24.04.2000

FUSSBALL„Ich guck ja nur zu“

Bei seiner Rückkehr auf die Trainerbank beschränkt sich Udo Lattek auf die Hege der rechten Gemütsverfassung. Um Borussia Dortmund vor dem Abstieg zu retten, soll er nach Überlegungen des Vorstands auf den Rat des Zuträgers Matthias Sammer hören. Unklar ist, ob Lattek das will.
Nach flüchtigem Blick auf die Armbanduhr bedeutet der Übungsleiter den Profis von Borussia Dortmund energisch: "Noch vier Minuten!" Am Spielfeldrand schlurft daraufhin ein reifer Herr mit dunkelblauer Schirmmütze über schlohweißem Schopf zu seinem jungen rothaarigen Kollegen, der das Training auf einer Getränkebox sitzend verfolgt. "Und wie lange vier Minuten dauern", sagt grinsend der Alte von oben herab, "das bestimmen wir."
Wer nun genau das Sagen hat bei den ins Schlingern geratenen Westfalen, ist auch für die Belegschaft auf dem Rasen nur schwer zu ermitteln. "Hey, haltet die Schnauze", ruft der bemützte Supervisor zwar zackig, als dem schnauzbärtigen Übungsleiter das Personal scheinbar entgleitet. Dann wieder ist es der Rotschopf, der mit rotierenden Armen der Schirmmütze empfiehlt: Jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, in der Verschnaufpause mal mit den Spielern zu reden.
Die Hierarchie beim Ballspielverein 09 Borussia ist augenscheinlich ein wenig in Unordnung geraten, seit Udo Lattek, 65, aus dem Ruhestand zurück ins Traineramt gelockt worden ist und der seit zweieinhalb Jahren wegen Kniebeschwerden pausierende Nationalspieler Matthias Sammer, 32, als Trainerberater firmiert.
Da zudem Uwe Neuhaus, 35, der zuvor in Dortmund schon den erfolglosen Fußball-Lehrern Michael Skibbe und Bernd Krauss assistierte, weiter beschäftigt wird und die Trainingseinheiten leitet, kam Kapitän Stefan Reuter nach dem eher dünnen 2:2 beim Tabellenletzten MSV Duisburg zu einem salomonischen Schluss: "Unsere drei Trainer haben uns gut eingestellt."
Wahlweise als "Verzweiflungstat" ("Westdeutsche Allgemeine Zeitung") oder "absurde Idee" ("Kölner Stadt-Anzeiger") hatte die Öffentlichkeit den verwegenen Einfall gebrandmarkt, den vor sieben Jahren ausgestiegenen Zampano Lattek noch einmal für fünf Wochen auf die Trainerbank zu setzen. Schließlich hatte der Altmeister, wegen 14 gewonnener Titel mit dem Etikett "Erfolgstrainer" dekoriert, schon 1991 unmissverständlich klargestellt: "Ich kann''s nicht mehr, wirklich."
Damals hatte er aus der Position des Sportdirektors beim 1. FC Köln für ein einziges Spiel gegen seinen Lieblingsclub Bayern München noch einmal eine Profimannschaft gecoacht. Hinterher analysierte er messerscharf: Auch "ein Spitzenchirurg" wisse nach vierjähriger Pause nicht mehr, "wie er das Skalpell halten soll".
Als er kurz darauf erneut rückfällig wurde und den FC Schalke trainierte, endete das Intermezzo nach einem halben Jahr im Streit mit dem Schatzmeister, einem Felgenfabrikanten, den Lattek bald abfällig den "Felgenpapst aus dem Sauerland" nannte. Die Spieler verweigerten die Gefolgschaft, als er nach einer 1:6-Niederlage "Aussaufen" statt Auslaufen anordnete, danach gab sich der Bauernsohn aus Ostpreußen so schlau wie zuvor: Wie schon 1987 spüre er "kein Feuer mehr" und wolle sich "auch nicht mehr den Arsch nass regnen lassen".
Zurückziehen ins Private kam für Lattek jedoch auch nicht in Frage. Gern maßregelte er Kollegen, Clubchefs und Nationalkicker mit Weisheiten aus seinem Erfahrungsschatz. Wo ihm eine Bühne bereitet wurde, war Udo zur Stelle - im Deutschen Sport-Fernsehen (DSF), als Fachkommentator des "Kicker" oder als "Welt am Sonntag"-Kolumnist.
In Springers Wochenblatt hatte der Überkritiker noch vor wenigen Wochen den Dortmundern verfehlte Personalpolitik attestiert: Von Spielern wie Andreas Möller oder Heiko Herrlich hätte er sich "längst" getrennt, andere wie Victor Ikpeba oder Christian Wörns hätte er "nie verpflichtet".
