24.04.2000

* 1. Medizin von morgen * 1.3. Der (fast) unsterbliche Mensch - lässt sich das Altern hinausschiebenÖLWECHSEL FÜR DEN KÖRPER

Mit Anti-Aging-Programmen wollen Mediziner das Alter hinauszögern. Versprochen werden Wohlbefinden und beste Gesundheit. Doch wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, in der topfitte Greise das Sagen haben?
Das Alter ist, als ob man mit dem Flugzeug in einen Sturm gerät. Einmal an Bord, kann man nichts mehr daran ändern, erklärte die Politikerin Golda Meïr.
Altern ist lästig, unattraktiv wie ein muffiger Turnschuh, tückisch obendrein, eine einzige Kränkung. Geburtstage sind nichts weiter als nummerierte Vergänglichkeit, irgendwann, so wird einem jeden schmerzhaft klar, besteht das Leben nur noch aus Zahnarztterminen, Krückstöcken und orthopädischem Schuhwerk.
Der Tod des Menschen ist sein - einstweilen - unvermeidliches Schicksal. Osteoporose und andere Zipperlein sind es nicht, so lautet eine Verheißung der modernen Medizin. Unter dem Zauberwort "Anti-Aging" werden eine Reihe von Therapien und Methoden angeboten, die Leistungsfähigkeit und Gesundheit bis ins hohe Alter sichern sollen.
Ein Hamburger Geschäftsmann, 56 Jahre alt, sieht sich als lebenden Beweis für den Nutzen solcher Anti-Aging-Kuren. Vor einigen Jahre fühlte er sich plötzlich schlapp, er kränkelte häufig, dümpelte depressiv und lustlos durch sein Dasein. Der Gedanke an Sex ließ ihn nur noch müder werden. Sein Hausarzt hatte lediglich mit der Schulter gezuckt und gesagt: "Das ist halt so. Sie werden älter."
Schließlich geriet der Leidende an den Hamburger Allgemeinarzt Gerald Müller, der gemeinsam mit einem Urologen und einem Gynäkologen ein einschlägiges Behandlungsprogramm anbietet. Zentraler Bestandteil der Therapie ist eine Hormonsubstitution, individuell abgestimmt auf den jeweiligen altersbedingten Schwund der körpereigenen Steuersubstanzen.
Knapper werden beispielsweise das Wachstumshormon HGH, die Sexualhormone Testosteron, Östrogen und Progesteron, deren Vorstufe DHEA, das Zirbeldrüsenhormon Melatonin sowie Schilddrüsen- und Thymusdrüsenhormone. Verabreicht werden die hormonellen Ersatzgaben in Form von Tabletten, Spritzen, Cremes, Vaginalzäpfchen oder als Implantate.
Seit einem Jahr nimmt Müllers Patient 250 Milligramm Testosteron alle 14 Tage, seine Hormonspiegel stiegen seither um 50 Prozent. Er fühlt sich "wieder wie ein Mann mit 35, fit und energiegeladen, die Depressionen sind verschwunden, und mit dem Sex klappt es auch wieder". Seinen Namen will der erfolgreich Behandelte nicht nennen, er spricht auch im Bekanntenkreis nicht über seine Therapie, "denn Hormonbehandlungen für den Mann sind hier zu Lande noch verpönt".
Das wird vermutlich nicht so bleiben. Im Februar fand in Genf der zweite Weltkongress über den alternden Mann statt. Anti-Aging-Bücher, die in den USA schon mehrere Buchregale füllen, kommen auch in Deutschland zunehmend auf den Markt, unter reißerischen Titeln wie "Zurück in die Jugend" (so die deutsche Übersetzung eines US-Bestsellers) oder "Forever young - das Alter besiegen".
Mediziner Müller setzt darauf, dass die Diskrepanz zwischen wachsender Lebenserwartung und schwindender Gesundheit die Menschen für Anti-Aging-Programme bereitmacht. Müller wagt keine Prognose, ob seine Therapie die Lebenszeit verlängert, "das werden wir erst in 30, 40 Jahren wissen". Doch er ist überzeugt: "Durch Anti-Aging leben die Menschen besser."
Seine Ausbildung als Alternsbekämpfer hat der Hamburger Müller bei dem Hormonspezialisten Johannes Huber absolviert, Leiter der Gynäkologischen Endokrinologie der Universitätsklinik Wien und zugleich Mitbetreiber einer Anti-Aging- Klinik in Laufen am bayerischen Abtsdorfer See. Eine Ambulanz als Ableger des Laufener Instituts wurde gerade in Berlin eröffnet, eine weitere in Wiesbaden soll folgen.
Das Behandlungsprinzip wurde teilweise von Vorbildern in Kalifornien übernommen (SPIEGEL 38/1999). Dem Wiener Hormonexperten Huber erscheint die Sache logisch: Fällt ein Stoff im Körper aus und verursacht dieses Defizit Beschwerden, füllt man den Stoff wieder auf, damit die Beschwerden verschwinden. "Ich sehe nichts Negatives darin, jemandem Hilfestellungen zu geben, damit er mit 70 nicht im Rollstuhl sitzt."
