24.04.2000

ÄRZTE„Alle haben Angst“

Deutschlands Herzchirurgen sind in der Klemme: Aus Furcht vor dem Korruptionsvorwurf trauen sie sich nur noch selten, Industriespenden für die klinische Arbeit anzunehmen.
Früher war alles einfach. "Wir hatten ein limitiertes Budget und konnten uns vieles nicht kaufen", erklärt Hans Georg Borst, lange Jahre Herzchirurgie-Chef an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Doch da gab es die Medizingeräte-Hersteller, und die waren mit Spenden jederzeit gern zur Hand.
Die Firmen stellten den Klinikern Kunstherzen, Beatmungs- und Ultraschallgeräte kostenlos zur Verfügung. Aus "Drittmitteln" - Spenden der Industrie - finanzierten die Ärzte Computer und EKG-Geräte auf ihren Stationen. Das technische Personal zur Bedienung der komplizierten Geräte holten sich die Mediziner mitunter direkt von den Herstellern.
Zur Versorgung der Patienten wurden ebenfalls Sponsorengelder verwendet. An einer großen Hamburger Klinik beispielsweise konnten "frische Herzinfarkte" auch nachts im Eiltempo ins Herzkatheter-Labor geschoben werden, weil die dort tätigen Schwestern vom Drittmittel-Konto des Chefs bezahlt wurden. Viel Spendengeld floss auch in Forschungsprojekte, bei denen sich Jungmediziner ihre ersten wissenschaftlichen Sporen verdienen konnten.
Vom gespendeten Geld der Industrie flogen die Ärzte aber auch um die halbe Welt - zu Kongressen in Honolulu und an die Copacabana, im bescheidenen Fall nur in den verschneiten Schweizer Kurort Davos, von dem die Mediziner sagten: Da wo's nix kost'. Die häufige Abwesenheit der Chefärzte, besonders vor und nach Feiertagen, vertrug sich kaum mit der verantwortungsvollen Leitung einer Klinik.
Mancher ärztliche Entscheidungsträger gönnte sich - als läge ihm die Bestellungsliste eines luxuriösen Versandhauses vor - Leder-Accessoires, Kunstwerke und Mobiliar und nahm klaglos Bargeld.
Zum Skandal eskalierte dieses Verhalten, als sich 1994 herausstellte, dass Herzklappen zu exorbitant überhöhten Preisen, meist unter Ausschaltung jeden Wettbewerbs, an die Kliniken verkauft worden waren - ein Deal mit vielen hundert Profiteuren.
Seither ist die unübersichtliche Spendenpraxis zwischen Industrie und Kliniken nachhaltig gestört. Mit dem Bekanntwerden des Herzklappen-Skandals ist auf allen Seiten Verunsicherung an die Stelle von mangelndem Unrechtsbewusstsein getreten. Die Folge: Die seit langem eingespielte Zusammenarbeit von Klinikern und Firmen liegt auch auf nützlichen Gebieten, zum Beispiel bei der Entwicklung neuer Medizintechniken, weitgehend brach.
An der herzchirurgischen Abteilung der Uni-Klinik Heidelberg beispielsweise werden seit zwei Jahren keine klinischen Studien mehr durchgeführt, weil weder Firmen noch Uni-Mediziner wissen, wie sie sich bei der Finanzierung durch Firmengelder verhalten sollen. "Die Kooperationsbasis ist gestört", konstatiert Siegfried Hagl, oberster Herzchirurg an der Heidelberger Uni-Klinik.
Wo früher fröhliches Geben und Nehmen herrschte, haben sich Vorsicht und Vermeidungsverhalten in die Entscheidungen von Medizinern und Firmen geschlichen. Die Fördermittel der Industrie für klinische Studien fließen nur noch spärlich. Klinikverwaltungen, Gerätehersteller und Mediziner, "alle haben Angst", berichtet Hans-Jürgen Biersack, Nuklearmediziner an der Uniklinik Bonn.
Schuld an der allgemeinen Ratlosigkeit ist ein verschärftes Anti-Korruptionsgesetz, mit dem Politiker und Strafverfolger auf den Herzklappen-Skandal reagiert haben. Klingelten Staatsanwälte und Kripo-Beamte zunächst nur bei Medizinern an der Tür, die im Verdacht standen, sich an Forschungszuschüssen der Firmen persönlich bereichert zu haben, so gerieten bald auch Klinikbedienstete in die juristischen Mühlen, die mit den Geldspritzen die Apparateausstattung ihrer Abteilungen verbessert oder Forschungsprojekte finanziert hatten.
