24.04.2000

MEDIZINHandschuh in der Nase

Tausende von Allergikern stürmen die Apotheken: Wie wirksam ist eine neuartige Pollenschutzcreme gegen Heuschnupfen?
Heuschnupfengeplagte atmeten frei durch. Milben-, Tierhaar- und Hausstaub-Allergiker nahmen ein Nachlassen ihrer Beschwerden wahr. Und selbst Menschen mit Nahrungsmittelallergien konnten Obst und Gemüse wieder schnippeln, ohne dass die feinen Sprühnebel auf ihren Schleimhäuten schmerzhafte Reaktionen hervorriefen.
Anfang März hatte die Homburger Arzneimittelfirma Medipharma das neuartige Antiallergiemittel "Simaroline" auf den Markt gebracht. 120 000 Packungen des Medizinprodukts setzte der Hersteller innerhalb weniger Wochen ab. Bereits Anfang April musste das Unternehmen den vorübergehenden Lieferstopp verkünden: Sämtliche Vorräte an Rohstoffen, Tuben und Faltschachteln waren erschöpft.
"Wir hatten mit einer solchen Nachfrage nicht gerechnet", erklärt ein Firmensprecher. Viele Anrufer in der Firmenzentrale seien "in Panik gewesen, dass sie das Mittel nicht mehr kriegen".
Mit einem Schwarm von nebenwirkungsreichen Antihistaminika haben Allergieopfer bislang ihre alljährlichen Leiden gemildert. Die Mittel wirken nur gegen die Symptome, gegen die Ursachen richten sie nichts aus. Immuntherapien verschaffen zwar 70 bis 90 Prozent der Patienten dauerhafte Abhilfe, doch die Behandlung zieht sich bis zu drei Jahre hin - viele Kranke brechen den Desensibilisierungs-Marathon, der fortlaufend Arztbesuche und Spritzenkanonaden erfordert, vor der Zeit entnervt ab.
Verglichen damit verspricht der Senkrechtstarter aus Homburg geradezu blitzschnelle Remedur. "Simaroline" ist eine vaselineähnliche, farblose Creme. Mit den Fingern oder einem Wattestäbchen im unteren Bereich der Naseninnenwände aufgetragen, bildet sie einen dünnen Schutzfilm, der sich wie ein Handschuh von innen auf die Schleimhäute legt - Allergene haben keine Chance mehr, an den Körperzellen anzudocken, Pollen und Hausstaub bleiben in der fettigen Falle hängen.
Ein zwei bis drei Zentimeter langer Salbenstreifen reicht, um die Schleimhäute für etwa fünf Stunden pollensicher zu versiegeln. Sport- und Gartenfanatiker sollten die Pollenbremse nach Empfehlung der Firma eher öfter nachlegen. Mit dem Inhalt einer Tube "Simaroline" haben Pollenopfer laut Hersteller für etwa einen Monat ausgesorgt.
Den Blitzerfolg wollen auch die Mediziner vorerst nicht madig machen. Bei ersten Kurztests mit dem Pollenblocker aus der Tube zeigten sich Ärzte "über die Maßen erstaunt" über die rasche Wirkung des Gels. Die Schutzschicht sorge dafür, "dass überempfindliche Nasen bei Pollenflug nicht in wässrigem Sekret absaufen", berichtete das Fachblatt "Ärztliche Praxis" Mitte März begeistert.
Andere Mitglieder der Zunft beurteilen den Erfolg lieber vorsichtig-zurückhaltend. "Das Denkmodell ist sehr ansprechend", erklärt der Hamburger Hals-Nasen-Ohrenarzt Thomas Grundmann von der Uni-Klinik in Eppendorf. "An die einfachsten Dinge denkt man eben oft erst zuletzt."
Dennoch bleiben auch bei der Nasensalbe noch viele Fragen offen. "Tausende von Patienten", behauptete ein aus Ärzten zusammengesetzter "Arbeitskreis Immunologie" (AI) kurz vor der Markteinführung des Homburger Präparats, hätten damit "innerhalb kürzester Zeit ihre Allergie überwunden". Offensichtlich ein Märchen, wie jetzt auch der Koordinator des Ärztezirkels, der Immunologe Holger Kiesewetter von der Berliner Charité, einräumt.
Denn die Wirksamkeit des Schleimhautpanzers wurde bisher nur durch einen einzigen klinischen Test bestätigt. Und der nimmt sich eher dürftig aus: Er ist schon sieben Jahre alt, nur 23 Allergieopfer haben an ihm teilgenommen. Bei "fast allen" dieser freiwilligen Probanden hatten sich dabei die Symptome gebessert.
