24.04.2000

AMERICAN FOOTBALLEine Liga sieht rot

In der amerikanischen Football-Liga NFL spielen Diebe, Vergewaltiger und brutale Schläger. Jetzt sind erstmals zwei Profis wegen Mordes angeklagt.
Ray Lewis ist einer von denen, die es geschafft haben. Mit Vorliebe stolziert er in einem weißen Pelzmantel durch die Stadt; für besondere Anlässe gönnt er sich eine zwölf Meter lange Limousine mit Chauffeur: Lewis, 24, ist Footballprofi bei den Baltimore Ravens. Der Defensivspieler besitzt einen Vertrag, der ihm bis 2002 insgesamt 26 Millionen Dollar einbringt.
Fraglich ist indes, ob Lewis so lange in Freiheit leben wird. Der Amerikaner steht unter Mordverdacht. Am 31. Januar soll Lewis in Atlanta zwei Männer erstochen haben. In drei Wochen beginnt sein Prozess, dem Sportler droht die Todesstrafe.
Die Medien reden vom "Super-Bowl-Mord". Lewis war am Abend vor der Tat zu Gast beim Endspiel um die Football-Meisterschaft und sieht den Sieg der St. Louis Rams gegen Tennessee. 75 000 Menschen sitzen im Stadion, und an diesem höchsten
Feiertag der amerikanischen Sportgemeinde hocken 130 Millionen Fans vor dem Fernsehgerät. Nach dem Finale explodiert über der Arena ein Feuerwerk, eine Kanone schießt Glitzerkonfetti in die Luft, und Lewis geht in die "Cobalt Lounge" zum Feiern.
Er verlässt den Nachtclub erst wieder gegen drei Uhr morgens, angeblich "beschwipst". Dann soll sich Folgendes zugetragen haben: Der Zecher ist gerade auf dem Weg zum Auto, als vor der Bar eine Schlägerei ausbricht. Plötzlich krachen Schüsse, zwei Projektile bohren sich in Lewis'' Stretch-Limousine. Die Polizei trifft kurze Zeit später ein und findet in der Nähe des Etablissements zwei Tote, bei der Obduktion werden mehrere Messerstiche festgestellt. Lewis, der alle Anschuldigungen von sich weist, gilt schnell als Verdächtiger, wird noch am selben Tag festgenommen.
Die Verhaftung ist ein großer Aufreger in der amerikanischen Gesellschaft - wundern mag sich jedoch niemand. Gerichtsverhandlungen mit Profis der National Football League (NFL) auf der Anklagebank gehören inzwischen genauso zur Realität wie spektakuläre Touchdowns. Jetzt haben die Vorwürfe gegen die Sportler allerdings eine neue Dimension erreicht: Zum ersten Mal stehen zwei Akteure - neben Lewis in einem anderen Verfahren Rae Carruth von den Carolina Panthers - wegen Mordverdachts vor dem Richter.
Wie viele Kriminelle in der US-Liga beschäftigt sind, haben die Autoren Jeff Benedict und Don Yaeger genau nachgerechnet. Von den 1590 Spielern aus der Saison 1996/97, so veröffentlichten sie in ihrem Buch "The Criminals who play in the NFL", hatten 509 eine kriminelle Vergangenheit. 109 waren sogar wegen schwerer Vergehen angeklagt - darunter Körperverletzung, Raub und Vergewaltigung. Allein bei der diesjährigen Super Bowl standen in den Reihen beider Teams insgesamt 13 Spieler, die schon mal in Polizeigewahrsam genommen worden sind. Eine Liga sieht rot.
Dem Bostoner Professor Todd Crosset erscheint das Phänomen als Folge einer konsequenten Verblendung. "Wenn man von Kindesbeinen an trainiert und dafür gefeiert wird, gewalttätig zu sein", sagt Crosset, "kann man das vom Privatleben irgendwann nicht mehr trennen."
Verstärkt wird das Problem durch die soziale Rolle, die American Football in den USA innehat. Die NFL ist über die Jahre zu so etwas Ähnlichem wie einer Sammelstelle für Jugendliche geworden, die eigentlich am Rand der Gesellschaft zu Hause sind. Denn in einem Sport, in dem es auch darauf ankommt, seinen Gegner mit rigorosem Körpereinsatz außer Gefecht zu setzen, rekrutieren die Mannschaften ihren Nachwuchs vorwiegend aus den Armenvierteln der Städte: Ghetto-Kids besitzen für gewöhnlich das größte Aggressionspotenzial.
Jedes Jahr verpflichten die Teams in sieben so genannten Draft-Runden die talentiertesten College-Spieler. Vor ein paar Tagen war es im New Yorker Madison Square Garden wieder so weit. 254 Kandidaten standen zur Auswahl, und dass einige der jungen Hoffnungsträger in Kürze als Straftäter Schlagzeilen machen, scheint vorbestimmt. "Es gibt keine Heiligen mehr", sagt Richard Lapchick von der Northeastern University in Boston, "weder an den Schulen noch im Sport."
Um den Schaden in Grenzen zu halten, versuchen die Talentspäher der NFL-Teams bei der Auswahl der Nachwuchskräfte nicht nur deren spielerische Fähigkeiten abzuschätzen, sondern auch das soziale Verhalten in der Gruppe auszuloten. Wer beim Sichtungstraining als rüder Charakter auffällt, fliegt raus. Somit werden die ganz üblen Gesellen zwar ausgefiltert, die Wölfe im Schafspelz kommen aber durch - und landen auf der Draft-Liste.
