24.04.2000

Love-Parade der Senioren

Das „Heilige Jahr“ überfordert die Ewige Stadt und ihre Besucher.
Was 100 000 Menschen wollten, das bekamen Michael und Sebastian: Begrüßung über Lautsprecher, einen Platz in der ersten Reihe links oben auf dem Podium vor dem Petersdom. Persönliche Worte, auch wenn sie genuschelt und nicht zu verstehen waren.
Der Papst beugte sich über die Rollstühle der beiden behinderten Deutschen mit den "Jubilaeum 2000"-Halstüchern. Zuerst umarmte er den Michael, und dann legte Johannes Paul II. dem Sebastian, der sich verschüchtert weggedreht hatte, die Hand auf die Schulter. "Das war wie im Fernsehen", sagt Irmgard Becker aus Offenbach, Sebastians Mutter.
So sollte es sein: ein atemraubender Augenblick großen Gefühls und deshalb ideal für die Fernsehkameras und die zwei ziemlich modernen Philips-Leinwände auf dem Petersplatz. Für Frau Becker, die ihren Sohn zum Baldachin des Papstes begleitet hatte, war es "einer der größten Momente meines Lebens". So etwas, sagt sie, "stärkt den Glauben".
Danach suchen alle Pilger. Mehr als 20 Millionen Menschen werden im Heiligen Jahr nach Rom ziehen, weil sie Besinnlichkeit und Beichte wollen und natürlich ein Fest feiern zu Ehren Gottes.
Das ist jedoch nicht so einfach. Die Pilger verlieren schnell die Orientierung im katholischen Freizeitpark, den der Vatikan errichtet hat - und abends beim Bier in ihrer Herberge klagen sie darüber, dass die Stadt Rom sie am liebsten schnellstmöglich wieder los wäre.
Denn weil diese einfachen und zumeist alten Leute in all den Bars um San Pietro zur Toilette drängen und dann nicht einmal einen Espresso bestellen, drohen mittlerweile die Wirte mit Streik. Oberbürgermeister Francesco Rutelli hat ja sogar die Wahlen damit gewonnen, dass er Ruhe und saubere Luft versprach.
Das hat zu diesem absurden Kleinkrieg um die ausländischen Reisebusse geführt. Rutelli, ein Grüner, ließ einen Ring mit monströsen Parkplätzen um Rom legen, und auf denen müssen die Gäste ihren Bus für 178 000 Lire pro Tag abstellen. Ins Zentrum dürfen nur noch die so genannten J-Busse der Stadt fahren.
Dass nun italienische Fahrzeuge die deutschen ersetzen, hat die Luft von Rom zwar nicht wirklich gereinigt. Dafür sind die blauen J-Busse, eine 210-Milliarden-Lire-Investition, ein glänzendes Geschäft für jene acht römischen Unternehmen, die das Monopol haben. "Die Mafia hat zugeschlagen", sagt Reiseleiterin Diana Cossettini. "Sie sollten nicht jubilieren, sondern weinen", schrieb der Ingolstädter Reiseveranstalter Michael Hobmeier an den Oberbürgermeister.
Das Problem ist nämlich, dass nun jede Menge alter Leute und Behinderter kilometerweit zu Fuß und im Rollstuhl unterwegs sind. Und ausgerechnet zu Ostern weiß kein Reiseveranstalter mehr, ob wenigstens die Anfahrt zum Hotel noch gestattet ist. Als ein Würzburger Fahrer vor der Engelsburg zwei Behinderte ablädt, zwingen ihn Carabinieri zum sofortigen Einholen der Rampe und zur Weiterfahrt.
Rom war hektisch, nun ist Rom hysterisch, und darum schwitzen an diesem Sonntag auf der Via della Conciliazione die 58 Pilger aus den neuen Bundesländern, die zum Petersplatz wollen; dort spendet sonntags um zwölf Uhr der Papst aus seinem Arbeitszimmer im Palazzo Apostolico den Segen.
Der Erste im Trupp reckt den Knirps mit dem festgeknoteten "Jubilaeum"-Tuch in die Luft, das die Herde beisammen hält; der Zweite stößt sich den Kopf am "Senso unico"-Schild; die Dritte vermisst ihren Geldbeutel. Die Pilger aus Magdeburg, Chemnitz und Dresden sind unsicher in der Fremde, aber sie sind fromme und freundliche Menschen, die Halt suchen.
Gern würden sie vor der Heiligen Pforte auf die Knie sinken oder die bronzenen Bildnisse des Gekreuzigten küssen, aber weil von hinten die Gruppe "Piacenza III" drückt, müssen sie weiter. Deshalb kaufen sie später für 40 Mark ein heiliges Türchen aus Gips - die Händler von San Pietro verdoppeln für Pilger aus dem Osten Europas die Preise. Denn die zahlen immer.
