24.04.2000

SIMBABWEKaltblütige Mörder

Um sich an der Macht zu halten, treibt Präsident Mugabe sein Land an den Rand eines Bürgerkriegs.
Agrippa Gava legt Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Der Anzug sitzt tadellos, die Schuhe sind poliert, die Nägel manikürt. Sein Büro hat der 44jährige Direktor des simbabwischen Kriegsveteranenverbands in einem jener schäbigen Viertel der Hauptstadt Harare, in denen Taschendiebe und Kleinkriminelle ihre Geschäfte betreiben. Doch für die 4500 weißen Farmer Simbabwes gehört der ehemalige Befreiungskrieger derzeit neben Staatspräsident Robert Mugabe, 76, zu den ganz großen Gaunern im Land.
Denn Gava lenkte zehn Wochen lang eine vom Präsidenten gedeckte Kampagne, die Simbabwe an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht hat. Seine Stoßtrupps aus Veteranen, gewaltbereiten Jugendlichen und kaltblütigen Mördern besetzten an die tausend Farmen. Dabei töteten sie - bis Mitte vergangener Woche - zwei weiße Farmer: David Stevens und Martin Olds. Die Landbesetzer zeigten sich entschlossen, die Nachfahren jener britischen Siedler davonzujagen, die sich den Boden einst aneigneten.
Farmerfamilien verließen fluchtartig ihre Güter und suchten in den Städten Schutz; viele beantragten britische Pässe. Die Weißen fühlen sich als Freiwild, seit Präsident Mugabe sie in seiner Rede zum 20. Unabhängigkeitstag "Feinde Simbabwes" nannte - auch wenn Verhandlungen am späten Mittwochabend erste vage Hoffnungen auf eine Beruhigung der Lage nährten.
Bei den Farmbesetzungen geht es nur vordergründig um eine gerechtere Verteilung von Grund und Boden. In Wahrheit benutzt der einst als Held des Befreiungskampfes gefeierte Präsident Mugabe den Landhunger der Bevölkerung, um den eigenen Machthunger zu stillen. Er schürte altbewährte Ressentiments gegen Simbabwes weiße Minderheit. Denn nie war Mugabe so unpopulär wie heute. Und im Mai stehen Parlamentswahlen an.
Der Präsident benimmt sich wie ein Despot. Selbst als das Oberste Gericht in Harare entschied, dass die Farmbesetzungen illegal seien, stärkte der Staatschef noch den Gesetzesbrechern den Rücken. Vom Gipfel der Drittweltländer in Kuba zurückgekehrt, erklärte er, dass eine Reformierung der bestehenden Besitzverhältnisse wichtiger sei als "ein so unbedeutendes Gesetz wie jenes über unbefugtes Betreten von Grundstücken".
Entschlossen, mit Gewalt zu verwirklichen, was ihnen noch Mitte Februar von der Mehrzahl der Wähler per Volksentscheid untersagt worden war, nämlich die entschädigungslose Enteignung weißer Großgrundbesitzer, gingen Gava und sein Präsident reuelos über Leichen.
Längst richtet sich die Einschüchterungskampagne nicht mehr nur gegen die weißen Farmer. Den Zorn des Staatschefs spüren auch die schwarzen Anhänger einer Oppositionspartei: Die vor kurzem gegründete "Bewegung für Demokratischen Wandel" (MDC) stellt erstmalig eine ernsthafte Konkurrenz für Mugabes seit 20 Jahren unangefochtene Regierungspartei dar. MDC-Chef Morgan Tsvangirai, ein ehemaliger Gewerkschaftsführer, hat für die bedrängten Farmer Partei ergriffen und wird nun als Handlanger der Weißen bekämpft.
Fünf MDC-Wahlkämpfer starben unlängst im Kugelhagel, als ihr Konvoi von Parteigängern der regierenden Zanu-PF beschossen wurde. Auch die Farmarbeiter der besetzten Ländereien werden unablässig drangsaliert. Sie machen knapp ein Fünftel der Wahlberechtigten aus; ihre Stimmen könnten über Sieg oder Niederlage entscheiden.
Deshalb zwingen die Besetzer sie unter Prügel und Drohungen zur Teilnahme an Propagandaveranstaltungen für die Regierungspartei. Immer öfter kommt es dabei zu gewalttätigen Ausschreitungen. Weil er einen solchen Konflikt schlichten wollte, musste der Tabakfarmer David Stevens sterben.
Mit zwei gezielten Kopfschüssen streckten die Täter Stevens nieder. Dann entführten sie fünf seiner Kollegen, die ihm zu Hilfe eilen wollten, aus einer Polizeidienststelle und prügelten sie so lange mit Eisenstangen und Felsbrocken, bis sie blutüberströmt zusammenbrachen.
Der Tod sei nun mal Teil eines Befreiungskampfes, sagte Veteranenchef Gava. Und in Simbabwe tobe ein Kampf um die Befreiung von Land. Wenn Weiße dabei sterben würden, so sei dies nur gerecht: "Sie leben auf gestohlenen Ländereien."
Den elegant gekleideten Herrn lässt kalt, dass die weißen Farmer Staatsbürger von Simbabwe sind und auf ihren Gütern drei Viertel der Exporterlöse des Landes erwirtschaften. Dabei scheute sich Gava nicht, aus seiner Schaltzentrale in Harare einen Einpeitscher an die Front zu senden, der nie im 14-jährigen Bürgerkrieg gegen das weiße Minderheitsregime des Ian Smith kämpfte: Chenjerai Hitler Hunzvi hat an einer polnischen Universität studiert. Er würzt seine aufrührerischen Reden heute noch mit marxistischen Sprechblasen.
Der Agitator steht im Verdacht, sich an Geldern für die Veteranen bereichert zu haben. Am 1. Mai muss sich Hunzvi wegen Unterschlagung vor Gericht verantworten. BIRGIT SCHWARZ
Von Birgit Schwarz

DER SPIEGEL 17/2000
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