24.04.2000

ÄTHIOPIENDie Heimat des Hungers

Innerhalb von 20 Jahren hat sich Äthiopiens Bevölkerung verdoppelt. Jetzt drohen über acht Millionen Menschen zu verhungern - ungeachtet der Not tobt im Norden ein irrwitziger Krieg um ein Stück Wüste.
Das Dorf, in dem der Hunger wohnt, liegt auf einem moosgrünen Hügel. Es ist umkränzt von blank genagten, schneeweißen Knochen. Um zwölf Uhr mittags weht ein kräftiger, kühler Wind den lehmigen Pfad in die Siedlung hinauf. Ebre Iseda wagt es nicht, sich dem kalten Atem der Berge in den Weg zu stellen. Iseda muss um sein Lebenslicht fürchten, denn es flackert nur noch schwach.
Der Mann redet leise, langsam, jedes Wort kostet so viel Kraft wie ein Lauf in glühender Hitze. Doch in der Hütte ist es kalt. In Lumpen gehüllt liegt Iseda auf einem Ziegenfell in einem fensterlosen Bau aus Stroh, Holz und Steinen. Neben ihm krümmt sich seine Frau vor Schmerzen. Sie hat den Kopf auf einen Holzblock gebettet, den mageren Körper in graues Tuch gehüllt.
Die Frau wimmert, sie japst nach der in 3200 Meter Höhe dünnen Luft. Fast zwei Wochen hat sie nichts gegessen, den letzten Weizenbrei stopfte sie vor vier Tagen ihren brüllenden Kindern in die Münder. Gestern konnte sie endlich etwas Mehlpampe ergattern, die sie gierig verschlang. Seitdem krampfen sich ihre Eingeweide zu einer Faust zusammen, die pausenlos gegen die Bauchhöhle boxt.
Um seiner Frau zu helfen, müsste Iseda sich jetzt auf den Holzstock stützen, aufstehen und aus der Hütte treten. Er müsste an den Disteln vorbei über den trockenen Lehmacker gegen den Wind bis zum Waldrand krauchen. Und wieder zurück.
Da unten sollen noch Brennnesseln wachsen. Aus denen könnte er eine Suppe machen, die Nachbarn würden ihm vielleicht ein bisschen Wasser geben, natürlich nur gegen ein paar Weizenkörner. Vielleicht kann die Suppe Isedas Frau wieder gesund machen.
Der Mann richtet sich kurz auf. Dann setzt er sich wieder, schwer atmend, mit glasigen Augen. Es geht einfach nicht. Morgen will er es noch einmal versuchen.
Vielleicht sind die Brennnesseln dann schon von Nachbarn gepflückt. Denn es gibt in den Bergen kaum noch etwas Essbares. Iseda, irgendwann in den dreißiger Jahren hier oben in einer Hütte geboren, lebt in der Hochebene von Tulu Awlia im Norden Äthiopiens. Fünf Jahre hat es hier im Februar nicht mehr geregnet, viermal haben die Bergbauern vergebens ihre Saat in den trockenen, aufgerissenen Boden gestreut. Diesmal haben sie das Saatgut gegessen, weil sonst kein Korn mehr da war.
Mit einer Kladde unter dem Arm läuft ein äthiopischer Beamter in Sandalen durch die Hüttensiedlung, die sich kilometerweit über die Berglandschaft zieht. Er weiß, dass 100 von 300 Dorfbewohnern akut vom Hungertod bedroht sind. Die Bilanz des vergangenen Jahres hat er gerade abgerechnet, die Endziffern mit blauem Kugelschreiber ordentlich in Tabellen sortiert.
1999 verhungerten in seinem Distrikt insgesamt 36 000 Ziegen und Schafe, 10 400 Kühe und Ochsen, 3504 Pferde und Esel, 25 Erwachsene und 14 Kinder. Die blauen Ziffern auf weißem Papier sind ein Dokument der Ohnmacht.
Rund 8,8 Millionen Äthiopier sind jetzt im ganzen Land vom Hungertod bedroht. Etwa 900 000 Tonnen Getreide müssten schleunigst herbeigeschafft werden. Schon jetzt wird die Hälfte der Dorfbevölkerung - etwa 25,5 Millionen Äthiopier - mit zusätzlichem Getreide dauerhaft alimentiert. Ein Ende ist nicht abzusehen.
Tausende starben in den vergangenen Wochen bereits an den Folgen der Unterernährung. Zwar ist die Krise bislang noch nicht mit der Tragödie Mitte der achtziger Jahre zu vergleichen. Bei dem Desaster damals fanden eine Million Äthiopier den Tod, wurde die Provinz Wollo in einen tausende Quadratkilometer großen Friedhof verwandelt.
Aber die Gefahr, dass sich die Krise wieder zu einer Katastrophe auswächst, ist hier besonders groß. "Im Süden kam der Hunger zu Gast, im Norden ist er zu Hause", sagt Katharina Hackstein, Chefin der Deutschen Welthungerhilfe in Äthiopien.