In der Huberschen Klinik werden die Patienten nicht nur hormonell eingestellt, sondern auch mit täglichen Vorlesungen geschult. Sie erfahren, dass sie 20 Minuten am Tag schwitzen und zweimal in der Woche aufs Abendessen verzichten sollen - sonst wird das mit dem Anti-Aging nichts.
3200 Mark kostet eine Woche in der Klinik. "Das ist mir die Sache wert", erklärt die Patientin und Marathonläuferin Carmen Gerber, 51, die regelmäßig anreist; sie fühlt sich heute fit und unternehmungslustig und freut sich, wenn man sie jünger schätzt, als sie ist.
Männer, meinen manche Experten, könnten sogar noch stärker profitieren, weil sie hormonell schlichter gestrickt seien als Frauen. Der Unterschied sei etwa so groß wie zwischen einer Swatch und einer Schweizer Präzisionsuhr. Deshalb seien Männer, so die Hamburger Gynäkologin Barbara Doll, meistens leicht und unkompliziert zu behandeln. Anti-Aging, meint sie, das sei "eine Art Ölwechsel für den Körper und, richtig angewandt, sehr sinnvoll".
Dass Hormongaben sich positiv auf Körper, Libido und Laune auswirken können, gilt mittlerweile als erwiesen. Wachstumshormone beispielsweise können hautstraffend wirken und das Verhältnis von Muskelmasse zu Fett verbessern. Andererseits ist die Hormonbehandlung nicht unumstritten, ihre Gefahren sind nicht zu leugnen. Werden etwa Wachstumshormone überdosiert, können sie Knochenwachstum, aber auch Blutkrebs auslösen.
Schlossklinik-Betreiber Huber interessiert sich für die gesellschaftlichen Auswirkungen erfolgreicher Lebensverlängerung. Schon in den nächsten paar Jahren, so seine Prophezeiung, werde sich die Lebenserwartung der Menschen um durchschnittlich acht Jahre verlängern; die Vision, dass Menschen in naher Zukunft 120 oder 160 Jahre alt werden, hält der Mediziner für durchaus realistisch.
Allerdings birgt eine fortschreitend überalterte Gesellschaft auch sozialen Sprengstoff. Wird das Rentensystem zusammenbrechen? Wer soll die Behandlungskosten und Sozialleistungen der immer länger Lebenden bezahlen? Eine höhere Lebenserwartung werden sich nur jene leisten können, die gut informiert sind und Geld haben. "Einen Klassenkampf der neuen Art" sieht Huber kommen, wenn sich nicht ein gewisser Altruismus anstelle des heute grassierenden Egoismus einstelle.
Weltweit arbeiten Wissenschaftler mit grimmiger Entschlossenheit daran, die menschliche Lebenszeit - bei guter Gesundheit - zu verlängern. Von Lifestyle-Drogen über "Functional Food" bis hin zu nachwachsenden Organen und Muskeldoping durch genetische Manipulation reichen die Hoffnungen und Verheißungen von Medizinern und Pharmaunternehmen - der künstlich optimierte Mensch wäre auch als Konsument im Gesundheitsbusiness nicht zu verachten (siehe Grafik).
Rund 7000 100-Jährige leben derzeit in Deutschland, ihre Zahl wächst Jahr für Jahr um acht Prozent. Mittlerweile kann in den Industrieländern jeder, der jetzt geboren wird, damit rechnen, mindestens 80 Jahre alt zu werden. Die Zahl der über 100-Jährigen wird sich in den nächsten 50 Jahren in Deutschland fast verdreißigfachen, ein großer Club von freien Radikalen, die alle Möglichkeiten nutzen werden, ihr Erscheinungsbild und ihr Befinden zu optimieren.
Im Jahre 2025 wird die Mehrheit der Deutschen über 50 Jahre alt sein - eine Heerschar von fitten Senioren, die dem Jugendwahn vermutlich trotzen und sich nicht abschieben lassen werden. Die Alten werden wenig Lust verspüren, früh in Rente zu gehen, wenn ihre Lebenserwartung bei 120 liegt - und sie können es sich auch nicht leisten. Wenn der Generationenvertrag nicht mehr funktioniert, braucht das Land völlig neue Arbeitsmodelle.
Weltweit liegt die Zahl der über 100-Jährigen derzeit bei rund 135 000. Innerhalb von nur 50 Jahren, so eine Prognose der "World Future Society" in Bethesda (US-Staat Maryland), wird diese Zahl um das 16fache steigen - dann gibt es 2,2 Millionen 100-Jährige. Schätzungsweise 370 Millionen Menschen in der Welt werden dann über 80 Jahre alt sein.