Ray Lewis hat es 1996 geschafft, und ein Jahr später gehörte auch Rae Carruth zu den Glücklichen, die ruck, zuck vom Markt weggekauft wurden. Die Carolina Panthers gaben ihm einen mit 3,7 Millionen Dollar dotierten Vertrag über vier Jahre. Zunächst übertraf der Wide Receiver die Erwartungen, die Fachpresse wählte ihn zum "Neuling des Jahres". Doch im vorigen November geriet Carruth, 25, in einen Mordfall, der ihm womöglich die tödliche Giftspritze einbringt.
Die Staatsanwaltschaft in Charlotte (North Carolina) wirft Rae Carruth vor, aus Angst vor Unterhaltszahlungen einem Killer den Auftrag erteilt zu haben, seine hochschwangere Freundin Cherica Adams umzubringen. Die 24-jährige Frau war in der Nacht zum 16. November nach einem Kinobesuch in ihrem schwarzen BMW unterwegs, als sie von vier Schüssen aus einem vorbeifahrenden Auto in Hals, Brust und Bauch getroffen wurde.
Das Baby konnte per Kaiserschnitt gerettet werden, die junge Mutter erlag vier Wochen nach dem Attentat ihren Verletzungen. Die Polizei verhaftete Carruth, der zu den Vorwürfen schweigt, wenig später auf dem Parkplatz eines Motels; er hatte sich im Kofferraum eines Toyota versteckt.
Dem Image der NFL haben derlei Verstrickungen in den USA bislang kaum geschadet. Amerika ist verrückt nach Sporthelden und die NFL ein Wirtschaftszweig, den man mit aller Macht stützt.
Kathy Redmond, die als Studentin in Nebraska von einem Footballspieler vergewaltigt wurde und 1998 die "Nationale Koalition von Frauen gegen gewalttätige Sportler" gründete, meint denn auch resigniert, dass wohl noch eine Menge passieren müsse, "bevor diese Gesellschaft zugibt, dass die Situation ihrer Athleten außer Kontrolle geraten ist".
Die meisten Profis, sagt Lisa Olson, eine Zeitungsreporterin, die von Mitgliedern der New England Patriots sexuell belästigt wurde, fühlten sich "wie römi-
sche Götter, die immer Privilegien genießen".
American Football ist die populärste Mannschaftssportart in den USA, durchschnittlich besuchen 65 000 Zuschauer die Spiele der 32 NFL-Teams. Für die Übertragungsrechte bis 2006 zahlen die Fernsehsender ABC, Fox und CBS zusammen 17,6 Milliarden Dollar. Die Begegnungen werden in 24 Sprachen in alle Zeitzonen der Erde ausgestrahlt, und während der Super Bowl kostet eine Sekunde Werbung rund 73 300 Dollar. Zwecks Globalisierung installierte die NFL mit millionenschweren Investitionen sogar einen Ableger in Übersee, die "NFL Europe" - gerade hat die Sommerrunde, zu der Teams aus Düsseldorf, Berlin und Frankfurt zählen, ihren Spielbetrieb aufgenommen.
Die Sanktionen, die NFL-Commissioner Paul Tagliabue über straffällig gewordene Spieler verhängt hat, waren bislang systemstützend milde. Leonard Little zum Beispiel, der in den Knast wanderte, weil er betrunken eine Frau totgefahren hatte, sperrte er für gerade mal acht Spiele. Keith Poole von den New Orleans Saints - er hatte mit einem Golfschläger einen Mann traktiert - wurde mit einer Geldbuße belegt, die den Profi kaum sonderlich beeindruckt haben wird: 4500 Dollar musste der Sünder berappen.
Die jüngsten Skandale zwingen den Liga-Boss freilich zum Umdenken. Künftig, versichert er, werde er Strenge üben und Wiederholungstäter vom Spielbetrieb ausschließen. "Wir haben die Messlatte höher gelegt, um zu zeigen, dass wir diese Dinge nicht mehr tolerieren." Für die ersten beiden Begegnungen der kommenden Saison hat Tagliabue gleich zwei Spieler suspendiert und Fason Fabiani (New York Jets) 14 000 Dollar Strafgeld aufgebrummt, weil sich die drei in einer Bar geprügelt hatten.
Mit eher unkonventionellen Methoden versucht dagegen Jerry Jones, seine Dallas Cowboys zu zähmen. Der Ölbaron aus Texas hat die einschlägigen Kneipen der Stadt zu Sperrbezirken erklärt und ließ im vereinseigenen Trainingscamp eine Videoüberwachungsanlage installieren. Sie soll des Nachts die Spieler von heimlichen Ausflügen abhalten.
Da manche Cowboys dennoch zuweilen über die Stränge schlagen, hat Jones einen ehemaligen FBI-Agenten angeheuert. Seine einzige Aufgabe: den Spielern bei Schwierigkeiten mit der Polizei zur Seite zu stehen.
Ein krisensicherer Job, schenkt man den Worten eines NFL-Trainers Glauben: "Wer meint, die heutige Spieler-Generation sei böse, der kennt die nächste noch nicht." MAIK GROßEKATHÖFER
* Am 30. Januar zwischen den St. Louis Rams und den Tennessee Titans. * Mit seinem Verteidiger Max Richardson in Atlanta.
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 17/2000
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