Hacksteins Angst liegt vor allem darin, dass nach dem riesigen Hilfsaufgebot für das dünner besiedelte Ogaden im Südosten "die Karawane nach ein paar Wochen in das nächste Krisenland weiterzieht" und der Norden unbeachtet bleibt. Denn dort ist ein Ende der Hilfsbedürftigkeit "überhaupt nicht abzusehen".
In der bergigen Region Amhara, zu der Wollo gehört, vegetieren zwölf Millionen Menschen. Die Bevölkerungsdichte ist hier am größten.
Ein Drittel der Einwohner braucht zusätzliche Nahrungsmittel, um in der kargen Region überleben zu können. Immer öfter kommt es zu Versorgungsengpässen, einige Kornlager staatlicher Hilfsorganisationen sind leergefegt.
Die Bedürftigen leben von der Hand in den Mund, weil der erodierte Boden nicht mehr viel hergibt. Nach jedem Wolkenbruch stechen neue Felsen wie Knochen in die Landschaft. Die Bauern pflügen die dünne braune Erdschicht wie zu Zeiten der Königin von Saba - mit Ochsen, die sie vor einen Pflug aus Eukalyptusholz ins Joch spannen.
Amhara ist eine Landschaft mit über 4000 Meter hohen Bergen, kühnen Schluchten, imponierenden Panoramen. Doch überall wimmelt es heute von Menschen. Geburtenkontrolle und Empfängnisverhütung sind hier so unbekannt wie das Internet.
Keine Straße, und wäre sie noch so weit von der nächsten Stadt entfernt, ist menschenleer. Wie Pilze sind die Hütten, in denen es wegen des Ungeziefers keinen Rauchabzug gibt, an den Hängen und in den Tälern aus dem Boden geschossen. In den vergangenen 20 Jahren hat sich Äthiopiens Bevölkerung verdoppelt.
Auf dem Berg Guguftu hocken etwa 5000 Menschen im fahlen Gras. Sie warten auf einen Lkw-Konvoi, der Weizen bringen soll. Einen Zentner soll es pro Monat und Familie geben.
Said Mohamed ist spindeldürr, aber zäh. Er ist Hunger gewohnt, manchmal gibt es eben drei Tage nichts zu essen: "Das ist normal." Doch vor der Dürre, der fünften nacheinander, hat er jetzt Angst. 50 Menschen in seinem Dorf sind im März und April schon verhungert. Mohamed flüstert, er will nicht, dass der Aufseher ihn hört.
Für den Esel, den er sich von einem Nachbarn geliehen hat, muss Mohamed einen Teil des Weizens an den Besitzer abgeben. Der Rest soll seine achtköpfige Familie satt machen.
Der Mann weiß, dass der Weizen trotz sparsamster Einteilung spätestens Anfang Mai aufgebraucht sein wird. Den Gedanken daran, was danach werden wird, verdrängt Mohamed lieber. Denn es ist nicht sicher, dass bald wieder ein Konvoi vorbeikommt. Mohamed wird in seiner Hütte bleiben und warten. In die Provinzhauptstadt zu wandern und dort um Hilfe zu bitten wäre sinnlos. Hungermarschierer wie er werden von der Polizei vertrieben.
Ein nervöses Raunen geht durch die Menge. Die Lkw kommen. Dünne Männer in kurzen Hosen stapeln Weizensäcke mit blauem Uno-Aufdruck in der Mitte des Platzes.
Die Hilfslaster quälen sich über Schotterstraßen, die sich bei Sonne in Staubwolken auflösen und bei Regen in morastige Sturzbäche verwandeln. Heute Morgen sind die Trucks in Dessie gestartet, einer Großstadt in nur 120 Kilometer Entfernung. Doch diese Distanz bedeutet in den Bergen eine Tagesfahrt. Und wenn nur ein Konvoi stecken bleibt, bezahlen das hunderte Menschen mit ihrem Leben.
Am nächsten Verteilungsort Tulu Awlia, fünf Stunden mit dem Landrover entfernt, kommen etwa 300 Menschen zu spät. Der Konvoi ist schon weitergefahren. Die alten Sowjetlaster hatten nur halb so viel Korn geladen, wie nötig gewesen wäre.
300 Menschen kriechen über den Erdboden. Sie suchen jeden Quadratzentimeter des staubigen Bodens nach Körnern ab, die beim Abtransport aus den Säcken gefallen sind. Einige sammeln die karge Beute in Strohtellern. 300 zerlumpte und hungrige Menschen finden insgesamt nicht mal ein Kilogramm. Ein junges Mädchen mit zerfetztem blauem Hemd schubst panisch einen Greis beiseite, um im Staub nach einer Hand voll Weizen zu greifen: eine Hand voll, das ist ein um einen Tag verlängertes Leben.
Drei Tage Leben hat Zewde Gizaw heute Vormittag aufgelesen. Fünf Stunden hat sie sich mit ihren nackten, ledernen Fußsohlen durchs steinige Gelände gequält. Ihr Mann blieb krank in der Hütte zurück. Wenn sie am Abend zurückkehrt, ist er vielleicht schon tot. Die alte Frau mit den verfilzten Haaren weint nicht, ihr Blick geht ins Leere.
