24.04.2000

WELTWUNDERSchiere Größe

Der Bürgermeister von Rhodos will den sagenhaften Koloss der Antike neu erbauen. Kritiker fürchten eine Verschandelung der Altstadt.
Ein spreizbeiniger Muskelprotz, das Haupt von Strahlen umkränzt, ein ewiges Feuer emporreckend - so zeigen Abbildungen den Koloss von Rhodos. Wie er wirklich aussah, ist ungewiss: Beschreibungen von Zeitzeugen, die das 292 vor Christus fertig gestellte Weltwunder mit eigenen Augen sahen, sind nicht überliefert. Als antike Dichter später das "riesige Bildnis aus Erz" besangen, war die Statue schon ein gewaltiger Trümmerhaufen: Bereits 66 Jahre nach seiner Vollendung hatte ein Erdbeben den Giganten umgestürzt.
"Das kurzlebigste aller sieben Weltwunder hat die Phantasie der Menschen vielleicht am meisten beschäftigt," sagt Kai Brodersen, Professor für Alte Geschichte an der Universität Mannheim. Die "schiere Größe" des Monuments - den Quellen zufolge maß es über 30 Meter - hat laut Brodersen der Antike dafür genügt, den Koloss in die ehrwürdige Reihe aufzunehmen.
"Was gut liegt, soll man nicht bewegen", sagten, aus Furcht vor geweissagtem Unheil, die Einwohner von Rhodos, als es später darum ging, das Wahrzeichen wieder aufzubauen. So verkauften die geschäftstüchtigen Insulaner 654 nach Christus lieber die metallenen Trümmer: 15 Tonnen Bronze und 9 Tonnen Eisen wurden mit 980 Kamelen abtransportiert.
Doch an die zum Sprichwort gewordene Weisheit der Alten will sich Georgios Jannopoulos, Bürgermeister des neuzeitlichen Rhodos, nicht halten. Jannopoulos möchte den sagenhaften Riesen auferstehen lassen - als "Jahrtausenddenkmal", das Frieden und Völkerverständigung symbolisieren soll. "Wir wollen schon 2004 damit fertig sein", verkündete der Bürgermeister am vergangenen Montag in Athen. Er hofft auf eine neue Attraktion für die Urlaubsinsel vor der Westküste der Türkei. Im Juli will er die Ausschreibung für einen Wettbewerb veröffentlichen.
Was das Vorbild betrifft, so werden die Teilnehmer sich allenfalls an Spekulationen orientieren können: Überspannte der bronzene Koloss tatsächlich die Hafeneinfahrt des Handelszentrums, wie es ein antikes Gedicht nahe legt? Oder stand er steif und statisch auf einem Marmorsockel inmitten der Stadt - was Historiker für wahrscheinlicher halten?
Vermutlich stellte die Statue den Sonnengott Helios dar, den Schutzpatron des alten Rhodos. Doch Jannopoulos will den Künstlern alle Freiheit lassen: Auch eine Art Säule, selbst eine Laserinstallation sei denkbar.
In ihrer Hoffnung auf neuen Ruhm und Massen neugieriger Touristen hatten sich die Nachfahren der antiken Rhodier allerdings schon einmal blamiert: Einer australischen Hellseherin war es 1987 gelungen, mit unterseeischen Visionen eine hektische Suchaktion zu entfesseln. Die Parapsychologin behauptete, der Koloss liege, in drei Teile zerborsten, 700 Meter vor der Hafeneinfahrt auf dem Meeresboden.
Zum Ärger der damaligen Kulturministerin Melina Mercouri schickte der Handelsschifffahrtsminister Froschmänner in die Tiefe. Zu Tage kam, statt der erhofften Koloss-Überreste, ein simpler Gesteinsblock, den Baggerzähne bei Hafenarbeiten zu einer faustähnlichen Gestalt verformt hatten.
Schon hat der jetzige Bürgermeister Ideen für die Finanzierung seiner Wiederbelebungsversuche parat: Das Baumaterial könne nach der Einführung des Euro bei einer Sammelaktion zusammenkommen - wenn nur alle dann ungültigen europäischen Münzen eingeschmolzen würden. Ansonsten sei die Stadt bereit, für ihren Koloss 58 Millionen Mark zu investieren.
Im Athener Kulturministerium stoßen die Einfälle aus Rhodos indessen auf wenig Zuspruch. Evgenia Kalogeratou, als Architektin zuständig für Stadtsanierung und antike Stätten, sieht schwarz für die Baugenehmigung. "Moderner Kitsch", so fürchtet sie, könnte "die Altstadt von Rhodos verschandeln, die als Weltkulturerbe von der Unesco geschützt ist". RENATE NIMTZ-KÖSTER
Von Renate Nimtz-Köster

DER SPIEGEL 17/2000
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