24.04.2000

VIETNAMDie neuen Opfer des alten Krieges

25 Jahre nach dem Ende der Bombardements leidet Vietnams Bevölkerung noch immer unter Agent Orange. Die USA weigern sich, Entschädigungen zu zahlen. Hanois Kommunisten scheuen den Konflikt mit den neuen Investoren.
Den "amerikanischen Krieg" kennt Truong Thi Thuy, 28, nur noch aus Erzählungen: "Ich war ja gerade erst drei, als die Befreiung begann." Zärtlich streicht sie ihrer Tochter über das blasse, wachsfarbene Gesicht. Fast leblos schmiegt sich das Kind an die Mutter, der Körper verkrampft, die Lider zusammengekniffen.
Hat es Angst? "Nein, Mheo kam ohne Pupillen zur Welt", sagt Thuy leise, "sie spricht nicht, aber sie liebt Musik." Unbeholfen lallt die Sechsjährige, als summe sie den Popsong nach, der aus einem Transistorradio kommt. Was wohl die Ursache des Leidens sei? "Ich weiß nicht", murmelt die zierliche Mutter.
Die nur 1,40 Meter große Bäuerin Nguyen Thi Hyugen, 60, ist da schon bestimmter. "Klar, es war dieses Gift. Schauen Sie doch meine Kinder an." Ihr Sohn Khanh, 17, und seine Schwester Deo, 19, hocken im Schlafanzug trübsinnig in einer Ecke der stickigen Kate aus Palmwedeln und Blech. Bisweilen geben sie eine Art Grunzlaut von sich. Beide sind debil.
Wenn Deo durch die Hütte kriecht, zieht sie einen Klumpfuß hinter sich her. Dauernd bricht sie in Weinkrämpfe aus. "Sie hat immer Schmerzen", klagt die Mutter. Das Gesicht des Jungen ist von einer monströsen Hasenscharte entstellt. Auch die älteste Tochter war ein Krüppel, ihr Körper von schmerzhaften Knoten übersät. Vorigen Herbst starb sie, gerade 25 Jahre alt, unter Qualen.
Hyugen erinnert sich noch genau, wie die Tragödie begann: Im Sommer 1965 ratterten amerikanische Hubschrauber über den Ort Phoung Am, als wollten sie eine ihrer üblichen Treibjagden auf Bauern veranstalten. Doch erstmals sprühten sie stinkende Nebel. Bald fielen die Blätter schwarz von den Bäumen, und der Reis auf den Feldern verdarb.
Phoung Am liegt in der zentralen Provinz Quang Tri, am 17. Breitengrad. Hier zerschnitt die "demilitarisierte Zone" von 1954 bis 1975 das Land. Durch die Wälder hinter dem Weiler verlief das Spinnennetz des Ho-Tschi-minh-Pfades, über den der Norden Soldaten und Nachschub in den Süden schleuste.
Hyugens Dorf lag somit im Epizentrum eines Konflikts, den die stärkste Supermacht der Welt trotz erdrückender technischer Überlegenheit erstmals verlor. Doch die langsame und quälende Erkenntnis, aus den falschen Gründen, am falschen Ort, mit den falschen Mitteln in einen nicht gewinnbaren Konflikt verstrickt zu sein, hat nicht nur über drei Millionen Vietnamesen und gut 58 000 Amerikaner das Leben gekostet, es hat auch die Supermacht selber bis in die neunziger Jahre vor eine Zerreißprobe gestellt.
So wie der südostasiatische Dschungelkrieg, den laut Lyndon B. Johnson "Asiens Boys unter sich hätten ausmachen sollen", letztlich ein Stellvertreterkrieg im Ost-West-Konflikt war (der ja nur bei Strafe eines nuklearen Holocaust mit Waffen ausgefochten werden konnte), so war der jahrzehntelange inneramerikanische Kulturkampf um diesen Krieg ein weitgehend unblutiger Ersatz für einen zweiten Bürgerkrieg, dessen Frontlinien noch heute erkennbar sind: Bill Clinton ist der erste Präsident, der diesen Krieg nicht nur abgelehnt hat, sondern trotz wütender Angriffe wegen seiner Nichtteilnahme ins Amt gewählt wurde.