So wurde beispielsweise gegen den Heidelberger Herzchirurgen Hagl, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie, unter anderem deshalb Anklage erhoben, weil er zwei Lieferfirmen von Herzklappen veranlasst haben soll, seiner Abteilung elektronische Geräte im Wert von einer halben Million Mark zur Verfügung zu stellen. Die verbesserte Ausstattung seiner Abteilung, so argumentieren die ermittelnden Staatsanwälte, sei als "immaterielle Vorteilsannahme" zu werten, weil Hagl durch sie sein wissenschaftliches Ansehen gefördert und "seine Forschungen optimiert" habe.
Angesichts solcher Vorwürfe flüchten sich viele Mitglieder der Herzmediziner-Zunft in Verbitterung und Sarkasmus: "Der Klappen-Skandal war den Ermittlern offenbar nicht ergiebig genug", höhnt der Hamburger Kardiologe Karl-Heinz Kuck. "Jetzt suchen sie nach Möglichkeiten, wie sie uns auf Umwegen am Zeug flicken können."
Irgendein Unrechtsbewusstsein haben bisher weder die Täter noch jene Ärzte erkennen lassen, die sich fahrlässig in die Grauzone von Korruption und Vorteilsannahme begeben haben. Weil fast alle Beteiligten sich teure Rechtsanwälte engagierten, die voll auf die Bremsen treten, schleppen sich die Ermittlungsverfahren langsam dahin: Rechtskräftige Urteile gegen Herzmediziner gibt es laut einer Erhebung der Ersatzkrankenkassen aus dem letzten Jahr nur drei.
Die neue Rechtslage macht es nicht einfacher. Umstritten ist vor allem die erweiterte Formulierung des Anti-Korruptionsparagrafen. Die Neufassung des Paragrafen 331 StGB, kritisierte Steffen Walter, Regierungsrat im baden-württembergischen Wissenschaftsministerium, in der "Zeitschrift für Rechtspolitik", schieße "über ihr rechtspolitisches Ziel der Bekämpfung von Korruption hinaus", indem sie "ein Ziel der Forschungspolitik verfehlt": die Einwerbung von Drittmitteln für die klinische Forschung.
Auch die Gießener Strafrechtlerin Gabriele Wolfslast rügt, die Ermittler hätten "in vielen Fällen auf Biegen und Brechen einen Vorteil konstruiert". Den Grund für die Unnachgiebigkeit vieler Strafverfolger sieht die Expertin in "Erwartungsdruck" und mangelndem Durchblick: "Viele Staatsanwälte", urteilt sie, "haben keine Ahnung, wie die Forschungsförderung in Deutschland läuft."
Solange das System nicht grundlegend geändert wird, ist die in Deutschland seit langem darbende klinische Forschung auf Drittmittel von der Industrie angewiesen. Die Ressourcen von Bund und Ländern reichen nicht aus, um teure, oft Jahre dauernde patientenorientierte Studien auf den Weg zu bringen. Politiker, Forschungsministerien und Klinikverwaltungen fordern die Mediziner deshalb seit Jahren auf, sich das Geld bei den Firmen zu besorgen.
Auch in den Kommissionen, die über die Berufung von Lehrstuhlinhabern entscheiden, spielt das Akquisitionstalent der Bewerber häufig eine ausschlaggebende Rolle: Den Zuschlag für das ehrenvolle Amt erhält - bei gleicher wissenschaftlicher Qualifikation - in der Regel derjenige Kandidat, der die meisten öffentlichen und privaten Drittmittel für die Forschung eingeworben hat. "Geld", erzählt der Hamburger Herzchirurg Jörg Ostermeyer, "ist fast immer das entscheidende Kriterium."
Klinikchefs, die über den Einsatz von Industriespenden zu befinden haben, lassen sich inzwischen die geplanten Vorhaben in der Regel von ihren Krankenhausträgern absegnen, was ihnen früher nie in den Sinn gekommen wäre.
Doch häufig lassen Verwaltungen und Direktorien die Kliniker rechtlich in der Luft hängen. Sie genehmigen den Einsatz von Spendengeldern - aber unter dem Vorbehalt, das strafrechtliche Risiko trage der Professor selber. "Wir haben im Augenblick keine verbindlichen Regeln", klagt Herzchirurg Hagl. Sobald von einer Firma Geld auf das Uni-Konto fließe, "weiß im Moment kein Mensch, wie das ausgeht. Die Richter können hinterher immer sagen, der eingehaltene Rahmen reicht uns nicht."
Weil die Lage juristisch so verzwickt ist, droht in der klinischen Forschung Stagnation um sich zu greifen. Der bürokratische Aufwand wächst. Klinische Studien, bei denen neuartige Techniken und Materialien an Patienten getestet werden, finden immer seltener in Deutschland statt. Von den letzten drei Herzklappen-Modellen etwa, die in den vergangenen Jahren in Deutschland auf den Markt gekommen sind, wurde eines in Großbritannien, eines in Frankreich und das dritte in Australien klinisch erprobt.
