24.04.2000

MODE„Supersexy und supertough“

Die Ex-Punkerin gilt als einflussreichste englische Designerin. Die Studenten an der Berliner Hochschule der Künste verehren Vivienne Westwood wie einen Guru und fürchten ihre Strenge. Die Britin hetzt über Kollegen, schlechten Geschmack und die Lächerlichkeit unseres Zeitalters.
Blass, die rotblonden Locken ungeordnet, thront die Großmeisterin in Schlangenlederboots, grauer Wollhose und eng geknöpfter Bluse zwischen ihren Studenten. Mit gesenktem Kopf hört sich ein Diplomand der Berliner Hochschule der Künste ihr Urteil über seine Stoffauswahl an: "Non-event", verkündet sie in spitzem Derbyshire-Dialekt.
"Non-design", weist Vivienne Westwood, 59, gleich danach einen Rock, probehalber in Nesselstoff genäht, zurück. Dabei ist die Stardesignerin morgens noch milde gestimmt. Workshops mit ihr, das heißt: Jedes Wort ein Messerstich. Am gefürchtetsten ist das Etikett "Hausfrau". Es meint konservativ, langweilig, eben "tot" - tiefer kann man in den Augen der britischen Modedesignerin nicht sinken.
Im Korrekturraum der Fachrichtung Modedesign nippt Westwood am Tee und doziert darüber, dass Kunst zuerst eine Frage des Willens ist: "Es geht darum, sich einen Standpunkt zu erarbeiten, den Berg zu erklimmen, nicht den Knopf zu drücken, sondern blutige Füße zu haben."
Die Professorin aus London, wegen ihrer exaltierten Entwürfe mit Zuckerwattefrisuren und Schottenmustern als Königin britischer Exzentrik gefeiert, unterrichtet die Berliner Studenten zwei Tage im Monat. Bis zur Erschöpfung dreht und wendet Westwood neun bis zehn Stunden, nicht selten nur unterbrochen von zwei Zigarettenpausen von fünf Minuten, jedes unstimmige Detail - bis sie es verworfen oder eine Lösung gefunden hat.
Das Arbeitspensum der Tochter eines Kolonialwarenhändlers aus dem 300-Seelen-Ort Tintwistle bei Manchester macht den Studenten zu schaffen. "Wir sind jedes Mal fix und fertig", erklärt David Engler, 26, "länger als zwei Tage würden wir diese Intensität gar nicht ertragen."
Das Studium bei der Autodidaktin Westwood ist nicht nur ein Kurs in Kreation und Schnittkunst, sondern vor allem Lebensschule. Ihr strapaziöser Anspruch, nicht nur den Entwurf, sondern stets auch die eigene Haltung anzuzweifeln, die zu dieser Entscheidung führte, treibt Studenten wie Silvia Naefe, 25, immer wieder an ihre Grenzen: "Manchmal denk ich, vielleicht mache ich doch lieber ein Nagelstudio auf."
"Erfolg ist kein Zeichen von Exzellenz", lehrt Westwood. Eher bedeute er das Gegenteil: Populäres könne nur mittelmäßig sein, da es ja nicht den Besten, sondern auch dem Plebs gefalle. Die Studenten, verlangt die Britin, sollten also nicht nach den billigen Rezepten erfolgreicher Modemacher schielen. Die fahndeten nur ratlos in den Kollektionen der sechziger, siebziger, achtziger, sogar schon in denen der neunziger Jahre nach neuen Impulsen. Würden sie dann fündig, reproduzierten sie etwas, das "schon damals nichts war".
Die Fashion-Artistin hasst die Errungenschaften der Industriegesellschaft: Kleidung von der Stange, den freien Markt, Autos, Fernsehen, Teletubbies, Spaßkultur, den Jugendwahn, selbst die Beatles. Das 20. Jahrhundert sei ein Tiefpunkt zivilisatorischer Entwicklung gewesen, urteilt die radikale Kulturpessimistin: "Es hat keine bedeutende Idee hervorgebracht."
Deshalb müssen Westwood-Studenten ins Museum gehen. Nur dort finde der moderne Mensch, was er verloren habe: den Kontakt zu den früheren Jahrhunderten, zu den wahren Vorbildern. In den Werken alter Meister zeigten sich überlegene Produkte, die unter privilegierten Arbeitsbedingungen für die Elite hergestellt wurden - raffinierte Kreationen, aufregender Materialmix, perfekte Schnittmuster und erhabenes Handwerk.
Was sie will, demonstriert Westwood, als eine Studentin Rat bei der Wahl der Materialien ihrer Abschlussarbeit sucht. Die Meisterin hält zwei Stoffe in der Hand, graue Wolle und schwarzes Kunstleder. Sie bekommt diesen trancehaften Blick, den sie immer hat, wenn sie ihre Ideen auf den Punkt bringen will. Die Stoffe erinnerten sie an "Armut", doch verströmten sie auch, ein Lieblingswort ihrer persönlichen Terminologie, "Glamour". Die Dozentin führt ihren Schülern "das Erhabene" vor Augen, "das Flüchtlinge ausstrahlen, die Entsetzliches durchgemacht und überlebt haben".