Muss man doch, wenn man schon mal da ist. Jahrelang haben die meisten gespart, um die 1185 Mark für neun Tage Rom inklusive Assisi, Capri und Halbpension zahlen zu können; "wer glaubt, muss vermutlich einmal im Leben beim Papst gewesen sein", sagt Ulrika Hakelberg, Diplomingenieurin aus Halle.
Wenn man den wenigstens sehen würde! Der weiße Fleck am fernen Fenster könnte auch ein Double sein. Eine Audienz könnte, das bedeutet das Wort, auch etwas mit Hören zu tun haben. "Es wäre schön, wenn das zu Stande käme", so Don Antonio Tedesco, der italienische Seelsorger der deutschen Pilger. Doch die Kirche ziehe "amerikanisierte Mega-Versammlungen auf, leeres Theater", sagt Tedesco, "schon Hitler und Mussolini haben vor 100 000 Leuten in Mikrofone gesprochen. Und was ist davon geblieben?"
Diesmal bleibt immerhin ein gutes Geschäft. Der Vatikan verkauft für 75 Mark die Pilger-Card, die den Käufern aber bloß Prozente in den unwichtigen Museen, verbilligte Mahlzeiten in lausigen Restaurants und jenen Sitzplatz bei der Audienz einbringt, der bislang kostenlos war; und der Vatikan handelt mit Lizenzen für alles, was unter dem geschützten Namen "Jubilaeum" verscherbelt wird, Porzellan-Petersdome oder Porzellan-Päpste etwa. Fast 50 Millionen Mark kamen bislang zusammen.
Ablass gegen Mark, so funktioniert das Heilige Jahr. Deshalb jagen die Manager des Heiligen Stuhls die Massen in die Sixtinische Kapelle und noch schneller wieder raus. Mancherorts wirkt das Treiben von Rom inzwischen wie eine Love-Parade für Senioren. Natürlich, wer beichten will, kann das tun - es ist nur ein wenig gewöhnungsbedürftig.
Überall in der eiligen Stadt wurden provisorische Beichtstühle für die Instant-Vergebung aufgebaut. "Deutsch", "Polnisch", "Tschechisch" steht über den offenen Türen; Filter schützen angeblich sogar vor Bakterien. Drinnen knien dann zwei Sünder zugleich vor dem Beichtvater, einer links, einer rechts - "entwürdigend" findet Diakon Gerhard Selwitschka aus dem bayerischen Nandlstadt dieses "Abhandeln des Sakraments".
Glück hat, wer an Reiseleiter gerät, die wissen, wie auch eine Wallfahrt nach Rom noch eine Wallfahrt sein kann. Der Mainzer Pfarrer Helmut Bellinger etwa plant zwei Wochen für seine Reisen ein. Bellinger, ein Mann mit listigen Augen und einem Petrus-Bart bis zum Bauch, geht einmal im Jahr mit 50 Behinderten auf Pilgerfahrt, und jeden Mittag verordnet er eine lange Pause. Die heiligen Stufen im Lateran, die all die anderen in der Hoffnung auf schnellen Ablass emporrutschen, ignoriert er. Dafür hat er vor der Fahrt ausgehandelt, dass er in den Kapellen aller vier Erzbasiliken eine Messe lesen kann.
Und am Freitagmorgen, als das Licht über Rom noch weich ist, führt Pfarrer Bellinger zusammen mit Don Antonio die Behinderten aus dem Bistum Mainz in die Vatikanischen Gärten, dorthin, wo man den Petersdom durch Pinien von hinten sehen kann, dorthin, "wo nur der Papst und wir spazieren gehen" (Don Antonio).
Dann erzählt der Pilgerseelsorger seine Lieblingsanekdote von Papst Johannes XXIII., der beim Besuch in einem Gefängnis gefragt worden sei, wie viele Leute im Vatikan arbeiteten. Da sprach der Papst: "Wenn es gut geht, die Hälfte."
Rom-Pilger, sagt Don Antonio, wollten solche Geschichten hören und hier etwas wieder erleben, was sie vergessen hätten. Moderne Menschen hätten "die Zukunft schon konsumiert, sie bleiben gleichgültig oder gelähmt stehen; ihnen will ich Freude am Gehen vermitteln". Das ist eine echte Aufgabe. Allzu rasch, sagt Don Antonio, würden im Rom des Jubeljahres "aus Pilgern rasch normale Touristen".
Er fühle sich "nicht bereichert, sondern beraubt", sagt beispielsweise Gerhard Kriener aus Füssen - vom gierigen Vatikan und von dieser feindseligen Stadt. "Wir haben das große Heulen", sagt Adi Lehmacher von der Leipziger Gesellschaft für Pilger- und Studienreisen. Das liegt daran, dass tausende von Pilgern Konsequenzen ziehen und umbuchen - nach Lourdes oder Jerusalem. KLAUS BRINKBÄUMER
Von Klaus Brinkbäumer

DER SPIEGEL 17/2000
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