Annähernd 90 Prozent der Materialien und Techniken, die in der Herzchirurgie verwendet werden, stammen mittlerweile aus dem Ausland. Die Erfahrungsbasis von Klinikern und Firmen wird dadurch immer dünner: "Wir entwickeln das Know-how nicht mehr", klagt Axel Haverich, Herzchirurgie-Leiter der MHH, "wenn wir Herzklappen, Prothesen und Schläuche nur noch von der Stange kaufen."
Auch den einstigen Spendern ist das frostige Forschungsklima in Deutschland an die Nieren gegangen. Noch einen Korruptionsskandal wollen sie nicht riskieren. Immer mehr Pharmahersteller lassen ihre neusten Wirkstoffe und Materialien deshalb in amerikanischen oder osteuropäischen Kliniken testen. Der Pharmamulti Bayer etwa hat seine Ausgaben für klinische Arzneimitteltests in Deutschland auf die Hälfte reduziert, in den USA wurden sie um ein Drittel hochgefahren. 70 Prozent aller patientennahen Untersuchungen zur Erprobung von neuen Medikamenten wurden mittlerweile ins Ausland verlagert.
Dass Firmengelder und klinische Forschung immer stärker in andere Länder abdriften, ist nicht nur in den Augen des Göttinger Internisten und langjährigen Direktors an der Uni-Klinik Göttingen, Werner Creutzfeldt, "eines der ernstesten und bedrückendsten Medizinprobleme überhaupt". Der medizinische Fortschritt in Deutschland, so fürchten auch viele seiner Kollegen, könnte sich schon in naher Zukunft aus den deutschen Medizin-Hochburgen verabschieden. Der Schreck des Herzklappen-Skandals ist den prominenten Medizinern offenbar lähmend in die Glieder gefahren.
Dennoch bleiben die Strafverfolger bei ihrer harten Linie. "An Korruption kann man nicht deuteln", sagt Herbert Mühlhausen, leitender Ermittler im Herzklappen-Skandal bei der Staatsanwaltschaft Wuppertal. Die attackierten Ärzte räumen Verfehlungen beim Umgang mit den Firmengeldern in der Vergangenheit ein. "Es hat schwarze Konten gegeben", so Ex-Klinikchef Creutzfeldt, "es ist viel gesündigt worden, einige Leute haben auch Geld in die eigenen Taschen gesteckt."
Der Spendenfluss der Firmen diente, wie im Bonner Flick-Skandal, der "Pflege der Landschaft". Die diversen Hersteller von Medizinprodukten und -geräten wollten sich die potenziellen Einkäufer gewogen halten. Häufig waren die Geldspenden direkt an Einkaufsentscheidungen der Kliniken gekoppelt, "das war illegal, wurde aber praktiziert", bestätigt Herzchirurg Borst. Die Kosten für die oft exorbitant überteuerten Lieferungen trugen am Ende die Patienten, ihre Krankenkassen oder der Staat.
Häufig flossen die Forschungszuwendungen der Industrie an universitätsnahe Fördervereine, in denen faktisch dieselben Leute über die Verteilung der Sponsorengelder entschieden, die hinterher in den Genuss der Finanzspritzen gelangten. Auch Pseudoforschung, bei der die Firmen bezahlten und Mediziner ohne nennenswerte Gegenleistungen Geld für sich oder die Klinik einstrichen, war an der Tagesordnung. Eine selbstkritische Reflexion der korrupten Praxis hat der ärztliche Stand bisher nicht geleistet.
Bis zum Einschreiten der Staatsanwälte wurde der größte Teil der Industriezuwendungen nicht zum überwiegenden Vorteil der Kliniken und ihrer Patienten verwendet. Weit häufiger profitierten die Chefärzte persönlich und nutzten ihre Privilegien unter anderem dazu, ihre etablierte, ausschließlich hierarchische Leitungsstruktur zu stärken.
All das bestärkt die ermittelnden Staatsanwälte in ihrer eindeutigen - in den Augen der Kliniker halsstarrigen - Haltung. "Die Chefärzte", sagt der Wuppertaler Strafverfolger Mühlhausen, könnten jetzt bei der Verwendung der Industriegelder "nur nicht mehr machen, was sie wollen. Sie müssen sich auf einmal rechtfertigen". Das seien die "Herrschaften bisher nicht gewohnt" gewesen.
Die Betroffenen hingegen würden die Sache gern etwas differenzierter betrachtet wissen. "Wer die gesamte Medizin, die mit der Industrie zusammenarbeitet, an den Pranger stellt", warnt Roland Hetzer, Chef des Berliner Herzzentrums, "schüttet das Kind mit dem Bade aus." HANS HALTER, GÜNTHER STOCKINGER
Von Hans Halter und Günther Stockinger

DER SPIEGEL 17/2000
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