Die Chefetage der Borussia konnte das von ihrem Coup nicht abhalten. Das atemberaubende Revival müsse man "in der Kombination sehen", erklärte Manager Michael Meier - und ortet in der Tandemlösung mit Sammer einen "Schachzug, den man uns nicht zugetraut hat".
In Zeiten, da die Betreuung einer Fußballmannschaft neben taktischer und seelenkundlicher Begabung offenkundig Kenntnisse sowohl über den genauen Verlauf der Muskelübersäuerung als auch in Vermarktungsfragen voraussetzt, scheint sich die Borussia mit ihrer Dreierlösung zum Trendsetter zu mausern. Bedingung fürs Gelingen wäre nur, dass die angedachte Arbeitsteilung unter den jeweiligen Spezialisten im Trainerstab funktioniert. Und in der Tat sah es anfangs so aus, als sei mit Lattek erstmals im deutschen Vereinswesen ein Cheftrainer für den außersportlichen Bereich installiert worden.
"Aus meiner Sicht", tat der Rückkehrer launig kund, habe man ihn nämlich in erster Linie als Psychologen geholt. In dieser Eigenschaft redete er den Seinen nach wenigen Arbeitsstunden schon ein geheimnisvolles Stimmungshoch ein, spürte "Fortschritte" auf, die sonst niemand wahrnahm.
Und als kritische Beobachter wie der Kommentator der Ruhrgebiets-Gazette "Revier Sport" noch argwöhnten, die Kickstars aus dem Dortmunder Hochpreis-Ensemble fänden die Ausführungen von "Opa Lattek" allenfalls spannend, "wenn er ein paar knackige Börsentipps auf Lager hat", war der Meister der blumigen Ansprache schon seinen Lieblingsvergleich aus dem Tierreich losgeworden: Eine Mannschaft müsse kooperieren wie ein Rudel Wölfe, wenn es ein Rehlein umzingelt.
Mit seiner Abneigung gegen die Trainingsarbeit ("Damit kann man nicht mehr viel erreichen") mag der dritte Dortmunder Trainer der Saison manchem vorgekommen sein wie ein wasserscheuer Rettungsschwimmer. Doch wo Ligakonkurrenten in Stuttgart oder Leverkusen eigens Psychologen beschäftigen, die ihre Klienten Eisenstangen mit den Hälsen verbiegen oder barfuß über Scherben wandeln lassen, macht die Berufung eines Experten für Geistesverfassung wohl durchaus Sinn.
"Was soll ich alter Bock da noch mitmachen", fand also Lattek, als morgens die
Kondition geschult werden sollte. Folgerichtig war der Cheftrainer zum Programmpunkt Waldlauf in Cordhose und Straßenschuhen eingetrudelt. Was soll er dem Team schon beibringen? Sie spieltechnisch verbessern? "Ja, soll ich ihnen über Nacht einen Ball ins Bett legen?", fragte er karg zurück. Warum Spielzüge einstudieren? Er sei schließlich "kein akribischer Arbeiter, der fünf Stunden Standardsituationen ausarbeitet". Wenn der fleißige Sammer, schon als Spieler ein Pedant und Stratege, das macht und "mit der Taktiktafel ins Bett" gehe, wie Lattek spöttelt - sein Bier.
Der Mann mit dem bordeauxroten Teint ist schließlich ausgelastet. Sicher, zu seiner Schalker Zeit notierten Kritiker, Latteks Tätigkeit habe sich "schnell auf die sorgfältige Beobachtung der Kontenbewegungen reduziert". Jetzt in Dortmund ist er aber außer fürs Gemüt auch noch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Lattek, glaubt Manager Meier, "absorbiert die Medien" und nehme so den "Druck von der Mannschaft".
So steht er der Presse beinahe rund um die Uhr zur Verfügung. Also auch mittags um zwölf, "nach dem Training?", erkundigte sich der Reporter einer Lokalzeitung. Aber nein, "ihr könnt ruhig schon um elf kommen", erwiderte Lattek, "weil ich das Training nicht mache, ich guck ja nur zu".
Der Zugucker setzt dann seine blaue Kappe auf, die ihm sein Vertragspartner DSF verpasst hat. Der hatte ihn zuletzt fürs Zugucken vornehmlich auf den Plätzen der zweiten Liga bezahlt, und als Borussias Management jetzt scherzhaft daran erinnerte, Blau sei die Farbe des Erzrivalen aus Schalke, machte der Medienprofi Lattek seinen TV-Kollegen prompt einen Vorschlag: Sie sollten ihm eine Mütze in Borussen-Gelb besorgen, "das wär'' ein schöner Gag".
