24.04.2000

TSCHECHIENBrüder, zur Sonne, nach Karlsbad

Westböhmen hat sich zu einer Hochburg von Fluchtkapital aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion entwickelt. Vor allem Karlsbad zieht: Die Superreichen aus dem Osten erwerben dort Hotels, die Mittelschicht kurt, und auch der Geheimdienst ist da.
Auf der Karlsbader Mühlbrunn-Kolonnade führen die Kurgäste in der Frühjahrssonne ihre Schnabeltassen spazieren. Mit spitzen Lippen schlürfen sie brackiges Heilwasser, als sei es Grand Cru. Als Belohnung wird später Schokoladentorte bei Pupp oder eine Schweinshaxe zum Pilsner Urquell fällig werden.
Der klassische Fremde in Karlsbad ist deutsch, als solcher ohne weiteres zu erkennen, und er logiert im Hotel. Anders der Fremde neuen Typs in Karlsbad: Er spricht Russisch, und das Hotel, in dem er anzutreffen ist, gehört ihm. Er trägt keine Schnabeltasse bei sich und wohnt in bevorzugter Stadtrandlage. Er bestimmt am liebsten selbst, wen er sehen will.
Gut getarnt ist die steile Auffahrt zum alten Aussichtsturm von Aberg. Im Mischwald oberhalb des Karlsbader Vororts Doubí (Aich) krönt er die Residenz des Millionärs Nikolai Stepanow aus Tjumen in Sibirien. Vor Leibwächtern und scharfen Hunden dort oben warnen die Einheimischen. Was Stepanow hinter seinen Mauern wirklich treibe, sei nicht bekannt.
Das "Hotel Aberg" ist ein rätselhafter, bei Nacht gespenstisch anmutender Ort. Muskulöse junge Männer in Sportzeug und Badelatschen bevölkern das Restaurant. Wie Magenkranke auf Kur sehen sie nicht aus. Eher wie Tschetschenien-Kämpfer auf Fronturlaub.
An den oberen Tischen wird Russisch geflüstert. Männer mit dunklen Sonnenbrillen kommen und gehen. Anstelle von Wachhunden schlagen Mobiltelefone an. Der Kellner bietet gesalzenen Hering, Borschtsch und Pelmeni. Ein Nest der Russen-Mafia in Böhmen? Schaltstelle für Waffenhandel, Drogen, Schutzgelderpressung?
"Sehen Sie hier, der heilige Nikolaus", sagt Nikolai Stepanow, der Chef, und drängt sanft lächelnd nach draußen - auf der Rückseite des Hotels hat er die Ikone seines Namenspatrons im orthodoxen Geschmack als Mosaik ins alte böhmische Mauerwerk implantieren lassen.
Ein paar Meter weiter steht einsam als Eroberer von der traurigen Gestalt Peter der Große samt Kanonenwagerl, in Bronze gegossen. Richtung Parkplatz ist bereits das Fundament gelegt für eine orthodoxe Kirche, 30 Autominuten von der bayerischen Grenze entfernt - "nur aus Holz, ohne Nägel wird sie gebaut, von fastenden russischen Christen", sagt Herr Stepanow. So, wie der Glaube es befehle.
All das soll dem Besitzer die Heimat ersetzen. Dennoch wird auch das neue Gotteshaus, einmal fertig gestellt, am gewählten Standort fremdeln wie die Tundrabirke im Tannenwald. Schon die erste Kirche, die der Sibirjak Stepanow am anderen Ende Karlsbads für mehr als eine Million Mark in den Vorgarten eines Anwesens setzte, überragt mit 18 Metern Höhe noch heute einsam die trostlosen tschechischen Bungalows rundum.
Kann ein Mensch Böses im Schilde führen, der seinem Schöpfer solche Opfergaben darbringt? Kann wahr sein, was aus der Prager Polizei verlautet - dass der Hausherr in "Weißfleischhandel" (Prostitution) verwickelt sei und in seinem Hotel vorbestrafte Verbrecher unterbringe?
