24.04.2000

BEUTEKUNSTEnde der Geiselhaft

Kremlchef Putin erhält jetzt das 1997 aufgetauchte Mosaik und eine Kommode aus dem Bernsteinzimmer zurück. Moskau gibt dafür 101 Zeichnungen und Druckgrafiken frei.
Der Eintrag im Bundesanzeiger links oben auf Seite 10 505 füllte zwei halbe Spalten. Für den flüchtigen Leser war es eine ganz simple "Bekanntmachung über den Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung".
Lapidar verkündete die Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur im Amtsorgan, sie habe für zwei kunsthandwerkliche Gegenstände das Verfahren zur Aufnahme in das Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes eingeleitet. Für eine "dreischübige Kommode, Louis-seize-Stil, Marketerien in Laubsäge- und Messertechnik" sowie ein "Mosaik, Allegorie des Geruchssinns, nach Ölgemälde von Giuseppe Zocchi", sei die "Ausfuhr" untersagt.
Die Verfügung vom Mai vergangenen Jahres war ein Stück von besonderer bürokratischer Finesse. Sie erklärte zwei aufgefundene Kunstwerke aus dem legendären Bernsteinzimmer auf ebenso einfache wie abenteuerliche Weise zu deutschem Eigentum - und verstärkte die Diskussionen über den Umgang mit Beutekunst noch einmal.
Die Suche nach dem Bernsteinzimmer, das Preußens Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. 1716 dem russischen Zaren Peter I. geschenkt hatte, beschäftigt seit Jahrzehnten Kunsthistoriker und Schatzsucher gleichermaßen. Das Kunstwerk aus dem Katharinenpalais in Zarskoje Selo bei St. Petersburg, dessen Aufbau beinahe acht Jahre dauerte, war 1941 von den Nazis als Kriegsbeute in Kisten verpackt und nach Königsberg verschleppt worden. Hier verliert sich die Spur des "kostbarsten Juwels des Barock und Rokoko" ("Zeit"). Nie wurden auch nur Teile davon wiedergefunden - bis zum Frühjahr 1997.
Da machten Polizei und SPIEGEL-Rechercheure eines der vier Mosaiken des Bernsteinzimmers, welche die menschlichen Sinne darstellen, ausfindig. Der SPIEGEL, der für die Beschaffung zum Zwecke der Rückgabe einen namhaften Betrag gezahlt hatte, engagierte und honorierte internationale Experten, von denen die Echtheit überprüft wurde. Das Ergebnis war eindeutig. Das Mosaik, das die Polizei beschlagnahmt hatte, ist tatsächlich Teil des so genannten achten Weltwunders - ebenso wie eine wenig später aufgetauchte Kommode.
Welchen Stellenwert die Russen den Funden beimessen, wurde schon 1997 deutlich. Als dem damaligen Premier Wiktor Tschernomyrdin vom SPIEGEL vorab ein Foto des wiederbeschafften Mosaiks übergeben wurde, plädierte der Ministerpräsident für den bilateralen Austausch jeglicher Beutekunst nach der schlichten Formel: "Das Russische den Russen, das Deutsche den Deutschen." Schließlich habe das Bernsteinzimmer, so Tschernomyrdin emphatisch, eine ganz besondere Bedeutung: "Das sind Tränen, Tränen unserer Vorfahren."
Drei Jahre nach dem Auffinden gilt die Ausfuhrsperre nicht mehr. Die beiden privaten Beutestücke ehemaliger Wehrmachtsangehöriger werden an den Rechtsnachfolger der alten Eigner zurückgegeben. Stellvertretend für das russische Volk nehmen, so die Planungen, am Freitag nach Ostern Präsident Wladimir Putin oder Kulturminister Michail Schwydkoi Mosaik und Kommode im Kreml in Empfang.