Zwar hat der Zusammenbruch der Sowjetunion die Frage, ob es ein gerechter oder ein ungerechter Krieg war, weitgehend zu einer akademischen Debatte reduziert (die gleichwohl in immer neuen Büchern, Seminaren und Symposien weitergeführt wird). Dennoch hat Vietnam grundlegend die Art und Weise verändert, in der die letzte Supermacht heute Krieg führt - nämlich nur noch, wenn durch technische Überlegenheit garantiert werden kann, dass eigene Verluste minimal bleiben.
Damals wie heute konnten die Amerikaner die Kampfeinsätze am Fernsehen verfolgen, damals spaltete das blutige Gemetzel die Nation, heute wird die Illusion eines virtuellen Kriegs erzeugt.
Für Amerikas Gegner hat sich dagegen nicht so viel geändert. Für sie sind die "smarten" Waffen von heute ähnlich tödlich wie die "dummen" Bomben des Vietnamkriegs. Damals kamen auch die Helikopter nach Phoung Am zurück. Jahrelang entlud die U. S. Air Force Tonnen von Entlaubungsmitteln über der Region. Dem unsichtbaren Feind sollte das schützende Dschungeldach genommen und die Nahrungsgrundlage zerstört werden. Die Spätfolgen: Allein in dem 3000-Einwohner-Ort Phoung Am wurden nach dem Krieg mehr als 300 zum Teil schwer behinderte Kinder geboren.
"Agent Orange ist eine Zeitbombe, die keiner entschärfen kann", sagt der Mediziner Nguyen Viet Nhum, 42. Die Wände seines dunklen Büros hat er mit Landkarten vom Süden Vietnams zutapeziert. Striche in unterschiedlichen Farben zeigen an, wo die Amerikaner welches Entlaubungsmittel einsetzten. Grüne Vierecke und schwarze Punkte bezeichnen Fliegerhorste und Munitionsdepots, in denen Chemiewaffen gelagert wurden. Um die alte Kaiserstadt Hue sieht es so bunt aus, als sei eine ganze Malklasse am Werk gewesen.
Nhums Karten sind Topografien mensch- lichen Leidens. Unter Codenamen wie Agent White oder Agent Blue ließ Washington in der anfangs streng geheim gehaltenen Operation "Ranch Hand" zwischen 1962 und 1971 mehr als 72 Millionen Liter Herbizide über die vermuteten Aufmarschgebiete des Vietcong in Südvietnam sprühen. Gut 44 Millionen Liter bestanden aus dem Entlaubungsmittel Agent Orange, benannt nach der orangefarbenen Markierung auf den Giftfässern, und es enthielt Dioxin, eine der giftigsten Substanzen der Welt. Die Vietnamesen nannten Agent Orange "Mau-da-cam" - das Gift mit der Farbe Orange.
"Genau genommen war die Operation Ranch Hand ein chemischer Kampfeinsatz gegen die Zivilbevölkerung", sagt der schmächtige Nhum und fuchtelt wütend mit seinen Händen in der Luft herum. Schätzungsweise 170 Kilogramm Dioxin gingen auf Vietnam nieder. 18 Prozent des Südens waren betroffen. Mangrovenwälder verdorrten, der Dschungel sah aus wie nach einem Flächenbrand, auf den Feldern verdarb die Ernte.
17 Millionen Menschen, sagt die Regierung in Hanoi, seien dem Supergift ausgesetzt gewesen, mehr als eine Million durch Dioxin erkrankt. 100 000 Kinder hätten schwere Geburtsschäden davongetragen.
