24.04.2000

KROATIENGeschäft des Jahres

Aufregung um ein Zagreber Geschäft der Telekom: Zweigte Diktator Tudjman Gelder von deutschen Zahlungen ab?
Es stand nicht gut um Kroatien im vergangenen Herbst: Der autoritäre Präsident Franjo Tudjman war auf den Tod an Krebs erkrankt; sein Regime wurde international gemieden, nicht zuletzt wegen der Weigerung, mutmaßliche Massenmörder an das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag auszuliefern; außerdem waren die Staatskassen leer, zwei Banken zusammengebrochen, und die Arbeitslosigkeit lag über 20 Prozent.
Es roch gefährlich nach Bankrott in Kroatien, wirtschaftlich wie politisch. Doch da kam dem bedrängten Diktator ein weißer Ritter vom Rhein zu Hilfe: Im Oktober unterzeichneten Vertreter der Deutschen Telekom in Zagreb einen Vertrag zur Übernahme von 35 Prozent an der staatlichen kroatischen Fernmeldegesellschaft Hrvatske Telekomunikacije (HT). Die stattliche Summe von 850 Millionen Dollar ließen sich die Bonner diesen Deal kosten. 95 Prozent des Kaufpreises waren zeitgleich an die kroatische Regierung überwiesen worden; die restlichen 5 Prozent - 42,5 Millionen - wurden als "Sicherheit gegen wertmindernde Risiken" auf einem Anderkonto bei einer deutschen Bank geparkt und sollten nach Vorlage des Geschäftsberichts überwiesen werden.
Tudjmans Paladine von der Staatspartei HDZ jubelten, denn der Deal verschaffte dem Regime Luft. "Das ist unser Geschäft des Jahres", verkündete Finanzminister Borislav Skegro triumphierend, "damit ist die Stabilität von Staatshaushalt und Zahlungsbilanz in diesem und in dem kommenden Jahr gesichert".
Tempi passati. Tudjman ist inzwischen verstorben; Kroatien erlebte mit Parlaments- und Präsidentenwahlen einen demokratischen Frühling; dem Ex-Finanzminister Skegro aber droht unabsehbarer Ärger. Denn bei dem Telekom-Deal, so raunen kroatische Gazetten und Politgrößen, soll es nicht ganz koscher zugegangen sein.
"Die Telekom füllte die Kassen der Staatspartei HDZ mit 40 Millionen Mark", behauptete vergangenen Mittwoch das Zagreber Skandalblatt "Nacional". Und die Zeitung "Globus" ergänzte, die Polizei suche nach verschwundenen Geldern und ermittle dabei auch gegen Tudjmans einstigen Finanzknappen Skegro. Der wiederum kündigte massenhafte Verleumdungsklagen an, "das ist alles bekloppt und erfunden".
Das sagte auch die Deutsche Telekom. "Alles Quatsch", so deren Pressesprecher Hans Ehnert, "wir haben hier niemanden geschmiert."
Beim Einstieg in die kroatische Telefongesellschaft musste die Telekom einen skandinavischen Konkurrenten überbieten. Zunächst hatte die Telekom 400 Millionen Dollar für 25 Prozent der Anteile geboten. Als die schwedisch-norwegische Gesellschaft Telia-Telenor 641 Millionen Dollar für 35 Prozent offerierte, erhöhten die Deutschen auf 850 Millionen Dollar.
Was in Kroatien mit dem Geld geschah, ist in Zagreb Gegenstand heftiger Debatten. Oppositionelle Blätter hatten schon frühzeitig gemutmaßt, bei dem Deal müssten Gelder abgezweigt worden sein. Und zwar direkt in die Kassen Tudjmans, in dessen Amtszeit es mehrere seiner Familienmitglieder zu Millionären brachten.
Vielleicht sei das Geld, so schränkte "Nacional"-Chefredakteur Ivo Pukanic gegenüber dem SPIEGEL ein, "ohne Wissen der Telekom abgezweigt worden, aber auf jeden Fall flossen viele Millionen auf heimliche HDZ-Konten". In den kommenden Tagen werde es "weitere erhellende Details" geben.
Neue Nahrung erhielten die Gerüchte nunmehr durch einen Aktenfund: Der von seiner historischen Bedeutung überzeugte Präsident ließ alle seine Gespräche aufzeichnen. Darunter auch ein Gespräch mit seinem Intimus Ivica Pasalic, in dem es um die geheimen Finanzquellen der HDZ geht. Das Stenogramm darüber aus dem Tudjman-Archiv wurde Mitte dieser Woche der Staatsanwaltschaft übergeben.
Ein Berater des kroatischen Außenministers erinnerte sich unterdessen vor Journalisten, für die Telekom hätten sich auch die "deutschen Ex-Außenminister Klaus Kinkel und Hans-Dietrich Genscher verwendet".
Kinkel, seit März 1999 Berater der Telekom "in internationalen Fragen", war an den Zagreber Verhandlungen beteiligt. Unter Tudjman sei Kroatien "in der Tat ein korruptes Land" gewesen, erinnert sich Kohls letzter Chefdiplomat. Doch mit Schmiergeldzahlungen habe er "nichts zu tun gehabt, dafür wird niemand einen Beweis erbringen können".
Und Genscher? Der Altmeister der deutschen Diplomatie war im Herbst in Zagreb, aber nur, um die kroatische Ausgabe seines Buches "Erinnerungen" vorzustellen. Über den Telekom-Deal habe er bei Tudjman "kein Wort verloren".
Gleichwohl will Genscher, gerade von einem schweren Blinddarmdurchbruch genesen, bald wieder nach Kroatien reisen. Wegen der deutschen Protektion bei der Abnabelung Kroatiens von Jugoslawien 1991 genießt er dort den Status eines Nationalhelden. Auf der Adria-Insel Brac haben sie ihm ein Denkmal aus weißem Marmor errichtet - "mit dem Heiligen Vater, das muss ich sehen".

DER SPIEGEL 17/2000
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