Nach eigenen Angaben muss er das Objekt mit dem selten so passenden Sender-Slogan ("Mittendrin statt nur dabei") wegen einer Hautkrebs-Erkrankung aufsetzen. Dessen ungeachtet richtete das DSF vorigen Dienstag eine Hotline ein, unter der interessierte Fans die "Kult-Kappe" zum Eigengebrauch bestellen können.
So hatte alles seine neue Ordnung rund um das Westfalenstadion - bis zu dem Moment, da Lattek in der Zeitung lesen musste, er sei bloß "der Strohmann" des heimlichen Cheftrainers Sammer und das Bohei um den Retter nur "fauler Zauber". Prompt nahm er sein Urteil zurück, wonach das neue Trainergespann "eine Bombenarbeitsteilung" auszeichne. Er habe sich da wohl falsch ausgedrückt, "das ist keine Arbeitsteilung. Ich bin der Chef". Einen Fernsehreporter, der in Sat 1 verbreitet hatte, die Mannschaftsaufstellung hecke allein Sammer aus, wies er zurecht, dies sei "totaler Blödsinn".
Wenn alles schief läuft, kann es also passieren, dass Latteks ungezügelter Drang nach Selbstbestätigung das Dortmunder Pilotprojekt der arbeitsteiligen Rettungsaktion in Gefahr bringt. Vor dem Heimdebüt gegen Bayern München wies Deutschlands Trainer-Nestor seinen Co-Piloten Sammer an, er solle die nächsten Spiele lieber von der Tribüne aus beobachten, statt neben ihm auf der Bank zu sitzen.
Sammer fügt sich und gibt zur Arbeit des Gespanns keine Stellungnahmen ab. Dafür sei "der Udo" zuständig, den er seit dem Abend der ersten gemeinsamen Mannschaftssitzung duzt und der ihn daraufhin zunächst ein paar Mal versehentlich Christian nannte statt Matthias. Der Udo soll das Gefühl behalten, der Boss zu sein.
Nur wissen das noch nicht alle Spieler. Als Libero Reuter vorige Woche wegen Beschwerden vorzeitig den Trainingsplatz verlässt, meldet er sich bei Sammer ab, nicht bei Lattek.
So ist noch nicht erwiesen, ob Dortmunds Duo besser harmoniert als die Zweistimmigkeit bei der Nationalmannschaft. Wegen anhaltender Missklänge hatte Kolumnist Lattek dieses Nebeneinander von Teamchef Erich Ribbeck und Trainer Uli Stielike neulich erst als "nicht mehr tragbar" abqualifiziert. Eine Einladung ins ZDF-"Sportstudio" schlug der Neu-Dortmunder unlängst aus, als er erfuhr, dass Ribbeck zugesagt hatte.
Wenn sachkundige Beobachter Recht haben, sollte er auf die Nähe des geistigen Zuträgers Sammer besser nicht verzichten. Der Leverkusener Kollege Christoph Daum, bei dem der Nationalspieler aus Dresden jüngst hospitierte, sagt Sammer eine Zukunft als "großer Trainer" voraus. Der frühere Bundestrainer Berti Vogts hält ihn für den "geborenen Taktiker".
Jetzt lockt ihn sein Arbeitgeber in die Position des Vordenkers. Bis Saisonende gilt er vertragsgemäß als Spieler - das ist wichtig, weil er als Rekonvaleszent von der privaten Krankenkasse und der Berufsgenossenschaft bezahlt wird. Danach soll Sammer möglichst Trainerassistent werden, seinen Chef darf er selbst mit aussuchen.
Dass die Wahl dann erneut auf Lattek fällt, gilt als ausgeschlossen. Der selbst ernannte "eisgraue Wolf" ist hundemüde geworden. Schon die ersten zwei Tage seiner neuen Beschäftigung hat er als "doch sehr strapaziös" empfunden. Auch seinem Ruf als Stimmungskanone wird er kaum mehr gerecht. Als ihm Teile der Fangemeinde nach dem Einstand in Duisburg hinterherriefen: "Udo, lass uns zechen geh''n", war der als trinkfest gerühmte Fußballweise vor Erschöpfung nicht einmal durstig.
Die Zeiten sind vorbei, da der bekennende Schluckspecht ("Die großen Trainer haben doch alle gesoffen") Hotelhallen-Reliefs mit Äpfeln, Birnen und Orangen bewarf, so dass das Resultat nach Beobachtung seines damaligen Münchner Schülers Franz Beckenbauer "wie ein geklebter Obstsalat" aussah.
Nach dem mühsamen Auftaktmatch war Lattek nicht zum Feiern zumute. Erwartungsfrohe Lattek-Kenner registrierten nur ein Pils, ein Korn an der Hotelbar. JÖRG KRAMER
* Links: im Spiel beim MSV Duisburg am 15. April; oben: beim Tor zum 2:1 im selben Spiel (Endstand 2:2).
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 17/2000
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