Altwerden als Massenphänomen wird vor allem die Industriegesellschaften verändern. In einer jungen Gesellschaft, schreibt die Frankfurter Autorin Cora Stephan, gehe es schneller, beweglicher, lauter und sicherlich auch aggressiver zu als in einer Gemeinschaft, in der die Alten überwiegen: "Jenseits der 40 und mit der ersten Lesebrille ist die letzte Kippe meist geraucht und der Vertrag mit dem FitnessStudio unterschrieben."
Wird dann alles ruhiger und friedlicher? Ein erstes Beispiel spricht dafür: In Sun City, einer Stadt in Arizona mit überwiegend älteren Menschen - Zuzugswillige müssen mindestens 55 Jahre alt sein -, leben die Einwohner vergleichsweise harmonisch miteinander. Es gibt keine harten Drogen, keine laute Musik, konsequente Nachbarschaftshilfe ist Pflicht, die Zeit vergeht mit Golf- und Theaterspielen, Tanzfesten, Malen, Miss-Senior-Wahlen - und jeder Menge Beerdigungen.
Die Werbung wird sich reißen um die "Jungen Alten", die "Woopies" oder "Best Ager", wie sie in den USA genannt werden. Fernsehspots werden um sie buhlen, kaufkräftig, wie sie sind, möglicherweise sind sie schon bald begehrter als die jetzt favorisierte Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen.
Unternehmen und Firmen werden Maschinen, Computer, Autos speziell für ältere Herrschaften erfinden, es wird Sport- und Fitnessclubs für Senioren geben, was sicher in kürzester Zeit den Druck schaffen wird, gefälligst "erfolgreich zu altern". Senioren werden, Zugvögeln gleich, mobil und fröhlich durch die Gegend zuckeln, bevorzugt gen Süden. Seniorenreisen erreichten in den letzten Jahren bereits einen Marktanteil von 40 Prozent beim Gesamttourismusgeschäft.
Technische Neuerungen werden den Senioren das Leben erleichtern. Jetzt schon kommunizieren die Fortgeschrittenen per Bildschirm mit Familie, Freunden, sozialen Unterstützungs- oder medizinischen Betreuungsdiensten. Zukunftsforscher prognostizieren, dass sich virtuelle Besucher bald in vielen Seniorenwohnungen tummeln werden, "Globale Virtualität" mit Internet, interaktivem Fernsehen und "intelligenten" Haushaltsgeräten wird für die jung gebliebenen Greise zum Alltag werden.
Kommende Generationen der "Jungen Alten" werden gesünder, besser ausgebildet, selbstbewusster und leistungsfähiger sein als die Rentner von heute - Mediziner und Soziologen sind da gleichermaßen zuversichtlich. Wie allerdings Hirnzellen und Psyche eine Lebensspanne von 120 oder mehr Jahren verkraften werden, bleibt einstweilen ein großes Rätsel.
Der amerikanische Schriftsteller John Updike, 68, hat sich mit dem höchst beunruhigenden Prozess seines eigenen Älterwerdens beschäftigt. Er beschreibt das Gefühl, lauter Löcher im Kopf zu haben, wo früher Spannkraft und Substanz waren, "und ich frage mich, ob ich dann, wenn mein Kopf nur noch ein Loch ist, ein schmerzlicheres Verlustgefühl haben werde als jetzt".
Die Antwort auf diese Frage, sinniert der Schriftsteller, könne niemand wissen - und das findet er tröstlich. Updike: "Nichtwissen ist eine Art Segen, und mit der Senilität ist es wie mit dem Alkoholrausch: Sie belästigt die anderen mehr als den, der von ihr betroffen ist."
ANGELA GATTERBURG
DRITTE ZÄHNE - BALD VON GESTERN?
Gehören die lästigen dritten Zähne bald der Vergangenheit an?
Gewachsenen Ersatz an die Stelle von verschlissenen oder beschädigten Körperorganen zu setzen ist einer der Zukunftsträume der Biowissenschaftler. Bald, so ihre Verheißung, könnten auch die lästigen dritten Zähne der Vergangenheit angehören. Forscher der Universität Kiel haben Eiweiße, so genannte osteogenetische Proteine, ausfindig gemacht. Sie animieren Zellen dazu, Zahnbein (Dentin) zu produzieren, die Kernsubstanz jeden Zahns. Bei Schweinen konnte das Kieler Team mit Hilfe dieser gentechnisch hergestellten Wachstumsfaktoren bereits zwei Millimeter große Löcher wieder zuwachsen lassen. Noch dieses Jahr sollen Versuche am Menschen beginnen.
Wissenschaftler am Londoner Guy's Hospital haben unterdessen etliche Gene isoliert, die an der Zahnbildung beteiligt sind. So ließ sich zum Beispiel an Mäuse-Embryonen, denen anstelle eines Schneidezahns ein Backenzahn wuchs, die Zuordnung bestimmter Gene zu bestimmten Zahntypen belegen. Die Erbanlagen fürs Gebiss sind allerdings insgesamt noch zu wenig geklärt, als dass sich auf diesem Wege bereits neue Zähne züchten ließen.
Von Angela Gatterburg

DER SPIEGEL 17/2000
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