Die amerikanische Chemieindustrie spielt indes noch immer die verheerenden Spätfolgen herunter. Dabei sind die Belege eindeutig, auch in den USA: Überdurchschnittlich viele GIs litten nach ihrer Rückkehr an Diabetes oder starben an Krebs. Sie zeugten Kinder mit offenem Rückgrat oder geistigen Behinderungen.
Die für Veteranenangelegenheiten zuständige Regierungsbehörde zahlte bis heute nur an etwa 7600 ehemalige Vietnamkämpfer Entschädigungen. Von Kompensation an den einstigen Kriegsgegner will Washington allerdings nichts wissen - die Weltmacht fürchtet eine Milliardenklage.
"Die Problematik von Agent Orange und Dioxin sollte gemeinsam mit Vietnam auf einer wissenschaftlichen Ebene behandelt werden", wiegelt William Cohen ab, der Vietnam als erster US-Verteidigungsminister seit Kriegsende im März besuchte. Hanoi wagt dem nicht zu widersprechen. Die Regierung braucht dringend amerikanische Investitionen, um die Wirtschaft anzukurbeln.
Den Geschädigten und ihren Familien haben die Kommunisten, die noch immer Dissidenten einsperren und eine freie Presse verbieten, einen Maulkorb verpasst. Vorerst können nur ehemalige Veteranen der nordvietnamesischen Armee und Vietcong Anspruch auf eine staatliche Agent-Orange-Rente erheben. Sie liegt zwischen drei und sechs Dollar pro Monat.
"Warum soll Agent Orange vietnamesische Zivilisten weniger krank gemacht haben als GIs?", erregt sich Mediziner Nhum, der zuerst an der Uniklinik Hue die Folgen der C-Waffen erforschte. Die Stadt war blutig umkämpft. Nach Kriegsende häuften sich schwerste Krankheitsfälle.
Leukämie, Lungentumore und Leberkrebs rafften zähe Bauernburschen dahin, die für den Vietcong Granaten geschleppt und Wehrtunnel ausgehoben hatten. Täglich wurden missgebildete Säuglinge geboren. "Ihnen wuchsen Entenhäute zwischen den Zehen, sie hatten Wasserköpfe und Klumpfüße", berichtet der Arzt bewegt. "Bisweilen krümmten sich Fußstummel direkt aus dem Unterleib. Es fehlten die Augen, viele waren auch debil und taub."
Bis spät in die achtziger Jahre nahmen die Missbildungen in Folge von Agent Orange nicht ab. Vor vier Jahren verlagerte der Physiologe seinen Arbeitsplatz für mehrere Monate deshalb nach Phoung Am. Er zog übers Hochland und zählte all die furchtbar entstellten Krüppel. Er begeg-
nete kleinen Wesen, die Tag und Nacht ihre Schmerzen herausschrien. Und er fand von Wahnattacken heimgesuchte Monsterkinder, die von ihren hilflosen Eltern in Bambusställe gesperrt wurden.
Das Ergebnis seiner Feldforschung: Wo während des Krieges Giftwaffen gelagert wurden oder niedergingen, kommen noch heute "neuneinhalbmal mehr behinderte Babys zur Welt als in Gebieten, die niemals dem Chemieterror ausgesetzt waren". Am 17. Breitengrad vegetieren dreimal mehr geistig behinderte Kinder oder solche mit "zusätzlichen Gliedmaßen" als anderswo in Vietnam.
Dabei kennt Nhum die neueste Studie der Hatfield Consultants Ltd. noch gar nicht. Die kanadischen Umweltexperten hatten die Auswirkungen der Gifte im A-Luoi-Tal an der Grenze zu Laos untersucht. Der dortige Ap-Bia-Berg hatte es im Mai 1969 als "Hamburger Hill" zu trauriger Berühmtheit gebracht. Von Herbizid- und Na-palm-Flugzeugen unterstützt, brauchten die US-Streitkräfte zehn Tage, um ihn zu nehmen.