Die deutsche Delegation wird von Kulturstaatsminister Michael Naumann und Bremens Bürgermeister Henning Scherf angeführt. An Bord einer Bundeswehr-Maschine, die Donnerstagabend mit dem Rückgabegut von Berlin nach Moskau fliegt, sind zudem aktive Unterstützer und Förderer des Projekts.
Das Mosaik hatte der in einer Sanitätseinheit eingesetzte Bremer Oberleutnant Wilhelm Achtermann 1941 auf die Seite gebracht. Weltkrieg-Fotos, die er mit dem Kunstwerk aufbewahrt hatte, zeigen ihn vor den Mauern des Zarenschlosses bei St. Petersburg. Wie er das Beutestück nach Deutschland brachte, ist unbekannt.
Der Wert seiner Trophäe war dem späteren Kaufmann, der 1978 starb, wohl bewusst. Zu seinen Lebzeiten blieb sie in einem Speicherversteck verwahrt. Nach dem Tod seines Vaters, erklärte Sohn Hans später der Polizei, habe er das Mosaik dort gefunden und damit arglos die Wand hinter seinem Sofa geschmückt - angeblich, ohne den Schatz zu erkennen.
Erst durch einen Fernsehbeitrag sei ihm bewusst geworden, dass es sich um das St. Petersburger Originalstück handeln könnte. Er konsultierte den ihm bekannten Bremer Rechtsanwalt Manhard Kaiser. Als konspirativ eingeholte Expertisen die Vermutung bestätigten, wurde die Idee geboren, das Mosaik zu Geld zu machen.
Kaiser erklärte im Februar vor dem Landgericht Bremen, er habe geglaubt, mit der Verkaufsofferte nichts Unrechtes zu tun. Das Mosaik habe ja Achtermann gehört. Tatsächlich sieht das deutsche Recht vor, dass ein ohne Kenntnis des Besitzers unrechtmäßig erworbener Gegenstand nach Ablauf von zehn Jahren als "gutgläubig ersessen" gilt. Das habe für das Mosaik gegolten. Also habe er diskret bei niedersächsischen Regierungsstellen und bei Coca-Cola angefragt, ob ein Kaufinteresse bestehe. Da das Kunstwerk offiziell praktisch unverkäuflich war, sah man sich auch auf dem grauen Markt um.
Davon hörten zwei Experten, die auch etwas von Kunstgeschäften unter der Hand verstanden. Der eine war einst umtriebiger Aufkäufer der DDR-Firma Kunst und Antiquitäten GmbH (K&A) aus dem Stasi-kontrollierten Imperium "Kommerzielle Koordinierung" des Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski. Der andere war bei der DDR-Spionageabwehr für K&A zuständig. Sie gaben sich als potenzielle Käufer im Auftrag eines finanzkräftigen Berliner Projektentwicklers aus.
Noch vor den ersten Kaufverhandlungen informierte das Trio aber den Potsdamer Leitenden Polizeidirektor Peter Schultheiß, mit dem man schon in einem früheren Fall kooperiert hatte - bei der Wiederbeschaffung des in Potsdam entwendeten Meisterwerkes "Ansicht eines Hafens" von Caspar David Friedrich. Der Polizeibeamte wurde dem Verkäuferpaar Achtermann/Kaiser als Unterhändler und Aufkäufer avisiert.
Am Dienstag, dem 13. Mai 1997, gegen 9.55 Uhr, saß Schultheiß in der Bremer Kanzlei Kaisers, während sich ringsum in den Fußgängerstraßen ein Pulk ziviler Beamter verteilte. Als Schultheiß über den geforderten Preis von 2,5 Millionen Dollar verhandelte und der Anwalt das Mosaik demonstrativ zur Schau stellte, wurde die Kanzlei gestürmt und das Bild beschlagnahmt. Gegen Achtermann und Kaiser wurde ein Verfahren wegen versuchten Betrugs und Beihilfe dazu eingeleitet.
