24.04.2000

BOTANIKVirenalarm im Alten Land

Rätselhafte Pflanzenviren gefährden den Süßkirschenbestand in Deutschlands größtem Obstanbaugebiet. Fieberhaft wird nach dem Überträger der Erreger gefahndet. Bislang hilft gegen die Seuche nur das Abhacken befallener Bäume - gegen den Protest der Tourismusindustrie.
Alljährlich zur Kirschblüte brummt das Geschäft im Alten Land. Pkw- und Reisebus-Karawanen pöttern im Schneckentempo durch die engen Dorfstraßen. In Ausflugslokalen stärken sich Frührentner aus Bottrop oder Bielefeld in Blousons und festem Schuhwerk mit Kaffee und Streuselkuchen für die Deichwanderung unter blühenden Bäumen.
Doch in diesem Jahr klaffen unschöne Löcher im weißwolkigen Postkartenidyll südwestlich der Hansestadt Hamburg. Ausgerechnet dort, wo die meisten Pocketkameras klicken, auf dem Lühedeich mit seinen herausgeputzten Backsteinhäuschen, beseitigt die Straßenmeisterei derzeit unter Hochdruck hässliche Stümpfe - Überreste von Opfern des unheilbaren, rasant um sich greifenden "Little Cherry"-Virus.
Der Erreger dezimiert die Süßkirschenbestände im Alten Land, Deutschlands größtem Obstanbaugebiet. "Little Cherry" befällt Uraltsorten wie Schneiders Späte Knorpel und Stechmanns Bunte. Aber auch Valeska, Alma, Viola, Karina und Regina geht er an den Kragen. Die großfrüchtigen Altländer Neuzüchtungen mit den klangvoll auf "a" auslautenden Mädchennamen stehen in ihrer Blüte noch makellos weiß da. Doch etwa zehn Tage vor der Ernte werden die Symptome sichtbar: Die Kirschen mickern vor sich hin, bleiben in Reife und Wuchs zurück. Statt prallsüßer, dunkelroter Früchte baumeln ungenießbare Knubbel am Ast - klein, sonderbar dreieckig und bitter schmeckend.
"Absolut unverkäuflich", urteilt Karl-Heinz Tiemann, Leiter des Obstbauversuchsrings des Alten Landes, "die müssen weg, mit Stumpf und Stiel." Denn sieche Bäume, deren Laub sich im August auffällig früh rötet, streuen das Virus schnell auf gesunde Artgenossen. In einem Jahr sind drei Bäume von der krankhaften Obst-Verzwergung betroffen, im nächsten Jahr vielleicht schon zehn. "Wenn wir das so laufen lassen", sagt Tiemann, "werden wir den gesamten Bestand verlieren."
Ein harter Schlag - immerhin verteidigen die resoluten Altländer Landwirte ihre reifen Kirschen schon mit Kanonenschlägen gegen Luftangriffe gieriger Stare. Wenn die Bauern böllern, wähnen sich Ortsfremde zuweilen inmitten eines Kriegsgebietes. Gegen die Invasion mikroskopisch kleiner Feinde jedoch helfen weder Geschützdonner noch die riesigen Vogelnetze, die im Sommer über den Bäumen hängen.
Steinobstberaterin Ines Raacke fahndet deshalb im Auftrag des Obstbauversuchsrings überall im Alten Land nach den gefährlichen Virenträgern. Wo immer sie im Sommer vorzeitig gerötetes Laub oder im Sommer die charakteristischen Schrumpfkirschen entdeckt, malt sie einen ochsenblutroten Strich an die Rinde. Für die gezeichneten Bäume gibt es dann keine Rettung mehr: "Es hilft nur Abholzen und Verbrennen."
Eigentlich bringt das Schrumpfkirschenvirus schon Verdruss genug über das Alte Land, aber seit die Gemeinden zum Schutz der Plantagen schöne alte, aber leider kranke Deichbäume abhacken lassen, sät "Little Cherry" auch noch Zwietracht zwischen den Obstbauern und der Tourismusbehörde.
Aus deren Sicht sägen die Bauern kräftig am zweiten Standbein der Gegend: ein kahler Deich, löchrige Alleen - Romantik im Eimer. Unter Anteilnahme der Lokalpresse wird erbittert um jeden fotogenen Baum gerungen, der fallen soll.
"Die sehen nur die Blüten", ärgert sich Bauer Peter Schulenburg, "aber wir müssen von den Kirschen leben." Zwar stehen im Alten Land nur auf jedem 20sten Hektar Süßkirschen. Doch pfündchenweise am Straßenrand zu stolzen Preisen an Ausflügler verkauft, bringen die Früchte dem Bauern ein schönes Zubrot.
"Es gibt noch genug Kirschbäume, die sich die Touristen angucken können", findet Johann von der Beck, der schon 250 Bäume an das Virus verloren hat - 68 Prozent seines Bestandes. "Wenn wir jetzt nicht jeden kranken Baum raushauen", sagt Bauer Beck und schaut über seinen halb leer geräumten Kirschenacker, "wird mein Sohn gar keine Kirschen mehr anbauen."