Herr Stepanow ist ein blasser Mann von 45 Jahren, der zumeist betrübt dreinblickend in viel zu engen Jacketts steckt und dadurch unvermeidlich einem reumütigen Sünder in Zwangsjacke gleicht. Doch Herrn Stepanows Gewissen ist rein, er weist jeden Verdacht von sich. Nach zwei schweren Operationen ist er 1994 hier zur Kur gewesen. "Das Klima" habe ihn damals dazu bewogen, sich in Karlsbad anzusiedeln. Nun versuche er, als Hotelier und im Import/Export über die Runden zu kommen. Das Hotel Aberg hat ihn etwa 8,5 Millionen Mark gekostet.
Während Bürgermeister Josef Pavel beschwichtigend von "100 bis 200 Russen" in Karlsbad spricht, rechnet der Redakteur der russischsprachigen Lokalzeitung "Karlovarskije novosti" mit etwa 15 000 im Großraum rund um die Bäderstadt. Genaue Zahlen gibt es nicht, nur die Hintergründe glaubt das Volk zu kennen: Die Zuzügler seien der Mafia zuzurechnen, antworteten 92 Prozent bei einer Umfrage.
Tatsächlich reichen die privaten oder geschäftlichen Drähte der meisten neu Zugezogenen wie bei Stepanow in das an Ölfeldern und Waffenfabriken reiche mittlere Russland; dort, zwischen Tjumen, wo der größte Teil russischen Öls gefördert wird, zwischen der Rüstungsschmiede Swerdlowsk und dem tatarischen Kasan lag der industrielle Reichtum der untergegangenen Sowjetunion. Dort war bei der Privatisierung am meisten zu holen.
Auch einige der ganz Großen im postsowjetischen Milliarden-Monopoly fliegen aus und ein in Karlsbad. Moskaus Oberbürgermeister Jurij Luschkow, Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew, Jelzins ehemaliger Geschäftsführer Pawel Borodin, Mintimer Schaimijew, Präsident Tatarstans, und Kirgisiens Landesvater Askar Akajew waren im letzten Jahr da.
Brüder, zur Sonne, nach Karlsbad? Der geballte Ansturm von Touristen dieses politischen Kalibers bleibe den tschechischen Behörden "natürlich nicht verborgen", sagt Jaroslav Basta, bis März Koordinator der Geheimdienste. Weitergehende Schlüsse zu ziehen, etwa über die Relation zwischen prominenten Gästen und zufließendem Kapital aus der ehemaligen Sowjetunion, verbiete sich aber bis dato.
Die Höhe der russischen Investitionen im Land sei "aus tschechischer Sicht inzwischen ein Sicherheitsrisiko", heißt es in Prager Regierungskreisen. In und um Karlsbad siedelten sich seit Jahren Leute an, "die offensichtlich sich und/oder ihr Geld in Sicherheit bringen wollen".
Dass dabei Daueraufenthaltsgenehmigungen vom Prager Innenministerium vor allem an solche Russen vergeben würden, die durch die tschechische Botschaft in Moskau "ausdrücklich nicht empfohlen worden" seien, lege den unappetitlichen Verdacht nahe, dass noch nicht alle Kanäle zwischen den einstigen kommunistischen Bruderstaaten zugeschüttet seien.
"Mafia-Kapitalismus" breite sich aus im Land, hat Staatspräsident Václav Havel Anfang April bemängelt. Privatisierungsbetrug und Geldwäsche im Schutz alter Seilschaften unterhöhlen die öffentliche Ordnung. Miroslav Slouf, dem Altkommunisten und jetzigen Berater des Prager Premiers Milos Zeman, müssen die Ohren geklungen haben. Offiziell will außer Havel natürlich niemand etwas gesagt haben.
Offiziell ist Russland ein mächtiger Ex-Verbündeter und bedeutender Rohstofflieferant. Inoffiziell wird darauf hingewiesen, dass der Prager Geheimdienstbericht von 1997, wonach die russischen KGB-Nachfolger in Westböhmen verstärkt Fuß fassen und Grundstücke im Wert von 30 Millionen Dollar aufgekauft haben, aktueller denn je sei: "Bei uns sind sie zwar noch nicht wirklich im Westen, aber inzwischen schon in der Nato. Das gefällt ihnen."
