus, be-legen.
Merkwürdig nun, dass der Tod des Apostelfürsten Petrus ebenfalls wie der Tod von Paulus in das Jahr 64 verlegt wurde, denn nach einer anderen Überlieferung wurde Petrus nach dem Apostelkonzil von Jerusalem im Jahr 49 in Antiochia am Orontes gesteinigt; ob er dabei getötet wurde, ist auch nicht sicher.
Ein Schlag gegen den Apostaten Paulus? Und wie nun aus dieser Klemme herauskommen? Durch verschwimmende Angaben, durch Manipulation. Und wie den Widerspruch klären? Nichts einfacher als das: Man gibt Genauigkeit vor, indem man ausdrücklich den Fluss Orontes nennt, gleichzeitig führt man Ungenauigkeit ein, indem man wiederum Rom, meist in Klammern, als Ort seines Todes einsetzt. Mal lässt man Petrus "nach der (wohl gesicherten) Überlieferung" fern in Syrien - heute Türkei - hinrichten, dann aber wiederum, und das muss der Leser solcher Erläuterungen schon selbst entscheiden, in Rom. Partout muss er unter Nero gestorben sein.
Man sieht an diesen absichtlich vielfältig gehaltenen Angaben: Auf "Deubel komm raus" will man schon bis zum Jahr 64 einen Bischof Petrus im fernen Rom gehabt haben.
Und warum musste der Stuhl Petri unbedingt in Rom stehen? Kein Zufall. Schließlich war Rom Hauptsitz vieler Schaltstellen im großen römischen Weltreich. Vermutlich aber war Linus von 67 bis 76 der erste Bischof in Rom.
Anfangs hatten die römischen Bischöfe keinen bedeutenden Einfluss über die Grenzen ihres Bischofssitzes hinaus. Weil aber der Herr in Gestalt Jesu trotz seiner eigenen Prophezeiungen beharrlich ausblieb, war eine Koordinationsstelle vonnöten. Griechisch war zwar immer noch die Weltsprache, viel lieber aber bediente man sich der Sprache Ciceros, des Lateinischen; und manch einer, der als Bischof oder Kardinal zu Bett gegangen war, wachte am nächsten Morgen entweder gar nicht mehr oder als Papst auf. Es war ein weiter Weg vom galiläischen Fischer Simon, dem dreimaligen Lügner, bis zur Unfehlbarkeitserklärung des Papstes Pius IX. im Jahr 1870 und bis ins Heilige Jahr des Papstes Wojtyla.
Wenn es den Menschen Jesus denn überhaupt gegeben hat, so soll er einen Lieblingsjünger namens Johannes gehabt haben. Auf die Frage des Apostels Petrus, wer denn die Wiederkunft des Herrn erleben dürfe, zeigte der Herr auf Johannes: "Der wird bleiben." Petrus gab sich mit dieser Antwort aber nicht zufrieden und drängte Jesus, sich offener zu erklären. Darauf der Herr: "Wenn Johannes bleibt, was geht es dich an?" Doch Petrus scheint auf seine Vorrangstellung unter den Jüngern gepocht zu haben. Da ließ ihn der Herr abblitzen mit den berühmten Worten: "Weiche von mir, Satan!"
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 17/2000
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