Die Bedrohung des Bestandes sei "absolut gegeben", bestätigt Wilhelm Jelkmann von der Biologischen Bundesanstalt in Dossenheim bei Heidelberg. Im Auftrag der Altländer erforscht er das Schrumpfkirschenvirus. Immerhin habe sich das kanadische Kootenay-Tal, wo "Little Cherry" in den dreißiger Jahren erstmals sein Unwesen trieb, von der Attacke des Erregers nie wieder erholt. "Bis heute ist dort der Süßkirschenbau schwer angeschlagen."
Viren, beim Menschen verantwortlich für unheilbare Plagen wie Herpes und Aids, machen Pflanzen relativ selten krank. Nur in Ausnahmefällen geht die Pflanze daran zugrunde. In der Landwirtschaft können Erreger wie das Kartoffelblattroll- oder der Gurkenmosaikvirus aber merkliche Schäden anrichten. "Little Cherry" jedoch ist bislang der einzige bekannte Erreger, der zur ruinösen Kleinfrüchtigkeit führt. Einziges Gegenmittel: das Ausmerzen der Seuchenherde.
Jelkmann arbeitet deshalb fieberhaft an einem Erbgut-Schnelltest, mit dem sich an einem Stückchen Rinde das Virus einwandfrei nachweisen lässt. Fest steht, dass es sich um "mindestens zwei" Kleinfrüchtigkeits-Viren aus der Clostero-Familie handelt, "mit rund 16 000 Bauteilen eines der genomisch längsten Pflanzenviren, die wir kennen".
Gemeldet wurde das Super-Virus auch aus Frankreich, Holland, Italien, Ost- und Süddeutschland. "Wo immer wir nachgucken, finden wir was", sagt Günter Adam vom Hamburger Institut für Angewandte Botanik. "Aber nur im Alten Land haben wir bisher diese brisante Entwicklung des Krankheitsbildes."
Warum dies so ist, vermag kein Obstkrankheitenforscher zu sagen. Experte Adam vermutet versteckte Virusquellen im Alten Land. "Da hat jemand aus dem Urlaub von irgendwo her ein hübsches Kirschenreis mitgebracht und sorglos eingepfropft. Und das streut jetzt aus dem Vorgarten ,Little Cherry' durch die Gegend."
Die Suche nach dem Überträger verlief bisher erfolglos. In Kanada wurde die Ahornschmierlaus als Virentransporter identifiziert. In Europa kommen Blattläuse oder Zikaden in Frage, die mit ihren stechendsaugenden Mundwerkzeugen das Virus in das Pflanzengewebe einschmuggeln. "Wir müssen Zikaden quetschen und gucken, was drin ist", beschreibt Raacke den nächsten Schritt der Forschung.
Nahe beieinander liegende Obstäcker, dazwischen Hausgärten, kleine Höfe und Gemeindeanger - in dieser undurchsichtigen Gemengelage ist die Virusquelle kaum zu isolieren. Gerade die beliebten Zierkirschen in den Vorgärten sind nach Raackes Angaben "fast zu 100 Prozent verseucht". Per Insektenpost kann das Super-Virus in Windeseile von dort auf die Süßkirschen übergreifen. "Wir müssen unsere Augen offen halten", sagt Bauer Beck. Wenn die Kirschen in Nachbars Garten zu mickern beginnen, ist "Alarmstufe rot" angesagt.
Im Juni, wenn im Alten Land die Kirschkanonen donnern, wird Kirschenfachfrau Raacke wieder losziehen, um die gefürchteten Striche an kranke Bäume zu malen. Dann wird sie sich erstmals "ganz langsam an die Hausgärten rantasten". Gartenfreunden beizubringen, dass ihr "lieb gewonnener Baumsolitär, der vielleicht erst an einem Ast kränkelt", den ganzen nahe gelegenen Kirschenanbau durchseuchen könnte - "das wird schwer", seufzt Raacke. "Da kann ich nicht einfach hingehen und die Zierkirsche rausrupfen."
Auf erfindungsreiche Formen des Widerstands ist die Steinobstberaterin vorbereitet: In rettender Absicht kratzten schon einige Male Unbekannte auf dem Deich mit Drahtbürsten Raackes rote Sprühstriche von der Rinde ihres Lieblingsbaums und markierten stattdessen einen unschuldigen Artgenossen.
"Damit kommen die natürlich nicht durch", sagt Raacke, "aber damit sich keiner falsche Hoffnungen macht, geh ich nächstes Mal gleich mit dem Beil dabei." BEATE LAKOTTA
Von Beate Lakotta

DER SPIEGEL 17/2000
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