"Das sind die Höhepunkte des Studiums, wenn Vivienne ihre Assoziationen und Erkenntnisse mit uns teilt", sagt Friederike von Wedel-Parlow, 28, aus Berlin. So verleiht Westwood einem Hochzeitskleid des Studenten Swen Grimm, 23, mit einer sinnlichen Idee mehr Glanz: Wie ein Riss klafft die blaue Satin-Robe an der Seite auf und lässt die rosa Chiffon-Gaze des Unterrocks herausblitzen - dem Betrachter soll es Laszivität und Entrückung suggerieren, als hätte die Braut "Sex vor der Hochzeit" gehabt.
Provokation ist bis heute so etwas wie ein Synonym für Westwood. Sie blieb eine Anarchistin, auch wenn sie inzwischen auf Tradition und Etikette setzt und mit der Punk-Vergangenheit an der Seite von Malcolm McLaren, dem Manager der legendären Rock-Gruppe Sex Pistols, längst abgeschlossen hat. "Gehirnkrank waren wir damals", erklärt sie, "wir wollten das Establishment zerstören, aber nichts an dessen Stelle setzen außer unserem ,Fuck up'."
Doch allzu groß ist der Unterschied zwischen damals und heute noch immer nicht. Als Königin Elizabeth sie 1992 zum Mitglied des "Order of the British Empire" schlug, erschien Westwood im Buckingham Palace ohne Unterwäsche und raffte für die Fotografen demonstrativ den Rock hoch.
Früher erzählte sie gern, sie habe ihren zweiten Sohn nur deshalb nicht abgetrieben, weil ihr auf dem Weg ins Spital in einem Schaufenster ein schönes Kaschmirkostüm aufgefallen sei. Sie beschloss, das Kind zu bekommen, und investierte das Geld für den Eingriff in den Modefummel. Von den Kindern spricht sie noch immer völlig emotionslos. Die beiden seien "nette Leute", an denen leider jede intellektuelle Inspiration abgeprallt sei: Ein Sohn vermarktet sein eigenes Unterwäsche-Label, der andere wurde Soft-Porno-Fotograf.
Westwoods 1992 geschlossene zweite Ehe mit dem 25 Jahre jüngeren Andreas Kronthaler wird inzwischen wegen der überraschenden Dauer mehr bestaunt als belächelt. "Vielleicht findet er jemanden Jüngeren, aber kaum jemanden, der interessanter ist als ich", sagt Westwood selbstbewusst. Alter spiele bei einer "mentalen Liaison", wie sie ihr Verhältnis mit dem begabten Beau nennt, nicht die entscheidende Rolle: "Es geht um Affinität."
Die beiden arbeiten zusammen und zogen jüngst in ein großes Haus in der Londoner Innenstadt. Dafür gab die ehemalige Grundschullehrerin ihre billige Zweizimmerwohnung auf, in der sie nach der Scheidung von ihrem ersten Mann über 20 Jahre gelebt hatte.
Reich ist Westwood trotz aller Kreativität nie geworden. Die Modedesignerin, die fast alle Haute Couturiers unfreiwillig mit Einfällen versorgt, offenbarte stets einen bemerkenswerten Mangel an Geschäftssinn. Erst seit wenigen Jahren wirft ihr Unternehmen auch Geld ab. Sie besitzt keinen Fernseher, kein Auto, nur ein Fahrrad. Die Haare lässt sie bei einem billigen Herrenfrisör um die Ecke schneiden. Luxus, erklärt die "Gitanes"-Raucherin und Rotwein-Liebhaberin, sei für sie ein großes Bett mit vielen Büchern und Zeit.
Als einziges Privileg leistete sie sich stets die Unterstützung ihres kanadischen Mentors Gary Ness. Der in Paris lebende Maler ist ihr spiritueller Begleiter, sucht seit zwei Jahrzehnten ihre Lektüre aus.
Westwood wiederum beeinflusst ihre Studenten, wie dies an Universitäten heute kaum noch geschieht. Sie habe ihn, sagt Ramiro Calderón, 25, "Tiefgründigkeit und die Bedeutung des Details" gelehrt. Andreas Remshardt, 26, ist es geradezu peinlich, wie sehr Westwood sein Privatleben umgekrempelt hat. Der Jungdesigner sieht kaum noch fern, geht selten in die Disco, dafür sitzt er nun oft im Theater und im Konzert: "Sie öffnete mir die Augen für das Schöne." Silvia Naefe beobachtete an Vivienne Westwood, wie man "als Frau gleichzeitig supersexy und supertough" sein könne. Dabei habe sie etwas gelernt, das zu den schwierigsten Dingen überhaupt gehöre: "Entscheidungen zu treffen". SUSANNE KOELBL
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 17/2000
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