Sechs Autostunden weiter gabelt sich die Kiespiste in Weldiya, einer 50 000 Einwohner großen Stadt aus Wellblechhütten unter einem Berghang. Nach links, in das Hunger-Krisengebiet von Gonder, fahren nur ein paar Jeeps und ein Linienbus.
Auf dem zugemüllten Parkplatz vor einer Tankstelle stehen zwei Dutzend nagelneue Volvo- und Scania-Sattelschlepper. Ihre geheimnisvolle Fracht wird von einem bärtigen Volksmilizionär bewacht. Er hat sich in eine grüne Armeedecke gehüllt, aus der die Kalaschnikow hervorlugt.
Der Transport geht nach rechts. Zur Front.
Eine Tagesfahrt von Weldiya entfernt führen Eritreas Präsident Isaias Afwerki und Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi einen ebenso altmodischen wie blutigen Krieg. Gekämpft wird um ein wertloses Stück Wüste.
Während das kleinere Eritrea seine eroberten Stellungen mit dreifach hintereinander gestaffelten Schützengräben sichert, versucht das größere Äthiopien den Feind mit seinen Truppen zu überrennen. Über 70 000 junge Männer bezahlten für diesen Irrsinn mit ihrem Leben, dreimal so viele wurden durch Minen verstümmelt.
In den Gräben der Straße nach Gonder liegen zerschossene Panzer sowjetischer Bauart. Sie erinnern an die Zeit, in der Zenawi und Afwerki als Genossen in der Guerrilla gegen den stalinistischen Despoten Mengistu kämpften. An den stummen Zeugen dieser Freundschaft nagt der Rost.
Äthiopiens Präsident Zenawi nimmt den Krieg ziemlich persönlich. Er residiert in Addis Abeba in einem repräsentativen Zweckbau aus der Zeit des Sozialismus, einem afrikanischen Palast der Republik unter Palmen.
Fragen nach der Hungersnot lässt er sich noch gefallen, für die macht er die "langsame Reaktion der internationalen Gemeinschaft" verantwortlich, eine Einschätzung, die Experten vor Ort nicht teilen.
Fragen zum Sinn eines Krieges in einem Land, dem eine Hungerkatastrophe droht, treiben ihm aber Zornesfalten ins runde Goldbrillen-Gesicht. "Wir haben das Recht, uns zu verteidigen", sagt er scharf. "Politische und humanitäre Fragen" möchte Zenawi gefälligst "strikt trennen". Im Klartext bedeutet das wohl: Ich führe hier meinen Krieg, ihr Ausländer kümmert euch um den Hunger.
Eine Auffassung, die Hilfsorganisatoren wie Rupert Neudeck von Cap Anamur für "einfach nur frech" halten. Neudeck will diese Woche tief ins Land, mit einem Lkw-Konvoi auf zerlöcherten Landstraßen via Dschibuti, weil Äthiopien Hilfslieferungen über den eritreischen Hafen von Assab nicht akzeptiert.
Als Mitte der achtziger Jahre eine Million Menschen im Norden verhungerten, verlangten die Grenzer am Flughafen von Neudeck und seinen Mitarbeitern "22 gleichartige Passfotos" bei der Einreise.
Den Helfern wird die Arbeit oft unnötig schwer gemacht. Klaus Feldner, Chef der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in der Gegend von Debre Tabor, legt in den nördlichen Bergen deshalb besonderen Wert auf gute Beziehungen zu äthiopischen Offiziellen.
Der weißbärtige Protestant aus Franken würde wie Martin Luther heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen, auch wenn die nächste Dürre seine Welt untergehen ließe. Allerdings würde Feldner vorher ein Bewässerungssystem anlegen.
Nach ein paar Wolkenbrüchen, die für Getreide schlechten Aprilregen brachten, ließ der 57-jährige Landwirt sofort Saatkartoffeln besorgen und an die Bergbauern verteilen. Die könnten sich mit den Knollen vielleicht über den Winter retten.
Abends steht Feldner auf seiner Veranda und blickt zufrieden auf blühende Lupinen, Margariten und Fingerhut. Feldner will mit dem kleinen, mit Pipelines durchzogenen Garten Eden vor der Haustür beweisen, dass die sich ständig wiederholenden Katastrophen in Äthiopien kein unabwendbares Schicksal bedeuten müssen.
Nicht weit vom Bungalow entfernt wiegen zwei Quadratmeter goldgelbes Getreide im Wind. Das Korn heißt Triticale, es ist eine Kreuzung aus Weizen und Roggen. Hier in dem kargen Bergboden bringt es zwei- bis dreimal so viel Ertrag pro Hektar wie heimisches Getreide. Feldner möchte die Saat schnell an die Bauern ausgeben. Doch vorher braucht er die Genehmigung der äthiopischen Behörden.
Wenn er Glück hat, ist der Amtsvorgang dazu in zwei Jahren entschieden.
CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
Von Claus Christian Malzahn

DER SPIEGEL 17/2000
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