Ist das beschauliche Karlsbad also ein westlicher Vorposten für russische Geldwäscher und Geheimdienstler, die sich inmitten gleichfalls Russisch sprechender Kurgäste tarnen? Inmitten jener "verdienten Werktätigen", die noch immer stieren Blicks, neuerdings aber nagelneuen Turnschuhs, etliche der von Landsleuten sanierten Hotels füllen wie früher die Herbergen des tschechoslowakischen Staats?
"Karlsbad ist keine russische Festung", sagt mit Reibeisenstimme Alexander Rebjonok. Der grau melierte Ukrainer im Lacoste-Hemd ist Manager und Miteigentümer des ehemaligen Kaderkommunisten-Hotels Imperial. Er lebt seit 26 Jahren in Karlsbad, hat einen Händedruck wie ein Hufschmied und Antworten auf Fragen, die noch gar nicht gestellt sind.
"Wenn einer was verbrochen hat, wie in der Affäre um die Bank of New York, muss es ihm nachgewiesen werden. Ansonsten gilt weltweit die Unschuldsvermutung", sagt Rebjonok. In der Affäre ging es um russische Milliarden-Transfers auf Auslandskonten. Das Thema kam Rebjonok nur so in den Sinn: "Kapital hat keine Nationalität. Es geht, wohin es will."
Die Menschen aus dem Osten lernten derzeit, was andere schon hinter sich hätten, sagt der Ukrainer: "Jede Nation macht ihre Entwicklungsschritte zu einer anderen Zeit." Die Russen seien über den "Rubikon" gegangen: "Der Kommunismus war ein totalitäres System. Aber nicht alles, was damals war, war schlecht. Und nicht alles heute ist gut."
Die Parkstraße war "die jüdische Straße" Karlsbads vor dem Krieg und eine der besten Adressen der Stadt. Jetzt erblüht sie wieder. Wer sie durchläuft und wissen will, was mit den Häusern passiert, tut gut daran, sich mit den aktuellsten Handelsregisterauszügen der hier tätigen Firmen zu bewaffnen. Kaum ein Tag vergeht ohne veränderten Eintrag.
Von der Karl-Marx-Büste, die strategisch postiert zwischen russischem Konsulat und russisch-orthodoxer Kathedrale steht, führt der Weg abwärts zum Moskauer Hof. Das Haus, als Hotel Venezuela ehemals in jüdischer Hand, ist im Besitz einer GmbH, deren Hauptgesellschafter die Stadtregierung von Moskau ist.
Dem Zimmerschlüssel wird hier ungefragt ein Safeschlüssel beigefügt, der vom Gewicht her als Mordwaffe taugen würde. Die Flure sind videoüberwacht, das Haus ist wie ausgestorben, die Sauna verschlossen. Das Ganze sieht aus, als habe es schon mit Fertigstellung seine Bestimmung erreicht. Die fünfte Etage ist zur Hälfte gesperrt. Moskaus Oberbürgermeister Luschkow soll dort seine Suite haben.
Schräg gegenüber vom Moskauer Hof, dort, wo früher die Synagoge stand, liegt jetzt der Eingang zum Hotel Bristol. Es ist ein mächtiger, bergan sich fortsetzender Komplex, der oben im klassizistischen Bristol Palace seine Krönung findet. Hier kurte früher Frau Breschnewa, jetzt kommen immerhin noch Herr und Frau Nasarbajew. Die Bristol AG ist beinahe vollständig im Besitz einer Gesellschaft, die als Familienunternehmen des Moskauer Kameramanns Boris Kotscherow gelten darf.
Kotscherow erzählt tschechischen Journalisten, sein märchenhafter Reichtum, der ihm erlaubt habe, allein 20 Millionen Dollar in die Rekonstruktion des Bristol zu stecken, gehe zurück auf die Zeit, da er als Kameramann des großen Regisseurs Sergej Bondartschuk zugange war.
