24.04.2000

POLEMIKEin Dummbatz? Selber doof!

Die Schriftstellerin Karen Duve über Zlatko, popkulturelle Literaten und den neuen Wissensdünkel
Duve, 38, lebt in Hamburg und veröffentlichte zuletzt die Erzählungen "Keine Ahnung" (Suhrkamp Verlag). -------------------------------------------------------------------
Es tut nichts, in einem Entenhof geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat. Auch aus einem arbeitslosen Industriemechaniker kann Zlatko-Superstar mit eigener Show werden, so er denn das Zeug dazu hat und eine Gelegenheit wie die Doku-Soap "Big Brother" bekommt. Zlatko Trpkovski ist jung, er hat ein schönes Lächeln, Charme und verfügt über diverse sportliche und handwerkliche Fähigkeiten. Jetzt ist er auf eine Art berühmt geworden, auf die vielleicht nicht jeder berühmt sein möchte. Seine Fans lachen ihn aus, und das Feuilleton sieht in ihm den Untergang des Bildungsbürger-Abendlandes. Beide Reaktionen resultieren aus der Fehleinschätzung, Zlatko sei dumm. Selber doof!
Veronas wie auch Zlatkos Beliebtheit beruht nicht zuletzt darauf, dass ein Haufen Einäugiger glaubt, endlich einen Blinden gefunden zu haben, vor dessen Bildungsvakuum die eigenen Defizite ganz passabel erscheinen.
Immerhin kann eine relativ große Anzahl Menschen mit dem Namen Shakespeare das Theaterstück "Romeo und Julia" oder neuerdings auch den Kinofilm "Shakespeare in Love" assoziieren. Was für eine Art Wissen ist das, auf das diese Spaßbande so stolz ist und das die Zeitungen für so notwendig halten, dass sie sich berechtigt glauben, Zlatko Trpkovski als "Dummbatz", "Depp", "Dumpfbacke", "Proll" und "Pistensau" zu bezeichnen?
Es ist Faktenwissen. Kreuzworträtselwissen. Das, was man braucht, um Trivial Pursuit zu spielen oder bei einer Quizsendung im Fernsehen mitmachen zu dürfen. Es ist ein Vorurteil der kleinen Geister, diesem Wissen wohne irgendein unentbehrlicher Wert bei. Wissen ist aber nur als Weg zur Weisheit akzeptabel, sonst handelt es sich um verabscheuungswürdige Zeitverschwendung. Allgemeinbildung kann eine erfreuliche Mitgift sein, die der Orientierung und dem Erkennen von Zusammenhängen dient, doch im gewöhnlichen Fall besteht sie aus zusammenhang- und damit wertlosen Bruchstücken. Und trotzdem hält sich penetrant die Meinung, jeder sei so viel wert, wie er von diesen Bildungsbröckchen vorweisen könne.
Wie sonst könnten fünf junge - aber für so etwas nun eigentlich auch schon wieder zu alte - Männer auf die Idee kommen, sich das popkulturelle Quintett zu nennen und ihre aufgezeichneten Gespräche über eben jene Popkultur als Buch ("Tristesse Royale", Ullstein Verlag) herauszugeben.
Es tut nichts, wenn man in einem Entenei gelegen hat, solange man nur den Eindruck erweckt, Schwanensee aufzuführen, mögen sich Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart Nickel und Benjamin von Stuckrad-Barre gesagt haben, während Alexander von Schönburg trotz Gustav-Gans-Frisur als einziger offensichtlich niemals an der schwanenhaften Überlegenheit seiner Existenz zweifelte.
Nun muss man den fünf Hätschelkindern des Schicksals oder von Geburt zugute halten, dass sie über einen ungewöhnlich breiten Bildungshorizont verfügen, der nicht nur die klassischen Männerinteressengebiete Politik, Fußball, Musik und Huren abdeckt, sondern auch noch Stilfragen, schrullige Anekdoten aus der Historie, Psychologie, Prominententratsch und dergleichen beinhaltet. Einzig die Herzensbildung wurde ein bisschen vernachlässigt.
Doch leider geben die vielen oft scharfsinnigen Betrachtungen und manchmal sogar verblüffend originellen Sichtweisen nur vor, auf einen Erkenntnisgewinn abzuzielen, und sind auf den ersten Blick als Bildungsdemonstration zu entlarven, die die eigene Position des jeweiligen Sprechers innerhalb der Gruppe und das Überlegenheitsgefühl der Gruppe selbst stärken sollen.