Der Weg der Kommode ist ähnlich verschlungen. Nahezu 20 Jahre stand sie im Wohnzimmer eines Berliner Unternehmers, der sich vor der Wende auch im Osthandel engagierte. Er hatte das intarsienreiche Möbelstück, auf dessen Rückseite die kyrillischen Inventarbezeichnungen der Schlossverwaltung von Zarskoje Selo eingebrannt sind, 1978 als "Kommode Empire" für 20 000 Valutamark bei Schalcks K&A erworben und seiner Frau geschenkt. Die Beschlagnahme des Mosaiks veranlasste die Besitzerin, ihr gutes Stück mit Pressebildern des Bernsteinzimmers zu vergleichen. Noch immer unsicher, ließ sie die Kommode schließlich im Berliner Büro des SPIEGEL von den internationalen Experten begutachten. Als die Echtheit feststand, sponserte die Bankgesellschaft Berlin den Rückkauf mit 100 000 Mark.
In Bremen wurde Rechtsanwalt Kaiser angeklagt, sein Kompagnon Achtermann starb während der Ermittlungen. Trotz heftiger Unschuldsbeteuerungen ("Ich fühlte mich vom Staatsanwalt wie ein mittlerer Totschläger behandelt") wurde Kaiser wegen Beihilfe zum versuchten Betrug zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und 90 000
Mark Geldstrafe verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Anwalt und Ankläger legten gegen das Urteil Revision beim Bundesgerichtshof ein.
Profiteur des Kunstkrimis ist der Bremer Kunstverein. Denn Bürgermeister Scherf nutzte mit Unterstützung des Russland-Experten Wolfgang Eichwede, Direktor der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, die Gunst der Stunde und handelte mit dem russischen Kulturministerium ein Zug-um-Zug-Geschäft aus.
Die Voraussetzung dafür hatte der Kaufmann Bernd Hockemeyer, Präses der Bremer Handelskammer und Chef einer 1848 als "Eisen-, Messing- und Kurz-Waaren-Handlung" gegründeten Firmengruppe, geschaffen. Um lange zivilrechtliche Streitigkeiten zu vermeiden, zahlte er der als Erbin eingesetzten Achtermann-Tochter rund 200 000 Mark und löste das Kunstwerk aus.
Das Geld war gut angelegt. Scherf bot das Mosaik den Russen an - gegen die Rückgabe von 45 Zeichnungen und 56 Druckgrafiken aus der Vorkriegssammlung des Kunstvereins. Eine "Flusslandschaft" Jan Bruegels des Älteren gehört dazu, Albrecht Dürers Aquarell "Ansicht eines Felsenschlosses" und die "Beschneidung Christi" von Paolo Veronese.
Die Grafiken lagern schon seit 1993 in der Deutschen Botschaft in Moskau. Die Preziosen waren damals im Auftrag eines russischen Kriegsveteranen, der sich bei den im Brandenburger Schloss Karnzow ausgelagerten Bremer Beständen bedient hatte, den deutschen Diplomaten zur Heimführung übergeben worden. Dort blieben sie freilich im Tresor, weil die russische Ausfuhrgenehmigung nicht erteilt wurde. Vorvergangene Woche wurden sie nun mit viel Tesaband und dem Bewilligungsstempel für den Rücktransport im Bundeswehr-Jet präpariert.
Jahrelang hatten die Russen, wie deutsche Beamte klagten, die Bremer Kunstwerke "als Geiseln behandelt" und "mangelnde deutsche Kooperationsbereitschaft" moniert. Nun wird der verzwickte Fall noch im Frühjahr zur Chefsache. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Präsident Putin haben sich zur Eröffnung einer Ausstellung der 101 Bremer Blätter in Berlin verabredet. WOLFGANG BAYER
* Eichwede, Hockemeyer, Moskauer Vize-Kulturminister Pawel Choroschilow, Scherf mit dem Mosaik in Bremen.
Von Wolfgang Bayer

DER SPIEGEL 17/2000
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