Immerhin soll ein verlässlicher klinischer Probelauf mit 50 bis 100 Patienten demnächst an der Berliner Charité beginnen. Ein Ergebnis der von der Homburger Medipharma in Auftrag gegebenen und finanzierten Studie erwarten die Betreiber noch in dieser Pollensaison.
Zweifelhaft ist, ob die Versiegelung der unteren Nasenschleimhäute wirklich genügt, um das Gros der durch den Riechkamin driftenden Invasoren lahm zu legen. Zwar dringen die meisten Pollen mit der Atemluft durch die Nase in den Körper ein, doch ein Teil von ihnen könnte auch bis zu den mit Wattestäbchen oder Fingern nicht mehr zu erreichenden Schleimhäuten im oberen Nasenraum gelangen. Grundmann: "Wir wissen nicht, wie viel durchflutscht."
Im schlimmsten Fall, so der Mediziner, könnte die Fettfalle bewirken, dass nur leicht an ihr anhaftende Allergene in die tieferen Atemwege wirbeln und damit für den gefürchteten "Etagenwechsel" des Leidens sorgen: Statt mit Heuschnupfen hätten die Anwender dann womöglich mit dem weit schlimmeren allergischen Asthma zu rechnen, an dem in der Bundesrepublik immerhin jedes Jahr rund 7000 Menschen sterben.
Sicher scheint in den Augen von Experten, dass die aus Rückständen der Erdöl-Destillation, dem so genannten "Paraffingatsch", gewonnene Creme weder das Riechvermögen beeinträchtigt noch den Stoffwechsel belastet. Das Riechzentrum sitzt im oberen Nasengang, unerreichbar für die laut Beipackzettel "hochgereinigten Paraffine in Arzneibuchqualität", die in der Pollensperre stecken.
Andererseits sorgen nach Angaben der Firma langkettige Kohlenwasserstoff-Moleküle dafür, dass das Gel nicht in die Nasenschleimhaut einzieht. Auch seine Ortsfestigkeit verdankt der Fettkorridor angeblich dieser speziellen chemischen Struktur: Er wird nicht weich oder flüssig wie gewöhnliche Vaselinen, in denen nur kurzkettige Kohlenwasserstoff-Moleküle enthalten sind.
Teile des Schutzschilds könnten sich deshalb auch nicht in den Atemtrakt absetzen und in der Lunge zu chronischentzündlichen Reaktionen, den mitunter tödlichen "Lipid-Pneumonien", führen, wie sie in der Vergangenheit nach dem Gebrauch von paraffinölhaltigen Nasentropfen oder Stimmbandölen gelegentlich auftraten.
Rechtzeitig zu Ostern soll der Hoffnungsträger unter den Antiallergie-Waffen wieder überall griffbereit in den Regalen liegen. Um die seit Beginn der Lieferpause eingegangenen Aufträge abzuarbeiten, musste die Firma Zusatzschichten fahren. Die Vertreiber sehen der Zukunft optimistisch entgegen: "Unsere Träume gehen auf eine halbe Million verkaufter Tuben."
Freuen kann sich auch der Erfinder der Nasencreme, der Düsseldorfer Kaufmann Siegfried Rochler. Schon 1991 hatte er seinen Pollenblocker für kurze Zeit auf den Markt gebracht. Doch weil das Berliner Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte für seine Salbe keine Zulassung als Arzneimittel erteilte, wurde das Präparat von der Düsseldorfer Überwachungsbehörde unter Polizeischutz eingezogen und vernichtet.
Den zweiten Anlauf konnte Rochler, zusammen mit Medipharma, erst starten, weil er "Simaroline" mittlerweile als Medizinprodukt einstufen ließ, für das weniger strenge Zulassungsregeln gelten. Daraufhin musste er nur noch die Unbedenklichkeit seiner Pollenfalle, nicht aber ihre Wirksamkeit nachweisen.
Das Warten hat sich gelohnt. In den zum Absatzrenner gemauserten Tuben steckt noch immer die alte Creme, wie der Erfinder versichert. Geändert haben sich nur Packungsgröße und Name. Und der Preis: Statt 19,80 Mark für zehn Gramm müssen Triefnasen für die recycelte Pollenbremse jetzt 19,95 Mark zahlen - für fünf Gramm. GÜNTHER STOCKINGER
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 17/2000
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