Nun ist Wissen um des Wissens willen an sich schon ein nicht mehr gutzumachender Frevel gegen den Geschmack. Wer dann aber auch noch versucht, solches Wissen als Keule einzusetzen, den mag man ja nicht einmal mehr oberflächlich nennen. Und wozu? Nur für den Kick, für den Augenblick? Nur um seinen Dünkel auszutoben an einem Pöbel, der sich zu genau dem selben Zweck einen Prügelknaben aus den eigenen Reihen erwählt hat?
Ach, ihr seid schon ein rechtes Lumpengesindel, alle miteinander!
Zugegeben: Der schwäbische Mazedonier ist in einem verblüffenden Maße unwissend, hat weder von besetzten Häusern noch von Marius Müller-Westernhagen oder Shakespeare je gehört, und mit den Relativpronomen hapert es auch. Doch wer Augen in und Ohren am Kopf hat, der konnte sich bereits während Zlatkos Aufenthalt im BB-Container davon überzeugen, dass die wandelnde Bildungslücke ein überdurchschnittliches Erinnerungsvermögen (97 Hauptstädte mit Bravour auswendig gelernt) und eine beeindruckend schnelle Auffassungsgabe besitzt. Aber ein anderes Bild als den dummen Zlatko lassen die beschränkten Erwartungen eben nicht zu.
Wenn es darum geht, sich über seine vermeintliche Geistesarmut zu mokieren, wetteifern Zeitungen, Fernsehen und Fans miteinander um die Palme der Niedertracht. Aufgekratztes Jungvolk empfängt ihn johlend bei seinen Live-Auftritten und
hält selbst gemalte Pappschilder hoch, auf denen "Zladdi, the brain, rules" oder "Shakespeare???????" steht. Mit sieben Fragezeichen.
Bierzelt-Ironie ist wohl die unangenehmste Art von Humor. Wem die Jauche bis zur Unterlippe steht, der sollte eigentlich keine großen Wellen machen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat niemand aus diesem Gesocks jemals auch nur eine Zeile von Shakespeare gelesen. Doch die neue Spaßgesellschaft kennt keine Gnade.
Zlatko ist "Kult". "Kult" war auch Maschendrahtzaun-Lady Regina Zindler, die deswegen in psychotherapeutische Behandlung musste. "Kult" war Rex Gildo, der sich schließlich aus dem Badezimmerfenster stürzte.
"Kult" ist Verona Feldbusch, die sich ihr Selbstwertgefühl in bar auszahlen lässt, das Spiel mitspielt und ihr falsches Deutsch inzwischen so pflegt wie Rudi Carrell seinen holländischen oder Marika Rökk ihren ungarischen Akzent pflegte. "Kult" ist im Übrigen ein so widerwärtiges Wort, dass man jedem, der es noch einmal zu benutzen wagt, Kröten in den dummen Mund stopfen sollte.
Wie herzerfrischend substanziell wirkt gegen all dies Gerede Zlatko. Er weiß nicht, wer Shakespeare ist. Und "egal" ist ihm das auch noch. Und in gewisser Weise hat er damit sogar Recht.
Die endgültige Kaperung des einstigen gepflegten Bildungs- und Unterhaltungsdampfers Fernsehen durch das Proletariat scheint geglückt. Es gibt keinen Grund, deswegen zu jammern. Vor die Wahl gestellt, einen Sendeplatz an Zlatko oder an das popkulturelle Quintett zu vergeben - wie würden Sie entscheiden?
Wenn Zlatko nicht gerade in seiner eigenen Sendung sein Leben vorführt, tritt er in Talkshows auf.
Ein bisschen ernster sieht er aus, was ihm gut steht, und er achtet mehr auf seine Grammatik. Zlatko hat keineswegs die Absicht, für Spaß-Deutschland den Deppen zu geben, auch wenn alle das von ihm erwarten und ständig auf einen Versprecher lauern. Möglicherweise wird diese Verweigerungshaltung seinen Marktwert beeinträchtigen. Aber Zlatko will ja sowieso nach zwei Wochen aussteigen. Es wird sich zeigen, ob eine Heimkehr dann noch möglich ist.
* Als Gast bei einem Footballspiel in Düsseldorf.
Von Karen Duve

DER SPIEGEL 17/2000
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