In Wahrheit war Kotscherow bei der Produktionsgesellschaft Mosfilm ein eher kleines Licht; sein eigentlicher Aufstieg in Karlsbad beginnt, nachdem Jurij Luschkow Ende 1997 verkündet, die Stadt Moskau werde sich bei der angeschlagenen Mosfilm engagieren. Wie aber kam das Geld zu Kotscherow in die Filmfestival-Stadt Karlsbad? Der alte Kameramann selbst verweigert jede Auskunft und lässt das über seinen Gehilfen Oldrich Bokis mitteilen, einen ehemaligen Betonkommunisten und Professor für Staatsbürgerkunde aus Karlsbad.
Die Bristol-Gruppe rastet nicht. Das dieser Tage neu eröffnete Sanatorium Livia soll "quasi sieben Sterne" haben, wie ein Bristol-Aktionär schwärmt, und ausschließlich "reichen Arabern" zugänglich sein. Denen soll es künftig an nichts fehlen, außer an freistehenden Party-Aschenbechern im Salon. Die würden von den Wüstenmagnaten als Urinale missdeutet.
Das Karlsbad von Lebensart ist tot. Wer das Bristol verlässt, steht vor einem Hotel-Ensemble, das "Ulrika" heißt und in dem "Goethe" bezeichnenderweise nur noch ein Annex ist. Er wolle das Andenken des deutschen Dichters und seiner Altersliebe Ulrike hochhalten, sagt dennoch der smarte Manager aus Tatarstan. Knapp 98 Prozent der Anteile am Hotel werden von Regierungsvertretern Tatarstans gehalten.
Zwei Wochen im Hotel kosten etwa einen russischen Jahreslohn. Wer bezahlt für die Gäste? Die Gäste selbst zahlen, sagt der Manager aus dem Ölparadies Russlands, ohne rot zu werden: "Das ist keine Elite. Das sind Leute, die sich für Europa interessieren, für Kultur." In Fallschirmseide gekleidet beim Frühstück sehen sie eher aus wie Herr und Frau Altkader aus Tomsk auf Belohnungsurlaub. Sogar die Präsidentensuite des Republikfürsten kann zu 750 Dollar pro Nacht gemietet werden, angrenzende Gemächer für "Haremsdamen" inklusive.
Wie konnte der Name des Hofrats Goethe in die Hände der Tataren fallen? "Das ist Globalisierung", sagt Karlsbads Bürgermeister Josef Pavel und würdigt seinen Geistesblitz mit einem zufriedenen Grinsen. Pavel hat ansonsten wenig zu lachen. Fast alle dreschen auf ihn ein.
Die Tschechen werfen ihm vor, er verkaufe die Stadt an die Russen - obwohl er auf die meist privaten Grundstücksverkäufe keinen Einfluss hat. Die Russen werfen ihm vor, dass sie von Mai an ein Visum für Tschechien brauchen, was aber eine Entscheidung der Prager Regierung ist. Und die Journalisten werfen ihm vor, das Phänomen Mafia zu verniedlichen. "Ich glaube nicht, dass Jurij Luschkow persönlich Drogen verkauft", sagt Pavel hilflos.
Zwei Herzen schlagen in der Karlsbader Bürgermeister-Brust. Pavel gehört der radikal marktliberalen Partei ODS an und ist also qua Parteibuch für Privatisierung und Aufschwung. Nicht zuletzt, heißt es, weil sein Bruder ein Hotel in Karlsbad besitzt.
Pavel versteht aber auch Sorgen über den Ausverkauf, denn vor der Wende war er in der Kommunistischen Partei und Direktor des staatlichen Grandhotels Pupp. Sein Vater war Direktor des Bonzen-Hotels Imperial und hat die Linde zu Ehren des Kosmonauten Jurij Gagarin gepflanzt.
Soll ausgerechnet er, Pavel, die Russen vertreiben? Deren Geschichte in Karlsbad ist lang. Peter der Große war hier. Der Zar kam mit Familie und Hofstaat zur Kur. Dem greisen und halbblinden Weltkrieg-II-Helden Marschall Konjew haben die Karlsbader Fisch an den Angelhaken gehängt, damit er sich auch im hohen Alter hier noch mächtig fühle.
