24.04.2000

TIEREFeldzug gegen Meister Lampe

In Australien wird der Osterhase durch den Kaninchennasenbeutler ersetzt. Sogar mit einem Beutel für die Eier kann das sonderbare Tier aufwarten.
Als der Osterhase in Rente gehen wollte, machte er sich auf die Suche nach einem Nachfolger. Zwei Kandidaten stellte er auf die Probe: "Flash Rabbit", das fiese Kaninchen, und den spitznasigen "Bilby". "Flash" verspeiste die Ostereier selber. "Bilby" jedoch verteilte sie pflichtschuldig an alle - und bekam den Job.
Die Botschaft des australischen Kinderbuches "Oster-Bilby" lautet: Nur doofe Kinder glauben noch an den Osterhasen. Der neue Eier-Lieferant kommt aus dem eigenen Land und heißt Bilby, zu deutsch Kaninchennasenbeutler. Den gibt es wirklich - und tatsächlich ist das kuriose Tier derzeit auf dem besten Weg, am anderen Ende der Welt den Osterhasen zu ersetzen.
Das ganze Programm österlicher Herrlichkeit haben die Australier bereits auf das putzige Beuteltier mit dem seidigen, graublauen Fell umgestellt. Schokoladen-Bilbys in allen Größen und Farben säumen die Supermarktregale. Zum Knuddeln gibt es Bilbys aus Plüsch. Schauspieler in Bilby-Kostümen hoppeln durch die Fußgängerzonen und verteilen Eier an große und kleine Osterfans, die den Hasen am liebsten in die Grube wünschen.
"Wir verkaufen gar keine Osterhasen mehr, sondern nur noch Oster-Bilbys", beschreibt Anne Lewis vom Haigh's Chocolate Shop in Melbourne das ganze Ausmaß der Anti-Hasen-Kampagne. "Bei Kindern sind die Bilbys inzwischen sehr beliebt - Osterhasen hingegen sind total out."
Gewitzte Naturschützer waren es, die den Niedergang des Hasen als Eier-Spediteur eingeläutet haben. Der Oster-Bilby ist eine Erfindung der "Anti-Rabbit-Research Foundation of Australia", die den aus Europa eingeschleppten Kaninchen den Kampf angesagt hat. Rund 300 Millionen der Mümmelmänner leben derzeit auf dem fünften Kontinent, verursachen landwirtschaftliche Schäden von etwa 780 Millionen Mark jährlich und bringen die sensible australische Tierwelt in Bedrängnis. Um auf das Problem aufmerksam zu machen, starteten die Tierschützer den Feldzug gegen den Osterhasen.
"Die Leute sollen Ostern mit einem einheimischen Tier feiern und nicht mit einer Art, die in Australien eine Plage ist", begründet Gordon Wyre von der westaustralischen Naturschutzbehörde Calm (Department of Conservation and Land Management) den klugen Marketing-Schachzug. Denn an jedem verkauf-ten Schoko-Bilby verdienen die Naturschutzverbände mit. Rund 24 000 Mark hat allein die Calm im vergangenen Jahr durch die Bilby-Kampagne eingenommen.
Tatsächlich eignet sich das Beuteltier ausgezeichnet als Osterhasen-Ersatz. Mit riesigen Löffeln und dunklen Knopfaugen ausgestattet, gemahnt der Bilby sehr an Meister Lampe. Als bedrohte Tierart hat er zudem das Mitgefühl vieler Menschen: Während sich der Schoko-Bilby rasant vermehrt, geht es dem etwa 50 Zentimeter großen Greater Bilby, dem Kaninchennasenbeutler aus Fleisch und Blut, immer schlechter.
"In nur 50 Jahren ist das Tier aus zwei Dritteln seines ehemaligen Verbreitungsraumes verschwunden", sagt Naturschützer Wyre. Der Lesser Bilby, eine kleinere Bilby-Art, gilt sogar schon seit den dreißiger Jahren als ausgestorben.
Vor allem die aus Europa eingeschleppten Räuber Fuchs und Katze sowie die Landwirtschaft machen dem Insekten fressenden Bewohner der australischen Halbwüsten das Leben zur Hölle. Zudem müssen sich die unterirdisch siedelnden Hasen-Chimären gegen die Übermacht der Kaninchen behaupten, die mit ihnen um die Wette buddeln.
Die europäischen Einwanderer ziehen dabei einen Vorteil aus einer Eigenart, die ihnen wahrscheinlich einst zum Ostereinsatz verhalf: ihrer sagenhaften Fruchtbarkeit.
Auf rund 40 Nachkommen pro Jahr kann es ein einziges Kaninchenweibchen bringen. Vermutlich schon im Altertum wurde der Mümmler daher in die Nähe der Liebesgöttin Aphrodite gerückt. Erst viel später wurde der Hase allerdings mit einem christlichen Fruchtbarkeitssymbol, dem Ei, zum Frühlings-Doppelpack vereint: Ende des 15. Jahrhunderts sind Ostereier erstmals als "Haseneier" geschichtlich verbucht - der Beginn des Osterhasen-Mythos.
Der australische Bilby indes ist als österliches Symbol für Fruchtbarkeit vergleichsweise schlecht geeignet. Pro Jahr setzt er nur ein bis drei Kinder in die Welt. Der wachsenden Popularität des Beuteltiers schadet der schwach ausgeprägte Vermehrungsdrang jedoch offenbar nicht. Schon kann jeder dem Oster-Bilby per Internet Grüße und Wunschlisten zusenden. Die eigens gegründete Fan-Organisation "Australien Bilby Appreciation Society" macht Front gegen hartnäckige Hasen-Freunde.
Die Bilby-Freunde werden nicht müde, die Vorzüge ihres spitznasigen Favoriten zu preisen. So verfüge das Tier von Natur aus mit seinem Beutel über einen praktischen Transportbehälter für die Eier - im Gegensatz zum Hasen, der sich bekanntlich mit einem sperrigen Weidenkorb behelfen müsse.
Nicht bedacht haben die Bilby-Fans allerdings, dass der Ostereinsatz zu Eier-Bruch führen könnte: Damit beim Graben kein Dreck die saugenden Jungtiere zuschüttet, ist der Bilby-Beutel nach unten offen. PHILIP BETHGE
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 17/2000
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