Das 50 Kilometer lange und 3 Kilometer breite Tal war daher prädestiniert als Forschungsgelände. Seit 1993 nahm das auf Dioxin-Verseuchung spezialisierte Team des Kanadiers David Levy, 48, Bodenproben. Es untersuchte Pflanzen auf chemische Rückstände, analysierte Muttermilch und sezierte Tiere. Die Resultate sollen Ende April veröffentlicht werden und sind ein Schocker.
Das Dorf A So, von wo aus die US-Luftwaffe Gifteinsätze geflogen hatte, müsste eigentlich zur Katastrophenzone erklärt werden. 2,9 Prozent aller Kinder leiden hier an Geburtsschäden. Die Dioxin-Durchseuchung übersteigt den in Kanada zulässigen Grenzwert um 9000 Prozent. "Bei uns würde man die Erde großflächig abtragen und verbrennen", sagt Levy. Doch Vietnam hat dafür kein Geld. Das Land von Dioxin-Rückständen zu säubern würde mehrere Milliarden US-Dollar kosten. Levy schätzt, dass es noch "mehrere hundert" ähnlich verseuchte Gebiete gibt.
Im Tu Doc Krankenhaus in Ho-Tschi- minh-Stadt, dem früheren Saigon, steht die Ärztin Dao Thi Bich Van, 48, am Bett der 14-monatigen Hai. Wenn Hai sich bewegen will, rotiert sie hilflos wie ein auf dem Rücken liegender Maikäfer um ihren monströsen Wasserkopf, der sie schwer in die Laken drückt. "Zwei, drei Monate" gibt Van diesem verformten Klumpen Leben noch.
In ihrer Abteilung werden jene Kinder behandelt, deren schwere Behinderung nach Meinung der Ärzte Spätfolgen von Agent Orange sind. Im Erdgeschoss haben Pathologen die abschreckendsten Missbildungen in Formaldehyd-Gläsern ausgestellt. Die Horrorshow zeigt Föten mit halben Gliedmaßen und Babys mit Ballonköpfen oder Zyklopenaugen.
Auch die resolute Medizinerin Van ist überzeugt, die chemischen Keulen hätten das Erbgut ihrer Mitbürger verändert. Ein Beweis, neben anderen: Zwischen 1990 und 1995 kamen allein in den drei besonders mit Agent Orange malträtierten Provinzen um Ho-Tschi-minh-Stadt 30 siamesische Zwillinge zur Welt. Statistisch wahrscheinlich wäre ein einziger Fall in ganz Vietnam gewesen.
Der frühere Generalmajor Nguyen Don Tu, 78, wurde, gemeinsam mit drei Generälen, von Revolutionsführer Ho Tschiminh in den Süden geschickt, um am Hamburger Hill und in der Provinz Quang Tri im Untergrund für die Befreiung des Südens zu kämpfen.
Seine Einheit lebte in Tunneln, die sie weit unter die gegnerischen Stellungen getrieben hatte. Wenn die Giftbomber wieder ihre tödliche Fracht abwarfen, drohten die Soldaten regelmäßig zu ersticken. Sie aßen, wie auch ihre Vorgesetzten, dioxinverseuchte Nahrung und tranken kontaminiertes Wasser, das ihnen die Bauern brachten.
Fast alle kamen um. Auch die drei Generäle starben bald nach ihrer Rückkehr an Krebs. Tus Frau brachte 1973 ein schwer behindertes Mädchen zur Welt.
"Die Operation Ranch Hand hat das Leben unzähliger Menschen bis heute zur Hölle gemacht", schimpft der alte General in seiner Hanoier Wohnung und ballt die Fäuste. "Wann sieht Washington endlich ein, dass es dafür die Verantwortung tragen muss?" JÜRGEN KREMB
* Am 8. Juni 1972 bei Trang Bang. * In Ho-Tschi-minh-Stadt.
Von Jürgen Kremb

DER SPIEGEL 17/2000
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