Vor dem Einmarsch der Sowjetarmee 1968 war Kossygin in Karlsbad, angeblich, um die Stimmung zu prüfen. Später kamen Breschnew und seine Gattin zur Kur, gern, häufig und getrennt. Ab 1970 war die Partnerschaft mit dem Gebiet Swerdlowsk Anlass von Verbrüderungen, in deren Mittelpunkt Zeitzeugen zufolge "senfglasweise Wodka" und die kodierte russische Bitte um "neue Lesebücher" stand - frische Mädchen. KP-Gebietschef von Swerdlowsk war von 1976 bis 1985 Boris Jelzin.
Die Frage nach dem Verhältnis zu den Russen ist der Rückspiegel tschechischer Geschichte und Identität. Die Russen waren Befreier, aber auch Besatzer, Genossen und Zuchtmeister. Während der Karlsbader Arbeiter in der Porzellanfabrik derzeit um die 400 Mark verdient, zeigen die reichen Russen, dass das Leben neben Designerkleidung und Goldschmuck noch mehr zu bieten hat.
"Alles da, wie bei Pupp" - das geflügelte tschechische Wort der Vorkriegszeit lässt sich nun auf das Angebot für die Gäste von dies- und jenseits des Ural anwenden. Eine eigene kleine Service-Industrie hält die Besucher aus dem Osten bei Laune: Abholung ab Rollfeld mit Imbiss im VIP-Raum und Transfer im gepanzerten Lincoln ab Prag ist im Angebot und ebenso ein Hirschabschuss für 1000 US-Dollar.
Die Russen haben begonnen, Berghütten im Riesengebirge für Kurztrips aufzukaufen. Aus Gablonz (Jablonec) und Umgebung wird gemeldet, dass große Familiengrabmäler vertriebener Sudetendeutscher von Russen übernommen würden. Gescheitert hingegen sind Kaufangebote für den Karlsbader Flughafen, auf dem ohnehin nur Linienflüge von und nach Moskau verkehren, und für den lokalen Fernsehsender, den russische Geschäftsleute gern für eine gefälligere Berichterstattung über sich selbst genutzt hätten.
Ihr Unwohlsein über die finanz- und wortgewaltigen Gäste verbergen die Karlsbader so gut es geht. Aber sie registrieren, dass die Anführer der russischen, ukrainischen und tschetschenischen Mafia ungestört in der Pilsnerstube des "Kolonnada" einen Waffenstillstand besiegeln könnten, ohne dass jemand eingriffe.
Sie beklagen, dass Lebensmittelgeschäfte zu Gunsten russischer Souvenirläden verschwinden und dass Fluggäste aus Moskau auf dem Karlsbader Flughafen brüllen: "Warum habt ihr keine Gepäckträger mehr? Nur weil ihr jetzt in der Nato seid?"
Auf der Kolonnade, mittags um halb eins, fährt ein gut gekleideter Tourist die Bedienung an: "Bring ordentliches Bier, du Nutte - Pilsner Bier." Die Bedienung hat Glück. Sie versteht kein Russisch und bringt Prager Bier.
Die Kolonialherren von einst verdienen sich ihren Schmähnamen "rusaci" täglich neu. Wenn bei Herrn Stepanow ein mittelasiatischer Präsidentensohn mit Gespielin und Freunden zu sechsstündigen Gelagen einläuft, wissen die Kellner, was zu tun ist. Etwa 16 Flaschen Wodka für sechs Männer werden benötigt, dazu, quasi um den Geschmack wegzugurgeln, französische Jahrgangsweine. Bezahlt wird am Ende cash aus der Hosentasche.
"Früher kamen sie mit Strohhut, Tennisschuhen und am Sportanzug den Orden ,Held der sozialistischen Arbeit'; heute reicht's schon für Adidas zur Pelzmütze und drumrum eine Wolke französischen Parfums", schimpft der alteingesessene Karlsbader Jaroslav Fikar. Den geballten Aufmarsch von Staatsmännern, Geheimdienstlern, Geldhäschern und Turnschuh-Touristen erklärt er sich so: "Bis 1989 haben sie uns verpestet mit ihrer Ideologie. Jetzt versuchen sie, aus Karlsbad ein russisches Gouvernement zu machen." WALTER MAYR
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 17/2000
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